Spionage-Serie "Berlin Station" Kotti statt Carrie

Unter dem Radar hat sich "Berlin Station" zu einer der interessantesten Thriller-Serien entwickelt: Spannend, aber nicht reißerisch erzählt sie von CIA-Einsätzen in der deutschen Hauptstadt.

Stephanie Kulbach / EPIX

Berlin-Touristen kommen dieser Tage, so kann man es den Berichten des Statistischen Landesamtes entnehmen, vor allem aus Großbritannien und den USA, dicht gefolgt von Spanien und Italien. Wie viele von ihnen womöglich in geheimdienstlicher Mission unterwegs sind, wird selbstverständlich in keiner offiziellen Statistik erfasst. Doch glaubt man Hollywood, steigt auch die Zahl der Spione in Berlin stetig.

Steven Spielberg etwa widmete sich mit "Bridge of Spies" dem Kalten Krieg in der geteilten Stadt, ebenso demnächst der Action-Knaller "Atomic Blonde" mit Charlize Theron. Aber auch zeitgenössische Spione finden häufig den Weg nach Berlin, wie sich in "Wo ist Hanna?", "Unknown Identity" und natürlich den "Bourne"-Filmen sehen ließ. Nicht überraschend also, dass sich mit "Berlin Station" nun eine ganze Serie dem CIA-Treiben auf deutschem Boden widmet.

In deren erster Staffel, die in Deutschland bei Netflix zu sehen ist, steht Analyst Daniel Miller (Richard Armitage, bekannt aus der "Hobbit"-Trilogie) im Zentrum, der in geheimer Mission nach Berlin geschickt wird. Offiziell handelt es sich zwar um eine reguläre Versetzung ins Team von Steven Frost (Richard Jenkins), der die Berliner CIA-Residentur leitet. Doch eigentlich soll Miller herausfinden, welcher seiner neuen Kollegen als Whistleblower heikle Interna an die Öffentlichkeit bringt. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, wenn parallel gegen vermeintliche Islamisten ermittelt werden muss und die Deutschen (in Gestalt von Bernhard Schütz und Mina Tander) ihre ganz eigene Agenda haben.

Angst vor Amis

Im Serien-Hype der letzten Jahre flog "Berlin Station" - erfunden vom Spionage-erfahrenen Schriftsteller Olen Steinhauer und verantwortet von Showrunner Bradford Winters (der auch schon für "The Americans" schrieb) - bei der US-Ausstrahlung ein wenig unter dem Radar. Ob das daran liegt, dass im Vorspann Bowies "I'm Afraid of Americans" zu hören und der Blick auf die CIA-Tätigkeiten insgesamt recht kritisch ist?

Winters findet die Erklärung statt in amerikanischen Berührungsängsten eher in der Tatsache, dass es sich beim verantwortlichen US-Sender Epix um einen noch relativ neuen Bezahlkanal ohne echtes Stammpublikum oder Markenprofil handelt, der hier seine erste eigene Serie in Auftrag gegeben hat. "Wir wussten, dass die Aufmerksamkeit nicht von Anfang an riesig sein würde", sagt er im Interview. "Doch das haben wir als Vorteil gesehen, denn so hatten wir die Gelegenheit, einen Weg einzuschlagen, der uns von der Konkurrenz abhebt."

Ob mit der Konkurrenz vor allem "Homeland" gemeint ist, deren in Berlin angesiedelte Staffel exakt ein Jahr vor "Berlin Station" zu sehen war, lässt Winters offen. Überhaupt vermeiden es alle Beteiligten, von sich aus einen Bezug zur Claire-Danes-Serie herzustellen. Dabei muss man mit Blick auf deren fünfte Staffel eindeutig sagen: Den Vergleich braucht "Berlin Station" nicht zu scheuen. Im Gegenteil.

Keine Postkartenmotive

Auch hier kann man sich auf ein exzellentes Ensemble verlassen, zu dem Rhys Ifans oder Sabin Tambrea gehören. Außerdem ist die Kameraarbeit von Hagen Bogdanski ("Das Leben der Anderen") hervorragend und die Inszenierung unaufgeregt, aber bezwingend. Im Zusammenspiel mit präzisen Drehbüchern gelingt es "Berlin Station" so, aktuelle Themen wie Datenleaks oder die Überwachung von Terrorverdächtigen deutlich stimmiger, aber weniger reißerisch als "Homeland" zu zeigen.

Der Hauptunterschied lässt sich derweil schon im Titel von "Berlin Station" finden. Hier geht es tatsächlich um Berlin - und zwar nicht um jenes, in dem der Kollwitzplatz in Kreuzberg liegt (siehe "Jason Bourne") oder wo man zu Fuß vom Kudamm zum Gendarmenmarkt nur fünf Minuten braucht (wie in "Homeland"). Authentizität wurde von Anfang an groß geschrieben, berichtet der ausführende Produzent Michael Scheel am Set der zweiten Staffel, die derzeit ebenfalls in Berlin und im Studio Babelsberg gedreht wird: "Es sollte nie um die üblichen Postkartenmotive gehen. Wir wollten Berlin immer so zeigen, wie wir es als Berliner selbst wahrnehmen."

