Serienhit "Big Little Lies" Kleine Lügen unter Feinden

Besorgte Eltern, verwöhnte Kinder und ein Mord: In der HBO-Serie "Big Little Lies" verbinden sich Satire, Kriminalfall und sensible Studie über die Folgen von Gewalt auf einzigartige Weise miteinander.

Sky/ HBO

Kinder strömen glücklich strahlend aus dem Klassenzimmer in die Freiheit. Den ersten Tag an einer Grundschule in Monterey, Kalifornien, haben sie überstanden. Draußen warten die Eltern. Einige von ihnen kennen sich bereits, fragen einander, wie der Sommer war, ob man campen war oder ob man ein bisschen was habe machen lassen, an der Mundpartie.

Da lässt sich schon ahnen, Gift wird hier nicht nur in Form von Botox gespritzt, vergiftet sind auch die Beziehungen der Mütter, die HBO in seiner neuen, siebenteiligen Serie "Big Little Lies", die seit dieser Woche auch in Deutschland verfügbar ist, als große Tragödie auffächert.

Die Bucht von Monterey zählt zu den schönsten Küstenabschnitten Kaliforniens. Zwischen San Francisco und Los Angeles gelegen, sind die Sorgen der Großstädte gerade entfernt genug, aber das Geld aus dem Silicon Valley und Hollywood nicht weit. Das Durchschnittsgehalt, weiß eine der Stay-Home-Moms, liege bei 150.000 Dollar, und man klassifiziere sich gegenseitig mit "under or over". Die meisten seien "over" - ein Setting also, das Raum bietet, sich im Kampf um den schönsten Platz im Paradies gegenseitig zu zerfleischen.

Gewürgt im Burberry-Kleid

Nun ist es nicht gerade die Neuerfindung des Dramas, dass auch die Schönen und Reichen an sich selbst zugrunde gehen können. Was die Serie allerdings zu einem großen erzählerischen Wurf macht, ist ihr eigentliches Thema: In "Big Little Lies" geht es um Gewalt - um häusliche Gewalt, um Vergewaltigung, um Mobbing und Erpressung, alles vor den Augen der Kinder, schließlich um einen Mord, der sich in kurzen Vorausblenden ankündigt.

Gewalt dient der Serie (Drehbuch: David E. Kelley nach dem gleichnamigen Roman von Liane Moriarty) aber nicht als schrilles Mittel der Überzeichnung von Wohlstandsverwahrlosung. Vielmehr spürt sie den Bedingungen der Gewalt nach, den Lügen, mit denen die Gewalttätigen gedeckt werden, oder auch dem Trauma, das Gewalt zur Folge hat.

Es fängt an mit den Kindern. Als die Erstklässler nach besagter Einschulung von ihren Eltern in die Arme geschlossen werden, vertraut die kleine Amabella, in einem Burberry-Kleidchen, ihrer Mutter an, von einem anderen Kind gewürgt worden zu sein. Noch an Ort und Stelle fordert die Mutter, in diesem Fall keine Stay-at-Home-Mom, sondern eine gerade in den Vorstand der Internetbank PayPal berufene Top-Managerin, die Klassenlehrerin auf, den Übeltäter ausfindig zu machen.

Mit den Kindern in den Krieg

Tatsächlich weist der Hals des Mädchens Würgemale auf. Die Lehrerin fordert Amabella dazu auf, mit dem Finger auf den "Täter" zu zeigen. Widerwillig hebt das Mädchen unter den Augen der umstehenden Eltern ihren Arm und zeigt auf einen Jungen. "Ich habe es nicht getan., ruft der kleine Ziggy ("ja, wie der Ziggy in Ziggy Stardust"), doch die Schuld steht im Raum. In dieser beklemmenden Szene nimmt das Unglück seinen Lauf, und der Zuschauer lernt: Wenn Helikoptereltern durchdrehen, liegt gut gemeinte Fürsorge nicht allzu weit entfernt von Missbrauch.

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"Big Little Lies": Mama, sag mir die Wahrheit!

Von nun an überträgt sich die fragwürdige Schuldzuweisung der Kinder auf deren Eltern. Und die haben Ausdauer, ziehen ihre Schlachtlinien über die Grundschule hinaus und ihre Kinder mit in den Krieg.

