Unterschicht-Sitcom "Blockbustaz" Ganz schön arm, euer Humor

ZDFneo wagt sich mit seiner neuen Comedy-Serie "Blockbustaz" in unerforschtes Gebiet: Die Gags handeln von Armut, die Figuren sind nicht unbedingt biodeutsch, und zwei Rapper haben Hauptrollen. Aber leider: Der Tonfall stimmt nicht.

Von Fabian Wolff

ZDF/ Efe Cetinoezman

Erster und einziger Grundsatz der Comedy-Ethik: Nach oben kann man schlagen, aber nicht nach unten treten - und das nicht nur aus ideologischen Gründen. Wer sich über die lustig macht, die weniger haben oder außerhalb der eigenen Komfortzone leben, ist nicht nur hämisch, sondern auch langweilig.

Die deutsche Sitcom "Blockbustaz" tritt nicht einfach nur nach unten, sondern schubst ihre Figuren aus dem 16. Stock und schlägt dann noch einmal mit Baseballschlägern drauf.

Verdient haben sie das nicht. Ihr einziger Fehler ist es, in einer Platte in Köln zu leben, wenig Geld zu haben, überfordert und nicht unbedingt biodeutsch zu sein.

Ankerfigur Sol träumt von einer Karriere als Rapper, sitzt aber lieber auf der Couch und zockt. Seine Freundin Jessica verdient Geld am Burgergrill und versucht, sich um ihre zwei kleineren Geschwister zu kümmern, während ihr Vater Roland das Geld für Schulbücher versäuft. Die Serie bricht also ein stummes Gebot des deutschen Fernsehens und erlaubt sich, kulturell spezifisch sein zu wollen, ohne Regionalkitsch zu liefern.

"Shameless" ist das inoffizielle Vorbild

Und Kitsch ist "Blockbustaz" nun wirklich nicht, eher Armutspornografie mit imaginären Dosenlachern. Dabei ist es nicht schwer, gute Sitcoms über Armut zu machen. Im US-Fernsehen sind "working class sitcoms" seit den "Honeymooners" in den Fünfzigern eine feste Größe. Shows wie "Good Times", "Roseanne" oder aktuell "Shameless" (wohl inoffizielles Vorbild der Serie) benutzen die Frage, wo diesen Monat Geld für Miete, Hypothek und Essen herkommen soll, als Anlass für klassische Sitcom-Plots.

Das ist das Modell, dem auch "Blockbustaz" folgt. In das an sich nicht sonderlich ereignisreiche Leben der Figuren bricht ein Problem - gestrichenes Arbeitslosengeld, Zahnschmerzen -, das dann immer schlimmer wird, bis es am Ende verpufft.

Originell sind die Plots nicht - einer, über Betrug einer Krankenkasse, scheint sogar ziemlich direkt aus der Cartoonsatire "Mission Hill" übernommen zu sein. Der Humor soll vor allem über die Dialoge entstehen, ein loses Gemisch aus steifem Kölsch und den Jugendwörtern der Jahre 2009 bis 2015, interpunktiert von "Fick dich" und "Halt die Fresse".

Dabei sind einige Zeilen wie etwa "Sind Sie mir jetzt sauer?" schön schief; zu Beginn zeigt die Serie akkurat, wie genervte Teenager "What the fuck?" rufen, mit s statt th nämlich. Solche Momente echten Lebens sind selten.

Das Konzept, mit Eko Fresh und Ferris MC (als Pizzeriabesitzer/Problemlöser Hardy) zwei Nichtschauspieler zu besetzen und damit das Gegenteil von Künstlichkeit zu erzeugen, geht nicht immer auf. Aber auch Joyce Ilg als Jessica und Andreas Hoppe als Säufervater kämpfen mit den ungelenken Drehbüchern von Niklas Hoffmann, die es bei aufdringlich behaupteter Lustigkeit belassen.

Keine Zuneigung für die Figuren, sondern reine Verachtung

Die größte Behauptung von "Blockbustaz": Armut ist nicht nur komisch, sondern sogar die lustigste Sache der Welt. Das Problem - eins der vielen Probleme - der Serie ist der Tonfall. In der zweiten Folge taucht das Jugendamt auf und will den zweijährigen Jeremy und die 17-jährige Lisa ihrem Vater wegnehmen. Das Problem löst sich erst, als die, noch einmal, 17-jährige Lisa mit dem Mann vom Amt Sex hat.

Die Serie erzählt diesen Moment nicht als unfassbar deprimierenden Beweis dafür, dass der Gesellschaftsvertrag aufgelöst ist, alle Institutionen zusammenbrechen und am Ende die Schwächsten die Opfer sind - sondern als großen Gag, halb Schulmädchenreporthumor, halb augenzwinkernder Tabubruch. Anschließend soll daraus sogar noch ein erhebender "Awww"-Moment gepresst werden: Familie hält eben zusammen, um jeden Preis.