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"Berlin Station": Agenten ohne Herz

Nötig war dafür nicht nur, dass - für eine US-Produktion ungewöhnlich - fast das gesamte Team hinter der Kamera aus Deutschen bestand, sondern auch, dass die Drehbuchautoren vor Ort waren. "Während der Vorbereitung haben wir gemerkt, dass man diese Geschichte nicht ferngelenkt von New York aus schreiben kann", erklärt Scheel. "Die Autoren mussten sehen, wie in der Stadt die Bezüge sind, wie etwa in Berlin der Verkehr funktioniert." Angela Mages, zuständig für die Drehorte der Serie, sagt: "Wir haben uns mehrere Tage Zeit genommen, alle Autoren durch die Stadt zu führen. Es war wichtig, sie überall die unterschiedlichen Atmosphären spüren zu lassen."

Zum Beispiel "The Wire"

Dank Mages' genauem Blick auf Berlin spielt die Serie nun nicht nur auf dem Teufelsberg und der Glienicker Brücke, sondern auch im Wedding oder am Kottbusser Tor, wo reale Schauplätze wie der Szeneladen Möbel Olfe genutzt wurden. In "Berlin Station" stimmt jede U-Bahn-Anbindung und jede zurückgelegte Fahrradstrecke, und wenn es um die "Berliner Zeitung" geht, dann wird nicht nur deren Originallogo verwendet, sondern auch der (damalige) Redaktionssitz am Alexanderplatz.

Das Pochen auf Authentizität (zu dem auch gehört, dass Deutsche sich hier konsequent in ihrer - fürs US-Publikum untertitelten - Muttersprache unterhalten) geht sogar so weit, dass die amerikanische Botschaft in der Serie vom gleichen Security-Dienst beschützt wird wie in der Realität.

Über solche Details freut sich natürlich der lokalpatriotische Berliner. Aber lohnt sich der Aufwand für ein bisschen zusätzlichen Realismus wirklich, wenn doch alle anderen Zuschauer, ob in Los Angeles, London oder Lübeck, kaum wissen dürften, wo genau das Café Einstein liegt? Bradford Winters findet: unbedingt.

"Berlin ist nun einmal eine eigene Figur in unserer Geschichte, und genau wie die menschlichen Protagonisten sollte sie kein Abziehbild sein. Außerdem gewinnt jeder Film und jede Serie dadurch, dass sie ein echtes Gefühl für ihren Ort vermitteln kann", so Winters. "Bestes Beispiel dafür ist 'The Wire'. Ich war nie in Baltimore, doch so ungeschminkt und vielschichtig, wie die Stadt in der Serie gezeigt wurde, wurde sie unglaublich attraktiv - und zu einem Ort, an den ich wieder und wieder zurückkehren wollte. Und sei es auch nur im Fernsehen."


Die erste Staffel "Berlin Station" ist zurzeit auf Netflix zu sehen



insgesamt 4 Beiträge
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blurps11 01.08.2017
1.
Hat sich die Serie wirklich so stark verbessert ? Der Anfang war dröger Mist, darüber konnten auch die authentischen Schauplätze nicht hinwegtäuschen. Vielleicht lohnt sich ja ein zweiter Blick auf die neuen Folgen.
solongcharly 01.08.2017
2. Dass die BRD einem ausländischen Geheimdienst...
Dass die BRD einem ausländischen Geheimdienst einen Freibrief für deren Agententätigkeit auf eigenem Staatsgebiet ausstellt lässt schon Fragen nach der Staatlichen Souveränität aufkommen. Die geduldete Tätigkeit allerlei US-Dienste in Deutschland ist keine Fiktion. Die Besatzungs-Sonderrechte der USA in Deutschland haben sich in Form des NATO-Truppenstatutes bis heute gehalten, das wurde sogar wissenschaftlich akribisch aufgearbeited von Prof. Foschepoth. https://www.youtube.com/watch?v=E79NARBuMS8 https://www.youtube.com/watch?v=uUmYipZJO8s
banalitäter 02.08.2017
3. Netflix
Es wäre schön , wenn schon in der Überschrift deutlich würde , das es eine Netflix Serie handelt . Dann könnten alle Leser , die kein Netflix haben , den Artikel überspringen , statt am Textende zu erfahren , vom wem die Serie kommt . Nicht sehr Leserfreundlich .
Gprdon Shumway 02.08.2017
4. Naja...
["Hier geht es tatsächlich um Berlin - und zwar nicht um jenes, in dem der Kollwitzplatz in Kreuzberg liegt (siehe "Jason Bourne") oder wo man zu Fuß vom Kudamm zum Gendarmenmarkt nur fünf Minuten braucht (wie in "Homeland")."] Sich mal eben auf dem Teufelsberg mit nem Informanten zu treffen (wie in Ep. 1 geschehen) reiht sich da aber schon nahtlos ein, ne? Ich fand's ein bisschen wie Panini-Bilder sammeln mit Berliner Locations. Das macht zugegeben Spass, wenn man sich in dieser Stadt ein bisschen auskennt, der eigentliche Plot ist aber dann doch eher B-Ware und Lichtjahre von zB the Wire (weil im Text vom Showrunner erwähnt) entfernt. Falls man in Berlin wohnt, empfehle ich jedenfalls vor die Tür zu gehen und sich die realen Orte anzuschauen. Unter Garantie ergeben sich da mindestens ebenso spannende Geschichten.
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