Berlin-"Tatort" über Krisen-Kiez: Stirb, Taxifahrer!

Von Christian Buß

Berlin ist arm und gar nicht sexy: Der Tod eines Taxifahrers zeigt, wie sehr Berlins Kleinunternehmer ums Überleben kämpfen müssen. Die Ermittlungen führen Ritter und Stark in kriselnde Feinkostläden und bankrotte Kaschemmen - der "Tatort" als arg bedächtiges Requiem.

"Tatort" aus Berlin: Berlin bankrott
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rbb

Was waren das für wunderbare Zeiten, als man mit Taxifahren noch richtig Geld machen konnte. So wie Herbert Klemke, der 1967 sein eigenes kleines Fuhrunternehmen aufgemacht und mit dem Gewinn über all die Jahre ansehnliche Immobilien erworben hat. Bringt ihm jetzt aber auch nichts mehr, er liegt tot auf dem Schreibtisch seines Büros.

Als Täter kommt so ziemlich jeder in Frage, der den solventen Kleinunternehmer mal angepumpt hat. Zum Beispiel seine Tochter (Nicolette Krebitz), die in Australien eine Tauchschule eröffnen will. Oder die junge Feinkosthändlerin (Alwara Höfels), die nicht mehr die hohen Nebenkosten für ihren Laden in einem seiner Häuser aufbringen kann. Oder der junge türkische Taxifahrer, der seinen eigenen Betrieb aufgemacht hat und mit Klemke im Clinch lag (Oktay Özdemir). Für den Halbstarken allerdings bloß Alltag, denn: "Taxi-Fahrer sind ständig im Krieg."

Wo man in diesem Berliner "Tatort" (Regie: Florian Kern, Buch: Michael Gantenberg, Hartmut Block) auch hinschaut: Überall kämpfen die Besitzer von Klitschen ums Überleben. Der türkische Taxifahrer lässt seine Leute schwarzfahren, weil der Job sonst gar nichts abwirft. Die Feinkosthändlerin in ihrem Oliven-Cappuccino-Puppenstübchen sieht sich von einem schnöden Einkaufszentrum bedroht, das in der Nachbarschaft hochgezogen werden soll.

Banker der Barmherzigkeit

Und auch die holzgetäfelte Altberliner Kaschemme, in der die Ermittler Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljonovic) ihr Bier trinken, muss am Ende dem Zeitgeist weichen: An der verschlossenen Tür klebt ein Plakat, dass bald ein Matratzen-Center einziehe. Der "Tatort" als Requiem aufs Kleinunternehmertum.

Was eigentlich anrührend sein könnte, verbreitet bald eine Stimmung der Agonie. Die Schauspieler stehen arg einsam in ihren leeren Läden herum, die Dialoge sind geschmeidig wie Sargnägel. Um das Ganze zu beschleunigen, müssen die Kommissare die ganze Zeit durch die Stadt düsen, PS-Macho Ritter im Auto, der knuffige Stark auf seinem Rad. Natürlich ist er damit viel schneller im zähen Hauptstadtverkehr - was auch noch zu bemühten Reflexionen über das Thema Mobilität führt.

Schade, dass das Berliner Revier nach der smarten Jubiläums-Ausgabe im Oktober wieder in die alte Bescheidenheit zurückfällt. Zumal der Kleinunternehmer-Krimi zwei interessante Heldinnen parat hält: Da ist die Bankangestellte Christa Meinecke (Tatjana Blacher), die Geld von wohlhabenden Kunden für kurze Zeit auf die Konten von kreativen Existenzgründern verschiebt, damit die kreditwürdig sind und ihre Ideen umsetzen können. Verzweifelt stimmt sie vor den Polizisten, die ihre Tricksereien aufdecken, ein Klagelied an: "Meine Bank finanziert jede Shopping-Mall, aber ein kleiner Blumenladen, der nicht über ein weltweites Netz von Filialen verfügt, kriegt nichts." Der halbe Kiez hängt an der barmherzigen Bankerin.

Und da ist die Sekretärin des toten Taxi-Unternehmers, die auch die Mieten für dessen Immobilien einsammelt. Wenn es mal wieder eng wird, akzeptiert sie von den armen Bewohnern auch mal eine Plastiktüte mit Pfandgeld. Die wunderbare Renate Krößner ("Solo Sunny") spielt die Samariterin mit subtiler Doppelbödigkeit: Für jeden Menschen, der in ihre kleine Welt platzt, hat sie einen Kaffee parat, ihre Wutausbrüche sind dafür umso heftiger. Das Gute, es ist in diesem Grabgesang aufs kleine ehrenwerte Unternehmertum einfach nicht von langer Dauer.


"Tatort: Alles hat seinen Preis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 2 Beiträge
RainerWahnsinn 01.04.2012
unlogisch, was war bei den Lohnabrechnungen so besonderes, wo war das Konto von dem die Bankerin abgebucht hat, jeder wurde mal schnell festgehalten - wie vor 20 Jahren, keine Dynamik, kein Witz, langweilige Dialoge, so geht [...]
unlogisch, was war bei den Lohnabrechnungen so besonderes, wo war das Konto von dem die Bankerin abgebucht hat, jeder wurde mal schnell festgehalten - wie vor 20 Jahren, keine Dynamik, kein Witz, langweilige Dialoge, so geht derTatort kaputt
Grafsteiner 01.04.2012
Immer diese bedeutungsvollen Blicke der Schauspieler als Stilmittel ins Leere. Als dann ein inhaltsleeres Weibergequatsche mit einer Elegie von Hochhäusern im Abendlicht, begleitet von einer Schlafmusik gesendet wurde, schlummerte [...]
Immer diese bedeutungsvollen Blicke der Schauspieler als Stilmittel ins Leere. Als dann ein inhaltsleeres Weibergequatsche mit einer Elegie von Hochhäusern im Abendlicht, begleitet von einer Schlafmusik gesendet wurde, schlummerte ich ein.
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  • Freitag, 30.03.2012 – 14:48 Uhr
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Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er schaut mehr Fernsehen als Familie und Freunde für ratsam halten. TV-Krimis sind für ihn mehr als Täterrätsel - sie öffnen ihm Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Mordsunterhaltsam sind die Filme zuweilen natürlich auch.





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