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14. Juni 2012, 15:39 Uhr

EM-Blog

Pack deine Brüste ein, Waldi!

In einer Fußball-Sendung will man Fußball sehen - was ist daran so schwer zu verstehen, lieber Waldemar Hartmann? Im EM-Blog sammeln SPIEGEL-ONLINE-Autoren täglich die schönsten Nebensachen zum Turnier. Diesmal muss sich unser Autor aber Luft machen wegen der sexistischen Berichterstattung der ARD.

14.6. Charkiw: Der lange Arm des Internets

Immer noch Charkiw. Da, wo es so heiß ist. So heiß, dass an jeder Straßenecke weibliche Brüste in unzureichend verhüllten Dekolletees wippen, wie das ARD-Kulturmagazin "Waldis Club" den Daheimgebliebenen dieser Tage zu vermitteln trachtete.

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen im allgemeinen und Waldemar Hartmann im besonderen ihren Bildungsauftrag, den Deutschen Land und Leute fremder Kulturen nahe zu bringen, ernst nehmen. Und der Anblick schöner Frauen in luftiger Sommerkleidung ist mithin auch angenehmer als der des Bierbauchs eines zotenreißenden alternden TV-Moderators.

Dennoch erschließt es sich mir nur schwer, was dies nur am Rande mit Sportberichterstattung zu tun haben soll. Um es mal klar zu sagen: Wenn ich eine Sendung über Fußball sehen möchte, möchte ich eine Sendung über Fußball sehen. Ich will übrigens auch keinen Matze Knop sehen. Aber das ist ja so selbstverständlich wie das ceterum censeo, dass der alte Cato an jede seiner altrömischen Reden anhängte.

Das ist der Fluch des Internets. Da glaubt man ausreichende Entfernung zwischen sich und die ARD-ZDF-Berichterstattungshölle gelegt zu haben - Usedom-Charkow Luftlinie etwa 2000 Kilometer. Dann surft man, weil die Nächte in der Ukraine zu heiß zum Schlafen sind, so ein bisschen im Netz herum - und schon hat Waldemar Hartmann einen erwischt. Ich könnte noch viel weiter weg reisen, hinter den Ural, ins tiefste Sibirien womöglich, ins Straßengewirr von Kabul - der Kult-Kaiser und Waldi wären schon da. Es gibt kein Entrinnen mehr.

Darüber sollten sich diese Piraten mal ihre Gedanken machen und nicht darüber, ob man für einen Song von 50 Cent 99 Cent bezahlen soll oder nicht.

Ich bin weit davon entfernt, ein begrenztes Verständnis für äußerst unsympathische Regimes zu entwickeln, die ihrem eigenen Volk diverse Webseiten sperren, um sie von Informationen fernzuhalten. Aber ich will es mal so formulieren: Wer in der Ukraine oder gar in Nordkorea im Internet "Waldis Club" sieht, der ist nicht übermotiviert, unverzüglich den Weg der Demokratie westlicher Prägung einschlagen zu wollen.

Im Metalist Stadion waren am Mittwoch übrigens an jeder Ecke Fußballer zu sehen. Die meisten von ihnen trugen bei der Hitze gar kurze Hosen und recht gewagt eng anliegende Shirts (Robben!). Das wäre doch mal ein Thema für Waldi.

Peter Ahrens

14.6. Hamburg, Hipster-Kiez, ein Fernseher auf der Straße

Wer, wie der Autor dieses Blog-Eintrages, Mitte der Siebziger als Junge in der deutschen Provinz geboren und aufgezogen wurde, und wer dort schon als Knirps in einem DFB-normierten Dorffußballclub vereinskameradschaftlich sozialisiert und körperlich ertüchtigt wurde, konnte sich kaum dagegen wehren, schon in sehr jungen Jahren zumindest eines von zwei furchtbaren Traumata zu erleiden: 1982 verlor das deutsche Team das WM-Endspiel gegen Italien, 1986 gegen Maradona.

Ich war gerade einmal acht beziehungsweise elf Jahre alt, als ich diese beiden Untergänge beim vereinsöffentlichen Public Viewing in unserem Clubheim verfolgen musste. Das Gefühl der sportlichen Niederlage war übel, tausendfach erschütternder aber war der Zusammenbruch aller emotionalen Stabilität und Sicherheit, der auf die Schmach im Estadio Santiago Bernabéu und vier Jahre später im Aztekenstadion folgte: Erwachsene Männer, zu denen ich aufsah, die ich als unerschütterliche und unverwundbare Autoritäten empfand - mein Trainer, unsere Vereinsfunktionäre, der Platzwart - setzten schon lange vor dem Schlusspfiff zu Wehklagen an, als hätte Leonid Breschnew ein paar SS-20-Raketen auf den Weg geschickt, um "Unser schönes Niedersachsen" (CD hier erhältlich) zur atomar verseuchten Zone umzudesignen, sie vergossen bittere Tränen und leerten unzählige Bauarbeiter-Bier-Knollen, bis sie ihre Trauer ertränkt hatten und wimmernd heimwärts wankten.

Wer so etwas als kleiner Junge erlebt, vergisst niemals, das frisst sich fest im Hirn, da haben Sie noch auf dem Sterbebett was davon. Ähnlich Traumatisches widerfährt den meisten Menschen in den ersten zwei Lebensjahrzehnten ja sonst nur in der Liebe oder in der Schule, zum Beispiel mit einem Unterrichtsstoff, zu dem man eine tiefe Abneigung entwickelt. Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" ist so ein Fall; ein, sagen wir mal, grundsolides Werk, das mit seiner weltfriedenstiftenden Schullektüren-Moral die Liebe zur Literatur eher hemmt, als sie zu entfachen (und das überdies kein klares Wort über die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg oder den Holocaust verliert).

Dämonen wie verlorene Nationalelf-Endspiele oder Borchert kann man im Schach halten, indem man ihnen die Stirn bietet, immer wieder, Konfrontationstherapie nennen Leute vom Fach diese Methode. Mal abgesehen davon, dass es mein Job ist, musste ich also schon allein aus therapeutischen Gründen das Fast-Finale der EM 2012 anschauen, das prestigeträchtige Duell zwischen Deutschland und Holland. Und zwar nicht daheim auf dem Sofa, sondern: draußen vor der Tür. Sie verstehen? Zwei Trauma-Fliegen, eine Therapie-Klappe (eine Art Gerhard-Delling-Gedächtnis-Kalauer, aber das ist okay hier).

