Bastian Pastewka im Interview "Jeder kann sich mit meinem doofen Ich identifizieren"

Tragikomisch verbohrt - und gerade deshalb seit Jahren erfolgreich: In "Pastewka" spielt Bastian Pastewka eine unsympathische Version seiner selbst. Jetzt kommt die achte Staffel.

Brainpool/ Frank Dicks

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Pastewka, jetzt startet die achte Staffel von "Pastewka". Bereits zum Start, 2005, sagten Sie sinngemäß, dieses neue Format könne durchaus zehn Jahre laufen - oder länger. Woher die Gewissheit?

Bastian Pastewka: Ich leide offenbar tatsächlich an rätselhafter Selbstüberschätzung. Damit habe ich wahrscheinlich gemeint, dass es durchaus möglich ist, diese Serie ewig zu spielen - da nicht nur die Serie, sondern auch mein Leben glücklicherweise immer Jahr um Jahr verlängert wird.

SPIEGEL ONLINE: Mit "Pastewka" haben Sie nun eine Pause von vier Jahren gemacht. Warum?

Pastewka: Diese Pause haben wir gebraucht und auch genutzt. Wir hatten die letzten Staffeln im Eiltempo produziert und wollten nicht Gefahr laufen, uns abzunutzen. Denn nach wie vor sollte "Pastewka" eine Wundertüte bleiben: Einerseits erzählen wir Bastians private Geschichten - Nachbarin Bruck dreht aus Rache die Sicherungen raus! Andererseits die Fernsehgeschichten - Bastian versucht, eine Rolle im "Tatort" zu ergattern, treibt sich hinter den Kulissen des Grimme-Preises herum und bleibt dort mit Anke Engelke im Fahrstuhl stecken. Wenn nichts mehr möglich scheint, kommt dann noch Bernd, das Brot, und spielt mit.

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"Pastewka": Eine sehr deutsche Figur

SPIEGEL ONLINE: Es ist die Arbeit eines Ensembles?

Pastewka: Natürlich ist das Ensemble der Spaß. Ich weiß, dass sich die Zuschauer unglaublich auf Sonsee Neu, Matthias Matschke, Bettina Lamprecht, Cristina do Rego, Sabine Vitua und Dietrich Hollinderbäumer freuen. Sie spielen seit der ersten Folge meine "Familie", und auch nach dieser Pause von vier Jahren war es so, als würden wir sozusagen die Band wieder zusammenbringen. Und Köln. Natürlich kann "Pastewka" nur in Köln spielen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Pastewka: Weil hier nicht nur der Frohsinn herrscht, sondern auch das Medienbusiness seinen Sitz hat, das wir auf die Schippe zu nehmen versuchen. Und es nur hier Taxifahrer gibt, die den Dom im Navi eingeben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Business ist im Wandel. "Pastewka" startete einst bei Sat.1 und läuft jetzt bei Amazon als Stream. Was hat sich geändert?

Pastewka: Geändert hat sich, dass wir jetzt in UHD und 4K senden. Unsere Pointen waren also nie so kristallklar wie jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Da sieht man auch die Fehler besser!

Pastewka: Hoffentlich. Speziell die Titelfigur macht sehr, sehr viele Fehler, jetzt, wo ihn die Midlife-Crisis erreicht. Rein formell haben wir versucht, uns dem modernen Serienfernsehen und seinen fortlaufenden Erzählformen anzugleichen. Denn jetzt, wo wir bei Prime Video im Regal stehen, haben wir ein anderes Publikum, das sehr spezifisch guckt und an einen optischen Standard gewöhnt ist. Dem wollten wir, ohne uns an die Großen ranzuschmeißen, wenigstens Rechnung tragen.

SPIEGEL ONLINE: ARD und ZDF spielen da keine Rolle?

Pastewka: Bei den Öffentlich-Rechtlichen hätten wir unsere kleine Quatschserie für mein Empfinden nicht etablieren können, auch weil es dort schon 2005 keinen Sendeplatz für eine halbstündige Sitcom mehr im Programm gab - vor 22 Uhr, wohlgemerkt, und alles danach darf leider nicht so viel kosten.

SPIEGEL ONLINE: Gäbe es, theoretisch, nicht auch bei ZDFneo heute einen Platz dafür?

Pastewka: Ich meine das nicht böse, aber die Budgets von ZDFneo, hört man, reichen meistens nur für kurze Staffeln. Es gab 2015 die Sitcom "Eichwald MdB"...

SPIEGEL ONLINE: ... über einen fiktiven Bundestagsabgeordneten.

Pastewka: Richtig, mit dem herausragenden Bernhard Schütz. "Eichwald MdB" hat es bislang nur auf vier Episoden geschafft, und die wurden vom regulären ZDF nachts um 1.10 Uhr auf dem "Kleines Fernsehspiel"-Sendeplatz hintereinander wegverklappt. Was mir zeigt, dass das Genre der Sitcom dort leider zu wenig Beachtung erfährt, wenn eine solche Perle kein Publikum erreichen darf. Aber es kommt ja eine zweite Staffel, und daher ist noch Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Verfolgen Sie Newcomer, wie etwa die sagenhafte Engländerin Michaela Cole mit "Chewing Gum" auf Netflix?

