Letzter Raacke-"Tatort" Eine Träne für den Cowboy

Der Lange geht, der Kurze bleibt - aber nur sehr kurz. Der Berlin-"Tatort" ist der letzte gemeinsame Auftritt von Cowboy Ritter und Kollege Stark. Darsteller Dominic Raacke hat gekündigt, Boris Aljinovic dreht noch eine Folge. Zum Abschied gibt's eine Briefbombe.

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Da sitzen sie nun ständig zusammen im Auto und wissen eigentlich gar nichts übereinander. Tagein, tagaus, jahrein, jahraus düsen sie durch Berlin, klingeln an den Türen von Witwen, Waisen und Verdächtigen, informieren über Todesfälle und fragen Alibis ab. Fast immer zusammen, nie wirklich gemeinsam. Wer ist dieser Andere, mit dem man ständig in der schmutzigen Wäsche fremder Menschen wühlt? Und was macht dieser andere eigentlich, wenn er nicht im Dienst ist? Wenn er nachts einsam in seiner Single-Bude sitzt?

Er schüttet sein Herz einem Radioseelsorger aus. So ist es jetzt zumindest in der neuen Folge des Berliner "Tatort".

Im Hauptstadt-Fernsehrevier, in dem die Polizisten so viel im Auto herumfahren, an Türen klingeln und Alibis abfragen wie in keinem anderen deutschen Krimi (sehen Sie hier eine kommentierte Aufstellung aller "Tatort"-Teams), gibt es eine schöne Szene, die die Einsamkeit der Kommissare auf den Punkt bringt: Nach einem Mordanschlag auf einen Radiomoderator, der seine Hörer nachts zur psychologischen Beratung bittet, hört sich Kommissar Felix Stark (Boris Aljinovic) die Bänder von dessen letzten Sendungen an - und entdeckt unter den Anrufern auch den Kollegen Ritter (Dominic Raacke). Der erzählt von einer Frau, die an einer Krankheit gestorben ist, bevor er ihr seine Liebe erklären konnte.

Der Outlaw geht

Später sitzen Stark, der Kurze mit dem sozialen Sendungsbewusstsein, und Ritter, der Lange mit der Outlaw-Attitüde, zusammen im Auto, und der eine weiß, dass der andere weiß. Ein kurzes "Scheiße", ein verschämter Blick, ein stilles Lächeln des Gegenübers - hat sich Stark da etwa eben eine Träne aus dem Auge gewischt? So kommt es zu einem seltenen zärtlichen Moment zwischen dem Sanften und dem Cowboy.

Es wird der letzte zärtliche Moment bleiben. In Zukunft gehen die Darsteller Aljinovic und Raacke getrennte Wege. Ausgerechnet nach der sensationellen Folge "Gegen den Kopf" über die digitale Überwachung des öffentlichen Raums in Berlin im vergangenen September verkündete der RBB, dass Schluss sein solle mit dem Team des Hauptstadt-"Tatort".

Die aktuelle Folge "Großer schwarzer Vogel" war bereits abgedreht, ein letzter gemeinsamer Fall sollte nach Willen des RBB noch fertiggestellt werden. Dafür hätte allerdings noch einmal der Vertrag von Raacke, der vor seiner Zeit mit Aljinovic bereits mit Stefan Jürgens im Berliner "Tatort" unterwegs gewesen war, verlängert werden müssen. Wollte Raacke aber nicht, er schmiss hin. Aljinovics Vertrag läuft noch ein bisschen weiter, deshalb wird er im Mai eine letzte Episode drehen, dann als Solo-Ermittler. Sie wird im November zu sehen sein.

Klingeln, quatschen, Auto auf

Ein Ende, das gemischte Gefühle hinterlässt. Einerseits gab es in den jetzt insgesamt 30 gemeinsamen "Tatorten" von Aljinovic und Raacke immer wieder diese starken Szenen voll stiller Wucht wie oben beschrieben, andererseits wirkten die Filme oft extrem zusammengezimmert. Die aktuelle Folge ist dafür noch mal ein Beispiel: Allein drei Personen werkelten am Drehbuch herum; nicht anzunehmen, dass es eine freiwillige Kooperation war. Die Idee stammt von Titus Selge, die Ausführung von Jochen Greve, die Nachbearbeitung lag bei Britta Stöckle.

