Bambi-Verleihung 2018 Wenn die letzte Fanfare verklungen

Auch die 70. Bambi-Verleihung ist vor allem tüdelige Travestie - und gerät immer dann ins Schwimmen, wenn es ernst werden soll. Zwei große Fernsehmomente warf die Gala trotzdem ab.

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Im Grunde braucht kein Mensch, was sich selbst in aller Bescheidenheit als "Deutschlands bedeutendster Medienpreis" vorstellt. Wobei, was kein Mensch braucht, das bereitet den Menschen oft die größte Freude. Zum 70. Geburtstag des "Bambi" hätte diesmal, rein theoretisch, posthum Marie-Pierre Kœnig geehrt werden können, weil er als Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen 1948 den Preis gestiftet hatte. Der General wollte damals wohl den Deutschen eine Freude machen.

Wirklich Freude machte die Verleihung des "Bambi", seit Ewigkeiten unter der Ägide von Burda, auch im Jubiläumsjahr nicht. Eine Gala eben, mit aufgebretzelter Bagage in Smoking und Abendkleid, roten Teppichen, pathetischen Fanfaren und bunten Lichtern. Ein milder Reiz geht von der Frage aus, ob man die Leute kennt, auf denen da im Publikum gerade wieder die Kamera ruht, wie sie klatschen oder das ohnehin im Fernsehen übertragene mit ihrem Smartphone aufnehmen.

Es ist dies der gleiche milde Reiz, der auch zum Durchblättern von Illustrierten wie "Bunte" oder "Stern" nötigt. Wobei die Gala (!) im Fernsehen gesellschaftliche Bedeutung behaupten und zu diesem Zweck entlegenste Bereiche abdecken muss - von den "berühmten Internet-Zwillingen Lisa und Lena" ("Wir machen uns nicht jeden Tag Gedanken um den Klimawandel, aber manchmal") bis zu Liselotte Pulver, von den Enkelinnen also bis zur Großmutter, von einer Stiftung für Kinder mit Behinderung ("Stille Helden") bis zu Werbung für das neue Album von Mark Forster ("Pop National").

Schnitt auf Christian Lindner, Kompliment an die Regie

An seine Grenzen kommt das Format immer dann, wenn's ernst wird - und das Ernste sich gegen die tüdelige Travestie des Rahmens behaupten muss, in dem es "geehrt" wird. Klimawandel? Schlimm: "Schon am Ende unseres Jahrhunderts könnte Sylt nicht mehr existieren!"

Und der Naturfotograf Sebastian Copeland hört gar nicht mehr auf, Shareholder-Value, die Vernichtung des Hambacher Forstes und die Herstellung von Verbrennungsmotoren in Deutschland zu kritisieren - schöner Schnitt auf Christian Lindner (FDP), Kompliment an die Regie.

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Bambi-Verleihung: Im Glanz der Rehe

Überhaupt und ansonsten ist natürlich alles Hut ab, großartig, interessant, hervorragend, Weltklasse, fantastisch, wow, Chapeau, und manchmal, manchmal glitzert in den Augen der Beteiligten oder Geehrten sogar eine Träne. Take That gibt es noch, sie haben irre viel Spaß, Florian Silbereisen und Lena Gehrke auch, und "plötzlich können wir Deutschen alles", nicht nur Verbrennungsmotoren, sondern auch Serien fürs Fernsehen drehen. Geehrt wird "Babylon Berlin".

Trost- und Ersatzpreisträger

Geehrt wird auch der Fußballprofi Claudio Pizarro, weil er "die begnadetsten Beine" hat. Er kam als Ersatz für Franck Ribéry, der einen Reporter geohrfeigt haben soll und deshalb wieder ausgeladen worden war. So ging's dahin und hätte, wie eine gut geölte Maschine, auch immer weitergehen können. Und doch warf dieser dreistündige Marathon mindestens zwei große Fernsehmomente ab - bezeichnenderweise deshalb, weil die Maschine stockte.

Thomas Gottschalk soll Sophia Loren ehren, aber der kleine Simultandolmetscher in ihrem Kopfhörer funktioniert nicht: "Non capisco niente!" Geringere Talente wären in einer solchen Situation aufgeschmissen, Gottschalk war in seinem Element, es wehte ein Hauch von "Wetten, dass ..?!" durch den Saal.

Ein Einspieler zeigt die Loren mit ihren ehemaligen Filmpartnern, sie fragt: "Hat er dir nicht gefallen, Rock Hudson?" Gottschalk maliziös: "Mir schon. Ich ihm auch". Der Moderator führt die italienische Schauspielerin mit einer spanischen Anweisung von der Bühne ("Wir gehen jetzt. Vamos!"), bevor er zurückgebeten und auf sein in Malibu abgebranntes Haus angesprochen wird. Hätte er sich "ein Haus in Fürstenfeldbruck hingestellt", so Gottschalk, "dann wäre das nicht passiert". Nur um eine "Originalhandschrift von Rainer Maria Rilke, den Panther", tut es ihm leid. Liv Tyler (Gottschalk: "I know your father!") überreicht ihm einen Trost-"Bambi".

