Schöner fernsehen

"Die wilden Zwanziger" in Berlin Arm, aber sexy - schon dunnemals

Arte

Eine neue Filmreihe erkundet das Europa der "Wilden Zwanziger". Das Gespür für das kommende Unheil Nationalsozialismus fehlt im ersten Teil ein wenig, dafür wirken viele der Spielszenen sehr lebensnah.

"Berlin wird nicht von Engeln bewohnt", tippt ein Mann mit Pfeife in seine Schreibmaschine: "Aber es gibt nur diese Stadt, in der man leben möchte." Der Mann ist Kurt Tucholsky, von dem man heute beinahe den Eindruck haben könnte, er habe unter Pseudonymen wie Theobald Tiger, Peter Panter oder Kaspar Hauser sämtliche Zeitungsseiten jener Ära eigenhändig gefüllt. Im ersten Teil der halbdokumentarischen Arte-Reihe "Die wilden Zwanziger" dient der Journalist und Schriftsteller als Vehikel, eine untergegangene Stadt wieder erlebbar zu machen.

Dem Ansatz kommt manches entgegen. Als Hauptstadt des soeben im Weltkrieg bezwungenen Reiches wurden auf den Straßen die politischen Flügelkämpfe ausgetragen. Die Bevölkerung litt unter Wirtschaftskrise und Inflation, erfreute sich angeblich aber umso mehr am blattgoldenen Glanz der Konzertsäle und Varieté-Theater. Hier wurzelt der Nimbus der Metropole als "arm, aber sexy", und Tucholsky ist der ideale Zeitreiseführer - weil er beide Seiten kannte. Berlin strahlt auf Tucholsky ab und Tucholsky auf Berlin.

Regisseur Christoph Weinert wollte wohl wirklich beides, ein Porträt des Mannes und ein Porträt der Stadt. Sein Film ist eine Collage aus zeitgenössischen Archivaufnahmen, aktuellen und nostalgisierend nachbearbeiteten Stimmungsbildern sowie biografischen Spielszenen, die sich ganz auf Tucholsky konzentrieren. Mit Bruno Cathomas ist der Publizist bis in die Physiognomie perfekt besetzt, seine Texte hören sich ohnehin noch besser, als sie sich lesen - vor allem, wenn sie mit historischen Aufnahmen unterlegt sind.

Wie der Igel ins Unterholz

Logisch auch, dass das aktuelle Berlin die Rolle als historisches Berlin ergattern konnte. Wenn wir uns aber in Zeitlupe durch das Brandenburger Tor über den Pariser Platz bewegen, rechter Hand das bald darauf zerstörte und neuerdings wieder aufgebaute Hotel Adlon sich erhebt und in der Ferne der Fernsehturm leuchtet, dann stimmt etwas nicht. Dann wird eine kulturelle Kontinuität behauptet, an die man als Tourist gerne glauben möchte, die es aber nicht gibt.

Ins Berlin der Zwischenkriegszeit passt ein so stacheliger Charakter wie Tucholsky aber wie der Igel ins Unterholz. Aus dem Winkel der Kritik blieb er zu beinahe allem auf Distanz, zu den Kommunisten ebenso wie zu den national gesinnten Juden, zur Bourgeoise und dem heraufdämmernden Faschismus sowieso. Seine geradezu unheimliche politische Fernsicht, mit der er kommende Gräuel vorhersah, bleibt in dieser Halbdokumentation bei allen Überblendungen von Raum, Zeit und Milieus seltsam unterbelichtet.

Stattdessen sehen wir ihn in Spielszenen mit diversen Damen turteln. Was dramaturgisch aber auch plausibel ist. Eine Metropole ist in erster Linie schließlich ein Arsenal an Möglichkeiten, und Tucholsky hat kaum eine davon ausgelassen. Ein Engel war er nicht, und untreu wurde er auch "seiner" Stadt. Aus beruflichen Gründen zog es Tucholsky 1928 nach Paris, über das er schreiben sollte: "Man wird gewahr, dass unter den gleichen ökonomischen Bedingungen in dem gleichen Mitteleuropa die Menschentypen nicht so wesentlich verschieden sein können und es auch nicht sind." Gegen romantisierende "Andichtungen", wie dieser Film sie stellenweise betreibt, war er damals schon gefeit.

Im zweiten Teil der Reihe ("Paris: Ein Fest fürs Leben", 29. April) taucht Tucholsky denn auch nicht auf, hier dienen Louis Aragon und Ernest Hemingway als Gewährsleute für die "Années folles". Mit einer Betrachtung von Wien ("Ein Tanz am Abgrund", 6. Mai) und einer Würdigung von Arnold Schönberg, Karl Kraus oder der Fotografin Trude Fleischmann rundet sich die nostalgische Rückschau auf ein Europa, das schon seit hundert Jahren unterzugehen scheint. Mindestens.


"Die wilden Zwanziger", ab 22.4., 21.45 Uhr, Arte



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polargreis 22.04.2015
hschmitter 22.04.2015
hschmitter 22.04.2015
williondo 22.04.2015
two-d 22.04.2015
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alterschwede02 23.04.2015
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gloobass 23.04.2015
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