Die Autoren schicken Ritter und Stark nun durch einen besonders verfransten Fall, ständig drohen die beiden über die vielen losen Erzählfäden zu stolpern: Auf Nico Lohmann (Florian Panzner), den Radioseelsorger, wurde ein Briefbombenanschlag verübt. Dabei kam der Sohn der Putzfrau der Nachbarn ums Leben, dessen Mutter nun nächtelang vor dem Büro der beiden Kommissare lungert. Der Seelsorger war früher Profischwimmer, musste aber nach einem Autounfall die Karriere aufgeben. Beim Crash kamen einst auch eine Gemüsehändlerin und ihre Tochter ums Leben; der Witwer und Vater schiebt noch immer Hass auf den Radiomoderator. Außerdem hat eine Frau sich in der Sendung des Seelsorgers über die Gewaltausbrüche ihre Mannes beklagt - und der bedroht nun den Radiomoderator.

So viele häusliche Dramen, jedes einzelne hätte für einen eigenen "Tatort" gereicht. Doch Regisseur Alexander Dierbach, der vorher mit der Rostocker "Polizeiruf"-Folge "Fischerkrieg" einen astreinen Milieukrimi geliefert hat, kriegt das von den drei Autoren hinterlassene Tohuwabohu an zerbrochenen kleinbürgerlichen Lebensträumen nicht geordnet. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als die beiden Ermittler zwischen den verschiedenen Baustellen hin und her kurven zu lassen - in einem nicht enden wollenden Parcours aus klingeln, quatschen und Auto aufschließen.

Am Ende gibt's für Cowboy Ritter nicht mal einen schönen Sonnenuntergang. Er verschwindet einfach auf Nimmerwiedersehen in eine besonders trübe Berliner Nacht.


"Tatort: Großer schwarzer Vogel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 16 Beiträge
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Demokrator2007 07.02.2014
1. Ein gutes Team hört auf
Zitat von sysopARDDer Lange geht, der Kurze bleibt - aber nur sehr kurz. Der Berlin-"Tatort" ist der letzte gemeinsame Auftritt von Cowboy Ritter und Kollege Stark. Darsteller Dominic Raacke hat gekündigt, Boris Aljinovic dreht noch eine Folge. Zum Abschied gibt's eine Briefbombe. http://www.spiegel.de/kultur/tv/berliner-tatort-abschied-von-dominik-raacke-als-kommissar-ritter-a-944929.html
In Zukunft dann also Tatort mit Darstellern die gerade "hipp" sind mit schicker Lifestylethematik? Versucht man da etwa gegen NCIS, CI und diesen ganzen anderen meist sehr oberflächlichlichen Hollywoodkram gegenan zu stinken-und OBWOHL die Quoten top sind. Warum dann das Ganze? Vielleicht weil ein paar Serienjunkies mit viereckigen Augen oder ein paar GEZ-Verweigerer (die jedoch keineswegs auf Bundesliga und Olympia verzichten und sich über zuviel Werbung und Dünnbrettformate bei den Privatem ärgern) das wollen? Ciao DD P.S. Ich finde die neuen Tatort Teams bes. Faber,Murot und Stellbrink komplett überzeichnet und Team Boerne/Thiel sind eher Comedytruppe als Ermittlerteam-da will ich dann inzw. nicht mehr zusehen.
hackmackenreuther 07.02.2014
2. so
what?
Dumme Fragen 07.02.2014
3. Hmmm....
Zitat von hackmackenreutherwhat?
Wenn es so weitergeht, hab ich Sonntags wieder Zeit, den Fernseher auszulassen. Bis auf Lena und Borowski sind alle bald tot oder in Rente, die ich gerne geguckt habe... (Denn auch danach läuft nix mehr mit Wallander oder Beck.)
z_beeblebrox 07.02.2014
4. Endlich
Trauere beiden keine Träne nach. Vor allem Dominic Raacke war zuletzt unerträglich anzusehen. Aber was kommt danach? Hoffentlich lassen sie den Eindimensionalen (Til Schweiger) im Schrank. Der ist noch schlimmer. Gibt es wirklich keine guten Schauspieler mehr, die nen Tatort machen wollen?
Ballonmütze 07.02.2014
5. Nerd?.
Ist denn wieder der Computerfachmann mit Bauch und Bart dabei? Der war ein Knaller.
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