Das mit der Tür ist wörtlich zu verstehen, der nächste öffentliche Fußball-Fernseher fand sich 15 Meter vor meinem Hauseingang, mitten auf der Straße - nein, nicht auf dem Bürgersteig. So etwas ist in einer autoreichen Großstadt wie Hamburg selbst bei einer für den Normalverkehr gesperrten Straße ungewöhnlich, aber vielleicht dann doch nicht so sehr in diesem Quartier, das Frauenzeitschriften in ihren City-Shopping-Guides zwar gerne mal als "bunten Szenestadtteil" empfehlen, in dem aber früher regelmäßig noch ganz andere staatliche Regularien als nur die Straßenverkehrsordnung ignoriert wurden.

Die Bewohner des Nachbarhauses hatten neben einem Flachbildfernseher so etwas wie einen Grill aufgebaut, der zunächst grillgut- und damit sinnlos vor sich hin glühte, das Publikum bestand mehrheitlich aus hippen Gentrifizierern, zwischen denen ein paar Alt-Linke, junge Migranten und Punker-Hunde wie sorgsam platzierte Deko-Elemente wirkten. Die etwa 40 Zuschauer saßen auf Klappbänken, hockten auf Bierkisten, Mülleimern oder der Haustreppe, einige wenige trugen dezente Kicker-Accessoires zur Schau (grüne Second-Hand-Stutzen), Nationalfarben trug aber niemand, man fieberte laut genug mit (zwei Drittel für Jogis Truppe, der Rest dagegen), um Béla Réthy mit seiner meteorologisch inspirierten Metaphorik ("das heiße Buffet, der Glutofen, ist angerichtet", "Hummels ist überheiß!") fast durchgehend zu übertönen.

Und als Gomez dann zum zweiten Mal einnetzte und der grillgut- und damit arbeitslose Grillmeister seine Bestimmung als Animateur fand und mit seiner grillgut- und damit arbeitslosen Grillzange wedelte, wirkte das urbane Wellness-Idyll auf eine fast ekelhafte Weise nett und korrekt - wie in einem Werbespot der Grünen Jugend. Andererseits fühlte sich das hier tatsächlich wie das von Usedomina Katrin Müller-Hohenstein so penetrant beschworene "Fußballfest" an, das auf ihrer ZDF-Ostseeinsel ja im Wesentlichen darin zu bestehen scheint, vor den TV-Kameras eine Armee von Liegestühlen in soldatischer Formation auf dem Strand aufzureihen und darin frierende Rentner aus dem Ruhrpott abzusetzen, denen der kalte Ostseewind um die Nase bläst. Nun ja.

Das Hamburger Fest lief jedenfalls nur etwas weiter draußen vor meiner Tür dann doch aus dem Ruder, das zeigte der Kauf eines Päckchens Zigaretten in der Halbzeitpause in einer wenige hundert Meter entfernten Tankstelle, die ihrerseits in der Nähe einer Public-Viewing-Area liegt. Der Weg dorthin war gesäumt von Wildpinklern, die Deutschland-Trikot trugen oder sich zumindest mit Schwarz-Rot-Gold verziert hatten. Warum so eine Schland-Uniform zum öffentlichen Urinieren animiert, ist eine interessante Frage, man sollte mal einen Psychologen dazu interviewen. Vielleicht weil die Selbst-Verflaggung zugleich eine Verkleidung ist, also ein schauspielerischer und mithin exhibitionistischer Akt, der zwingend von der stolzen Zurschaustellung des männlichen Genitals bei einem Public Pissing gekrönt werden muss?

Vor der Tanke standen dann vier migrantische Jungmänner herum, von denen zwei ebenfalls Schland-Schick trugen und die gemeinsam einen Joint rauchten, aber offenbar von der Panik getrieben waren, die zweite Halbzeit zu verpassen: "Jetzt nimm mal einen ordentlichen Zug! Los!! Für Deutschland!!!" Nachdem diese patriotische Pflicht erfüllt war, zogen die vier jointlos weiter und stimmten traditionelles Fußball-Liedgut an: "Wir sind keine Fußballfans - wir sind deutsche Hooligans!" Gelungene Integration nennt man das wohl.

Die Zeit vor dem Wiederanpfiff reichte noch, um auf dem Rückweg beim Wirt meines Vertrauens zu erfragen, wie es einem Gastronom ergeht, der in der Einflugschneise so einer Public-Pissing-Area eine Bar betreibt, aber aus Prinzip die EM-Spiele nur auf einem handygroßen Fernseher ohne Ton zeigt und jedem den Zugang verwehrt, der sich mit Fan-Nippes oder Nationalfarben schmückt - egal welchen. Die Frage zu stellen, erwies sich als unnötig, die Antwort gab sich von selbst: Ein einziger echter Gast hatte sich hierhin verloren. Nach dem Spiel war noch auf Facebook zu lesen, dass ein paar Jogi-Jünger versucht hatten, das ohnehin riesige Freiluft-Urinal um den Eingangsbereich seiner Kellerbar zu erweitern.

Das ist unschön, aber die Bilanz des Abends fiel dennoch positiv aus, dafür Dank an Jogi und seine Jungs, ich bin vorerst geheilt, das erste Endspiel ist gewonnen, das eine Trauma also im Zaum, und das andere ja auch. Denn draußen vor der Tür? Ist es zumindest vor meinem Haus gar nicht übel, ganz im Gegenteil, man muss halt nur nette Nachbarn haben. So wie die Deutschen die Holländer.

Thorsten Dörting

13.6. Ein Sofa in Hamburg: Unter Rentnern

Da will man was Nettes über Moderatoren schreiben, einfach so als Ausgleich, weil gestern ja ein Kommentator von vorgestern bloßgestellt wurde (und das völlig zu Recht). Und dann ist da dieses Echo. Gerhard Delling kann nichts dafür, es sind Tonprobleme, aber der ARD-Moderator klingt eben kurz wie einer dieser Einpeitscher aus einem dieser Rummel-Fahrgeschäfte. "Herzlich Willkommen zur Partie des Gastgebers, der un un un un unbedingt im Turnier bleiben will", echot der Einpeitscher.

Geht ja gut los, denkt der eben noch Wohlwollende, und dann ist da auch noch diese klebrige Ranschmeiße, mit der Delling seinen Co-Moderator Mehmet Scholl einführt. Diese bemühte Anspielung (irgendwas mit "hochsensibel") auf Scholls öffentlichkeitswirksame Kritik am deutschen Stürmer Mario Gomez (irgendwas mit "wundliegen"). Und dieser kleine Nachbericht zum Tschechien-Spiel, bei dem Delling das zweite Tor in der 16. Minute verortet, was Blödsinn ist, weil es schon in der sechsten gefallen war. Es ist so peinlich.

