Finale von "Promi Big Brother" Königin der Schon-mal-irgendwo-Gesehenen

Eine wichtige Botschaft hatte die zähe Staffel "Promi Big Brother" zum Abschluss dann doch an die Zuschauer: Hütet euch vor der Käsesucht! Über den Rest tuckerte die Dampfwalze des komplett Egalen.

Silvia Wollny, Gewinnerin der Sat.1-Show "Promi Big Brother 2018"
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Silvia Wollny, Gewinnerin der Sat.1-Show "Promi Big Brother 2018"

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"Seid ihr bereit für die Krönung des Fernsehsommers?", fragt zu Beginn dröhnend bassig die Stimme von Big Brother. Ja, ja, juhu!, ruft man zu Hause und wirft glücklich die Arme in die Luft: Sind wohl überraschend noch ein paar Stunden Material vom "Sommerhaus der Stars" aufgetaucht? Sehen wir gleich die Fussbroichs beim Orangentanz? Aber nein, offensichtlich hat der wohl inzwischen tattrig in die Jahre gekommene große Überwacher aus Frust über die wieder einmal komplett vergeigte Staffel tüchtig Lack gesoffen, denn Big Brother meint mit dieser bizarren Selbstglorifizierung tatsächlich die eigene Rumpelshow.

Wieder wurden Geschichten mit der ganz groben Machete zerhackt, Dialoge entbeint, Dramaturgie ganz grob geschnitzt. Man kennt das ja schon. Das Ärgerlichste an "Promi Big Brother" war auch dieses Mal: Es könnte eine tatsächlich interessante Sendung sein, wenn das irgendjemand tatsächlich wollte, wenn sich jemand tatsächlich interessieren würde. 13 weggesperrte Schon-mal-irgendwo-Gesehene produzieren in zwei Wochen verlässlich einen ganzen dampfenden Haufen von Plapperbiomasse, den man doch einfach nur fachkundig weiterverarbeiten müsste.

Fast schon fahrlässig war die fehlende Kommentierung des Geschehens: Wozu gibt es zwei Moderatoren, wenn sie die diskussionswürdigen Vorgänge im Haus stets nur harmlos dackelig zerlächeln? Im vergangenen Jahr sah man schafsgesichtig zu, wie Sarah Knappik Opfer eines ganzen Mobbingmobs wurde, und auch dieses Mal fehlten scharfe Kommentare, wenn Alphonso sich mal wieder zum selbstherrlichen Mansplainer aufschwang, das Leben ihm fremder Frauen bewertete und die von ihm ausgemachten "Luder" mit schlecht weggeatmeter Frömmelei zur Umkehr aufrief. Oder wenn Silvia Wollny, die seit Jahren im Fernsehen ihr Familienleben ausstellt, Sophia Vegas vorwarf, sie habe ihre frische Schwangerschaft nur PR-halber bei Big Brother verkündet.

Schlimmst augenfällig wurden diese Defizite in der Finalsendung, als während der Liveschalten ins Haus versehentlich tatsächlich Dramatisches gesendet wurde. Silvia erzählte, wie ihr Ex-Mann ihr in den Bauch trat und sie im siebten Monat Zwillinge verlor. Chethrin war komplett aufgelöst, als sie in einem Best-of-Zusammenschnitt sah, wie sie über ihre Fehlgeburt spricht. Schnitt zurück ins Studio, wo die Moderatoren kein Wort und kein Empathiefitzelchen über das gerade Gehörte verlieren: "Soo, ich glaube, wir müssen die Stimmung mal wieder etwas heben, Big Brother!" Meepmeep, aus dem Weg, die Dampfwalze kommt!

Käsechips und Konflikte

Da lachte man dann aufs Unangenehmste berührt selbst lieber über die Käsesucht, die Silvia in der finalen Anruf-Abstimmungsphase kurz vor der Entscheidung noch rasch auspackte: Zehn Jahre lang habe sie nichts anderes gegessen als knusprige Käsechips, die sie mit Discountergouda in der Mikrowelle zubereitete, wie diese leckere Kruste auf dem Käsebrötchen vom Bäcker, hömma.

Es war schwer zu ertragen, wie sie auf den letzten Metern nochmal sämtliche Dramen ihres an harten Zeiten ja tatsächlich nicht armen Lebens zusammenkehrte und ins Scheinwerferlicht hielt. Mit den 100.000 Euro Siegesgeld wolle sie obdachlosen Menschen helfen, wiederholte sie kehrversartig, "helfen, helfen, ich will nur helfen" - und reichte Chethrin, die neben ihr auf dem Sofa saß und in Erinnerung an ihre Fehlgeburt fast zusammenbrach, nicht einmal eine tröstende Hand, selbst als diese mehrfach herauspresste: "Es ist gerade ganz schwer für mich."

