Von Frank Patalong
Mein linker Daumennagel ist Zeuge: Für mich ist Heimwerken kein theoretisches Thema. Er ist derzeit blutunterlaufen, seit mir beim Holzhacken ein Scheit versprang. Ich kann das ab, denn ich bin ein Redakteur mit Schwielen in den Handflächen, die ich in vielen Jahren Baumarkt-gegerbt habe. Es ist ein Know-how, das ich beruflich nicht anwenden konnte, bis Plasberg kam: "Wissen, wo der Hammer hängt - was treibt die Deutschen in den Baumarkt?", so das Motto der Talkrunde am Montagabend. So qualifiziert geht man selten in eine TV-Kritik. Umso größer die Enttäuschung.
Denn Frank Plasberg gelang keine Vertiefung des Themas. Das kommt ja auch erst einmal reichlich platt daher. Wo sollen die Gründe schon liegen?
Die ProSieben-Moderatorin Sonya Kraus - trotz ihrer überzogenen Kamera-Mimik über die gesamte Strecke die positivste Erscheinung - sprach den wichtigsten zumindest an: Ihre Baumarktkarriere wurde einst "aus der Not geboren". Sie war Wohnraumbesitzerin geworden und konnte die Handwerker nicht bezahlen. Das ist der Stoff, aus dem die Stammkunden sind!
Man hätte die Steilvorlage aufnehmen und weiter fragen können: Was sagt das über ein Land aus, wenn lauter Banausen zu Handwerkern mutieren, weil sie sich keine Profis mehr leisten können? Wenn jede Stunde, in der man seine Dienstleister motivieren muss, doch bitte etwas schneller zu rauchen, mehr kostet als ein normaler Mensch an einem halben Tag verdient? Weil die hochgelobten Handwerker allzu oft größere Böcke schießen als die Amateure?
Sie wurde nicht gestellt. Kraus lieferte eine weitere Anregung: Warum sie denn heimwerke, fragte Plasberg. "Aus Spaß. Das ist so haptisch!", antwortete Kraus.
Frage nach der Seele des Sägens
Wer das für platt hält, hat nicht begriffen, warum "Landlust" inzwischen eine der erfolgreichsten Zeitschriften ist. Man hätte also auch über die Lust am Machen sprechen können. Die Sehnsüchte, die sich darin äußern. Die Defizite im Arbeitsalltag, die da kompensiert werden. Das ist eine kulturelle Frage, eine soziale und philosophische, wenn man will. Eine Frage nach der Seele des Sägens.
Stattdessen arbeitete Plasberg einen Fragekatalog ab, der so breit angelegt war wie das Lifestyle-und-Baustoffe-Angebot eines modernen Großstadt-Baumarkts. Denn dort, sagte der Baumarkt-Verbandsvertreter Peter O. Wüst, werde inzwischen ja alles Mögliche angeboten, bis hin zur Aquarellfarbe.
Noch so ein Gedanke, der versandete. Erst eine Zuschauerin brachte ihn am Ende der Sendung scharfsinnig wieder ein: Daran, was da im Markt angeboten werde, wer sich da herumtreibe und was man dort tue, ließe sich "der Zustand unserer Gesellschaft" erfassen, ihr Mangel und ihr Wohlstand. Auch das stimmt und hätte eine Steilvorlage sein können, aus dem Thema sogar noch etwas Politisches zu kitzeln: Es gibt Wohlfühl-Baumärkte, wo sich Menschen munitionieren, ihre wohlstandsbedingte Tatenlosigkeit zu sublimieren und solche, wo der Sack Portland-Zement gekauft wird, weil er zehn Cent billiger ist als nebenan. Oben und Unten: Der Baumarkt als Spiegel, in dem wir uns erkennen.
Klapprosette: Nette Runde, nur nicht passend
Für solche Diskussionen hätte es jedoch andere Diskutanten gebraucht. Neben den schon genannten saß dort an Plasbergs Tisch stattdessen etwa der Bausachverständige Joachim Schulz. So grimmig, wie der Ingenieur knurrte und biss, wurde er einst wohl von einer Horde marodierender Heimwerker im Dunkeln überfallen: Dass er Stümpertum am Bau nicht gut findet, begriff der Zuschauer entsprechend schnell. Er hätte das gar nicht ständig wiederholen müssen.
Neben ihm saß der Schriftsteller Jan Weiler als Vertreter der Gattung "Intellektueller, zwei linke Hände". Er durfte wiederholt schildern, wie schön er es als Ahnungsloser im Baumarkt findet und aus seinem Schatz lustiger Wörter zitieren, die er dort gefunden hat. "Klapprosette" zum Beispiel. Den Begriff konnte dann auch der Baumarktverkäufer Mirko Trompetter nicht erklären (falsche Abteilung!), dafür aber ein paar Anekdoten aus der Praxis beitragen.
Was sollte bei dieser Konstellation schon an Diskussion herauskommen? Alle fanden den Schriftsteller lustig, weil er weltfremd war, und die Kraus ganz toll, weil sie so patent daherkam. Der Bausachverständige und der Baumarkt-Lobbyist beknurrten sich einige Male. Weil das aber auf ganz und gar nicht telegener Sachebene geschah, trennte Plasberg, statt den Streit zu moderieren.
Der einzig richtige Schritt, wenn man sich die fürchterliche Alternative vorstellt, die sich in etlichen Ansätzen andeutete:
Wüst: "Ich hab da etwas mitgebracht" (zückt eine Verbandsbroschüre).
Schulz: "Ich auch!" (zückt seine Verbandsbroschüre).
Selten sah man Plasberg in größerer Not und Verlegenheit. Die DIN-Norm lag in der Luft, die Zertifizierung, akute Fachleute-Gefahr! An einer Stelle sagte er: "Ich hab' Sie im Verdacht, dass Sie so ein kleines bisschen Korinthenkacker sind." Stimmt, Plasbergs Redaktion hatte sogar gleich mehrere davon aufgefahren, wie der Moderator gleich darauf feststellen musste.
Plasberg floh zum ersten Experten hinüber, dem Bodengutachter Professor Günter Miehlich. Dessen erheblichem Wissen über Torf in der Blumenerde hatte Plasberg kaum etwas entgegenzusetzen. "In der hier ist viel Kohlenstoff..." hob Miehlich an, und Plasberg versuchte, auch seinem Publikum die Relevanz dieser Feststellung näherzubringen: "CO2 -...", sagte er, doch viel weiter kam er nicht. "Zunächst einmal", sagte der Experte betont und erklärte dann, wie der Kohlenstoff im Tausende Jahre alten Torf bald zerfalle, wenn man ihn der Erde beimenge. "Und dann haben Sie Ihr CO2!"
"Ich interessiere mich total für das Thema Torf", unterbrach Plasberg da, "aber...-".
Aber es nützte nichts. Jede Frage stieß auf ein "Zunächst einmal", jede Steilvorlage zur Diskussion wurde zur Einleitung eines fachlichen, letztlich aber völlig beliebigen Diskurses. Zum Davonlaufen. Totaler Torf. Was wir erfuhren im Laufe der Sendung, war folgendes:
Viel mehr war nicht. Dass Plasberg inmitten dieses Desasters trotzdem nicht dumm dastand, zeigt seine Klasse. Die redaktionelle Vorbereitung und Zusammenstellung des Gäste-Panels aber hatte allenfalls Heimwerker-Niveau. Nett gemeint, aber leider daneben.
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