Das Kopfschütteln vor dem Fernseher weicht um 20.32 Uhr jedoch der Erkenntnis, dass es möglicherweise noch peinlicher war, überhaupt etwas Nettes über Moderatoren schreiben zu wollen. Bei dieser EM.

Ist jetzt zu hart, finden Sie? Wenden wir den Blick doch einfach mal ab von Gerhard Delling und richten ihn gen Ostsee, wo das ZDF sein EM-Studio aufgebaut hat. Von der Insel Usedom melden sich die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und der ehemalige Nationalspieler Oliver Kahn. Vor der Bühne, die mitten auf dem Wasser steht, sitzt "Fernsehgarten"-mäßig das typische ZDF-Publikum. Auf der Bühne steht Kahn und kneift bei seinen Analysen immer so die Augen zusammen, als würde ihm das Sprechen schwere Schmerzen bereiten. Aber der Ex-Torwart wirkt wissend und souverän. Frau Hohenstein eher nicht.

"Mario Klose" ist ihr größter Klopper der vergangenen Tage, und er passt perfekt in das Peinlichkeitsbild der öffentlich-rechtlichen EM-Moderatoren. Bei Twitter hauen sich die User verbal auf die Oberschenkel. Vornamen und Nachnamen von DFB-Kickern werden gemischt (Holger Hummels), aus der Moderatorin wird Katja Meier-Hohenstein. Am Dienstag wurde sie in einem Blog dann auch noch zur "Usedomina" gemacht. Sie hatte ja diese Lederweste an.

Was beim Echo-Delling die Technik, ist bei der ZDF-Frau das Insel-Setting. Die Sonne blendet, ihr Mikro wirft Schatten, die wackligen Kamerafahrten übers Wasser verursachen Kopfschmerzen. Und wenn dann mitten in einer dieser Kamerafahrten über die Köpfe der kurzärmeligen Liegestuhl-Rentner vor der Bühne Oliver Kahn die Augen zusammenkneift und Frau Müller-Hohenstein Belangloses erzählt, dann wirkt das vielleicht sogar noch peinlicher als das Ansinnen, etwas Nettes über Moderatoren schreiben zu wollen.

Aber vielleicht ist es am Ende mit den deutschen Moderatoren so wie mit der deutschen Mannschaft. Die hat es auch nicht leicht, in dieses Turnier reinzukommen. Es hakt und klemmt und ruckelt noch. Peinlich, ja, so wirkte das teilweise gegen Portugal. Am Mittwochabend geht es gegen Holland, vielleicht kehrt ja der Glanz zurück. Das ZDF überträgt übrigens, Katrin und Kahn melden sich aus Usedom, wo sich am Abend tatsächlich ein paar Wolken vor die Sonne schieben sollen. Geht doch.

Christian Gödecke

In der Nacht vom 11. auf den 12.6. Unterwegs: Kharkiv welcomes you!

Wenn man in die Ukraine reist, sollte man ein paar Kleinigkeiten beachten. So ist es nicht erwünscht, dass man schwere Waffen ins Land einführt. Auch sollte man keinen Flug für eine Zeit buchen, in der gleichzeitig die ukrainische Nationalmannschaft spielt. Das mit den schweren Waffen habe ich beherzigt.

Die Geschichte beginnt in der Schalterhalle des Postamts Finsterwalde. Nein, sie beginnt in der alten Abflughalle des Euro-Airports Lwiw. Aber beide sehen ungefähr gleich aus. Lwiw hat für relativ unzählige Millionen Euro ein megamodernes Flughafenterminal gebaut. Das kommt allerdings nur bei internationalen Flügen zum Einsatz. Inlandsverbindungen wie der nach Charkow, dem nächsten deutschen Spielort, gehen nach wie vor vom Postamt ab. Hier gibt es kein Gepäckband, es gibt etwas, das man mit viel Liebe einen Check-In-Counter nennen könnte. Aber irgendwann hebt das Flugzeug tatsächlich ab.

Zwischenlandung in Kiew. Der Flughafen der Hauptstadt sieht wirklich so aus wie ein Flughafen. Aber es gibt noch einen Unterschied zum Postamt in Lwiw: Hier hebt das Flugzeug nicht ab.

Eine Stunde vergeht, zwei Stunden vergehen. Es ist ein bisschen schade, dass nirgends in der Abflughalle ein Fernseher existiert, wo man sich die Zeit mit dem Gucken des Spiels England gegen Frankreich vertreiben könnte. Die dritte Stunde vergeht. Es ist Abend geworden. Gleich spielt erstmals bei diesem Turnier die Ukraine. Die Abflughalle leert sich. Zurück bleiben Menschen in grünen DFB-Fantrikots. Vier Stunden. Der Flug wird immerhin offiziell auf dem Terminal-Bildschirm aufgerufen. Two Hours delayed. Die Begründung, "weil der Pilot gerne das Fußballspiel gucken möchte", wird aber nicht eingeblendet.

Fünf Stunden. Nebenan feiert eine Hochzeitsgesellschaft aus Israel. Sie singen und tanzen. Erst dachten wir, sie feiern die Vermählung. Erst nachher wird uns klar: Sie feiern, weil ihr Direktflug nach Tel Aviv tatsächlich zum Boarding aufgerufen wird.

Sechs Stunden. Es ist still geworden am Flughafen Kiew. Die in den grünen Trikots entpuppen sich als die offizielle deutsche Polizeidelegation, die den DFB begleitet. Trotzdem spontane Verbrüderungsszenen, einer hat ein Notebook dabei, wo tatsächlich der Akku noch nicht leer gesogen ist. Traube vor dem kleinen Bildschirm, auf dem Andrij Schewtschenko die Ukraine zum Sieg schießt.Schlusspfiff. 20 Sekunden später leuchtet auf dem sehr leer gewordenen Terminal-Bildschirm auf: Die Maschine nach Charkow ist startbereit. Genauer gesagt, der Bus, der auf dem Rollfeld steht, ist startbereit. Die Maschine lässt sich lieber noch ein bisschen Zeit. Wir bekommen Nachrichten aus Charkow, man solle etwas vorsichtig dabei sein, bei der Ankunft ein Taxi zu nehmen. Die Taxifahrer seien angesichts des ukrainischen Erfolgs, nun ja, ein wenig siegestrunken.

