Drehbuchskandal Bewährungsstrafe für NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze

Urteil in der NDR-Affäre: Doris Heinze, die frühere Fernsehfilmchefin des Senders, wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Sie hatte ihrem Arbeitgeber unter Pseudonym Drehbücher von sich und ihrem Mann untergeschoben.

DPA

Hamburg - Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre Haft gefordert, aber das Hamburger Landgericht blieb deutlich unter diesem Antrag. Es hat die ehemalige NDR-Fernsehfilmchefin Doris J. Heinze zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Die Kammer setzte das Strafmaß auf Bewährung aus. Das Gericht sah es am Montag als erwiesen an, dass die 63-Jährige dem NDR als Filmchefin mehrere Drehbücher von sich und ihrem Mann unter Pseudonym untergeschoben hatte. Heinzes ebenfalls angeklagter Ehemann und eine Filmproduzentin erhielten Geldstrafen.

Heinze musste sich seit dem 5. Juli 2012 wegen Bestechlichkeit in vier Fällen, schwerer Untreue in drei Fällen und Betrugs vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Ihr Verteidiger hatte auf eine Bewährungsstrafe von sieben Monaten Haft plädiert.

"Ich selbst bin mit dem Urteil zufrieden. Ich glaube auch, dass Frau Heinze sehr gut damit leben wird", sagte ihr Verteidiger Gerd Benoit. Heinze verließ nach dem Urteilsspruch wortlos mit ihrem Mann das Gericht und hielt ihr Gesicht hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Die Filmproduzentin wandte schon im Gerichtssaal bewusst ihr Gesicht von den Kameras ab.

Ihr Ehemann, Claus Strobel, muss 180 Tagessätze zu jeweils 18 Euro zahlen und Richter-Karst 300 Tagessätze zu jeweils sieben Euro. Die Filmproduzentin, die nun wegen Bestechung verurteilt wurde, habe gewusst, dass Heinze gegen ihre Pflichten dem Sender gegenüber verstoßen habe.

"Die Vetternwirtschaftsproblematik muss Ihnen ziemlich klar vor Augen gestanden haben", sagte der Richter. Beide Geschäftsfrauen hätten darauf vertraut, dass Heinze beim NDR Projekte durchbringen konnte.

Heinze hat ihre einflussreiche Position ausgenutzt

Heinze hatte auf der Anklagebank zugegeben, unter den Pseudonymen Drehbücher von sich und ihrem Ehemann bei ihrem Sender eingeschleust zu haben. Sie habe dazu ihre einflussreiche Position ausgenutzt, hatte sie erklärt.

Oberstaatsanwältin Cornelia Gädigk sagte, Heinze und ihre beiden Mitangeklagten, Heinzes Ehemann Claus Strobel und die Münchner Produzentin Heike Richter-Karst, hätten ein "System der Selbstbedienung auf Kosten der Gebührenzahler" geschaffen. Sie hätten vor allem "aus eigennützigen, wirtschaftlichen Motiven" gehandelt. In der Urteilsbegründung hieß es, dass Heinze "die treibende Kraft" in der Affäre gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Heinze eine sogenannte Amtsträgerin war. Nach einem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs gelten verantwortliche Redakteure von ARD, ZDF und Deutschlandradio als "Amtsträger" und können damit bei der Annahme von Schmiergeldern wegen Bestechlichkeit bestraft werden - ebenso wie zum Beispiel Beamte.

Heinze hatte in ihrer Zeit als Abteilungsleiterin beim NDR dem Sender insgesamt vier Drehbücher ihres Mannes unter dem Pseudonym "Niklas Becker" eingereicht. Dies war bereits vor drei Jahren aufgedeckt worden. Ein fünfter Auftrag wurde nicht realisiert. Aus ihrer eigenen Feder stammten zwei Drehbücher mit dem Pseudonym "Marie Funder", die sie ebenfalls dem NDR unterschob. Als die Vorwürfe öffentlich wurden, kündigte der NDR Heinze fristlos.

In die Familienkasse gewirtschaftet

Pflichtwidrig habe Heinze bei der Auftragsvergabe gehandelt, durch Drehbuch-Aufträge an ihren Mann obendrein in die eigene Familienkasse gewirtschaftet, urteilte das Gericht. Die Aufbesserung der eigenen Finanzen - "es wäre lebensfremd anzunehmen, dass das überhaupt keine Rolle spielte", sagte Richter Bruns. Heinzes Verteidiger hatte es anders dargestellt: "Die Lust am Schreiben" sei das Hauptmotiv bei Heinzes Handeln gewesen.

