NSU-Dokudrama im ZDF Ich, Zschäpe

Diddl-Maus packt aus. Oder auch nicht. Das ZDF-Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera" bringt auf den Punkt, wie Beate Zschäpe mit Behörden und Öffentlichkeit spielt.

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ZDF/ Janett Kartelmeyer

Was wissen wir über Beate Zschäpe? Sie liebt angeblich Aldi-Sekt, Nachbarn gaben ihr den Spitznamen Diddl-Maus. Und, diese Erkenntnis ist recht neu, ihre Vormittage in Freiheit verbrachte sie häufig vor dem Fernseher, um sich deutsches Privatfernsehen reinzuziehen. Barbara Salesch, Richter Alexander Hold, so was eben. Letzteres lernen wir jetzt aus dem ZDF-Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera", das um ein Gesprächsprotokoll aus dem Jahr 2012 herumgebaut ist.

Damals wurde die mutmaßliche Terroristin für einen Tag von Köln nach Gera überführt, damit sie ihre kranke, in Thüringen lebende Großmutter sprechen konnte. Der Transport fand unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen statt, zwei Verhörspezialisten des BKA fuhren mit, um zu testen, ob man der schweigsamen Angeklagten nicht doch noch Wahrheiten jenseits der Spumante- und Kuscheltierfolklore entlocken könnte.

Irgendwann auf der Fahrt, man hat schon ein wenig feindselig geplaudert, fällt dieser Satz: "Das Vormittagsprogramm ist doch völlig unrealistisch. In diesen ganzen Gerichtssendungen kommt in der letzten Minute immer irgendjemand, und der Fall nimmt eine dramatische Wendung. Da glaube ich nicht dran." Das ist eine Zschäpe-Aussage, die ihre Gewissheit über den eigenen Fall auf den Punkt bringt: Ich, Zschäpe, bestimme den Verlauf des Prozesses um die Morde des NSU. Überraschungen ausgeschlossen.

Elektrisierendes Verhörspiel

Oder doch nicht? Regisseur Raymond Ley ("Mörderische Entscheidung") hat "Letzte Ausfahrt Gera" als ruhiges und doch elektrisierendes neunzigminütiges Verhörspiel angelegt, bei dem es darum geht, einer Frau beim Sprechen zuzuhören, die zumindest eine Zeitlang Schweigen als oberstes Gebot für sich festgelegt hatte.

Wie redet man mit so einer? Der BKA-Beamte im Film (gespielt von Joachim Król) probiert's im beiläufigen rheinischen Singsang; in kleinen Dosen gibt es Mitgefühl (ein Taschentuch wird angeboten) oder Komplimente (der Haarschnitt wird gelobt). Acht Stunden Fahrt netto sind eine lange Zeit, das Klappehalten fällt schwer, wenn die Landschaft in der Sonne an einem vorbeifliegt - mag Zschäpe (gespielt von Lisa Wagner) auch gleich beim Einsteigen klargestellt haben: "Ich sag sowieso nichts, was nicht aufgeschrieben werden darf."

Natürlich erkennt Zschäpe die Strategie des Gegenübers, sie zum Sprechen bringen zu wollen. Sie ist ja nicht doof, das hat sie früher bei Richter Alexander Hold gesehen und später, in etwas weniger unterhaltsamer Form, im realen Gerichtssaal. Mal lässt Zschäpe den freundlichen älteren BKAler abblitzen, mal gewährt sie ihm Einblicke. Aus Einsamkeit. Aus Eitelkeit. Aus Langeweile. Oder ganz einfach deshalb, weil sie glaubt, die in die Welt gesetzten Neuigkeiten könnten von Vorteil für sie sein. Diddl-Maus packt aus. Oder auch nicht

"Letzte Ausfahrt Gera" wird nicht die letzte öffentlich-rechtliche Produktion über das Täterinnenmysterium Zschäpe bleiben. Die ARD hat bei drei Regisseuren eine Trilogie zum Thema NSU in Auftrag gegeben, gesendet wird im späten Frühling, möglicherweise an drei aufeinanderfolgenden Tagen, ganz sicher ist man sich da noch nicht.