Irgendwann fliegt die Maschine tatsächlich, es ist Nacht in der Ukraine, Ankunft in Charkow kurz vor zwei Uhr Ortszeit. Der einzig nüchterne Taxifahrer steht bereit. Ein Riesenschild leuchtet: "Kharkiv welcomes you."

Peter Ahrens

12.6. Auf der Fernsehcouch: Wo Zlatan auch mal Zlatan heißen darf

Vieles hat sich in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren im Fußball verändert: die Spielsysteme und das Tempo, die Ansprüche an die Spieler, was ihre Vielseitigkeit betrifft, aber auch ihre verbalen Fähigkeiten, ihre Frisuren, ihr Modebewusstsein. Alles ist frischer, professioneller, slicker geworden. Nur eines ist verlässlich anstrengend geblieben: die Live-Kommentare von Wolf-Dieter Poschmann.

Am Montagabend kommentierte er im ZDF das zweite Spiel des Abends, die Partie Ukraine gegen Schweden. Danach hatte man das Gefühl, 90 Minuten lang mit kleinen Stücken Infomüll beworfen worden zu sein. Wie viele Sprachen ein Spieler spricht, dass gerade der jüngste Spieler der Ukraine einen Pass auf den ältesten gespielt hätte - das gesamte Spiel über versiegte Poschmanns Quell an unnützen Informationen nicht, zwischendurch erschien es ihm sogar erwähnenswert, dass Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic in seiner Heimat "Zlatan" genannt wird.

Nun gehört die Freude am irrelevanten Wissen, die Begeisterung fürs Skurrile und das Hochhalten des Abseitigen zum neueren Fußball absolut dazu - nicht umsonst heißt dieses Blog ja auch "die schönsten Nebensachen". Der Impuls dahinter ist jedoch, dieses Wissen genau als unnützes zu kennzeichnen, sein Spezialinteresse als randständig zu betonen. Damit verliert man nicht den Blick fürs Entscheidende, sondern grenzt im Gegenteil das Nichtige vom Wichtigen ab und gibt zu erkennen, dass man durchaus weiß, was für das Spiel und seine Analyse von Bedeutung ist - und was nicht.

Genau diese Trennschärfe geht Poschmann aber ab. Alles ist gleich wichtig, ob nun gerade ein Tor gefallen ist oder man einen besseren Blick auf die Tätowierungen von Andrej Woronin hat: Im Singsang des Verkaufsfernsehens wird nivelliert, tolles Angebot, exklusiv bei uns, schon 39 Stück verkauft, bis man nicht Bestellen, sondern nur noch Abwinken mag.

Beim ZDF ist man sich der - freundlich gesagt - Aus-der-Zeit-Gefallenheit Poschmanns durchaus bewusst und setzt ihn nur noch sehr dosiert ein. Dass er nun ausgerechnet bei einem der unerwartet spannendsten und mitreißendsten Spiele der EM bislang zum Einsatz kam, ist deshalb bedauerlich - aber letztlich auch nur eine Nebensache.

Hannah Pilarczyk

11.6. Lwiw aka Lemberg: Männer, die auf Ziegen starren

Nein, schön ist das Lemberger Stadion nicht. Eine Betonstatue, ohne Sinn für Ästhetik oder Emotionalität. Von außen wirkt die Spielstätte, wo Deutschland seinen Sieg gegen Portugal erspielte, wie eines der ehemaligen olympischen Ufo-Stadien, gebaut irgendwann Ende der Siebziger. Es macht den Anschein, als solle es ausschließlich funktionieren, nicht repräsentieren. Es hat nicht die Heimeligkeit des Leverkusener Stadions, nicht die Erhabenheit des Dortmunder Tempels oder die Impulsivität der Schalker Arena. Lembergs neuer Fußballkoloss ist mit seinen harten Kanten, hohen Wänden und grauen Steinen eigentlich nur eines: ein architektonisches Unding. Zumindest von außen. Denn innen erlebt man einen hochmodernen Bau, mit riesigem Pressebereich, schnellen Fast-Food-Schaltern, komfortablen Sitzen und sehr freundlichen, herzlichen Menschen.

Das Stadion ist damit sinnbildlich für vieles in Lemberg. Denn die Stadt, unweit der polnisch-ukrainischen Grenze gelegen, ist roh und herzlich, hässlich und schön zugleich. Viele Plattenbauten umreißen prächtigste Kirchen, asphaltierte Straßen münden häufig in Feldwege. Der Osten trifft auf westliche Ansprüche.

Als uns ein Taxifahrer, ein gewiefter Ukrainer, der dauerhaft mit zwei Handys gleichzeitig telefonierte (während er fuhr!), um die Polizeiabsperrung, die das Stadion schon vier Stunden vor Anpfiff bis auf einen Kilometer von der motorisierten Außenwelt abriegelte, herumfuhr, durchkreuzte er etliche Seitenstraßen. So konnten wir, ungefähr 1,5 Kilometer vom Stadion entfernt, das lembergische Dorfleben bestaunen. Die Betonschüssel, in der eine schillernde EM gespielt wird, am Horizont und vor uns Hühner, Ziegen, Schafe. Herumstreunend, als würde die Welt ihnen gehören.

Mitten auf der Straße, die eigentlich eher eine Sanddüne ist, standen alte Männer. Die Füße steckten in Gummistiefeln. Die Gesichter waren zerfurcht, die Körper gezeichnet von harter körperlicher Arbeit. Die Männer bewegten sich nicht, schauten grimmig. Doch dann, wie aus dem Nichts, ein kurzes Winken, ein schnelles Lächeln.

Doch, doch. Das Lemberger Stadion passt vorzüglich auf dieses Fleckchen Erde.

Rafael Buschmann

11.6. Abseits: "Warum?"

Fàbregas stolpert weiter in den Strafraum und passt stürzend halbrechts zu Iniesta, kurz und flach, und Iniesta will gerade aus vollem Lauf abziehen, als plötzlich das Kind sich ins Bild schiebt, seinen Finger auf den Bildschirm legt und fragt: "Papa, warum knistert das?" Vierjährige Mädchen gehören zu den wenigen Menschen, die in keine einzige der vorgesehenen Zielgruppen passen. Vierjährige Mädchen, man muss es so hart sagen, geht Fußball nichts an. Geh weg.

