Enzensberger bei "Beckmann" Die NSA als entfesselte Kreatur

Endlich äußert sich einmal ein deutscher Großintellektueller öffentlich zur NSA-Affäre: Hans Magnus Enzensberger war bei "Beckmann" zu Gast und hatte Bedenkenswertes zum Thema beizutragen. Doch der Rest sprach lieber über intelligente Kühlschränke.

Verdauen die digitale Revolution: Enzensberger (l.) und Beckmann
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Verdauen die digitale Revolution: Enzensberger (l.) und Beckmann

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Hans Magnus Enzensberger war noch nie in einer Talkshow. Das kann man ihm nicht verdenken. Umso dankbarer muss man dem 83-Jährigen sein, dass er es nun doch getan hat. Bei Reinhold Beckmann sprach Enzensberger am Donnerstagabend über das wenig glücklich formulierte Thema "(Über)leben im Datendschungel". Es sollte um die Enthüllungen von Edward Snowden gehen, um die NSA, aber auch um "Big Data". Viele Themen also. Zu viele, wie sich herausstellte.

Reinhold Beckmann zerstreute gleich zu Beginn alle Bedenken, er würde die Gelegenheit, einen der letzten Großintellektuellen Deutschlands im Studio zu haben, für eine intelligente Debatte nutzen. "Meine Zahnbürste kommuniziert mit meinem Arzt", sagte er, erwähnte den beim Thema Internet offenbar unvermeidlichen intelligenten Kühlschrank und fügte dann hinzu: "Das hört sich ja alles ganz gut an". Bei "Facebook oder Google" aber gäben die Menschen doch selbst "privateste Daten" preis, und zwar "freiwillig".

Dass der US-Geheimdienst NSA in Zusammenarbeit mit dem britischen GCQH systematisch Internetleitungen anzapft, Verschlüsselungssysteme knackt, Unternehmen zur Zusammenarbeit nötigt, wurde in der kommenden guten Stunde fast zur Randnotiz - weil Beckmann, der Altliberale Gerhart Baum und Enzensberger augenscheinlich noch immer mit dem Verdauen der digitalen Revolution an sich so beschäftigt sind, dass Differenzierung schwerfällt.

Halbverdaute Digital-Gemeinplätze und -Ängste

Ein Beispiel: Hans Magnus Enzensberger, der am Anfang freimütig bekannte, er sei "die absolute Fehlbesetzung" für diese Runde, weil er ja "analog" lebe und nicht einmal ein Mobiltelefon besitze, hat eine Tochter. Sie ist 26 und nutzt nicht nur Twitter, sondern auch Facebook. Damit aber, erklärte Enzensberger gegen Ende, kenne sie sich sehr gut aus und habe "bis tief ins Betriebssystem" alle Häkchen gesetzt, die man dort setzen müsse, um seine Privatsphäre zu schützen.

Dass alle Häkchen bei Facebook und anderswo nichts nützen, wenn sich ein Geheimdienst um Privatsphäre-Einstellungen einen Dreck schert, hätte eigentlich das Thema dieser Diskussion sein sollen. Stattdessen wurde in einer Atmosphäre großer Hektik das übliche Konglomerat halbverdauter Digital-Gemeinplätze und -Ängste ausgekippt, nicht gebändigt, sondern gefördert von einem jedermann ständig unterbrechenden Moderator.

Gerhard Baum, einer der letzten echten Bürgerrechtler der FDP, behauptete beispielsweise unwidersprochen, Google ermittele mit Hilfe seiner Datenschätze, "welche Frauen schwanger sind", und verkaufe diese Daten, was schon dazu geführt habe, dass bis dahin ahnungslose werdende Väter durch überraschende Glückwunsch-Briefe - von Google? - über ihr kommendes Glück aufgeklärt worden seien. Als der Fraunhofer-Forscher Stefan Wrobel völlig zu Recht betonte, man müsse sich bei Google ja nicht einloggen, dann wüsste der Konzern auch nicht, wer man sei, wollte Baum das nicht glauben. Aufgeklärt wurde das Rätsel nicht.

Hans Magnus Enzensberger sagte, wenn er denn einmal zu Wort kam, oft Bedenkenswertes. Er warnte etwa vor der "stillschweigenden Allianz zwischen den Geheimdiensten und den Großkonzernen" und nannte die NSA "eine Kreatur, deren Herr man nicht mehr ist". Die Regierungen der Welt schienen machtlos, ja "bemitleidenswert" angesichts des Erpressungspotentials des US-Geheimdienstes. Edward Snowden sei ein Held der Neuzeit: "Er hat die merkwürdige Angewohnheit, die Verfassung der Vereinigten Staaten ernst zu nehmen."

Angst vor den Algorithmen

Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin eines Unternehmens, das mit Analysesoftware - Big Data! - sein Geld verdient, regte ein "internationales Algorithmenabkommen, ähnlich wie Handelsabkommen" an, um den neuen Datenschutzproblemen auf internationaler Ebene zu begegnen. Dazu hätte man gerne ein paar Ausführungen mehr gehört, doch wie immer, wenn es allzu konkret wurde, sorgte Reinhold Beckmann dafür, dass sich das Gespräch schnell wieder woandershin verhaspelte.

