ZDF-Miniserie "Morgen hör' ich auf" Bloß kein Mitleid

Ein Mann weiß nicht weiter - und plötzlich eskaliert alles: Bastian Pastewka spielt in "Morgen hör' ich auf" einen Familienvater, der in illegale Geschäfte abrutscht. Ein gelungenes TV-Experiment, aber der unglückliche "Breaking Bad"-Vergleich bleibt haften.

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ZDF/ Martin Valentin Menke

Jochen Lehmann hat zwei Stapel, auf die er Briefe mit offenen Rechnungen verteilt: "sehr wichtig" und "extrem wichtig". Bezahlen kann er sie schon lange nicht mehr - weder den Telefonanbieter, noch die Raten für die Kredite. Gläubiger vertröstet er am Telefon, Freunde lügt er an: "Die Firma? Alles super, Arbeit ohne Ende". Dabei bleibt ihm eigentlich nur eine Option: Insolvenz anmelden. Eigentlich.

Stattdessen beginnt er, Fünfzig-Euro-Scheine zu drucken und in Frankfurt unter die Leute zu bringen. Relativ schnell gerät er an einen dubiosen Unterwelt-Vertreter, der ihn erpresst und zu immer höheren Falschgeld-Beträgen antreibt.


Bastian Pastewka spielt in der ZDF-Miniserie "Morgen hör' ich auf" die tragische Figur des Mannes, der sich eigentlich nach einem geregelten Leben sehnt. Fünf Episoden lang entfaltet sich im Leben der Lehmann-Familie ein Albtraum, den Regisseur Martin Eigler in einer typischen Indie-US-Serien-Optik und mit durchweg guten Schauspielern inszeniert. Eigler verzichtet zwar nicht auf jedes Klischee - etwa den schmierigen Liebhaber der Ehefrau - lässt den Charakteren aber Raum und Zeit, um aus der Oberflächlichkeit herauszukommen.

Für Pastewka bedeutet die Rolle einen Wechsel ins ernste Genre. "Lehmann ist ein guter Mensch, aber auch ein wenig Zocker und Spieler", sagt er. Seinen Seriencharakter beschreibt er mit einem Zitat aus der zweiten Episode, in der Lehmann sagt: "Ich weiß, wo das Falschgeld völlig sicher ist: auf der Bank." Pastewka: "Das ist vielleicht der Kern-Satz der gesamten Miniserie". Lehmann versuche, gleich zwei Dinge unter einen Hut zu bekommen: Die Bank zu betrügen und Falschgeld zu drucken.

Werden die Zuschauer dem Komiker die Charakterrolle abnehmen? "Wenn ich in meinem Leben diesen Wechsel schaffe zwischen Ernsthaftigkeit und Komik, dann hätte ich viel erreicht", sagt Pastewka. Auch der Sender steht unter hohem Druck: Mit dem Polizei-Thriller "Blochin" ist erst vor Kurzem eine ebenso emsig umworbene ZDF-Produktion gefloppt.

Jetzt ist der Vergleich da

Das Ziel, mit "Morgen hör' ich auf" nun eine ZDF-Serie zu schaffen, die international tatsächlich konkurrieren kann, war fast von Beginn an überschattet. Norbert Himmler, ZDF-Programmchef, kündigte auf einer Pressekonferenz vor zwei Jahren an, der Sender wolle ein deutsches "Breaking Bad" produzieren. Damit war der Vergleich da, der nun an der Produktion haftet. Ein strategischer Fauxpas - denn bei einer Gegenüberstellung mit dem US-Überflieger kann das deutsche Pendant nur verlieren.

Und so bemühte sich das "Morgen hör' ich auf"-Team um Schadensbegrenzung. Pastewka etwa bot seinen Rücktritt an, nachdem er in Überschriften als "deutscher Walter White" gehandelt wurde. Die Verantwortlichen lehnten ab. Eine zweite "Breaking Bad"-Referenz hat es seitdem von offizieller Seite nicht mehr gegeben. Nun heißt es, die Serie sei "natürlich inspiriert von internationalen Kultserien, aber keine deutsche Kopie von irgendetwas".

Dabei gibt es durchaus Parallelen: Bei "Breaking Bad" wird ein verzweifelter Familienvater zum Drogenkoch. Er muss Geld auftreiben, um seinen Lungenkrebs behandeln lassen zu können. Sein erklärtes Ziel: die Familie zu schützen. Im Grunde tut er aber genau das Gegenteil - wie auch Lehmann, der seine Sippe in die Geldfälscher-Geschichte mit hineinzieht. Beiden geht es am Ende vor allem um das eigene Ego.

Dennoch: "Die Geschichte um einen Drogenkoch muss in Deutschland anders erzählt werden als in Skandinavien oder Amerika. Deshalb ist es immer schwierig zu sagen, wir machen hier das deutsche irgendwas", sagt Pastewka. "Es hat ja Versuche gegeben, das deutsche "Emergency Room" zu machen oder andere Serien zu adaptieren. Aber man hat scheinbar immer gedacht: Wir müssen es so geil machen wie die Amerikaner. Dieser Ansatz ist für mein Empfinden verkehrt."