Iniesta hat nicht getroffen, Eckball. Alonso legt ihn sich zurecht, läuft an: "Warum schreit der Mann? Hat der sich wehgetan?" Nein, der ist wütend. "Warum ist der wütend, Papa?" Schatz. Wütend wird man, wenn man nicht bekommt, was man will. Ich will übrigens, dass du jetzt ins Bett gehst. "Papa, warum weint der?" Wer? Was? Nein, der weint nicht. Der ist hingefallen, und jetzt tut's ihm weh. "Ist der getreten worden?" Ja, der ist umgetreten worden. Das nennt man Foul. Der ist gefoult worden. "Von wem ist der gefault worden? Von dem Griechen?" Griechen? "Du hast gesagt, die Blauen sind die Griechen." Ach, das waren vorgestern die Griechen. Jetzt sind die Blauen die Italiener. "Haben die Griechen den Italaniern ihre Hemden geschenkt? Oder nur ausgeliehen?" Das heißt Italiener, und die haben ihre eigenen Hemden. Findest du die schick? "Ja, warum müssen die blau sein?" Die müssen nicht blau sein, die wollen das so. Der Gelbe ist übrigens der Schiedsrichter. Pfeift mit einer Pfeife und kann Spieler in ihr Zimmer schicken. Da müssen die dann drinbleiben. "Ist das der Bestimmer?" Das muss der Bestimmer sein. Ich bin's offenbar nicht, denn so geht das die ganze erste Halbzeit.

Bleiben Sie dran, denn so geht die zweite Halbzeit: "Wer sind die Roten?" Spanier. Aus Spanien. "Die sind aber nur zu Besuch, oder?" So ähnlich. "Ich will, dass die Spanier gewinnen, weil da ist es warm, da konnten wir den ganzen Tag barfuß herumlaufen … Papa, warum haben die Schuhe an? Warum rennen die so schnell? Die kriegen doch einen Seitenstich!" Die wollen gewinnen. Tore schießen. Kennst du doch von den Jungs im Kindergarten, oder? "Ja, die rufen immer so TOOOOOOOOOR!" Siehst du! Sag doch mal, dass du mitspielen willst! "Ich will aber nicht mitspielen. Ich bin lieber Zuschauer, da kann man so rumgucken und kriegt keinen Seitenstich".

Hör auf zu zappeln, wir wollen uns doch auf das Spiel konzentrieren. "Warum? Wir spielen doch nicht mit! Wir sind nur die Zuschauer. Ist das da auch ein Zuschauer? Warum hat der eine Fahne auf der Backe?" Das ist die Fahne von seinem Land. "Wieviele sind das? Warte, ich zähl mal! Eins, zwei, drei, vier, fünf, nee … warte, nochmal von vorn! Eins …" Ächz. "Papa, warum spielen die nur mit einem Ball? Wenn die mehr Bälle hätten, müssten die sich nicht immer so schubsen! Was macht der?" Einen Einwurf. "Warum kein Zweiwurf?"

TOOOOOOOOOR! "Papa, warum schreist du so! Du hast mich erschreckt!" Schatz, die Italiensier haben ein Tor geschossen! Kind erstarrt, zieht Flunsch. Erst zucken die Schultern, dann bebt der Körper, Schluchzen, Schleusen auf. Himmel! Was ist denn los? "Ich will aber …. dass die Spaaaanier gewinnen!" Ach Gottchen, schau, die schießen bestimmt gleich noch ein Tor. "Wirklich?" Wirklich. Schluchz. Und wirklich, keine vier Minuten später schlenzt Silva zu Fàbregas, der verlängert gegen die Laufrichtung von Buffon, uuuund: "Tor", sagt das vierjährige Mädchen zufrieden, als hätte ich soeben ein Versprechen gehalten. "Und jetzt will ich Seilspringen. Kommst du mit? Wir können das Spiel solange ausmachen."

Und dann haben wir das Spiel ausgemacht. Wir können es ja jederzeit wieder anmachen.

Arno Frank

11.6. Lemberg aka Lwiw: Der FC St. Pauli der EM

Direkt vor meinem Zimmer in der Altstadt von Lemberg aka Lwiw steht eine Statue des Schriftstellers Leopold Ritter von Sacher-Masoch, der hier im 19. Jahrhundert geboren wurde. Der Edelmann gilt als Namensgeber für den Masochismus. Deswegen werden auch die EM-Touristen, die mit dem Standbild posieren, von freundlichen Angestellten des örtlichen Fremdenverkehrsverbandes mit einer Peitsche traktiert. Das soll wohl ein nettes Fotomotiv für die Lieben daheim abgeben. So sind die Bräuche in der Ukraine. Es ist ein raues Land.

Ich habe dem triebhaften Zwang nach Schmerzempfinden dagegen in der Weise nachgegeben, am Sonntagabend die Fanmeile von Lemberg aka Lwiw aufzusuchen und dort das Spiel zwischen Kroatien und Irland anzuschauen. Die Iren sind das mit Abstand schlechteste Team, das bei diesem Turnier mitmacht. Keiner weiß eigentlich so recht, wie sich diese Mannschaft qualifizieren konnte. Aber dennoch oder gerade deswegen drücken so viele dieser Truppe die Daumen. Selbstverständlich vergeblich. Herr Masoch lässt grüßen.

Man könnte vielleicht sagen: Die Iren sind so etwas wie der FC St. Pauli dieser Europameisterschaft. Wahrscheinlich wird man keinen St.-Pauli-Fan finden, der nicht sagt, dass er die Iren sympathisch findet. Bierkonsum und Bauchumfänge der Fans beider Teams nähern sich über die Jahre auch an. Und spielerisch ist es ohnehin so ziemlich eine Liga. Am besten haben mir an dem Abend gegen die Kroaten die beiden irischen Spieler Kick und Rush gefallen. Die hätten auch auf dem Kiez jederzeit ihre sportliche Heimat gefunden.

Und die deutsche Nationalmannschaft? Es muss hier zum Schluss doch bemängelt werden, dass der deutsche Fußball international immer noch nicht die Anerkennung erfährt, die er längst wieder verdient. So wurde der Bundestrainer von den englischsprachigen Journalisten bei den Pressekonferenzen rund ums Portugal-Spiel permanent als "Mister Low" angesprochen. Ich finde, diese Art der Geringschätzung muss dringend aufhören.

