Fox-News-Star Bill O'Reilly Der unrühmliche Sturz des Kabelkönigs

Selbst Donald Trumps Unterstützung half nichts: Bill O'Reilly, Top-Moderator bei Fox News, wurde gefeuert. Er soll Frauen belästigt haben. Der Sender griff erst durch, als Werbekunden absprangen.

Von , New York


Sechs waren dann wohl doch zu viel. Die Frau meldete sich am Dienstag anonym zu Wort, über ihre Anwältin Lisa Bloom: Bill O'Reilly habe sie 2008, als sie Sekretärin bei Fox News gewesen sei, regelmäßig sexuell belästigt. Er habe ihr ins Dekolleté gestarrt, wie ein "Wildschwein" gegrunzt und sie als "heiße Schokolade" herabgewürdigt - Bloom zufolge ist sie Afroamerikanerin.

Damit stieg die Zahl der bekannten Fälle auf ein halbes Dutzend. Tags darauf wurde der größte Star des größten US-Newssenders mit einem einzigen Satz abserviert - ohne Komplimente und Wünsche für die Zukunft.

Nach "sorgfältiger Überprüfung der Vorwürfe" habe man sich geeinigt, dass der in Italien urlaubende O'Reilly, 67, "nicht zu Fox News zurückkehren" werde, teilte 21st Century Fox mit , das Mutterhaus des Kanals. Nur in einem internen Memo lobte dessen Patriarch, Medienmogul Rupert Murdoch, ihn als "eine der verdienstvollsten TV-Persönlichkeiten der Kabelnews-Geschichte".

O'Reilly war Fox News' lukrativste Profitquelle

Der Sturz des konservativen US-Talkmasters, den sie "King of Cable" nannten, hatte sich wochenlang hingequält. Es war nicht nur eine zutiefst peinliche Episode für Fox News, dessen Gründer Roger Ailes im Sommer ähnlich gestolpert war. Sondern der Höhepunkt einer Existenzkrise, die die 20-jährige, ungebrochene Erfolgssträhne des Senders beenden könnte.

Zumal dies auch eine gesellschaftliche Parabel ist. Am Beispiel dieses weißen Multimillionärs der alten Garde und seiner flüchtenden Apologeten bündeln sich Konflikte, die anderswo passé scheinen, doch in den USA lauter toben denn je - um Sex, um Frauen, um Rassismus. Präsident Donald Trump hatte im Wahlkampf mit vergleichbarem Benehmen ja sogar geprahlt und stützte O'Reilly bis zuletzt: "Ich denke nicht, dass Bill etwas Falsches getan hat."

Welche Ironie: Der Sender, der Trumps unverfrorenen Sexismus lange bagatellisierte, hatte auch O'Reilly über viele Jahre hinweg geduldet und gedeckt - und verliert deshalb nun seine lukrativste Profitquelle. Was in der Politik keine Sünde ist, ist im Mediengeschäft am Ende unverzeihlich.

Wenn auch nicht aus moralischen oder menschlichen Gründen: Es war allein das liebe Geld, das Fox News bekehrte und O'Reilly zum Verhängnis wurde, nachdem mindestens 52 Werbekunden seine Primetime-Sendung boykottierten.

Bill O'Reilly
REUTERS

Bill O'Reilly

O'Reilly zahlte 13 Millionen Dollar an Frauen

Seit 1996 brachte der "O'Reilly Factor" als quotenstärkste Show von Fox News viele Milliarden Werbedollar ein. O'Reillys knorrige Natur und seine republikanische Linientreue waren dem Meinungssender, der den neutralen Rivalen CNN 2002 hinter sich ließ und nie zurückschaute, Gold wert: Erst im März, lange nachdem die ersten Vorwürfe gegen ihn kursierten, erneuerte Fox News O'Reillys Vertrag - für 20 Millionen Dollar im Jahr.

Sein Motto: "No-Spin Zone." Doch keiner konnte den Spin besser: Obwohl selbst geschieden, beklagte O'Reilly immer wieder den Verfall "traditioneller Familienwerte". Sein letztes Buch "Old School", eine Kritik an politischer Korrektheit, rangiert auf der "New York Times"-Bestsellerliste auf Platz eins.

Es war ausgerechnet die "NYT", die sein Ende beschleunigte. Am 1. April publizierte sie die Fälle von fünf Frauen, denen O'Reilly und Fox News über die Jahre 13 Millionen Dollar gezahlt hätten, um den Verdacht der sexuellen Belästigung aus der Welt zu schaffen - "verbaler Missbrauch, anstößige Bemerkungen, ungewollte Annäherung". Der Anchorman habe seine Opfer bedroht und, falls diese sich beschwert hätten, ihre Karrieren sabotiert.

Schon 2004 hatte eine Produzentin O'Reilly verklagt. Doch erst der Fall Roger Ailes und die zeitgleichen Vorwürfe gegen Trump machten sexuelle Belästigung zum sensiblen Reizthema. Hernach gelobte der Sender "ein Arbeitsumfeld, das auf Vertrauen und Respekt fußt". Dass weitere Vorwürfe immer noch nicht korrekt gehandhabt wurden, ließ der Wechsel der Starmoderatorin Megyn Kelly zu NBC ahnen. Kelly hatte sich für die Kolleginnen verwandt und war mit O'Reilly öffentlich aneinandergeraten.

Wachsende Proteste gaben den Ausschlag

Hinter den Kulissen tobte zugleich ein Generationenkampf - zwischen Murdoch, 86, seinem Sohn Lachlan, 45, der Fox News gemeinsam mit ihm leitet, und dessen Bruder James, 44, dem Vorstandschef von 21st Century Fox. Tradition gegen Moderne, Männerklub gegen Weltbürger, Geld gegen Anstand: Ohne O'Reilly und seine vier Millionen Zuschauer pro Abend könnten die Quoten von Fox News querbeet um bis zu 25 Prozent abstürzen.

Letztlich gaben die wachsenden Proteste in der Öffentlichkeit den Ausschlag. Aktivisten starteten Online-Kampagnen, Hunderte demonstrierten vor den Studios in Manhattan, Werbekunden wie BMW und Bayer klinkten sich aus. Hinzu kommt: Im Mai entscheiden die britischen Aufsichtsbehörden über Murdochs 14-Milliarden-Dollar-Übernahme des Bezahlsenders Sky, die 2011 schon mal scheiterte, damals wegen des "News of the World"-Hacking-Skandals.

Am Ende konnte selbst der Papst O'Reilly nicht mehr helfen, mit dem er sich am Mittwochfrüh bei einer Audienz hatte fotografieren lassen.

Am Abend trat eine siebte Frau an die Öffentlichkeit und beschuldigte O'Reilly, sie 2007 und 2009 belästigt zu haben. Dieser wies in einer Erklärung alle Anwürfe kategorisch als "völlig haltlos" zurück: "Ich werde auf meine Zeit bei Fox immer mit großem Stolz zurückblicken."

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.