"Big Little Lies" ist aber nicht nur wegen des Themas des Overparenting sehenswert, das unserer Gegenwart so exakt abgelesen ist, sondern auch wegen der Schauspielkunst, die die Serie vor der Kamera vereinen konnte. Die vier Mütter, die sich hier mit ihren Vorstellungen von Wohltaten und Allgemeinwohl im Wege stehen, werden gespielt von Nicole Kidman, Reese Witherspoon, Shailene Woodley und Laura Dern - von Jean-Marc Vallée ("Dallas Buyers Club", "Der große Trip - Wild") gewohnt nuanciert in Szene gesetzt und jede einzelne in ihrer Rolle überragend.

Einmischen ohne Rücksicht

Laura Derns vor Wut zerfurchtes Gesicht lässt jeden in ihrem Umfeld ahnen, dass sie nicht mehr einzufangen ist, sobald Tochter Amabella nicht die Gerechtigkeit erfährt, die sie selbst als erfolgreiche Managerin niemandem zukommen lässt. Nicole Kidman beeindruckt als von ihrem psychotischen Ehemann (Alexander Skarsgård) misshandelte Celeste, die viel zu lang dessen Gewalt mit Leidenschaft verwechselt.

Die von Reese Witherspoon gespielte Madeline bildet das Zentrum des Konflikts (Witherspoon ist zusammen mit Kidman auch eine der Produzentinnen der Serie). Sie sagt über sich selbst, sie habe eine sehr geringe Toleranz, wenn jemand ungerecht behandelt werde - eine für sie herrlich funktionierende Legitimation, sich in alles einzumischen, was von ihrer eigenen Verlorenheit in ihrer zweiten Ehe ablenkt.

Jede dieser Figuren hätte einen eigenen Kinofilm verdient. Aber nebeneinander, in einer Serie, ist es die von Shailene Woodley gespielte Jane, die zusammenhält, was bald zu explodieren droht. Jane hat von ihrem kleinen Haus aus keinen Blick auf den Pazifik, schläft in keiner Villa, sondern auf einem Klappsofa, ist gerade erst nach Monterey gezogen, einen Neuanfang suchend. Ihr langes Joggen am Strand ist nicht Ausdruck eines gesunden Lebensstils, sondern ein Wegrennen vor einem Verbrechen, deren Opfer sie wurde. Sie ist die Mutter von Ziggy, dem mutmaßlichen Schulhofwürger, der sie immer wieder fragt: "Wer ist mein Vater?", und dem sie irgendwann antwortet: "Du bist viel zu schlau für mich."

Wer stoppt die kleinen Monster?

Ließe sich ein Bogen spannen, der bei der illustren Clique von "Sex and the City" seinen Lauf nimmt, bei "Desperate Housewives" bizarr wird und hier nun tragisch endet? Nein. "Big Little Lies" bringt einen zwar unweigerlich zum Lachen, erzählt aber gleichzeitig sensibel vom Grauen, das im Alltag waltet. Die Serie stellt das Versagen der Eltern aus, lässt aber auch eine Sorge mitfühlen, die nicht nur Eltern kennen: die Sorge, dass Kinder verdorben werden. Es ist schließlich eine Frage des Gemeinwohls, dass wir keine Monster heranziehen.

Musik spielt eine große Rolle in "Big Little Lies". Immer wieder ermahnen die Eltern ihre Kinder, sie leiser zu drehen. Trotzdem tanzen und singen die Kinder ihnen auf der Nase herum. In einer Szene macht der sechsjährige Ziggy das Lied "Papa Was A Rolling Stone" von den Temptations an. Seine Mutter sitzt auf einem klapprigen Stuhl. Er tanzt. Sie ist sein Publikum. Der Beat entfaltet sich. Er schwingt die Hüfte. Der Gesang setzt ein. Er singt mit. Sie lächelt. Er zeigt mit dem Finger auf sie und aus den Boxen klingt: "Mama, I'm depending on you to tell me the truth."

Mama, ich vertraue darauf, dass du mir die Wahrheit sagst.


"Big Little Lies" ist jenseits von Sky ab 7. April episodenweise und im Wochenrhythmus auch bei folgenden Anbietern verfügbar: Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox



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