Bei einem Drehbuch "Dienstage mit Antoine", das Heinze selbst jedoch nicht zu Ende brachte, habe sie den NDR getäuscht und dem Sender einen Schaden von 26.000 Euro zugefügt - deswegen ihre Verurteilung auch wegen Betrugs und Untreue. Bei der Festsetzung des Strafmaßes hielt das Gericht den Angeklagten zugute: "Sie wollten gute Filme machen und keinen Schrott unterjubeln."

Die Produzentin Richter-Karst wusste von den Pseudonymen, jedoch nicht von der Pflicht, die Decknamen beim NDR offenzulegen, wie sie während des Prozesses sagte. Den drei Beschuldigten werden zwischen November 2003 und Juli 2007 somit insgesamt 14 Straftaten zur Last gelegt.

Das Urteil hatte ursprünglich bereits im September fallen sollen. Beweisanträge der Verteidigung verzögerten immer wieder den Prozess. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde das Strafverfahren vor dem Hamburger Landgericht gegen die frühere NDR-Fernsehfilmchefin Heinze in fünf von 14 Fällen eingestellt.

Bereits der Auftakt des Prozesses im Juli war unplanmäßig verlaufen: Kurz nach Beginn hatten sich Verteidiger, Staatsanwälte und Richter zurückgezogen, um über einen Deal zu verhandeln. Dieser scheiterte jedoch, offenbar zur Überraschung der Verteidigung.

kha/dpa/dapd

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Simax 08.10.2012
1. Das ist nur die Spitze des Eisbergs
Bei den Staatssendern dürfte die Plünderung auf Kosten der Gebührenzahler Usus sein. Wundern braucht man sich bei diesem staatsähnlichen Moloch keinesfalls. Irgendo müssen ja die Milliarden verarbeitet werden - bei dem dürftigen Niveau werden die Mittel eben privatisiert.
tintenterrorteufel 08.10.2012
2. Strafe?
Dem Artikel ist leider nicht zu entnehmen, ob auch die unrechtmäßig erhaltenen Zahlungen zurückgezahlt werden müssen. Laut Ihren Ausführungen müsste das die stattliche Summe von 14 x €26.000.-, also €364.000.- sein. Sollte dies nicht der Fall sein, kann ich in dem Urteil keine Strafe die vom Nachahmen abhält erkennen...
un-Diplomat 08.10.2012
3. Das Foto dürfte ...
Zitat von SimaxBei den Staatssendern dürfte die Plünderung auf Kosten der Gebührenzahler Usus sein. Wundern braucht man sich bei diesem staatsähnlichen Moloch keinesfalls. Irgendo müssen ja die Milliarden verarbeitet werden - bei dem dürftigen Niveau werden die Mittel eben privatisiert.
... weit mehr Strafe sein als die Bewährung von 18 Monaten. Gut so.
vincent1958 08.10.2012
4. Das...
Zitat von un-Diplomat... weit mehr Strafe sein als die Bewährung von 18 Monaten. Gut so.
...war auch mein 1.Gedanke:-)
pewehh 08.10.2012
5. Tja
Was lernen wir daraus? Bist du Redakteur beim ÖR mit fettem Gehalt, dann fülle dir zusätzlich und kriminell die Taschen mit dem Zwangsgeld der Gebührenzahler. Schlimmstenfalls kommst du mit leichten Blessuren (Bewährung) davon. Ich hoffe Frau Heinze hat ihr geklautes Geld schon gewinnbringend in Liechtenstein geparkt? Das Unbegreifliche an diesem Urteil ist, dass die Dame Fernsehspielchefin des NDR war, also nicht nur ungestört eigene Drehbücher unterjubeln konnte, sondern auf diese Weise vielen Autoren die Möglichkeit nahm, ihre Bücher anzubieten. Sie hat also dem Sender und uns Gebührenzahlern doppelt geschadet, dazu gehört ganz sicher eine Menge kriminelle Energie. Nun, jetzt wissen wir wenigstens wie das Strafmaß für solch ein 'white collar' Verbrechen ist.
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