Der Angst vor den Algorithmen, vor der Entmenschlichung durch Vorhersagbarkeit, wurde als Thema einmal mehr der Vortritt gelassen. Die Namen Angela Merkel, David Cameron und Barack Obama fielen im Verlauf der gesamten Debatte nicht ein Mal. Dafür wurde der Selbstvermesser und -Vermarkter Florian Schumacher, der einen Schrittzähler und einen Gürtel zur elektronischen Haltungskontrolle benutzt, als Kuriosum ausgestellt, als eine Art Extrembeispiel für die irre Jugend von heute, die dem Internet sogar verrät, wann und wie gut sie schläft. Enzensberger lächelte freundlich und amüsiert, sprach wohlwollend von "Menschheitsträumen" der Selbstverbesserung.

Hofstetter und Wrobel bemühten sich redlich, in den kurzen ihnen zugedachten Momenten zu erklären, was "Big Data" eigentlich bedeutet, wo die Vorhersagemöglichkeiten, die gewaltige Datenmengen mit sich bringen, Probleme bergen und wo Chancen. Doch durch das ständige, atemlose Hin und Her gelang es kaum einem der Teilnehmer, einmal einen Gedanken zu Ende zu führen. Und auch auf die von Beckmann immer wieder gestellte Frage, wo denn eigentlich der Aufschrei in der Bevölkerung bliebe, gab es lange Zeit keine Antwort. Bis Enzensberger sich schließlich einmal durchsetzen konnte: Ernsthaften Widerstand werde es erst dann geben, "wenn die Leute es am eigenen Leib zu spüren kriegen. Wenn ich keinen Job mehr kriege, weil mein Profil nicht passt." Außerdem genössen die Menschen das "Sonderangebot" kostenloser Internetdienste zu sehr, um sich Gedanken über die Folgen zu machen.

Weitgehend gleichgültig

In diesem Punkt hat Enzensberger zweifellos recht: Augenscheinlich sind Menschen erst dann zu wütendem Massenprotest bereit, wenn es - und sei es nur vermeintlich - an ihre Pfründe geht. Als der Literaturagent Matthias Landwehr im Jahr 2012 einen offenen Brief gegen eine fiktive, von niemandem ernsthaft geforderte Abschaffung des Urheberrechts initiierte, unterschrieben binnen 24 Stunden 1500 Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle. Als die Schriftstellerin Juli Zeh im Juli 2013 in einem offenen Brief an Angela Merkel Aufklärung über die Überwachungspraxis der NSA forderte, fanden sich auch einige Schriftsteller als Mitzeichner - es waren gut 60.

Insofern muss man festhalten: Das Beste an dieser "Beckmann"-Sendung war Enzensbergers bloße Anwesenheit. Denn selbst Deutschlands Intellektuellen scheint die Totalüberwachung allen Internetverkehrs weitgehend gleichgültig zu sein.



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Seite 1
olivervöl 13.09.2013
1. Schwanger-Detektion ohne Einloggen geht wirklich
Herbert Baum hat Recht: Google erkennt das Benutzerverhalten auch ohne Anmeldung und Einlochen allein aufgrund von sogen. Cookies im Browser.
kenzino 13.09.2013
2. Google und die Schwangeren
Habe das nicht gesehen und kann zum Grad der Verwirrung von Herrn Baum wenig beitragen, *gemeint* hat er aber die fragwürdigen Big-Data-Aktivitäten von Target, die hier beschrieben werden: http://www.nytimes.com/2012/02/19/magazine/shopping-habits.html?_r=3&
aueronline.eu 13.09.2013
3. ich finde Herrn enzensberger klasse,
Und was haben Kurt Gödel und Edward Snowden gemeinsam? Beide bewiesen, daß es möglich ist, sich innerhalb der amerikanischen Verfassung eine Diktatur zu errichten. Gödel hat bei seinem Einbürgerungstest quasi en passant erkannt, als Einstein ihm beisaß, damit Gödel us Bürger werden durfte, dass die US Verfassung genug Platz lässt, eine Diktatur mit Brief und Siegel zu errichten. Nachzulesen in der deutschen Wikipedia. Snowden hats nochmal bewiesen.
inecht 13.09.2013
4. wie bitte?
Was ist denn ein "Großintellektueller" im Lande der Kleingeister?
Zündkerze 13.09.2013
5. Erschreckend
was für Halbwahrheiten da Herr Prof. Schrobel da von sich gegeben hat. Ich kann nur hoffen das seine Vorträge Inhaltlich besser sind. "Als der Fraunhofer-Forscher Stefan Wrobel völlig zu Recht betonte, man müsse sich bei Google ja nicht einloggen, dann wüsste der Konzern auch nicht, wer man sei, wollte Baum das nicht glauben. Aufgeklärt wurde das Rätsel nicht" Lieber SPON, eigentlich solltet ihr das wissen. Egal auf welche Site ich mit dem Browser gehe, mindestens Google ist im Hintergrund mit einem Tracker dabei. Cookies liefern Googgle auch zahlreiche Informationen. Als unbedarfter Computer Nutzer wird man ausspioniert ohne es zu merken, auch wenn man nur "vertrauenswürdige" Sites aufruft.
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