Stuckrad-Barre über neue Talkshow "Die Panne ist Prinzip"

Benjamin von Stuckrad-Barre besucht Prominente, ohne vorher zu wissen, wen - das ist das Konzept seiner neuen Talkshow. Im Interview berichtet er, was passiert, wenn nichts passiert.

Ein Interview von

RBB

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass es vor und nach einer Talkshow spannender zugeht als währenddessen. Was erlebt man da genau?

Stuckrad-Barre: Vergangene Woche war ich Gast bei Markus Lanz. Als ich ankam, saß schon Heinz Buschkowsky in der Garderobe und arbeitete sein eigenes Buch durch. Das hatte ein sehr interessantes mehrfarbiges Griffregister und sah aus wie das Adressbuch eines ganz starken Zwangscharakters. Nebenbei aß er Raffaello in sich rein. Ich fragte ihn: 'Mensch, Herr Buschkowsky, was haben Sie denn da für ein irres Register?". Er sagte dann, er habe so ein Set mit verschiedenen Klebestreifen gekauft und sei zu geizig gewesen, die Streifen nur von einer Farbe zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Will man das wissen?

Stuckrad-Barre: Unbedingt. Was er in der Sendung dann so geredet hat, habe ich direkt wieder vergessen - aber nie vergessen werde ich, wie er mit Kokosflocken auf der Zunge und im Mundwinkel seinen Umgang mit Büroartikeln darlegte. Man hätte einfach nur vorher in diesem Aufenthaltsraum filmen müssen, das wäre eindeutig die bessere Show gewesen: Dann kam nämlich Tim Mälzer rein, und der ebenfalls geladene Krisengebietsreporter von der "Zeit", der so lustige Trekkingschuhe trug, grüßte Mälzer von einer gemeinsamen Bekannten, die wohl im selben Haus wohnt. Dann haben sie sich sehr lange über dieses Haus unterhalten und dass Tim Mälzer immer seinen Wohnungstürschlüssel verliere. Den anderen im Haus wäre es immer so auf die Nerven gegangen, wenn Mälzer nachts besoffen nach Hause kam und bei ihnen klingelte. Sie hätten ihm dann ein Zahlenschloss für seine Wohnungstür geschenkt. Ich fragte dann, wie die Kombination laute, die er mit drei Promille noch eingeben könne. Er sagte, es sei die leichteste Zahlenkombination der Welt. Ich fragte: Ist es 0000? Er antwortete: 'Häng noch ne Eins dran und du bist drin.' In der Sendung selbst dann waren alle wie immer, das fiel deutlich ab dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Können Deutsche überhaupt Talkshow?

Stuckrad-Barre: Also sie machen's. Und ich schaue mir auch fast alle an. Allein schon, um den aktuellen Verrottungsgrad des öffentlichen Personals zu begutachten. Dafür bietet das wertvolle Anhaltspunkte. Entertainment ist es für mich eher in einer zweiten Ableitung. Dann aber auch gern die Phoenix-Runde.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Stammzuschauer der Phoenix-Runde?

Stuckrad-Bare: Ja. Mich beruhigen Talkshows wahnsinnig. Für mich ist der Samstagabend schrecklich. Das ist der einzige Ausgehabend, der blöd ist, und ausgerechnet da wird man allein gelassen von den Talkshows. Man muss unter der Woche genug gleichzeitig laufende Sendungen aufzeichnen. Eine Phoenix-Runde mit einem Gewerkschaftsführer und einem Bankenvorstand vom Dienstag muss man dann für Samstag aufsparen. Alle sind für alles zuständig: Inflation, Integration, Syrien, Pkw-Maut, Ebola, Islamischer Staat, ganz egal, Bosbach, Jörges und Geißler sind in jedem Fall dabei. Ich find das super.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neue RBB-Sendung 'Stuckrads Homestory' funktioniert anders. Sie wissen vorher nicht, wen Sie treffen werden - der Gast wird sozusagen zum Gastgeber. Und das alles findet nicht in einem Studio statt, sondern an einem Ort, der etwas mit der Person zu tun hat.

Stuckrad-Barre: Ich habe davor eine politische Talkshow gemacht und war immer so übervorbereitet, das hemmte das Situative, die Spontaneität. Die Illusion der Talkshow ist ja: alles passt, man hat genauso so viele Fragen, wie es eben dauert, Ton und Licht bedingen eine ermüdende Statik, Bewegung und Überraschungen sind nicht vorgesehen. Echte Begegnungen zwischen Menschen verlaufen aber ja anders, da gibt es peinliche Pausen, unerwartete Wendungen. Die absolut künstliche Sondersituation der Talkshow kommt einem zwar normal vor, weil es das gewohnte Bild ist. Aber in so einem Stuhlkreis sitzt doch sonst kein Mensch, mal abgesehen vom Elternabend im Kindergarten. Wir dachten, wir überspringen das einfach mal, also die Talkshow, und gehen direkt über zum völlig unterschätzten Smalltalk.