"Hier, mit de Gummistiefel"

"Nach dem Finale werdet ihr für die Zuschauer interessanter sein als je zuvor. Als Menschen, die Konflikte erkennen und Konflikte lösen. Die Menschen werden euch als Vorbilder sehen", log dazu Big Brother. "Hier, im Promi Big Brother-Haus, kommt das Echte zum Vorschein. Der Mensch hinter dem Promi, der Mensch, an den man sich erinnern wird, Jahre, nachdem der Promi das Haus verlassen hat." Äh, nein.

Nie waren die Menschen so irrelevant wie in dieser Staffel, in der die Teilnehmer sich nicht einmal untereinander die eigenen Namen merken konnten oder wollten. Alphonso nannte Umut Kekili konsequent ignorant "Umuk", Mutter Wollny versuchte erst gar nicht, sich irgendwen einzuprägen und umschrieb ihre Mitbewohner, die Menschen, die sie zwei Wochen lang wirklich hätte kennenlernen können, hätte sie ihren Möpperthron gelegentlich mal verlassen, mit "hier, mit de Gummistiefel" und "Lederkleidchen". Irgendwann nominierte sie einen nebulösen "Maxi". Und gewann am Ende doch vor Chethrin, die immerhin fünf Nominierungen überstand. Nächstes Jahr, verkündeten die Moderatoren froh, wird es eine neue Staffel geben. Man kann sie jetzt schon kaum erwarten.



insgesamt 14 Beiträge
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snoopye 01.09.2018
1. Danke, Frau Rützel,
wie Sie es schaffen, trotz aller Ironie hier die unmenschliche Seite dieser widerlichen Zurschaustellung deutlich zu machen. Hoffentlich bleibt noch mehr Lesenden das Lachen schier im Hals stecken.
NoBrainNoPain 01.09.2018
2. Grauenvoll öde,
Ich hab's wirklich versucht, aber die Protagonisten waren gähnend langweilig und die Moderatoren musikantenstadel bieder. Einziger Schmunzler: die Entrüstung von Silvia, die Sophia vorwirft, was ihr ungeborenes Kind dereinst über die Mutter denken soll, während sich Silvias unzählige bereits geborene Kinder jetzt schon fremdschämen durften.
anni1964 01.09.2018
3. Schade
Treffende Beschreibung der Geschehnisse! Danke sehr. Ich hatte mir gestern ganz dringend Johannes und Katja Krasavice ins Finale zurückgewünscht. Stattdessen musste ich Silvia Wollny und Alphonso Williams ertragen. Ich hätte es Chetrin und besonders Daniel gegönnt, zu gewinnen. Zwei Leute, die man auch in seinem Bekanntenkreis haben könnte. Aber die beiden anderen möchte ich lieber gar nicht kennen. Der eine labert einen ständig voll und die andere ist ein Proll (sorry, ist doch so...). Dass diese Frau bei den Zuschauern am besten ankommt, ist schon schlimm. /a.
dasfred 01.09.2018
4. Ich sag nur Caro vom Motorsport
Damit fing das Elend an. Der gehypte Star der Staffel war den anderen unbekannt. Ich habe nächtlich ein paar Szenen im Hintergrund laufen lassen und kein großes Bedürfnis erlebt, länger hinzusehen. Seit dem Sommerhaus der Stars sollte klar sein, Trash TV ist eine Kunstform, die Könner erfordert. Nicht nur vor, auch hinter der Kamera. Zwei Wochen Material so schlecht zusammenzuschneiden grenzt schon an Arbeitsverweigerung. Wenn man dann für die Zwischenmoderation das Frühstücksfernseh Personal abzieht, kommt der Verdacht hoch der Sender will seine eigenen Quoten in den Keller fahren. Ich hoffe für Frau Rützel, sie konnte nebenbei noch die Bügelwäsche erledigen, damit die Zeit nicht völlig vertan war. Sie hat allerdings immer noch das Beste rausgeholt, was da war, um uns in ein fröhliches Wochenende zu begleiten.
nilsczert 01.09.2018
5. Danke, mein Hirn taut gerade wieder auf!
Es tut mir leid, Frau Rützel, dass Sie dieses Mal die Wette in der Redaktion verloren haben und mit der Berichterstattung über die Trash-Tiefen des deutschen Fernsehens bestraft wurden. Aber Sie meistern diese Aufgabe mit solcher Bravour, dass mein Wortschatz wieder einmal bereichert wurde! Diesem Müll ein solches Feuerwerk an Wortwitz und trotzdem Empathie abzugewinnen, ist eine Meisterleistung!
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