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Berlin-"Tatort": Der Doktor und das liebe Krankenkassenvieh

Die Krimikolumne von

Ist die Gesundheitsreform Mord? Die ARD-"Tatort"-Kommissare Ritter und Stark tauchen ab in die Welt der deutschen Zweiklassenmedizin, die Ärzte und Patienten ins Verbrechen treibt. Ein Themen-Krimi mit angemessenem Furor.

Berlin-"Tatort": Hippokrates kann abdanken Fotos
rbb / GORDON

Das Quartal neigt sich dem Ende, das Budget ist ausgeschöpft. Der alte Doktor muss seine Patienten vertrösten, auch die ganz harten Fälle. Blöde nur, dass sich Schmerzen nicht vertagen lassen. Immer wieder hat der Allgemeinmediziner deshalb sein Budget überzogen - und damit die eigene Praxis in die Schuldenfalle getrieben. Denn für all die "zu viel" verschriebenen Medikamente, so sieht es das System ja vor, haben ihn die Krankenkassen in Regress genommen.

Hippokrates ist in Zeiten der Zweiklassenmedizin eben kein guter Ratgeber. Der ebenfalls praktizierende Sohn will deshalb schnellstmöglich den idealistischen Alten abservieren, eine junge Kollegin soll in die Praxis einsteigen und die Behandlungsmethoden auf die neuen bürokratischen Zwänge trimmen. Doch bald liegt die designierte Nachfolgerin erschlagen in ihrer Wohnung. In Verdacht gerät auch die Tochter eines Patienten, der aufgrund einer falschen Medikamentierung durch die Ärztin gestorben ist.

Ist die Gesundheitsreform Mord? Nach diesem kompakten, emphatischen und klug konstruierten Themen-"Tatort" muss man die Frage mit ja beantworten. Das ZDF hat den Stoff unlängst in seinem Event-Doku-Drama "2030 - Aufstand der Jungen" zur Sozialstaatsapokalypse verdichtet; der ARD-Krimi indes kommt als Kammerspiel daher, in dem die Schieflage des deutschen Gesundheitswesens im Mikrokosmos einer Altberliner Familienpraxis durchgespielt wird.

Kommissar Sorglos macht Randale

Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind in dem ansonsten überschaubaren Szenario von "Edel sei der Mensch und gesund" (Regie: Florian Froschmayer, Buch: Dinah Marte Golch und Gerhard J. Rekel) fließend gehalten: Die beiden jungen Mediziner (Thomas Scharff und Julika Jenkins) erscheinen keineswegs als gewissenlose Karrieristen, aber sie wissen, dass sich die Zukunftsträume der eigenen Praxis nur erfüllen lassen, wenn sie ein knallhartes Kostenmanagement betreiben. Und dazu gehört eben auch, Kassenpatienten bestimmte teure Medikamente vorzuenthalten, selbst wenn diese notwendig sind.

Der alte Arzt (Dieter Mann als knorriger Humanist) indes stammt noch aus einer Zeit, als das eigene ärztliche Handeln konsequent durch die Bedürfnisse der anderen bestimmt war. Kostenpläne sind für ihn Teufelszeug, Budgetierungen Auswüchse eines grausamen Bürokratismus. Das Gewissen gebietet ihm deshalb, zu tricksen, bis seine Patienten die angemessene Versorgung erhalten. Wie die Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) bald herausfinden, ließ er deshalb auch schon mal Medikamente für Kassenpatienten über privat Versicherte abrechnen.

Während der zur Hypochondrie neigende Stark sich zwischen all dem gesundheitstechnischen Verwaltungselend immer nervöser seinen Schal um den Hals bindet, reagiert Ritter anfänglich mit Unverständnis auf die Aufgeregtheit: Worum geht es überhaupt? Der Herr Kommissar Sorglos hat natürlich keine Ahnung, muss ja selbst nie zum Arzt. So einen kriegt man sowieso nur über eine Frau zum Mitfühlen. Also haben die "Tatort"-Macher eine hübsche Mutter (Kirsten Block) ins Buch geschrieben, deren kleine Tochter an Mukoviszidose leidet. Die medizinische Unterversorgung befördert das kranke Mädchen gegen Ende gar an die Grenze zum Tod.

Zugegeben, ein arg schlichter Dreh - der dem zuvor relativ trockenen Themen-Krimi allerdings einen angemessenen Furor verleiht. Aufgewühlt wie selten sieht man Kommissar Ritter am Ende im Krankenhaus Stühle im Wartesaal wegtreten, während er aus dem Bild wütet. Auch ein Statement.

"Tatort: Edel sei der Mensch und gesund", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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1. Adlershof lässt grüßen
gsm900, 01.04.2011
Zitat von sysopIst die Gesundheitsreform Mord? Die ARD-"Tatort"-Kommissare Ritter und Stark tauchen ab in die Welt der deutschen Zweiklassenmedizin, die Ärzte und Patienten ins Verbrechen treibt. Ein Themenkrimi mit*angemessenem Furor, schreibt Christian Buß in seiner*Krimikolumne. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,753689,00.html
Krimi als Mittel der Politokraten.
2.
fluxkompensator, 01.04.2011
Plant die ARD auch mal wieder einen ganz normalen Krimi mit Mord und Äkschn ohne belehrenden Sozialklimbim? Gedanken um den Sozialstaat mache ich mir vorher, bei Tagesschau oder einem politischen Magazin.
3. Spoiler?
.link 01.04.2011
Ich trau mich nie, diese Vorberichte zu lesen, da ich befürchte, dass darin zu viel verraten wird. Sind diese Befürchtungen begründet? ;)
4. Überlicherweise erscheint dann
fridayn 01.04.2011
im Anschluss bei Anne Will einer der Krimi-Darsteller als Gesundheitsexperte zum Thema. wahrscheinlich mit dabei: Lauterbach, Rössler, eine Pharmalobbyistin ....
5. warum?
promedico 01.04.2011
Mal ehrlich, warum gibt's eigentlich ein Forum zu den Vorberichten? Worüber soll denn hier diskutiert werden? Über den Vorbericht? Über den Film ja wohl eher nicht....
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.


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