Sicher ist man sich nur, dass es zumindest beim ersten Teil heftige Reaktionen geben wird: Da geht es um die Entstehung des NSU und das Lebensgefühl von Zschäpe und Co. ab Ende der Neunzigerjahre; erste Ausschnitte legen nahe, dass der Film rigoros in die Nahperspektive geht. Die Rolle von Zschäpe übernahm Anna Maria Mühe, Regie führte Christian Schwochow, der schon beim furchtlos ambivalenten Crystal-Meth-"Tatort" aus Kiel ohne öffentlich-rechtliche Pädagogikkniffs in die Abgründe der Protagonisten hinabstieg und mit ihnen auf Tuchfühlung ging. Zschäpe und der Pogo, Zschäpe und die Liebe, das muss man aushalten.

Das ZDF-Dokuspiel von Raymond Ley bleibt da auf Distanz. Ziel ist es nicht, die Informationskrumen aufzulesen, die Zschäpe ihren Reisebegleitern auf der Fahrt zur Oma emotionalisiert oder auch nicht emotionalisiert hinwirft. Er zeigt sie als Taktiererin, deren Blick wach wird, als der BKA-Mann von der RAF-Terroristin Susanne Albrecht erzählt, die durch ihre Kooperation mit den Behörden eine vergleichsweise kurze Haftstrafe verbüßen musste. Eine Option auch für Zschäpe?

Am Donnerstag hat sie nun ihr Schweigen gebrochen. Der Film wird dadurch nicht in seiner Wirkung gemindert, vielmehr verdeutlicht er: Diese Frau denkt in allem, was sie tut, immer auch ihre mediale Spiegelung mit.


"Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe", Dienstag, 20.15 Uhr, ZDF

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Niel 26.01.2016
1. Medienplattform
Warum gibt man dieser Frau so eine mediale Plattform? Nicht nur, dass über alle Prozessdetails lang und breit berichtet wird. Jetzt wird die Geschichte auch noch verfilmt. Wieviel Geld wird wegen einer mutmaßlichen Verbrecherin noch verschwendet?
Reinhardt Gutsche 26.01.2016
2. Wer wem?
Zitat: „.. wie Beate Zschäpe mit Behörden und Öffentlichkeit spielt.“ Es sieht wohl eher danach aus, daß in dieser Soap gewisse Behörden vor der Öffentlichkeit ein Spektakel aufführen, mit Beate Zschäpe als Kasper-Puppe.
tinosaurus 26.01.2016
3. Zu viel
Aufmerksamkeit für diese Frau. Die ganze Affäre wird sich ohnehin nie ganz aufklären lassen, zumal hier auch der Verfassungsschutz und andere hochkarätige Beamte aktiv waren.
tomquixote 26.01.2016
4. Rechtsstaat?
Es ist für mich erstaunlich, dass es in unserem Rechtssystem nicht nur möglich ist, seitens des Justizministeriums Geld an vermeintliche Opfer zu verteilen, bevor ein Prozess überhaupt statgefunden hat (und damit die Entscheidung des Gerichts ganz krass zu beeinflussen), sondern zu allem Überfluss auch noch einen Film über den Fall zu drehen, während der Prozess noch läuft, und das in seinem dritten Jahr. Ich begreife auch nicht, warum die Verteidigung nicht Klage erhebt, wenn in den Medien laufend von einer "NSU-Mordserie" geredet und somit der Eindruck erweckt wird, die Dinge seien schon längst geklärt. Das riecht m.E. sehr nach dem "gesunden Volksempfinden" einer früheren Epoche.
AugenzuundDurch 26.01.2016
5. ---unglaublich, Tschäpe im Spielfilmformat
Ich wollte es gestern nicht glauben, tatsächlich werden also Aspekte eines laufenden Prozesses im Rahmen eines Spielfilms (wenn auch als Doku verkleidet) thematisiert. Das ist so weit von jedem Rechtsverständnis, auf das wir hier in Deutschland so stolz sind. Haben da auch die Opfer zugestimmt, die hier beim Bier am Fernsehtisch auftreten dürfen. ...ich könnte kotzen.
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