Peter Ahrens

10.6. Hamburg: Flower Power
Bestimmt hat es eine Menge über unsere Zeit zu sagen, dass diese Fußball-Europameisterschaft im Zeichen einer Blume stattfindet. Hobbygärtnern und Hippies muss echt jedes Mal das grüne Herz aufgehen, wenn ein Pfostenschuss von Arjen Robben oder eine Kunstgrätsche von Mats Hummels von den EM-Berichterstattern in Zeitlupe wiederholt werden. Denn allen Fernsehzuschauern dieser Welt ploppt dann stets von neuem die sogenannte Euro-Blüte entgegen, das Symbol für Völkerfreundschaft und Heiterkeit, das sich die Uefa als Logo (oder fachmännisch: Key Visual) für dieses Turnier ausgesucht hat.

Wir wollen nicht vorgreifen, aber schon nach sehr wenigen Tagen dürfen wir ein erstes ästhetisches Urteil fällen: Das allgegenwärtige Logo nervt schon schwer und wuchert in unseren fußballnärrischen Alpträumen. Es dürfte aber die Ausrichter jeder internationalen Gartenbauausstellung vor Neid erblassen lassen.

"Blüh im Glanze dieses Glückes", heißt es in der deutschen Nationalhymne, was einem nicht bloß vor Spielbeginn, sondern erst recht nach dem Gomez-Kopfball gegen die Portugiesen unweigerlich durch den Zuschauerkopf rauscht. Und warum? Weil im großen Metaphernsalat der Fußballwelt mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten scheint, dass wir es bei diesem Sport immer noch mit dem Kampf zappeliger Menschen zu tun haben, die sich die Lunge aus dem Leib rennen und um einen Ball raufen. Die Uefa-Menschen sagen uns durch die Blume, dass sie diesen rohen Kampf zugunsten eines irgendwie botanischen Gleichnisses verschleiern wollen. Wenn wir der Bildsprache der Euro-Graphiker folgen, dann ist in Polen und der Ukraine ein großes Blühen und Gedeihen, ein Ranken und Sprießen auf dem Fußballfeld im Gange. Da wächst etwas zusammen, was nach dem Willen einer freundlichen Frau Flora zusammengehört.

Alles wird weiblicher, sanfter, sonniger in unserer Zeit, behaupten die Kulturkritiker in den Feuilletons heutzutage gern. Klar wird also auch die Darstellung des früher mal rauen Sports ins Blumige verniedlicht. Statt von Männlichkeit und Kampf und Dynamik erzählen uns die Blütenfreunde dieser EM lieber von süßer Harmonie. In der offiziellen Verlautbarung zum Blumensymbol hat die Uefa verkündet, worum es geht: "Das Logo besteht aus zwei Blüten, die jeweils eine Gastgebernation repräsentieren sollen, und einem Ball in zentraler Position zur Verdeutlichung der Emotion und der Leidenschaft, die der Wettbewerb mit sich bringt. Der Stiel kennzeichnet den strukturellen Aspekt des Turniers, also die Uefa und den europäischen Fußball. Die Natur diente auch als Inspiration für andere Eigenschaften der visuellen Identität, so steht grün für die Waldgebiete, gelb für die Sonne, blau für das Wasser und den Himmel."

Ganz blümerant wird einem angesichts dieser Poesie, die uns lehren will, den Sport mit neuen Augen zu sehen. Sollen wir also sagen, dass die deutschen Fußballer ihren Garten fürs Erste schön bestellt haben? Dürfen wir lobpreisen, dass Mario Gomez an diesem EM-Samstag den Ball aus dem dunkelblauen Abendhimmel von Lviv pflückte, wie man mit dem Kopf überhaupt nur irgendetwas pflücken kann? Und können wir verraten, dass wir endlich kapiert haben, was es mit der "Bringschuld" auf sich hat, die der Spieler Boateng angeblich auf dem Platz mit sich herum herumschleppt, seit ihn der strenge Turnvater Löw ein bisschen getadelt hat. Bringschuld heißt: Der gute Jerome sollte dem grollenden Joachim einfach mal einen bunten Strauß vorbeibringen. Sportsfreunde, lasst Blumen sprechen!

Wolfgang Höbel

9.6. Lemberg: Ronaldos Frisur sitzt

Zweite Station Lemberg (ja, ich weiß, es heißt Lwiw. Keine Aufregung bitte). Ich muss gleich zu Beginn einräumen: Kyrillisch ist nicht meine Kernkompetenz. Falls jemand also erwartet, dass es an dieser Stelle Hinweise auf lustige ukrainische Hinweis- und Verkehrsschilder gibt, wie das sonst bei Blogs aus der Ferne so üblich ist, der wird womöglich enttäuscht werden.

Enttäuscht werden - da sind wir dann ja zwangsläufig bei Cristiano Ronaldo. Auftritt von CR7, dem Intergalaktischen bei der Pressekonferenz der Portugiesen vor dem Spiel gegen Deutschland. Ronaldo ist jede Faser Weltstar-Darsteller, er hat seine manierierte Mimik aufgesetzt, er spreizt sich, er hebt arrogant eine Augenbraue, das Haar ist frisch aufgegelt. Lwiw, 19 Uhr. Die Frisur sitzt.

Cristiano sagt wichtige Dinge: "Die Deutschen sind ein starkes Team. Wir sind auch ein starkes Team." Der Simultan-Übersetzer schnauft dabei, als würde er seinen letzten Atemzug tun. Einmal ist Cristiano etwas ungehalten, weil ein portugiesischer Kollege ihn fragt, ob er der beste Fußballer der Welt sei oder doch Messi. Was denn diese Frage mit dem Deutschlandspiel zu tun habe, fragt Ronaldo zurück. Der Journalist, kurz in aufwallender Panik, dass ihm das Wohlwollen des Stars entzogen wird, beeilt sich mitzuteilen: "Also für mich ist das gar keine Frage: Du bist für mich der beste Fußballer der Welt." Da lächelt Ronaldo wieder. Mir scheint, man kann von den portugiesischen Kollegen in Sachen Handwerk noch einiges lernen.

Abends dann Fanmeile auf dem Svoboda Prospekt im geradezu mediterranen Lwiw (ja, ich weiß, es hieß früher Lemberg). Die Russen spielen, und die Russen sind in der westlichen Ukraine, sagen wir einmal, nicht das allerbeliebteste Volk der Welt. Den Russen auf der Leinwand ist das egal, sie schießen vier Tore und sind damit, sowieso, jetzt der große Titelanwärter. Merke ARD/ZDF-Logik: Wer ein Spiel gerade zu Beginn eines Turniers gewinnt, ist immer sofortiger EM-Favorit. Die Russen holen sich also am 1. Juli in Kiew den Titel. Präsident Putin kann dann allerdings nicht dabei sein, weil er aus Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine dem Spiel fernbleibt.

