Berliner Mafia-Saga im TV Von Bullen und anderen Schweinen

Gute Cops, böse Kriminelle - und umgekehrt: Die so großartige wie gefährliche Serie "Im Angesicht des Verbrechens" erzählt von der russischen Mafia in Berlin. Regisseur Dominik Graf ist ein Koloss von TV-Film gelungen, der die deutsche Fernsehlandschaft verändern wird - im guten wie im schlechten.

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ARD/Julia von Vietinghoff

Der Typ ist definitiv ein Schwein, aber ab Folge acht will man ihn eigentlich nur noch streicheln. Der Berliner LKA-Mann Hollmann (Uwe Preuss) betrügt so ziemlich jeden in seinem Umfeld: die Ehefrau mit einer Kollegin, seine Polizeieinheit mit der Russenmafia.

Auf einmal ist man mittendrin im vermurksten Privatleben des korrupten Polizisten, der daheim im Keller dreckige Hundert-Euro-Schein-Bündel hortet, weil es der Familie doch gut gehen soll. Doch die Ehefrau will mit dem Geld nichts zu tun haben. Der Mann versucht, sich das Leben zu nehmen, wird daran aber gehindert von seiner Geliebten, die sich ein Loch ins Bein schießt und danach den Wagen in einen Kanal lenkt. Schließlich sitzen sie wie die begossenen Pudel am Wasser. Nicht mal sterben können deutsche Bullen mit Stil.

Der glücklose LKA-Ermittler ist einer von rund 30 Charakteren in Dominik Grafs Zehnteiler "Im Angesicht des Verbrechens", einem verschlungenen Krimi-Epos über die Russen-Mafia in Berlin und ihre deutschen Gegenspieler dies- und jenseits des Gesetzes. Dieser Hollmann steht nicht mal im Zentrum der Geschichte und doch offenbart sich in ihm deren ganzer Reichtum: Gut und Böse liegen hier ganz dicht beisammen, gewissenlos erscheinende Gewaltmenschen entpuppen sich als liebende Familienmenschen, ihre Gier erscheint als Sehnsucht.

Deutsche Cops und russische Kriminelle sind deshalb gelegentlich nicht auseinanderzuhalten, alle werden sie von dieser aggressiven Sehnsucht getrieben. Doch die hiesigen Beamten sind den Mafia-Gegenspieler heillos unterlegen - und das eben zeigt sich im LKA'ler Hollmann am besten: Während dessen kleine verbrecherische Energie im korrekten Kleinfamilienhaushalt ins Leere läuft, kann die große verbrecherische Energie des Mafia-Clans mithilfe der Familienehre noch mal ordentlich befeuert werden. Piefiges Pflichtgefühl gegen massives Ehrgefühl - ist doch klar, wer da den Kürzeren zieht.

"The Godfather", made in Berlin

Dominik Graf hat mit seinem 500-Minuten-Epos, das ab heute auf Arte in Form von fünf 100-Minütern gesendet wird, bevor es im Herbst in der ARD dann in kleineren Häppchen gereicht wird, einen Koloss von Fernsehproduktion erschaffen. Schwierig zu sagen, was das eigentlich genau ist: überhöhte Mafia-Saga oder authentischer Großstadtkrimi? The Godfather made in Berlin-Charlottenburg oder Migrationsstudie über russische Einwanderer? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, und das macht "Im Angesicht des Verbrechens" so großartig, so einzigartig, so gefährlich.

Nach dieser Serie wird in Fernsehdeutschland nichts mehr so sein wie früher - und das im guten wie im schlechten Sinne. Die Produktionsgeschichte war ein einziger Skandal, am Set soll Krieg geherrscht haben. 115 Drehtage, 30 Hauptdarsteller, 180 Sprechrollen mit Menschen aus aller Herren Länder - so was kommt im deutschen Fernsehen nicht allzu oft vor.

Während des Drehs ging die Produktionsfirma in die Insolvenz, die beteiligten ARD-Anstalten übernahmen schließlich die weiteren Kosten. Über die Ursachen des Fiaskos debattiert die Branche zurzeit harsch: Hat die Produktionsfirma einfach schlecht kalkuliert? Hat Regisseur Graf egomanisch sein Ding durchgezogen? Hat die ARD die finanzielle Drecksarbeit ausgelagert, um sich später generös als Retter in Szene setzen zu können?

Die wirtschaftlichen Begleitumstände des Herstellungsprozesses sind durchaus von allgemeinem Interesse für die deutsche TV-Industrie: Denn während der Produktion von "Im Angesicht des Verbrechens" tauchte das Gewerbeaufsichtsamt am Drehort auf; es wird vermutet, dass sich Mitarbeiter über die 18-Stunden-Arbeitstage beschwert haben. Die gibt es auch bei anderen Projekten, doch da setzt man auf diplomatische Agreements, am Set von "Im Angesicht des Verbrechens" soll jedoch Dauerzwist geherrscht haben.

