Bambi-Verleihung in der ARD: Blut, Schweiß, Gähnen

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Zwischen Fahnenappell, Einbürgerungstest und Wiedervereinigungsfeier: Die 61. Bambi-Verleihung geriet zur einschläfernden, nationalen Selbstbeweihräucherung mit Altkanzler Kohl im Mittelpunkt. Nicht mal Hollywood-Import Kate Winslet konnte die Deutschtümelei überstrahlen.

Bambi-Verleihung: Bussi fürs Rehlein Fotos
REUTERS

An der Viertelstunde, die am Ende überzogen werden musste, war der Verteidigungsminister schuld. Genauer gesagt: Die Frau des Verteidigungsministers. Noch genauer: Die Frau des Ex-Wirtschaftsministers. Stephanie zu Guttenberg war für ihren verhinderten Mann eingesprungen, um dessen schier unendliche Laudatio auf Uli Hoeneß vorzutragen. Und Hoeneß wurde bei der Bambi-Verleihung 2009 ja nicht als Soldat, sondern als Manager geehrt.

Deshalb hatte man für die Lobrede den ehemaligen Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg angehauen. Dabei hätte, was dessen Gattin da nun in Vertretung vorlas, eigentlich auch ganz gut zur Verabschiedung eines Generals gepasst. Pflicht, Anstand, Härte seien die Disziplinen, die ihn auszeichneten. Dazwischen wurden die stolzen Umsatzzahlen präsentiert, die Hoeneß in seinen 30 Jahren als oberster Kaufmann des FC Bayern München erzielt hat. Und dafür erhielt er nun eben den "Bambi Wirtschaft".

Blut, Schweiß, Gähnen: Keine Rede, die von Rednern und Gewinnern nicht dafür genutzt wurde, um an eine größere Mission außerhalb der eigenen kleinen Mission zu erinnern. Das galt auch für die Klitschko-Brüder, die am Donnerstagabend vor Hoeneß bereits den "Bambi Sport" erhalten hatten und in ihrem hierzulande so beliebten ukrainisch-deutschen "Milchschnitte"-Werbungs-Sound alle anderen Migranten aufforderten: "Erst wenn ihr euch integriert, könnt ihr die Vorteile der Demokratie genießen."

Windhauch der Wiedervereinigung

Der Bambi 2009 war wieder mal mehr als eine Preisverleihung - eine Mischung aus Fahnenappell, Einbürgerungstest und Jahresbilanzpressekonferenz des Unternehmens Deutschland. Hatte sich der ausrichtende Burda-Verlag im Krisenjahr 2008 noch ganz bescheiden aus der provinziellen Konzernzentrale in Offenburg präsentiert, so zelebrierte man im Mauerfalljubiläumsjahr 2009 nationale Errungenschaften. Und das auch noch symbolträchtig in Potsdam.

Dass sich eigentlich nur das hiesige Unterhaltungsgewerbe selbst feierte, konnte man leicht übersehen - bei der Wucht und Weihe, mit der hier die ganz großen Themen über die Bühne gerollt wurden. Immerhin hatte jede einzelne der zentralen einheimischen Produktionen, die es dieses Jahr auszuzeichnen galt, einen deutschen Mythos zum Thema: die Stahlindustrie ("Krupp"), den Wiederaufbau ("Die Rebellin") und natürlich immer wieder die Teilung Deutschlands ("Jenseits der Mauer" und "Böseckendorf"). "Krupp" bekam am Ende den Publikumspreis. In der Kategorie "Schauspielerin national" wurde Jessica Schwarz für ihre Rolle in " Romy" und als "Schauspieler national" Edgar Selge für seine Rolle in "Jenseits der Mauer" geehrt.

Bequemerweise konnte man den vor allem durch deutsche Produktionen bekannt gewordenen Österreicher Christoph Waltz für seinen Auftritt in Tarantinos Nazi-Bashing " Inglourious Basterds" in der Kategorie "Schauspieler international" auszeichnen und die Engländerin Kate Winslet als KZ-Aufseherin in der Holocaust-Schmonzette "Der Vorleser" als "Schauspielerin international." Selbst in den internationalen Preiskategorien ging es um spezifisch deutsche Themen.

Und das auf ganzer Linie. Nicht mal die kolumbianische Hüftschwenkerin Shakira blieb vom Windhauch der deutschen Wiedervereinigung verschont: Sie musste ihren Bambi aus den Händen der Hannoveraner Hardrocker Scorpions entgegennehmen, die - wie Moderator Tom Bartels vorher noch mal klargestellt hatte - mit "Wind of Change" ja sozusagen das Lied der Wende geschrieben hätten.

Uschi Obermaier - oder doch Glas?

Zuvor war schon dem "Kanzler der Einheit" ein "Millennium-Bambi" überreicht worden. In einer Aufzeichnung sah man, wie der alte Weggefährte Theo Waigel den gesundheitlich stark angeschlagenen Helmut Kohl im schmucklosen Lesezimmer in Oggersheim beglückwünschte. Dann wurde ein Video-Grußwort vom EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso dazugeschaltet.

Viel Ehre also für den Altkanzler, der zu allem gefällig nickte. Danach trugen "Peter Maffay und die Kinder der Einheit" (heißen wirklich so!) einen arg schmierigen und kostengünstigen Aufguss des Ost-West-Hits "Über sieben Brücken" vor, einen Gruß von der Brücke an den "Architekten der Einheit" sozusagen. Man muss kein Freund Helmut Kohls sein, um zu sagen: Das hat er nun wirklich nicht verdient!

Aber so war es nun mal beim Bambi 2009 in Potsdam: Alles, was dort auf der Bühne geschah, wurde in den Rang nationaler Dringlichkeit gehoben. Und selbst diejenigen, die es aus Deutschland samt seiner Bedeutungssehnsucht herausgeschafft haben, wurden sanft, aber unnachgiebig wieder eingemeindet. Die immer wieder neue Preis-Kategorien ersinnenden Burda-Leute haben zu diesem Zweck nämlich den Ehren-Bambi "Deutsche in Hollywood" eingerichtet, der in einer umständlichen Choreografie kurz vor Schluss gleich an fünf international erfolgreiche Filmemacher verliehen wurde.

Eine Trophäe ging an Roland Emmerich ("2012"), den schwäbischen Master of Desaster, der auch mal irgendwas Nettes zu den Menschen daheim sagen wollte und deshalb seine schon verblassten Erinnerungen an frühe Bambi-Verleihungen herauskramte: Da sei doch immer diese Uschi Obermaier ausgezeichnet worden - oder hieß die Uschi Glas? "Bin ja schon 20 Jahre weg."

Wie viele der deutschen Showsoldaten beim alljährlichen Burda-Fahnenappell ihm da wohl voller Neid zuhörten: 20 Jahre ohne Bambi, der Mann hat es wirklich geschafft!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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1. peinliches pathos
Mischa Dreesbach 27.11.2009
Zitat von sysop[...] http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,663760,00.html
Es beruhigt mich, daß auch andere diese Verunstaltung als unsäglich empfanden. :)
2. Ich
saul7 27.11.2009
Zitat von sysopZwischen Fahnenappell, Einbürgerungstest und Wiedervereinigungsfeier: Die 61. Bambi-Verleihung geriet zur einschläfernden, nationalen Selbstbeweihräucherung mit Altkanzler Kohl im Mittelpunkt. Nicht mal Hollywood-Import Kate Winslet konnte die Deutschtümelei überstrahlen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,663760,00.html
habe mir längst abgewöhnt, solche Sendungen ohne Unterbrechung zu sehen. Ich zappe meist irgendwoanders hin. Gestern allerdings habe ich wirklich nur eine ganz kurze Zeit (5 Minuten) zusehen können, dann war mein Bedarf gedeckt.
3. Einseitige Kritik
Theodor Körner 27.11.2009
Zitat von Mischa DreesbachEs beruhigt mich, daß auch andere diese Verunstaltung als unsäglich empfanden. :)
Na ja, daß Spiegel & Co. mit der Wiedervereinigung nicht viel anfangen können, ist ja nicht neu, und was hier als nationales Pathos angegriffen wird, ist andernorts Normalität. Ich bin gewiß kein Helmut-Kohl-Anhänger, aber er war nun einmal einer der entscheidenden Protagonisten bei diesem Jahrhundertereignis. Das sollte man respektieren. Daß Bambi und Kitsch eine Einheit sind, war auch vorher bekannt. TK
4. :-((
saul7 27.11.2009
Zitat von sysopZwischen Fahnenappell, Einbürgerungstest und Wiedervereinigungsfeier: Die 61. Bambi-Verleihung geriet zur einschläfernden, nationalen Selbstbeweihräucherung mit Altkanzler Kohl im Mittelpunkt. Nicht mal Hollywood-Import Kate Winslet konnte die Deutschtümelei überstrahlen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,663760,00.html
Stimme dem Beitrag in toto zu. Es war in der Tat eine einschläfernde Veranstaltung, die ich nur kurz durchgehalten habe. Zum Glück gibt's eine Fernbedienung.
5. Blut, Schweiß und Gähnen
aweil 27.11.2009
"Gestern allerdings habe ich wirklich nur eine ganz kurze Zeit (5 Minuten) zusehen können, dann war mein Bedarf gedeckt." Ging mir ganz genau so.
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