Und die deutsche Nationalmannschaft? Das grüne DFB-Trikot kostet auf der Fanmeile von Lwiw etwa 80 Euro. Da fährt man schon so weit in den Osten, und dann kostet das Deutschland-Trikot genauso viel wie in der Heimat. Wie soll denn da EM-Fieber aufkommen?

Peter Ahrens

9.6. Berlin-Friedrichshain: Elf Freunde Polens sollt ihr sein.

"Polska! Polska!" Als der polnische Ersatz-Torwart Przemyslaw Tyton den Elfmeter von Giorgos Karagounis hält, jubelt das Publikum so laut, als hätte Polen das Spiel gerade gewonnen Rot-weiße Fahnen werden geschwenkt, rote T-Shirts mit Staatsadler und "Polska"-Aufschrift scheinen in der Abendsonne noch stärker zu leuchten. Warum so viele Polen oder zumindest Fans der polnischen Nationalmannschaft zum Public Viewing in das EM-Quartier der Fußballzeitschrift "11Freunde" gekommen sind, ist nicht ganz klar. Eindeutig ist nur, dass sie das großzügige Gelände am Postbahnhof in Berlin-Friedrichshain zum besten Ort der Stadt machen, um das Eröffnungsspiel zu schauen.

Seit 2006 veranstaltet "11Freunde" zu den großen Fußballturnieren Public Viewings in Berlin. Im Kreuzberger Musik-Club Lido fing es vergleichsweise bescheiden an, mittlerweile haben die "Quartiere" ihre Kapazitäten mehr als verdoppelt. Am Postbahnhof steht nun eine extra aufgebaute Tribüne samt Großbildschirm und diversen Bier- und Wurst-Buden, rund 3000 Menschen haben auf dem Areal Platz An allen Ecken ist hier Polnisch zu hören. Polnisch-stämmige Berliner, Austausch-Studierende, ganze Büros von polnischen Unternehmen scheinen hierher gekommen zu sein.

Eigentlich ist es traurig, dass es so auffällt, dass viel Polnisch gesprochen wird - schließlich ist die Grenze zum Nachbarland von Berlin kaum 60 Kilometer entfernt. Und trotzdem: Eher hört man im Touri-Hotspot Friedrichshain Englisch oder Spanisch auf den Straßen. Wenigstens für die Phase der Gruppenspiele ist das nun anders: Zur polnischen Nationalhymne wird aufgestanden und gesungen. Die Borussia-Dortmund-Stars Jakub Blaszczykowski und Robert Lewandoswki werden frenetisch beklatscht, zusammen mit Eugen Polanski sind sie die Publikumslieblinge. Dass die Griechen den Ausgleich schaffen und es für Polen letztlich nicht für einen Sieg reicht, ist für die Stimmung egal.

Als hinter dem Bildschirm der Direktzug vom Berliner Ostbahnhof nach Warschau vorbei fährt, läutet der Lokomotivführer zum Gruß an die Fußballgucker sein Hupe. Polen, hat man an diesem Abend das Gefühl, ist etwas näher an Berlin herangerückt. Nein, andersrum: Berlin ist etwas näher an Polen herangerückt.

Hannah Pilarczyk

9.6. Warschauer Nationalstadion: Gänsehaut pur

Als Journalist ist man bemüht, keine Gänsehaut zu bekommen. Nie. Gänsehaut bedeutet, dass man sich mit etwas emotional auseinandersetzt. Emotionen sind das Gegenteil von Objektivität. Objektivität ist aber das alles entscheidende Kriterium.

Doch als gestern über 55.000 Menschen im Warschauer Nationalstadium die polnische Nationalhymne anstimmten, war die Gänsehaut für mich unvermeidbar. Es ist das Land, in dem ich geboren wurde. Es ist das Land, in dem ich meine Kindheit verlebte. Alleine die polnische Sprache zu hören ist für mich schon eine Freude, aber bei der Hymne, dieser schön-traurigen Hymne, durchzog ein Schauer meinen Körper.

Ich freute mich darüber, dass es Polen gelungen ist, eine halbwegs geschmackvolle Eröffnungszeremonie hinzulegen. Ohne gravierende Fehler oder übertriebene Posen. Eine Sinfonie vom polnischen Nationalhelden Chopin, ein paar tanzende Menschen, einige aufblasbare Stadien, die die zwischenkulturelle Beziehung zur Ukraine darstellen sollte - das war's. Kein elendes Brimborium wie zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking oder bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Nein, diesmal war es angemessen.

Angemessen für einen Sport, der durch seine Einfachheit groß geworden ist. Dessen simple Regeln - im Prinzip reichen vier Menschen, ein Ball (wahlweise auch eine Dose, ein Wollknäuel oder ein Luftballon) und zwei Pfosten (dies können zwei Stöcker, Rucksäcke oder Dosen sein) - begeistern seit Jahrzehnten Menschen. Fußball macht es wahnsinnig leicht, sich zu messen, den Stärkeren, Besseren, Kreativeren zu ermitteln. Fußball macht viele Menschen glücklich.

So war es auch gestern beim Eröffnungsspiel. Diese fast 60.000 Fußballanhänger feierten schon Stunden vor dem Spiel in der Innenstadt. Polnische und griechische Fans tranken, aßen, sangen miteinander. Als am Abend die Nationalhymne zu Ende war, feuerten beide Lager ihre Teams wie von Sinnen an. Sie brüllten, wedelten mit ihren Schals und pfiffen, wenn ihnen etwas nicht passte.

Sie zeigten dabei, dass Emotionalität eben auch sehr gut ohne Ausschreitungen funktionieren kann. Im Stadion gab es keine Gruppe, die Pyrotechnik benutzte. Niemand nebelte das Stadion zu. Kein Fan stürmte auf den Rasen. Nein, es ging gesittet, respektvoll zu.

Ultras in ganz Europa, die sich durchweg als einzige wahren Fußballfans ansehen, nennen diese Europameisterschaft verächtlich eine Plastikveranstaltung. Sie echauffieren sich über die zu strikten Grenzen, die diesem Sport durch die UEFA auferlegt werden. Sie bemängeln die fortscheitende Kommerzialisierung. Dadurch fehle einfach die Verrohung, die den Fußball einst ausgezeichnet hat.