Vielleicht muss man für dieses spektakuläre Totalversagen fast dankbar sein, weil es im überredigierten deutschen Fernsehen eigentlich nicht vorkommt. ZDFneo hat mit "Blockbustaz", das 2014 im sendereigenen Talentwettbewerb "TV-Lab" siegte, Hoffnung auf einen Indie-Hit und betont im Marketing den Hip-Hop-Aspekt - in der fertigen Serie ist bis auf offensichtlichste Soundtrackwahl (Snoop Dogg, Public Enemy) und kurze Song-Snippets am Ende jeder Folge nichts davon zu spüren. Sol spricht zwar dauernd davon, dass er gern Rapper wäre, rappen sehen wir ihn nie. Wie die anderen Figuren bleibt er kernlos, selbst für Klischees sind sie zu blass.

"Es kommt nicht auf den Fall, sondern auf die Landung an", heißt es im Banlieue-Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz, der trotz des tragischen Endes eine ganze Reihe gute und traurige Gags in einer Geschichte über das Leben in Armut und Gewalt findet - weil er mit seinen Figuren fühlt. "Blockbustaz" hingegen lacht nicht, statt zu weinen, sondern statt zu kotzen.

Die Serie blickt nicht mit Zuneigung oder sogar klinischer Kälte auf ihre Figuren, sondern mit reiner Verachtung. Sie sind nicht arm wegen struktureller Ungerechtigkeit, so "Blockbustaz", sondern weil sie einfach zu dumm sind, etwas anderes zu sein. Sie kriegen eine Chance nach der anderen, an ihrer Situation etwas zu ändern, und kaufen am Ende doch nur Elektroschrott bei Mediamarkt. Todeslustig, echt.


"Blockbustaz". Ab Dienstag, 22.3., 22.30 Uhr. ZDFneo (Alle sechs Folgen ab Serienstart in der ZDF-Mediathek)

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
gapman 22.03.2016
1. ohne eigene Idee
das ist leider der Trend: jede Serie - ob erfolgreich oder nicht - zu adaptieren Und schlechte Kopien müssen scheitern Wer finanziert diesen Schrott? Der Gebührenzahler vermutlich Besser Fernseher aus und ein gutes Buch in die Hand
lock_vogell 22.03.2016
2. es ist halt nunmal...
... die Realität, dass sich viele abgehängte lieber "elektroschrott" bei media markt holen, als sich um irgendwelche Chancen zu kümmern... und genau da liegt doch das eigentliche Problem in unserer Gesellschaft... es ist wichtiger nen 75" Fernseher zu haben, als ein festes einkommen... und wenn man versucht die Figuren auch nur annähernd realistisch darzustellen, dann gehört eben auch sowas dazu...
frederik09 22.03.2016
3. Das mit den Zitaten üben wir besser noch mal..
"Es kommt nicht auf den Fall, sondern auf die Landung an", heißt es im Banlieue-Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz. Nein, so geht diese Zitat definitiv nicht. Inhaltlich zwar sehr Ähnlich, aber wenn man schon diese schönen Anführungszeichen links und rechts neben einen eins zu eins so getätigten Ausspruch setzt, sollte man doch vorher kurz recherchieren, ob das alles so auch stimmt.. So ein Malheur in der Abschlussarbeit eines Politikers und der selbe Autor würde eben jenen vermutlich vehement diskreditieren. Aber egal, der restliche Artikel schien ganz ok. Muss man ja auch mal lobend erwähnen
lupenreinerdemokrat 22.03.2016
4.
Habe die "Sitcom" zwar noch nicht gesehen, aber dass man die prekäre "Unterschicht" im TV vorführt, ist doch wirklich nun nichts neues. Dazu braucht man nur nachmittags die privaten einzuschalten, oder abends RTL2 mit "Berlin tag u. nacht". Comedy, die sich über die selbsternannten Eliten lustig macht, sucht man im deutschen Fernsehen im übrigen eh wie die Nadel im Heuhaufen. Bestenfalls fiele mir da noch "Die Anstalt" ein. Die "heute show" ist mittlerweile nicht besser, als die hier kritisierte Sitcom, nur wird da mittlerweile nur noch über Leute hergezogen, wo es politisch korrekt und Mainstream ist. Traurig traurig.....
Kamillo 22.03.2016
5.
Das ist dann wohl "Mundstuhl" für unter die Gürtellinie... Schade, dass Hausmeister Krause nicht mehr kommt. Das hatte dagenen wohl noch richtig Niveau.
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