Mitten im Wodka-Kartell

In Zukunft steht nun das gesamte Filmgewerbe unter besonderer Beobachtung des Aufsichtsamtes; Überstunden werden nur noch schwierig durchzusetzen sein, in Kombination mit den immer geringeren Produktionsetats dürften deshalb einige interessante Filme nicht mehr realisiert werden können. Und bitte beschwere sich jetzt keiner über deutsches Fernsehbeamtenwesen - in Amerika werden aufwendigere Serien unter rigideren arbeitsrechtlichen Bedingungen durchgezogen. Es fehlt hierzulande schlicht und einfach das industrielle Umfeld (und der politische Wille) für Produktionen wie "The Wire" oder "Sopranos".

Aber auch wenn derzeit fast überall Vergleiche mit diesen beiden Fernsehinnovationen gezogen werden, "Im Angesicht des Verbrechens" ist keineswegs ein Serien-Update nach US-Vorbild geworden. Graf ist ja nicht Chefautor - er ist klassischer auteur! Er gestaltet das vorgefundene Material nach seiner Weltsicht um. Das von ihm geschilderte russisch-deutsche Milieu dient ihm als Steinbruch, um daraus überlebensgroße Figuren zu meißeln. Um von Sehnsucht und Verzweiflung, Mut und Hybris zu erzählen - also von Eigenschaften, die auch des Filmemachers eigene sein könnten.

An klassischen Plot-Points ist einer wie Graf nicht interessiert, an einer fernsehspielkompatiblen Figurenentwicklung schon gar nicht. Die Geschichte? Sie ist einfach erzählt. Und doch nicht zu fassen: Ein Berliner Cop jüdisch-baltischer Abstammung (Max Riemelt) will den Mörder seines Bruders finden - den er ausgerechnet im Umfeld seiner Schwester (Marie Bäumer) vermutet. Die ist mit einem russischen Restaurantbesitzer und Mafioso (Misel Maticevic) liiert.

Über zehn Folgen führt die Mörderjagd durch die verschiedenen Bereiche russisch-deutscher Arbeits- und Lebenswelten: Es geht um Alkoholschmuggel und Frauenhandel, ums steuerfreie Tabakgeschäft und um Schutzgelderpressung; es geht aber auch um Hochzeiten und Beerdigungen. Dabei taucht Graf genüsslich in die Zeremonien des Wodka-Kartells ein. Wie einst Francis Ford Coppola beobachtet auch er die Familien- und Geschäftstreffen in einer (fernsehuntypischen) Ausführlichkeit - und skizziert dabei ebenso wie das Vorbild die Machtdemonstrationen und Machtverschiebungen. Bei jedem heruntergekippten Wodka - und es werden viele gekippt - verändert sich das Verbrechensgefüge.

Mit Macht ist es wie mit Geld: Sie verflüssigt sich schnell und verfestigt sich dann wieder ganz schnell in neuen personellen Konstruktionen. So berichtet "Im Angesicht des Verbrechens" wie alle großen Mafia-Sagen (die im Kern ja immer kulturkonservativ sind) auch vom Verschwinden der alten "guten" Patriarchen und vom Erwachen junger "böser" Kräfte. Das Interessante ist ja, dass sich gerade diejenigen, die sich außerhalb des Gesetzes bewegen, für sich und ihr Umfeld umso strengere Gesetze ersinnen.

Der Russe als Popikone

In einer großartigen Szene belehrt ein alter Russe zwei junge Konkurrenten über moralisch legitime und illegitime Verbrechensbereiche: Tabak und Alkoholschmuggel sind demnach hui, Hehlerei und Frauenhandel pfui. Grandios, wie trocken Graf diese Mafia-Schizophrenie auf den Punkt bringt: Unser Kiez soll sauber bleiben!

Verbrecher gerieren sich bei ihm im Spiel der Wirtschaftsgezeiten auch nur als wohlanständige Dienstleister. Wie jeder gute deutsche Unternehmer klagen auch sie darüber, dass früher alles besser war. 2003 hatte Graf das Rotlicht-Psychogramm "Hotte im Paradies" gedreht; darin agiert ein kleiner Berliner Lude wie eine Ich-AG unter prekären Verhältnissen gegen die immer größer werdende Macht russischer Krimineller. Und auch für diesen zärtlichen Haudrauf galt: Unser Kiez soll sauber bleiben!

Das Drehbuch wurde damals von Rolf Basedow geschrieben. Der blieb nach der Recherche im Berliner Sexgewerbe einfach auf seinem Barhocker sitzen - und guckte sich an, wie das Milieu sich weiter veränderte. Viele authentische Sätze fließen nun in seinen und Grafs Schläger-, Schmuggler- und Spediteurs-Reigen. Doch geformt haben er und der Regisseur sie zu einem großen Epos über das ewige Werden und Vergehen von Macht unter kriminellem Vorzeichen.

Ist das realistisch? Ja, so realistisch wie das Leben italo-amerikanischer Einwanderer in Coppolas "Paten". Ähnlich wie das Vorbild im US-Kino die Migranten zu Popikonen erhoben hat, tut das jetzt auch Graf mit den Russen.

Ach, wie gerne wäre man einer von ihnen! Nur ihre Leber möchte man nicht besitzen.