Aber der Fußball ist in den vergangenen Jahren auch ein deutliches Stück weit erwachsen geworden. Er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Politik, die Wirtschaft, selbst Spirituelle interessieren sich für den rollenden Ball.

Es wird in hochmodernen Arenen gespielt, die bei schlechtem Wetter sogar zu Hallen gemacht werden können. Auf den Tribünen sitzen Eltern mit ihren kleinen Kindern. Sie essen Burger, Pommes oder Bratwürste. Und trotzdem ist die Stimmung gut, die Anfeuerungen laut. Sie sind sogar so frenetisch, dass einem die Gänsehaut kommt.

Auch jenen Zuschauern, die nicht in Polen geboren wurden.

Rafael Buschmann

8.6. Warschau: Überholt von einem Rollstuhl

Vom Hauptbahnhof zum Hotel sind es genau 1,6 Kilometer. Kaum der Rede wert, will man meinen. Schnell werden die Koffer im Mietwagen verstaut, die Gedanken sind schon bei einer warmen Mahlzeit. In zehn, 15 Minuten wird man wohl Pierogi oder Bigos bestellen können, dazu ein kaltes Tyskie-Bier. Das kulinarische Angebot in Polen ist riesig und ausgezeichnet.

Doch 52 Minuten später und insgesamt 800 gerollte Meter weiter ist klar: Die schlechteste Lösung für die Fortbewegung in Warschau ist das Auto. Die 1,8 Millionen-Menschen-Metropole ist ein einziger Stau. Die 1,6 Kilometer werden am Ende in einer Rekordzeit von einer Stunde und 42 Minuten bewältigt.

Während der "Fahrt" wurde der Mietwagen von zwei Kindern auf Tretrollern, unzähligen Fahrrädern und sogar einem Rollstuhl überholt. Im Radio lief zur Beruhigung "Rollin" von Limp Bizkit. Wenigstens bekam das Dauergehupe der anderen Verkehrsteilnehmer so eine neue, melodische Richtung.

Warschau, die boomende polnische Hauptstadt, ist Quartierstadt für die russische, griechische und polnische Nationalmannschaft. Die EM-Gruppe A, zu der auch die Tschechen gehören, trägt hier drei Spiele aus. Insgesamt sind sogar fünf Turniermatches im Nationalstadion angesetzt. Tausende EM-Fans werden in die Metropole pilgern. Ob sie ihre Mannschaften rechtzeitigen sehen können, schnell und zuverlässig von einem Ort zum anderen gelangen werden? Wohl eher unwahrscheinlich. Darauf scheint Warschau - allen positiven politischen Bekundungen zum Trotz - einfach nicht vorbereitet zu sein. Überall wird noch gebaut, etliche Hauptkreuzungen, Zulieferstraßen und sogar Kreisverkehre sind nicht befahrbar.

Selbst neueste Navigationssysteme verlieren schnell die Übersicht. Das wiederum macht auch den Reiz dieser Stadt aus. Sie schillert nicht so wie Krakau, sie ist nicht so gut organisiert wie Danzig oder Breslau, sie strahlt nicht die Eleganz von Rom, München oder Paris aus. Warschau ist eher wild, unberechenbar, dabei aber gleichzeitig sehr geheimnisvoll und verführerisch. Die große Liebe wird hier nicht in einer Vinothek auf dem Silbertablett serviert, sie versteckt sich eher in einer der unzähligen verrauchten Bars. Wer sich auf Warschau einlässt, muss sich auf den Facettenreichtum der vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Winkeln der Welt einlassen. Das braucht Zeit. Genauso wie das Erkunden der zahlreichen Universitäten, Theater, Museen und Baudenkmäler. Wer in Warschau trotzdem schnell vorankommen will, muss sich gemeinsam mit Tausenden Touristen in eine der vielen Trams quetschen.

Wenn denn mal eine käme.

Rafael Buschmann

7.6. Danzig: Bernstein und Bundeskanzlerin

Erste Station Danzig. Und wahrscheinlich gibt es keinen besseren Ort, um für sich eine Europameisterschaft beginnen zu lassen. Man läuft durch diese uralte Stadt, sieht die erhabene Marienkirche, guckt sich den Artushof an und das berühmte Krantor, läuft durch die Lange Gasse, man hat diesen weiten Ostseehimmel über sich - und irgendwann bekommt man ein Gefühl dafür, was Europa ausmacht. Dass Europa doch ein bisschen mehr ist als der schnöde Rettungsschirm.

Die Stadt hat Geschichte, sie hat so viel hinter sich, erlebt und erlitten. Diese Stadt hat Würde. Es ist die Würde des Alters. Eine Stadt des alten Europa. Sogar die griechischen Fahnen, die hier wie die Flaggen aller EM-Teilnehmer überall aufgezogen sind, flattern hier freundlich im Wind.

Und um die Ecke steht das Solidarnosc-Museum, wo an die Zivilcourage des kleinen Elektrikers Lech Walesa erinnert wird. Irgendwie möchte man jedem EM-Teilnehmer, jedem EM-Zuschauer wünschen, dass er einmal durch dieses Museum schlendert, in dem sich alles um das große Wort Freiheit dreht. Und am besten die Eindrücke davon anschließend in die Ukraine mitnimmt.

Eine Stadt kann nicht lächeln. Aber wenn sie es könnte, dann würde Danzig wohl milde lächeln über den EM-Hype, der die Stadt derzeit ergriffen hat, die rot-weißen Überzieher über den Auto-Rückspiegeln, die fliegenden Händler mit ihren Bernstein-Imitaten, die Papageien, die in der Altstadt für die EM-Touristen das angeblich große Los aus einem Lotterietopf ziehen. Und Danzig würde sich vermutlich denken: Ach, ja, Fußball. Das geht auch vorbei.

Und die deutsche Nationalmannschaft? Auf dem Weg zum Medienzentrum vor der Stadt kam uns Journalisten die gesamte Spieler-Combo entgegen. Man hatte sie auf Fahrräder gesetzt, und damit ging es durch die Wälder. Alle trugen vorschriftsmäßig einen Fahrradhelm - bis auf Lukas Podolski. Muss der Mann seinen Kopf nicht schützen? Und warum freuen sich die Nationalspieler eigentlich immer so, wenn die Bundeskanzlerin vorbeischaut?

Antworten auf diese und andere Fragen gibt es spätestens am Samstag um 20.45 Uhr, wenn Löws Elf gegen Portugal antritt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Und ein ganz anderes Land.

Peter Ahrens

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