Abschied von "Bella Block" im ZDF Endstation Strip-Bar

Der letzte Grappa: Nach 25 Jahren und 38 Folgen verabschiedet sich Hannelore Hoger als ZDF-Ermittlerin Bella Block am Tresen eines Table-Dance-Schuppens. Ein höchst ambivalenter Absturz-Krimi.

ZDF/ Hardy Brackmann

Von


Am Ende, auf den letzten Metern deiner Existenz, steht ein Arzt neben deinem Bett und breitet deine Lebensbilanz als trockenen medizinischen Befund aus. So ist es auch bei Bella Blocks letztem Einsatz, auf den letzten Metern ihrer Fernsehexistenz: Nach einem Mordanschlag wacht sie in einer geschlossenen Anstalt auf, die Tat war als Freitodversuch getarnt, Block wird als suizidal eingeschätzt und unter Beobachtung gehalten.

Mit Blick auf ihre Leberwerte sagt der Arzt: "Alkoholabusus." Mit Blick auf ihr Sozialleben sagt er: "Leere Weinflaschen, kein Mann, keine Kinder, soziale Isolation." Später werden der älteren Dame im unvorteilhaften Kliniknachthemd noch ein paar weitere diagnostische Adjektive entgegengeschleudert: "Querulatorisch, einzelkämpferisch, sozial unverträglich." Dinge, die man nicht auf seinem Grabstein stehen haben will.

Die Hamburger Schauspielerin Hannelore Hoger, 75, hat als Hamburger Kommissarin und Ex-Kommissarin Bella Block immer hart ermittelt, am Samstag wird sie im ZDF hart verabschiedet. Wie man in Hamburg sagt: Wat mutt, dat mutt.

Den Rest-Ekel spülte sie mit Alkohol weg

1993 wurde die erste Folge ausgestrahlt, damals noch unter dem Titel "Die Kommissarin". Die von der Krimi-Autorin Doris Gercke erdachte Ermittlerfigur entwickelte sich zu einem Glücksfall für das deutsche Fernsehen, die besten Drehbuchautorinnen des Landes schrieben hier Fälle, die aus weiblicher Sicht pathologische Wucherungen im kollektiven Unterbewussten der Bundesrepublik ausloteten. Blocks Sarkasmus erlaubte den Blick in unvorstellbare Abgründe, den Rest-Ekel spülte sie mit Alkohol weg.

Fotostrecke

20  Bilder
Letzte "Bella Block"-Folge: Fachfrau für kranke Kriminelle aller Art

25 Jahre, 37 Folgen und unzählige Grappa-Kartons später jetzt also das Finale. Und auch wenn der nostalgiefreie Ton dieses Absturz-Krimis lobenswert ist - ein bisschen liebevoller hätte man den Abschied schon bereiten können. Es geht um Entmietungen auf die harte Tour durch Hamburger Honoratioren, um Kinderbanden und Kinderkampfmaschinen, und um einen geheimnisvollen Killer (Sabin Tambrea), der es auf die Ex-Kommissarin abgesehen hat. Wie das alles zusammenhängt? Schwer zu sagen.

Am Tresen vom "Roten Lamm"

Es hat auf jeden Fall irgendetwas mit einem Table-Dance-Schuppen auf der Reeperbahn namens "Rotes Lamm" zu tun. Neben den angemessen B-Movie-haften Paranoia-Momenten, in denen sich die Ermittlerin in der Geschlossenen der Übermacht der Psychiater ausgesetzt sieht, finden sich hier die stärksten Szenen des Films. Das Ambiente ist authentisch, das Personal des Ladens ist nach Rotlichtschönheitsidealen tätowiert und operiert - gleichzeitig wird das Kiezklischee gebrochen.

Mit dünner Stimme singt hier zwischen aufgerüsteten Sexarbeiterinnen ein gespenstisches Wesen an der Pole-Stange zarte Balladen, David Lynchs "Blue Velvet" lässt grüßen. Gäste im "Roten Lamm", die bei der tatsächlich miserablen Gesangsdarbietung buhen, werden zusammengeschlagen. Bella Block trinkt dazu am blinkenden Stahltresen schlechten, überteuerten Schnaps, scheint sich aber eigentlich ganz wohl zu fühlen. Endstation Strip-Bar.

Es gibt also einige starke Augenblicke in diesem Krimi-Goodbye, bei dem mit Rainer Kaufmann ein bereits "Bella Block"-erfahrener Regisseur hinter der Kamera stand. Aber diese Augenblicke fügen sich eben nicht zu einem schlüssigen Ganzen. Es bleibt ein Rätsel, wo der Krimi eigentlich hin will. Das mag auch an seiner Entstehungsgeschichte gelegen haben: Es soll, so hört man, schon ein fertiges Buch zum Finale gegeben haben, das dann komplett verworfen wurde. Das zweite von einer weiteren Autorin, der ebenfalls "Bella Block"-erfahrenen Susanne Schneider, konnte dann aus Budgetgründen offenbar nur in Teilen umgesetzt werden.

Was möglicherweise als großer, bildgewaltiger, surrealer Abgesang auf eine Ermittlerin mit starker eigener Weltwahrnehmung gedacht war, wird zum kleinen irrealen Abschiedsgruß an eine Ermittlerin mit starkem Alkoholproblem. Wir stoßen am Samstag schon aus Trotz mit einem Grappa auf Bella Block an.


"Bella Block: Am Abgrund!", Samstag,20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mirage122 24.03.2018
1. Wirklich schade!
Hannelore Hoger ist eine absolut authentische und ehrliche Schauspielerin. Hatte eigentlich für heute etwas anderes vor, werde aber auf jeden Fall dabei sein, wenn sie das letzte Mal antritt.
sportimtv-fan 24.03.2018
2. Na toll...
Solch einen beschissenen Abgang hat Bella Block nicht verdient. Ich war großer Fan von dieser Krimi-Reihe, aber den letzten Film werde ich mir nicht antun. Danke für Ihren warnenden Vorbericht!
krebs-frau 24.03.2018
3. Abgang in den Abgrund
?Es geht um Entmietungen auf die harte Tour durch Hamburger Honoratioren, um Kinderbanden und Kinderkampfmaschinen, und um einen geheimnisvollen Killer...? Kein Wunder, dass Bella Block nach so viel geballtem Elend in all den Jahren zur Alkoholikerin geworden ist. Wir gönnen ihr den Ruhestand und erinnern uns zugleich ein bisschen wehmütig an die schönen altmodischen Krimis früherer Zeiten, mit meist nur einer Leiche (erschossen, erstochen oder vergiftet) und ebenso altmodischen Kommissaren, die uns nach solider Ermittlungsarbeit in einen Schlaf ohne Albträume entlassen haben.
Emma Woodhouse 24.03.2018
4.
Zitat von sportimtv-fanSolch einen beschissenen Abgang hat Bella Block nicht verdient. Ich war großer Fan von dieser Krimi-Reihe, aber den letzten Film werde ich mir nicht antun. Danke für Ihren warnenden Vorbericht!
Ich habe mir auch gedacht, dass ich nach dieser Rezension nicht reinschaue. Habe sonst keinen BB-Fall versäumt. Hatte Frau Hoger kein Mitspracherecht? Vielleicht will man uns den Abschied leicht machen. Vielleicht ist aber die Besprechung nicht oder nicht für mich zutreffend? Vielleicht sollte ich doch ...;-))
rainer82 24.03.2018
5. Die hier von Foristen geäußerte Sehnsucht nach altmodischen Krimis
ist geradezu makaber. Wer will schon Kino aus der Mottenkiste? Der mitdenkende Zeitgenosse will doch (hoffentlich) Fernsehen zum Mitdenken: aufklärerisch, aktuell und zeitgemäß, aufregend, unbequem, herausfordernd, kontrovers, spannend und gelegentlich auch etwas subversiv. Ich freue mich auf heute Abend.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.