Blutige TV-Krimis: Lass quieken, ARD!

Sauerei reiht sich an Sauerei: Erst zeigt das Erste in der Mankell-Verfilmung "Der Chinese" ein plump in Szene gesetztes Blutbad, dann ermittelt "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal in der Fleischindustrie. Christian Buß ist irritiert - so viel Schweineblut, so wenig Wirkung.

TV-Krimis im Ersten: Allein unter Schweinehälften Fotos
SWR

Blutspritzer an der Decke, Blutlachen auf dem Teppich, ein in Blut eingeweichtes Sofa. Dazu rund 20 Leichen, erstochen, zerhackt und filetiert. Wenige Sekunden nur blitzen die Bilder des Grauens auf - das aber immer wieder über eine halbe Stunde. Dazu gibt es hysterische Streicher wie in Hitchcocks "Psycho", auch diese etwas ermüdend über die ersten 30 Minuten gestreckt. Das macht mürbe, am Ende denkt man nur noch: Und wer macht die Sauerei jetzt weg?

Entschuldigung, aber es ist schwierig, angesichts der neuen aufwendigen Henning Mankell-Verfilmung in der ARD ernst zu bleiben: Wie hier umständlich Schreckensstakkato an Schreckensstakkato gereiht wird, ist wirklich kaum mit anzusehen - nicht weil die Bilder wehtun, sondern wegen der allzu plump ausgewalzten Dramaturgie der Schockeffekte. Ein Überrumpelungsthriller für Menschen, die ganz langsam ticken.

Aber was sollten die Programmmacher tun: Nachdem sie nun wirklich fast jeden Roman und jeden Fernsehfilm, jede Kurzgeschichte und jedes Exposé des alten und hierzulande so beliebten Schweden ausgeweidet hatten, mussten sie sich für die Verfilmung von Mankells 600-Seiten-Opus "Der Chinese" eben was ganz besonders Drastisches einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu erzielen.

Mankells Roman führt von einem Massaker in einem schwedischen Provinznest direkt zum Kolonialismus des 19. Jahrhunderts und zurück zum Neokolonialismus der neuen Wirtschaftsmacht China. Ein wuchtig geschlagener Erzählbogen, der in der Fernsehadaption nun doch arg verkürzt wird: Erst watet man durchs Blut, danach geht es - hopp, hopp! - durchs große, globale Gesellschaftsszenario.

Zwischen Schweinehälften und Pressfleisch

Regisseur Peter Keglevic, der mit "Blackout - Die Erinnerung ist tödlich" eines der besten Krimi-Panoramen des letzten Jahrzehnts inszeniert hat, fehlt hier leider der Atem, um die behaupteten geopolitischen und kulturhistorischen Verbindungen plausibel zu machen: Während die Richterin Brigitta Roslin (Suzanne von Borsody) in dem schwedischen Kaff Hesjövallen, wo das Massaker stattgefunden hat, als eine der wenigen Überlebenden ihrer Familie in die Geheimnisse der eigenen Vorfahren hinabsteigt, ordnet der Geschäftsmann Ya Ru (Jimmy Taenaka) in China seine zweifelhaften Geschäfte mit verarmten afrikanischen Staaten.

Schnell ahnt man, was die verschiedenen Handlungsstränge des Zweiteilers, den die ARD an diesem Freitag in einem Rutsch versendet, miteinander zu tun haben. Einsteigen mag man trotzdem nicht. Die internationalen Schauspieler - etwa Claudia Michelsen oder der Schwede Michael Nyqvist ("Verblendung") - spulen in "Der Chinese" ihre Monologe so pflichtschuldigst ab wie die Bühnenbildner das Set vollsauen. Schade ums vergossene Kunstblut.

Das Gleiche gilt für das andere Krimi-Vorzeigeprojekt der ARD, das zum Jahreswechsel gezeigt wird: In der "Tatort"-Episode "Tödliche Häppchen" geht es am Neujahrssonntag um Machenschaften in einer Ludwigshafener Großschlachterei. Zwischen Schweinehälften und Pressfleisch ermitteln Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) in einem Mordfall. Getötet wurde eine Polit-Aktivistin, die offensichtlich einer echten Schweinerei auf der Spur war. Diese wird von der wunderbaren, aber leider viel zu selten zu sehenden Idil Üner ("Kurz und schmerzlos") gespielt und gleich zu Anfang aus dem Bild gemordet - ein Grund weniger also, sich den "Tatort" bis zu Ende anzugucken.

Im Folgenden werden die beiden Ermittler im Kühlraum eingeschlossen, später sieht man sie immer wieder in Diskussionen über den deutschen Fleischkonsum im Allgemeinen und den eigenen im Speziellen versunken. So wird in "Tödliche Häppchen" (Buch: Frauke Hunfeld, Regie: Josh Broecker) nach Frauenfußball und Genitalverstümmelung ein weiteres großes Thema gedreht und gewendet, bis am Ende ein einschläfernder Redlichkeitskrimi rauskommt.

Wenn die Kommissare kurz am Imbiss stoppen, um über den Fall nachzudenken, dann bestellen sie natürlich Hot Dogs mit Tofu-Würstchen. Und als Odenthal mit mechanisch anmutender Begeisterung die vegetarische Brotbeilage lobt, erzielt der Film doch glatt das Gegenteil der gewünschten Wirkung. Da will man sich aus Protest gegen diesen Veggie-Krimi schnell ein Kotelett in die Pfanne hauen.


"Der Chinese", Freitag, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Tödliche Häppchen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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1.
boeseHelene 30.12.2011
Zitat von sysopSauerei reiht sich an Sauerei: Erst zeigt das Erste in der Mankell-Verfilmung "Der Chinese" ein plump in Szene gesetztes Blutbad, dann ermittelt "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal in der Fleischindustrie. Christian Buß*ist irritiert*- soviel Schweineblut, so wenig Wirkung. Blutige TV-Krimis: Lass quieken, ARD! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,805937,00.html)
deutsche Krimis waren richtig gut, inzwischen muss alles hochdramatisch und möglichst nah am Leben sein zu mindestens das was Drehbuchschreiber darunter verstehen. Früher nannte man die Art Film Schulfilm und die wurden in der Schule gezeigt heute versucht man den Zuschauer mit Krimis zum Vegetarier zu bekehren oder in vor bösen Handystrahlen zu warnen. Den einzigen deutschen den ich noch anschaue ist Tatort Münster, früher gab es noch Adelheid und ihre Mörder, wenn ich heute einen Krimi schaue der mich auch unterhalten soll dann The Mentalist
2.
TomRohwer 30.12.2011
Was mich schon immer an den Krimis von Henning Mankell genervt hat ist die sich wieder und wieder repitierende Idee, daß sich die Linien aller großen Weltverschwörungen, ob nun rechtsradikal-politisch oder pädophil oder organisierte Kriminalität, ausgerechnet in Schonen kreuzen. Ein Stück schwedischer Größenwahn wie zu Olof Palmes Zeiten, und völlig absurd, denn warum sollte sich irgendein Krimineller außerhalb Schwedens ausgerechnet für Schonen, die tiefste schwedische Provinz, interessieren... Im Gegensatz dazu waren die Kriminalromane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö feinsinnig zynische und teilweise leicht groteske (aber nie zu sehr überzeichnete) Portraits der schwedischen Gesellschaft der 60er und 70er Jahre.
3. Political correct :-(
Jabba56 30.12.2011
Ist ja schön, daß Krimis, speziell Tatorte auch politische und gesellschaftliche Themen anpacken. Aber langsam gehen einem diese Erhobener-Zeigefinger-Erziehungs-Filmchen auf den Keks. Und wirklich gute Filme werden ins Spätfernsehen verbannt, weil sie angeblich zu böse sind (wie letztens der bayrische Tatort. Oder war's ein Polizeiruf?). Und wie oft will man Mankell noch auslutschen. Das ist ja jetzt schon ein Remake. Ich hoffe, der kriegt bald ne Schreibblockade, damit auch mal andere Autoren ne Chance haben, verfilmt zu werden.
4. Jawohl!
Jabba56 30.12.2011
Zitat von TomRohwerIm Gegensatz dazu waren die Kriminalromane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö feinsinnig zynische und teilweise leicht groteske (aber nie zu sehr überzeichnete) Portraits der schwedischen Gesellschaft der 60er und 70er Jahre.
Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Es gibt auch noch eine Literatur neben Henning Mankell. Sjöwall/Wahlöö habe ich auch immer gern gelesen. Oder Per Olof Sundman. Auch neuere Autoren aus Skandinavien sind sehr lesenswert, Jussi-Adler Olsen, Stieg Larsson, Jo Nesbö, Hakan Nesser,....
5. Skandinavien-Hype
joschitura 30.12.2011
Die Flut skandinavischer Krimis - offenbar kaufen deutsche Verlage unbesehen alles was aus Schweden, Norwegen oder Finnland kommt - schwemmt halt auch jede Menge Mist mit rein. Tiefpunkt im TV: Maria Wern auf Gotland! Und dieser unsägliche Mankell wurde von Anfang an völlig überschätzt. War Die Hunde von Riga noch eine gediegene Arbeit, hat er in der Folge seine Schraube der bizarren Ritualmorde und albernen Querverbindungen immer mehr angezogen. Inzwischen muß man leider sagen: alle kochen nur mit Wasser, aber Mankell kocht offenbar mit Spülwasser. Und wie ein Vorredner ganz richtig bemerkte: daß der ganze Schmonzes im beschaulichen Skane passieren soll, ist der Gipfel der Unwahrscheinlichkeiten.
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.