Die Berliner Box-Bude ist auch nicht mehr das, was sie mal war. "Wer boxt hier denn so in diesem Milieu?", fragt der Kommissar den Coach. "Hier ist nicht Milieu", sagt der, "hier ist alles." Also: Ärzte und Assis, alter West-Berliner Geldadel und echter Wedding-Kiez. Der Tote, dessen Mörder nun gefasst werden soll, hatte zum Beispiel einen türkischen Türsteher als Sparringspartner.
Und was hält dieser Mesut vom Tod des Sportkameraden? "Dass Anwalt krass tot ist... Habe ich vor zwei Tagen noch gegen ihn gefightet!" Überlegen lächelnd fragt der Kommissar: "Und über was haben Sie so gesprochen, nach dem Kampf?" Antwort: "Philosophie. Sinn des Lebens und so. Weissu, die meisten Schwachmaten denken, dass Boxen eins, zwei auf die Fresse hauen is. Aber Boxen is Kunst." Ein Alibi hat der Türke auch: Er hat zur Tatzeit an der Tür gestanden. Im Berghain. "Ist bester Club der Welt!"
Miljö und Weltstadt, in den besseren Episoden des Berliner "Tatorts" geht beides. Zehn Jahre und 24 Folgen ermitteln sich die beiden unterschiedlichen Kommissare, der Aufreißer Till Ritter (Dominic Raacke) und der Spießer Felix Stark (Boris Aljinovic), schon durch Neu-Regierungssitz und Altberliner Kneipen, durch Yuppie-Höllen und Problem-Kieze. Klingt nach Berlin-Klischee? Ja, aber was ist Berlin denn anderes als ein großes Klischee?
Glücklicherweise lässt Autor und Regisseur Heiko Schier die Stereotypen, Selbstlügen und Mythen der Stadt so aufeinanderprallen, dass es eine hübsche ironische Gemengelage ergibt. Alles drin: das Berghain als bester Club der Gegenwart genauso wie der Dschungel, jene legendäre West-Berliner Disco, wo in den späten siebziger Jahren schon David Bowie und Iggy Pop gefeiert haben.
Menschenrechte für Schweine?
An diesen Dschungel denkt hier seufzend Kommissar Ritter zurück, der in seinen obligatorischen Cowboystiefeln und mit seinen ewigen Augenringen immer noch ein wenig so aussieht, als käme er gerade aus der Party-Hölle getorkelt.
Der neue Fall führt in die Zeit zurück, als in Berlin noch die Mauer stand. Auf einem Schrottplatz nahe dem Mauerpark in Wedding - dem einzigen Ort Berlins, auf dem es noch urig wuchert wie zu Zeiten der Teilung und auf den es Spekulanten abgesehen haben - wird die Leiche eines Anwalts gefunden. Der war vor vielen Jahren in einen Entführungsfall involviert, bei dem ein Baby verschwunden ist. Zuletzt setzte sich der Jurist für aus der Haft entlassene Sexualstraftäter ein, verteidigte sie gegen Bürgerwehren, die die alte, vom Bundesverfassungsgericht einkassierte Sicherungsverwahrung wiederhaben wollen.
Einmal besuchen die beiden Polizisten die Mutter eines ermordeten Jungen, die sie mit müdem Blick fragt, ob die Freiheit der Mörder gerecht sei: "Seit wann gelten Menschenrechte für Schweine?" Ein anderes Mal besuchen sie einen Straftäter, an den Beinen Fußfessel, vor der Tür skandierende Demonstranten. "Ist das Freiheit?", fragt der Ex-Knacki die beiden Ermittler bitter. Dann erzählt er, wie er mit dem toten Anwalt bei dessen letztem Besuch lecker Pflaumenkuchen gegessen hat.
Erstaunlich, wie viel aktuelle Debatte die Macher in ihren "Tatort" kriegen, ohne den beiläufigen Tonfall zu verspielen. Am Ende wendet sich die Geschichte schließlich in ein verschlungenes Melodram, in dessen Zentrum die undurchsichtige Charity-Unternehmerin Ina Kilian (Rebecca Immanuel aus "Edel & Starck" ohne jedes drollige Augenrollen) steht. Auch hier ist der Film ambitioniert, ohne seine Leichtigkeit zu verspielen.
"Mauerpark" ist ein erzählerisch wendiger Krimi aus dem sich stetig verändernden Berlin, der nicht alle Rätsel der Stadt zu lösen versucht. Noch mal ein Dialog aus der Boxbude: "Warum geht 'n gut situierter Anwalt in so eine Höhle?", fragt der Kommissar. Als Antwort gibt es vom Trainer ein Achselzucken und eine Gegenfrage: "Ich verstehe auch nicht, warum Männer Latte Macchiato trinken."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Im Fadenkreuz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH