EM-Blog Der Ball ist rutsch

Erstaunlich: Es gibt zwei Geschlechter! Es gibt Regen! Und dann auch noch dieser Ball. Im EM-Blog sammeln SPIEGEL-ONLINE-Autoren die schönsten Nebensachen zum Turnier. Diesmal: Wie männliche Erwachsene und die Iren im Speziellen das Staunen lernten.

Iren St. Ledger, Given und Dunne nach dem 3:0 für Spanien: Niemals je den Tango tanzen
Getty Images

Iren St. Ledger, Given und Dunne nach dem 3:0 für Spanien: Niemals je den Tango tanzen


15.6. Und nun das Wetter

Fußballfan sein heißt heitere Regression: Vor allem männliche Erwachsene lernen während eines EM-Turniers ganz frisch das Staunen über die Welt, als sähen sie mit den Augen von Neugeborenen oder von Kleinkindern auf die Beschaffenheit des Erdendaseins. So rücken jetzt sehr elementare Dinge plötzlich in unser Bewusstsein, Dinge, die wir sonst achselzuckend akzeptieren. Der männliche Fußballfan erkennt jäh, was er vollkommen verdrängt hatte, und es überkommt ihn ein merkwürdiges Schaudern - erstens: Es gibt zwei Geschlechter. Und zweitens: Es gibt Wetter.

Das Staunen über die Sache mit den zwei Geschlechtern erklärt das sogenannte Müller-Hohenstein-Bashing, den doch sehr schroffen Umgang mit einer weiblichen Fachkraft in der EM-Berichterstattung, wie man ihn auch in diesem EM-Blog erleben konnte. Wir wollen aber heute das Wetter durchnehmen: Großartig, wie bei jedem wichtigen Fußballturnier ganz frisch entdeckt werden muss, dass nicht alle Tage Sonnenschein ist auf dem Platz! Leute, es gibt Regen, vor allem in Danzig und Umgebung, das war die Sensation des EM-Mittwochs. Ein nasser Ball spiele sich völlig anders als ein trockener, das war die Wahrheit, die Mehmet Scholl vor dem Spiel der Spanier gegen die Iren mit dramatischem Tremolo in der Stimme verkündete. Es liege an der "gummiartigen Oberfläche" des Spielgeräts, dass ein Pass im polnischen Regen anders geschlagen werden müsse als in der Gluthitze der östlichen Ukraine.

Es gibt viele Schlager und Gedichte über die Schönheit des Regens, in der poesiefernen Realität eines Fußballturniers macht Regen die Menschen und die Dinge eher hässlich. Selbst Joachim Löw sieht irgendwie bedröppelt und verkniffen aus, wie er am Mittwoch im polnischen Landregen auf dem Trainingsplatz steht. Der Kollege Trapattoni wirkt spätestens nach dem dritten Tor gegen seine Iren wie ein Mann, der weint. Dabei ist an allem vermutlich nur der EM-Ball schuld. Seine Iren kämen mit Regen gut zu Rande, hatte Trapattoni noch vor dem Spiel erklärt, sie seien es gewohnt, auf patschnassem Rasen zu spielen. Doch offenbar hatten Sie die Rechnung ohne die spezielle Beschaffenheit des EM-Balls gemacht.

Der offizielle Spielball der EM heißt Tango 12. Immerhin schon seit vergangenen Dezember kennt ihn die Welt, denn da hat ihn die Firma Adidas der neugierigen Öffentlichkeit vorgestellt. Bei Wikipedia lernen wir, dass der Tango 12 aus "thermisch verklebten sogenannten 3D-Panels" besteht, und diese wiederum zu 70 Prozent aus Polyurethan und zu 30 Prozent aus Kunstleder. Laut Adidas ist der Ball 432 Gramm schwer und hat einen Umfang von 68,9 Zentimetern, "die Sprunghöhe (bei einem Fall aus 2 Metern Höhe auf ideal harten Boden) liegt bei 142 Zentimetern. Auch in Sachen Rundheit, Luftdruckverlust und Wasseraufnahme entspricht der Tango 12 den Vorgaben der FIFA."

Experten wie Mehmet Scholl aber verkünden uns staunenden Fans: Jeder Ball hat seine eigenen Tücken - und dieser Ball ist rutsch. Besonders bei Regen. Nun ist das schöne deutsche Wort Ball ja ohnehin nah verwandt mit dem nicht minder anmutigen griechischen Wort phallos, das etwas "Anschwellendes" beschreibt. Die Eigenheiten des Tango 12 aber haben nicht mit einer etwaigen Wasseraufnahme der Außenhaut zu tun, sondern mit seiner Ästhetik. Der EM-Ball ist eine Schöpfung voller südländischem Temperament.

Bei der Optik des Balls orientierte man sich am klassischen Design des Tango-Urmodells, das erstmals bei der Fußball-WM in Argentinien 1978 verwendet wurde "Die Tango-typischen schwarzen Flächen werden beim Tango 12 von bunten Linien in den Farben der EM-Gastgebernationen Polen und Ukraine umrandet", heißt es in der Adidas-Prosa. Alles klar. Der Regen mag den Iren den Rest gegeben haben, aber im Grunde ist der EM-Ball schon prinzipiell der falsche. Iren können trinken, Iren können feiern und manchmal, mit anderen Bällen, sogar Tore schießen. Aber Iren können wirklich niemals je den Tango tanzen.

Wolfgang Hoebel

26. bis 2. Juli: Ach, würde die EM doch niemals enden!
21. bis 25. Juni: Schlaaand? Ich bin raus!
16. bis 20. Juni: Lernen von den Trendsettern
11. bis 14. Juni: Männer, die auf Ziegen starren
7. bis 10. Juni: Die Frisur sitzt



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.