Man könne ja mal durchdenken, wie man in Deutschland "Breaking Bad" machen würde, wenn es hier erfunden worden wäre, sagt Pastewka. "Welcher deutsche Sender würde also eine derart teure Serie über so lange Zeit begleiten? Und auf einem sicheren Sendeplatz zeigen? Dazu virale Fankults pflegen, was aufwendig ist? Welcher Autor traut sich noch, in ein Projekt einzusteigen, das erst einmal über viele Jahre entwickelt wird, ohne die Sicherheit, eines Tages sein Buch verfilmt zu sehen?"

"Ich bin wieder da"

Am Ende ist es nicht zuletzt Pastewka, der "Morgen hör' ich auf" zur Eigenständigkeit verhilft. Etwa, wenn er dem Tankstellenwart als Jochen Lehmann ein "Sie kennen mich doch" entgegenwirft - einen der typischen Sätze aus seiner Sitcom "Pastewka". Oder wenn er den aufdringlichen Nachbarn mit ebenso arroganter Geste stehen lässt. "Mir war es wichtig, Lehmann auch überheblich zu spielen, damit die Leute gar nicht erst damit anfangen, Mitleid für ihn zu empfinden", sagt er.

Spätestens ab Folge zwei werden dann noch größere Unterschiede im Plot offenbar. So ist die ZDF-Serie streckenweise eher Familienfernsehen als Thriller, etwa wenn die Probleme mit den pubertierenden Kindern thematisiert werden oder ein ausgebüxtes Baby zum Running Gag wird. Pastewkas Idee zumindest waren die Komik-Einlagen nicht: "Die Gags standen alle schon im Drehbuch, ich musste nicht anbieten, noch lustig vom Hocker zu fallen oder 'Die Gefühle haben Schweigepflicht' zu singen." Noch mal Glück gehabt.


"Morgen hör' ich auf", ZDF, ab 2. Januar 2016 an fünf Samstagen jeweils um 21:45 Uhr



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insgesamt 49 Beiträge
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HaraldKönig 02.01.2016
1. Zügle deine Begeisterung
Pastewka hat ja mit seiner gleichnamigen Sitcom gute Arbeit abgeliefert, auch wenn er sehr bei Larry David abgeguckt hat. Ich werde tatsächlich den Stecker vom Fernseher, der seit dem Sommerurlaub abgezogen war, für ihn wieder reinstecken. Das erste Mal, dass ich für die Zwangsgebühr eine Gegenleistung abrufe.
DJ Doena 02.01.2016
2.
Ich werd der Serie ne Chance geben. "deutsches Breaking Bad hin oder her". Die Amis erzählen denselben Stoff auch zig Mal und mehr als einmal haben sie sich dabei selbst übertroffen. Auch die BBC hat gerade erst wieder alten Stoff aufgewärmt mit "And Then There Were None" (besser bekannt als "Zehn kleine Negerlein") und es hat funktioniert. Und wenn der Stoff doch nicht taugt, waren es ja nur fünf Folgen.
der_seher59 02.01.2016
3. von der Berichterstatung
angespitzt, habe ich als BB - Fan (nein, nicht Brigitte Bardot) mir die erste Folge aus der Mediathek gegönnt. Anfangs war ich verärgert - die Paralellen zu BB sind unübersehbar. Aber dann kommt die Story doch ganz nett und eben deutsch ins Laufen. Ich denke, egal, wie es weitergeht, da hat Herr P. eine ganz ordentliche Arbeit geleistet
chuckal 02.01.2016
4. Autoreb
Gibt es denn keine Autoren, die sich trauen, etwas zu machen, was keine Kopie von etwas Erfolgreichem aus den USA ist? "Pastewka" war ja auch schon eine Larry David Kopie. Peinlich.
kugelsicher 02.01.2016
5. Ich flippe aus hier
Pastewka? Ist gebucht und wird gnadenlos geschaut. Wenn einer der besten und interessantesten Figuren der deutschen Unterhaltung was macht, muss ich das sehen. Was er mit "Pastewka" abgeliefert hat, ist kaum zu toppen und hat ihm in der Unterhaltung einen Ehrenplatz auf dem Niveau von "Ein Herz und eine Seele" eingebracht. Er lebt natürlich auch von den Granaten Schauspielern um sich rum, besonders natürlich eine Anke Engelke zu nennen, die z.b. als Anneliese in Pastewkas Weihnachtsgeschichte eine Leistung abgeliefert, die mind. Oscar würdig ist. Oder in der Folge: "Der Aufzug".... Keinen Deut schlechter das restliche Ensemble, von Hagen über Anne, bis Papa, Kessler und Regine und natürlich der Bruck.
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