Überwachungs-"Tatort" aus Berlin: Sag cheese, Totschläger!
Zwei Cops, 12.000 Überwachungskameras: Anhand grob gepixelter Bilder müssen Ritter und Stark den Mord in einem U-Bahnhof rekonstruieren. Ein schmerzhaft detaillierter Krimi über Fluch und Segen digitaler Überwachungssysteme - und der beste "Tatort" aus Berlin seit langer Zeit.
Berlin in zehn Sekunden und 100 Schnappschüssen: Vier Koreanerinnen posieren kichernd vor dem Brandenburger Tor. Anschließend stoßen sie, Bottiche von Mixgetränken schwenkend, mit einem Geschäftsmann in einer Bar in Mitte an. Ein paar Schnappschüsse später liegt der inzwischen stark alkoholisierte Geschäftsmann, die Augen lustig verdreht, eine Klobürste in der Hand, auf der Toilette eines Berliner Luxushotels. Gegen Ende der Bildserie albern die Koreanerinnen dann in der U8 Richtung Hermannstraße herum - während sich drei Bänke hinter ihnen eine Gewalttat anbahnt.
Impressionen eines exzessiven Hauptstadt-Trips, durch die sich die Computerspezialisten der Berliner Mordkommissionen während einer Nachtschicht binnen weniger Sekunden klicken. Die Bilder stammen vom Smartphone einer der Koreanerinnen - die sich nun in einem Mordfall wiederfinden.
In der U-Bahn-Haltestelle Schönleinstraße haben zwei Jugendliche einen Mann totgetreten; die Polizei trägt Aufzeichnungsschnipsel für Aufzeichnungsschnipsel zusammen, um die Nacht zu rekonstruieren. Aufnahmen aus den beiden Überwachungskameras am Bahnhof, die aber genau den Ort der Tat nicht im Fokus hatten. Anonyme Telefonanrufe, die Aufschluss über Details geben. Handy-Bilder wie die der Koreanerinnen, die immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit zeigen. Polizeiarbeit ist hier vor allem Entschlüsselungs- und Puzzlearbeit am Computer.
Digitale Kopie einer Großstadt
Diesem "Tatort" liegt das Wissen zugrunde, dass es inzwischen für fast jede Bewegung im öffentlichen Raum eine Art digitalen Abdruck gibt - dass es allerdings penibler Kombinationsarbeit bedarf, um diese zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzusetzen. Wie Hauptkommissar Ritter (Dominic Raacke) und Kollege Stark (Boris Aljinovic) doch schwitzen, um aus dem Überwachungschaos eine Wahrheit herauszufiltern.
Die Berliner Episode "Gegen den Kopf" zeigt Ermittlerarbeit so gründlich, rasant und detailversessen wie kaum ein "Tatort" zuvor. Es werden in Sequenzen, die oft nur Sekunden lang sind, bizarre Seitenstränge wie eben das Saufgelage der Koreanerinnen aufgemacht. Es wird, stimmig bis zur letzten Ampelkreuzung, die Topografie Berlins vermessen. Und es wird gleichzeitig nachgezeichnet, wie sich diese Topografie in die Kommunikations- und Sicherheitstechniken eingeschrieben hat. Berlin - digitale Kopie einer Großstadt.
Schon beim letzten Hauptstadt-"Tatort" ließen sich neue Ambitionen in dem zuvor etwas aus dem Takt geratenen TV-Revier erahnen. Da wurde der berühmte Entführungsfall des Jakob Metzler als Vorlage genommen, um die kleinteilige, ermüdende Polizeiarbeit in solchen Situationen zu schildern. Doch die Ermittler wirkten wie auf Valium gesetzt und mit hängenden Augenlidern durch die Dialogendlosschleife getrieben. Wir nannten den Krimi an dieser Stelle den langweiligsten "Tatort" aller Zeiten- und bekamen dafür von den Lesern reichlich harsche Kritik zurück.
Volkszählung? Find ich gut!
Das Urteil aber bleibt: Ambition alleine reicht nicht, es braucht auch einen Filmemacher, der harte und zermürbende Polizeiarbeit zeigen kann, ohne dass es für den Zuschauer hart und zermürbend ist. Autor und Regisseur Stephan Wagner ist so einer. Mit seiner ZDF-Produktion "Der Fall Jakob Metzler" hatte er interessanterweise fast parallel zum letzten Berliner "Tatort" seine eigene, extrem detailgenaue Chronik der Entführung vorgelegt und dafür einen Grimme-Preis gewonnen. In seinem "Tatort" gelingt es Wagner nun, die lakonische Puzzle-Arbeit der beiden Ermittler mit aberwitzigen Passagen zu kombinieren.
Zwei Cops und 12.000 Überwachungskameras: Das ist eine Situation, in der Ritter und Stark auch schon mal zu ihrer alten ironischen Grandezza zurückfinden, etwa wenn der ehemalige linke Aktivist Stark beklagt, dass jetzt Realität wäre, wogegen er früher auf Demos gekämpft hätte. Stichwort: Volkszählung. Ritter grinst nur grimmig und kontert, dass er als Polizist den "gläsernen Bürger" eigentlich begrüßenswert findet. Also ermittlungstechnisch gesehen. Und übrigens: Er habe damals ja als Volkszähler gearbeitet - der Weiber wegen, die ihn da immer in ihre Wohnung gebeten hätten. Hehe, nur ein Scherz.
In einer anderen Szene will ein Sondereinsatzkommando die Wohnung eines Verdächtigen stürmen und landet im Bett eines niedlichen Greisenehepaars. An den Kopf des zahnlosen Alten wird ein Großkaliber gehalten. Es beweist das Können von Regisseur Wagner, dass er Pointen, Pech und Pannen in seinen Überwachungskrimi einbaut, ohne die professionelle Ermittlerarbeit zu diskreditieren.
Auch gelingt es ihm, in der letzten halben Stunde dem eigentlich schon rekonstruiert geglaubten Tathergang neue Deutungen abzuringen. Auf einmal stehen die beiden jugendlichen Totschläger im Fokus, von denen die Ermittler bislang nur digitale Spiegelungen und Zerrspiegelungen besaßen. Es folgt großes Verhör-Kino, das zeigt, dass auch die ausgefeilteste Technik keine Kommissare ersetzen kann. Die Monitore zeigen nun mal immer nur die halbe Wahrheit.
"Tatort: Gegen den Kopf", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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