SPIEGEL ONLINE: So eine feste Anordnung kann aber auch ganz praktisch sein. Gab's denn viele Pannen bei Ihrem neuen Format?

Stuckrad-Barre: Permanent, die Panne ist Prinzip. Ziel war es, eine reale Begegnung abzubilden. Das hängt mal durch - und irgendeine Nebensächlichkeit erzeugt dann plötzlich wieder Gemeinsamkeit. Mit dem Schauspieler Lars Eidinger hätte ich mich nach den sieben oder acht Stunden immer noch weiter unterhalten können. Bei Jimi Blue Ochsenknecht war das Gegenteil der Fall. Nach zehn Minuten dachte man, dass zehn Stunden vergangen sind. Der konnte mit mir nichts anfangen und ich mit ihm nichts, es ist richtig schiefgegangen und hatte gerade darin eine Richtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist das neue Format am Ende schlicht journalistischer als eine Talkshow-Situation, bei der Moderatoren Fragen von Karteikarten ablesen, die vorher mittels Personendatenbanken befüllt worden sind?

Stuckrad-Barre: Vielleicht. Man muss für ein ergiebiges Gespräch eine gewisse Beiläufigkeit herbeiführen. Der Fehler, die thematische Sackgasse und das "äh" werden unterschätzt. Wenn Maybrit Illner am Anfang ihrer Sendung so vor der Kamera steht und ihre Anmoderation aufsagt und dann über eine feste Route in Richtung Gesprächsrunde läuft, ist das die Choreografie des Stumpfsinns. Wir sind an Orte gegangen, die mit der jeweiligen Person zu tun haben und sie so zum Sprechen animieren. Im Olympiastadion kann man mit Udo Lindenberg besser darüber reden, wie es ist, vor 50.000 Menschen aufzutreten, als in einem Fernsehstudio.

SPIEGEL ONLINE: Netflix baut mittels Algorithmen höchst erfolgreich ganze Serienstaffeln. Wie wird die Talkshow der Zukunft ausehen?

Stuckrad-Barre: Das machen Fernsehsender gerade bei Talkshows ja schon länger so. Geht es um eine Vergewaltigung, gehen die Zuschauerzahlen hoch, heißt es hingegen, die Arbeit an dem Kochbuch war unheimlich toll für uns als Team, sackt das ganze eben ab. Und einen Algorithmus im deutschen Talkshowwesen gibt es schon längst: der heißt Günther Jauch.


"Stuckrads Homestory", ab 16. Oktober 2014 donnerstags um 22.45 Uhr, RBB



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atheltic-dept. 16.10.2014
1. L
Den Stuckrad-Barre interessiert natürlich nicht was Heinz Buschkowsky bei Lanz über das islamische Problem in Berlin erzählt. Lieber konzentriert er sich auf banale und infantile Sachen die Stuckrad-Bare lustig findet und glaubt anschliessend weiter an sein linkes Weltbild. Hätte der Typ mal zugehört, würde er eine Menge über die realen Verhältnisse in Berlin und Deutschland lernen. Aber das wollen Stuckrad und seine linken Szene Freunde nicht. Lieber versucht er weiter alle realdenkenden Menschen mit seinem aufgesetzten, Möchtegern Psychoblick einzuschüchtern. Werde nie das Interview mit Lücke vergessen. Wäre ich in diesem Hipster Publikum, hätte ich dem Clown Stuckrad Bare ins Gesicht gespuckt.
Liberalitärer 16.10.2014
2. Talkshows
Sehe ich gerne, meist schalte ich die Stummtaste ein. Das entwickelt dann einen eigenen Reiz.
wie_weiter_? 16.10.2014
3. Ah ja
Das wird bestimmt eine tolle Talkshow. Aber ganz bestimmt. Doch, bestimmt.
markus.hauschild.pb 16.10.2014
4.
Mit diesen Infos kann man es sich ja jetzt schön bei Herrn Mälzer in der Wohnung gemütlich machen.
walter_e._kurtz 16.10.2014
5. Viel Glück!
Klasse Typ, der Typ! Mehr Moderatoren seiner Klasse, und sog. Talkshows könnten fruchtbarer sein. Ich erinnere mich mit einem Grinsen, wie er in seiner Show den CSUler Norbert Geis (von seiner politischen Einstellung her hart am Limit der Verfassung) zu Gast hatte. Ich glaube, keiner von beiden hatte gerade Lust, die Zeit mit dem jew. anderen zu verbringen - aber Geis ist definitiv nicht als Gewinner ´rausgeganngen :-) Soetwas entlarvendes fehlt mir bei Illner, Jauch & Co.. Da ist alles absehbar und die Pseudokonfrontation Programm. Kommt dann eine echte Herausforderung, wie der komische Salafist kürzlich bei Jauch, dann müssen die Moderatoren kapitulieren. Möchte wetten, dies wäre Stuckrad-Barre nicht passiert...
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