"Im Angesicht des Verbrechens", dienstags in Doppelfolgen, 22.05 Uhr, Arte



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
frubi 27.04.2010
1. .
Zitat von sysopGute Cops, böse Kriminelle - und umgekehrt: Die so großartige wie gefährliche Serie "Im Angesicht des Verbrechens" erzählt von der russischen Mafia in Berlin. Regisseur Dominik Graf ist ein Koloss von TV-Film gelungen, der die deutsche Fernsehlandschaft verändern wird - im guten wie im schlechten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,691483,00.html
Ich freu mich darauf nun schon seit einem Monat. Nur die Programmchefs könnte ich über die Straße schleifen. Wie kann man so etwas nur zur gleichen Zeit die den "Duttschke"Film und die CL bringen? Da hat man mal Qualitätsfernsehn und dann solch ein Sendeplatz. Ganz schwach. Bleibt dann mal wieder nur das Warten auf die DVD.
bürger mr 27.04.2010
2. Typisch
Zitat von frubiIch freu mich darauf nun schon seit einem Monat. Nur die Programmchefs könnte ich über die Straße schleifen. Wie kann man so etwas nur zur gleichen Zeit die den "Duttschke"Film und die CL bringen? Da hat man mal Qualitätsfernsehn und dann solch ein Sendeplatz. Ganz schwach. Bleibt dann mal wieder nur das Warten auf die DVD.
Das ist doch der Standart im deutschen TV, erst kommt lange Zeit gar nichts gescheites, dann sogar nur extremer Müll, aber auf einmal, und da haben die sich abgesprochen, auf allen Kanälen Highlights. Glücklicherweise ändert sich die Fernsehlandschaft so nacheinander, über das Netz lassen sich oftmals Filme oder Serien im nachhinein noch ansehen.Zm anderen gibt es ja auch noch die gute alte Videomaschine, nur zu dumm daß man da die Werbeeinspielungen einfach ausblenden kann.
kamerakombinat 27.04.2010
3. Es soll 18 Stunden Drehtage gegeben haben ???
Es hat reichlich 18 Stunden, 16 Stunden und regelmäßig 15 Stunden Tage gegeben! Als Beteiligter kann ich das wohl sagen......... Mag sein das es ein tolles Epos geworden ist, nur die Bedingungen unter denen es entstanden ist, die sind es wert diesen Film nicht zu sehen, nein eher ihn noch zu boykottieren. Der Narzissmus einiger Personen geht über "Leichen". Da hilft es dann wenig wenn ein "künstlerisch" wertvolles Produkt entstanden ist. Leider ist es in der deutschen "Filmschaffenden Landschaft" mittlerweile Gang und Gebe lieber zu schweigen als diese Probleme öffentlich zu machen, denn wer redet bekommt kaum noch eine neuen Job in der Branche. Da wird dann eben 18 Stunden gedreht, bisweilen natürlich als Pauschalbezahlter ohne Überstundengeld....... Speziell die Praktikanten dürften bei dieser "Art" von Produktion hoffentlich eine Menge gelernt haben......... Nur so am Rande: Das war nicht die erste Produktion mit Herrn Graf die so komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Aber solange die Quote bzw. der künstlerische Wert der Produktion stimmt ist alles vergeben und vergessen.
hatem1 27.04.2010
4. Dominik Grafs 10teiler? - Rolf Basedows 10teiler!
Ist ja toll, dass der Drehbuchautor Rolf Basedow wenigstens mal erwähnt wird, nachdem permanent so getan wird, als hätte sich Dominik Graf die 500 Minuten ausgedacht. Herr Graf hat sicher gut Regie geführt und dabei die Produktionsfirma in den Ruin getrieben - aber "Im Angesicht des Verbrechens" würde es auch ohne ihn geben. Nicht aber ohne den Drehbuchautoren. ROLF BASEDOW.
Ernst Wurscht 27.04.2010
5. Täglich grüsst das Murmeltier bei Dominik Graf
Das ist doch der, der in jedem seiner Polizeifilme in denen er bis jetzt seine Fuchtel drinn hatte (Tatort, Der Fahnder, Die Katze,...) mit eingespieltem Polizeifunk immer versucht 'Spannung', 'Realismus', zu erzeugen. Das geht soweit, dass er das selbe Gelaber in unterschiedlichen Filmen wiederverwendet, nur um mal ein Beispiel für seine Fliessbandvorgehensweise zu nennen. Der Mann kann nix ausser nach immer gleichem Schema F vorzugehen und das seit über 20 Jahren. Die letzen Jahre dreht er nur noch von Anfang an auf Kommerz getrimmte TV-Eventmüll-Produktionen nach billigster Hollywoodschema F-Manier, da war selbst das immergleiche Zeug das er in den 80ern gemacht hat noch Gold dagegen. D.G. ist sowas von überschätzt, der ist nicht ohne Grund an einer Filmhochschule als Prof. gelandet. Dort versaut er leider die angehenden Studenten mit seinem holzschnittartigen Filmhandwerksverständniss. Wenn ich schon 'Saga' höre wird mir schlecht, ... zum abschalten.
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