Pastewka: Michaela Cole kenne ich noch nicht. Aber ich glaube, dass Lena Dunham mit "Girls" die Tür dafür aufgestoßen hat, und es dank ihr jetzt kleinere und frauenaffinere Sitcoms gibt - wie "Fleabag" oder "I Love Dick". Das sind alles Geschichten, die früher im Arthouse-Kino gelaufen wären; aber diese Filme gibt es nicht mehr, weil im Kino überwiegend nur noch die fünfzehnten Fortsetzungen von Comicverfilmungen zu sehen sind.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch mehr Gesichter, Typen. Richtig?

Pastewka: Ich glaube nicht, dass jemand ursächlich eine Sitcom sehen möchte, in der Nerds in einer Wohnung zusammenhocken. Aber alle lieben Sheldon Cooper beziehungsweise den Schauspieler Jim Parsons. Ich denke, dass das Publikum Comedy-Serien wegen der Figuren liebt, wegen Charakteren, die irgendwie besonders sind, einen Schmiss haben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn dieser Pastewka für eine Figur? Eine tragische, eine lustige?

Pastewka: Für mich war es wichtig, dass die Rolle dadurch authentisch wird, dass ihm seine möglicherweise lustigen Missgeschicke auch wirklich wehtun. Der "Pastewka"-Humor entsteht daraus, dass Bastian sich die Haare beim Versuch ausrupft, sich an ihnen aus dem Dreck zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn nicht auch eine sehr deutsche Figur?

Pastewka: Ja! Ja, ja. Damit würden Sie der Serie ein Kompliment machen. Ich habe irgendwann aufgegeben, immer dagegen anzukämpfen, dass wir eine Kopie von "Seinfeld" wären, von "Curb Your Enthusiasm" oder von "Frasier". Das haben wir alles geguckt, das haben wir alles geliebt. Mit "Curb Your Enthusiasm" auf einer Videokassette und dem Zusatz, wir würden so etwas Ähnliches auch gerne machen wollen, habe ich bei den dafür zuständigen Redakteuren damals auch ein Entrée liefern können. Aber uns war natürlich klar, dass es immer unmöglich bleibt, eine Idee zu kopieren. Meine Vorbilder waren ohnehin "Ein Herz und eine Seele" oder "Familie Heinz Becker". Denn wir wollten "Pastewka" sehr Deutsch machen, eindeutig verortet in der Stadt, in der sie spielt. Es sollte kein international verorteter Euro-Comedy-Klumpatsch sein, der wegen Farblosigkeit nach einer Staffel abgesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: In "Morgen hör ich auf", einer Serie über einen Geldfälscher, zeigen Sie mehr als nur den Comedian, hier geht es auch ins Dunkle.

Pastewka: Wenn ich das nicht hätte spielen dürfen, dann wäre ich unglücklich geworden. Diese Figur war mir auf den Leib geschrieben. Bei "Morgen hör ich auf" hat mir wirklich die ungeklärte - wirklich wichtig: ungeklärte - Gratwanderung zwischen Ernst und Komik gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Und ganz ins Ernste, so wie beispielsweise Jim Carrey als irrer Killer in "Number 23"?

Pastewka: Für mich wäre das kein Qualitätssiegel. Nur weil eine Rolle gegenteilig oder abseitig ist? Das interessiert mich nicht automatisch. Etwas zu spielen, was sozusagen "die Welt noch nicht gesehen hat", ist nicht mein Ansinnen. Es wäre auch vermessen. Was soll das für eine Rolle sein? Ich kann mir ja wünschen, einen Astronauten zu spielen. Aber wem wäre damit gedient? Ich bin ja schon besorgt darüber, dass wir beide hier angeregt ein so ernstes Gespräch führen und mein Image darunter leiden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Dann noch ernster! Kann Comedy, kann diese deutsche Figur des "Pastewka" auch politisch sein?

Pastewka: Ich würde die Figur nie so weit strecken, dass der Spaß nicht mehr an allererster Stelle ist. Ich glaube aber, dass wir den "Pastewka" unter anderem deshalb so lange erzählen konnten, weil sie etwas hat, das jeder Zuschauer an sich kennt. Damit wird diese Serie nicht politisch, das gewiss nicht. Aber damit wird sie zumindest in einer kleinen Form vielleicht relevant für das jeweilige Jahr, in dem die Serie spielt.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn der neuen Staffel heißt es sinngemäß: "Mensch, die Welt hat sich verändert, es ist alles möglich - nur ich bin immernoch der Vollidiot".

Pastewka: Es geht mir darum, dieses Anti-Bild zu zeigen: "Wir sind umgeben von Blödmännern! Es gibt sie in allen möglichen Ausrichtungen und Schattierungen! Und sie sind wir!" Ich glaube, jeder Zuschauer kann sich mit meinem doofen Ich identifizieren. Das ist mir viel lieber, als mit großer Geste einen Vortrag darüber zu halten, wie schlimm der Klimawandel ist. Das würde ich niemals tun. Erstens, weil man dem Komiker sowieso nichts glaubt. Zweitens, weil ich es peinlich finde, wenn man als Laie auf einer Spendengala oder sowas auftritt und dann mit Bedeutung in der Stimme sagt "Deutschland, Doppelpunkt!".


"Pastewka", bei Amazon Prime Video

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k.k.laake 26.01.2018
1. Da bin ich mal gespannt
Die letzte Staffel war wirklich übel, Timing schlecht, Pointen flach. Ich hoffe sehr auf die neue Staffel.
Findail 26.01.2018
2. Tolle Serie!
Pastewka war lange Zeit die beste Sitcom aus Deutschland. Es ist schon brillant, wie viele Promis da mitgespielt haben und sich selbst auf die Schippe genommen haben. Die letzte Staffel auf Sat1 hatte leider nachgelassen und wurde dort ja auch nur mit unsäglich langer Verspätung überhaupt gesendet, nachdem sie schon etwa ein Jahr lang fertig vorlag. Kurz: Der Sender glaubte selbst nicht mehr an sein Produkt und ließ es verkümmern. Da war klar, dass es keine Staffel 8 mehr geben würde. Zumindest nicht auf Sat 1. Toll, dass hier wieder ein Streamingdienst Abhilfe schafft. Ich hoffe, dass die Serie mit der neuen Staffel wieder an alte Hochzeiten anschließt. Ich kann nur bestätigen, dass Anbieter wie Netflix und Prime das Tor aufgestoßen haben für die Entwicklung einer ungeheuren Kreativität an neuen Serienformaten. Gut so. Das legt auch den Finger in die Wunde, dass unser milliardenschwerer Öffentlich rechtlicher Rundfunk kaum noch Kreativität entwickeln kann - wo doch gerade der nicht abhängig von Quoten sein sollte. Herr Pastewka hat sich ja zum Glück in der Zeit zwischen den Staffeln nicht gelangweilt und andere Dinge gemacht. Neben "Morgen hör ich auf" sind da ja auch tolle Hörspielproduktionen unter seiner Mitwirkung entstanden.
radbodserbe 26.01.2018
3. Eigentlich startet die 8. Stallel "Anne" ;)
Es klappt halt seit Jahrzehnten und wird auch in der Zukunft immer beliebt sein. Unscheinbarer Mann mit dem Herzen am rechten Fleck aber oft zwei linken Händen oder Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen (besonders Frauen) und sich nicht gerade totarbeitet hat trotz allem Glück im Leben, eine wunderbare Partnerin und steht finanziell nicht gerade am Abgrund. Klar erkennen wir Männer uns des Öfteren in dieser Person des Antihelden und hätten es gerne, wenn wir dieses "Schicksal" teilen könnten. Schon Charlie Chaplin hatte Erfolg mit seinem "Tramp" und nicht wenige männliche Zuschauer hätte gerne eine Penny als Nachbarin, die sie trotz aller eigenen "Defizite" erobern könnten. Auch "King of Quees" funktioniert nach diesem Muster. Und Frauen schauen diese Serien oder Filme natürlich auch gerne, weil sie sich manchmal einen hilflosen aber dennoch erfolgreichen und liebevollen "Pastewka" als Partner wünschen und nicht den Macho, der gerade neben ihnen vor der Glotze eingeschlafen ist, auch wenn der vielleicht "andere" Vorzüge hat.
.patou 26.01.2018
4.
"... und die wurden vom regulären ZDF nachts um 1.10 Uhr auf dem 'Kleines Fernsehspiel'-Sendeplatz hintereinander wegverklappt." Das eigenartige Sendegebaren der Öffentlich-Rechtlichen auf den Punkt gebracht. Statt sich mutig zu sporadisch aufkeimender Qualität zu bekennen (was angesichts des fehlenden Einschaltquoten-Drucks so mutig ja gar nicht wäre), hat man das Gefühl, dass diese "kein Publikum erreichen darf", wie Pastewka es nennt. In der letzten Ausgabe der FAS gab es auch ein interessantes längeres Interview mit ihm, in dem er sich als großer Fan von "The Wire", "Sopranos" oder "24" outet und sich dazu bekennt, sich fernseh- und streamingtechnisch "das Schönste aus allen Welten zsammenzuholen". Vernünftiger Mann. Wenn Bernd das Brot in der neuen Staffel mitspielt, werde ich wohl mal reinschauen.
GustavN 26.01.2018
5.
Mich muss Herr Pastewka eh nicht mehr überzeugen, ich bin sowieso großer Fan seiner Serie. Interessant finde ich eher, was er über die Öffentlich-rechtlichen sagt, denn genau diesen Eindruck hat man auch als außenstehender Laie. Das ist schön irgendwie traurig, nicht nur, dass man gute Ideen und Serien verkümmern lässt, man sendet halt stattdessen nur noch Blödsinn.
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