Weltklasse, Chapeau, Hut ab und phänomenal ist auch der Auftritt von Schauspieler Edin Hasanovi ("Auf kurze Distanz"), der als Moderator eingesprungen ist und Penélope Cruz ehren soll: "Teleprompter kaputt, die Moderationskarten sind leer", erklärt er und improvisiert seine Laudatio weitgehend ("Liebe Regie, gibt es Neuigkeiten bezüglich des Prompters?"). Nach einem synchronisierten Ausschnitt aus "Vanilla Sky" bescheinigt er Cruz, ihr Deutsch sei "sehr, sehr gut". Verheiratet sei sie leider mit Javier Bardem, "was Sie augenscheinlich nicht davon abhält, mit einem jungen Laudator zu flirten". Zwinker.

Regelrecht rührend sind übrigens, immer wieder und über den ganzen Abend verteilt, die kurzen Lücken im hochglänzenden Kontinuum, wenn die Fanfaren verklungen sind und die Geehrten nach der Ehrung zu ihren Plätzen zurückeilen, mit gerafften Röcken, man hört die Schritte, das allgemeine Rumpeln, wenn die soeben noch stehend Applaudierenden sich wieder setzen.

Bis zu drei Sekunden absichtsloser Stille sind das, in denen rein gar nichts passiert. Vielleicht kein großes Fernsehen, aber eine große Freude.



insgesamt 16 Beiträge
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Alexis_Saint-Craque 17.11.2018
1. Funeralien
Die öffentlichen Funeralien einer abtretenden Welt müssen eben auch abgenommen werden. Man kann ja auch in TV Absenz anteilnehmen und proaktiv gedenken. Diese Form der Totengala hat ja durchaus ihre Fans. Selbst Mumien sind im Plenum reich vertreten.
rolf.niedermann 17.11.2018
2. Herrlich!
Nicht zu vergessen, das dritte Highlight, als die umständliche Laudatio die Romy-Schauspielerin nötigte frühzeitig (ohne auserkoren zu sein) auf die Bühne zu klettern.
andree_nalin 17.11.2018
3. Tapfer hat die Rehkitz-Schicksalsgemeinschaft
dass nicht enden wollende Voyeurismusbedürfnis des deutschen ARD- Zuschauers der Kategorie D wie dusselig bedient. Dennoch frage ich mich, warum der von mir sehr überschätzte Herr Gottschalk nicht die Aufräumarbeiten in Malibu vor Ort unterstützt hat. Dankbar bin ich hingegen darüber, dass dieses süße golden-bronzene Rehlein nicht an den grobschlächtigen Fußballerkörper eines Herrn Ribéry gepresst werden musste. ;)
Todweber 17.11.2018
4.
Zitat von andree_nalindass nicht enden wollende Voyeurismusbedürfnis des deutschen ARD- Zuschauers der Kategorie D wie dusselig bedient. Dennoch frage ich mich, warum der von mir sehr überschätzte Herr Gottschalk nicht die Aufräumarbeiten in Malibu vor Ort unterstützt hat. Dankbar bin ich hingegen darüber, dass dieses süße golden-bronzene Rehlein nicht an den grobschlächtigen Fußballerkörper eines Herrn Ribéry gepresst werden musste. ;)
Was soll er den aufräumen? Haben Sie die Bilder nicht gesehen? Da gibt es nichts aufzuräumen. Aber man hätte wenigstens der vielen Toten und Verletzen gedenken können insbesondere im sinnigerweise Paradies genannten Dorf, das vollständig zerstört wurde. Und es gibt viele, die tatsächlich alles verloren haben, weil sie viel weniger besitzen als die Besitzer der Villen in Malibu. Großartig das die süße Miley Cyrus und Liam Hemsworth gleich 500.000,00 Dollar spendeten, obwohl auch ihr Anwesen abbrannte. Schlimm was diesen Menschen passierte und viele gelten als vermisst. Diese schlimme Brandkatastrophe im Lande des Klimawechselleugners beschäftigte mich während der Bambi-Übertragung.
Schattenriss 17.11.2018
5. Ich sah die ersten 10 Minuten
Wie heißt noch der Iron Man-Gewinner, der angeblich eine ganze Nation inspiriert? Als beim Einspielfilm zu dem Iron Man-Gewinner, der eine ganze Nation inspiriert, der Sprecher in "Doch würde er auch dieses Mal..."-Modus fiel und die Musik dazu sofort billigstmelodramatisch pathetische Fragezeichen aufwarf, dachte ich: das ist wie bei Ed Wood. Oder wie Criswell im Film "Ed Wood": "Can your heart stand the shocking facts of the true story of Edward D. Wood jr.?" Der Iron Man-Gewinner, der eine ganze Nation inspiriert, wird präsentiert wie bei Ed Wood, der lange als schlechtester Regisseur aller Zeiten galt. Über eine solche Art der Präsentation hätte man vor 20 Jahren einfach nur gelacht.
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