Schöner fernsehen

RTL-Comedy mit Böhmermann und Rojinski Telefonsexstreiche mit den kleinen Strolchen

RTL

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Die Lümmel aus der letzten Reihe: Im Nischenfernsehen sind Jan Böhmermann, Palina Rojinski, Katrin Bauerfeind und Jan Köppen spontan und komisch - doch in der RTL-Show "Was wäre wenn?" reißen sie nur vorformulierte infantile Sprüche.

Da ist zum Beispiel die Sache mit den Telefonstreichen. Die sind wohl immer noch der Brüller unter den jungen Leuten. Und Telefonsex ist ein noch viel größerer Brüller. Folglich müssen Telefonsexstreiche der Megabrüller sein. So mag die Rechnung der RTL-Verantwortlichen gelautet haben, als sie für das neue Comedy-Format, das am Donnerstag Premiere feiert, vier der heißesten jungen Talente aus den Randzonen des etwas intelligenteren deutschen Unterhaltungsfernsehen zusammengekauft haben. Eine spektakuläre Fehlkalkulation.

Denn will man wirklich Böhmermann, Rojinski, Bauerfeind und Köppen dabei zuschauen, wie sie grienend und glucksend einstudierte Streiche am Telefon abspulen? Gerade Böhmermann, der sich bei ZDFneo als Meister des improvisierten, unversöhnlichen, anarchischen Humors bewiesen hat. Oder Rojinski, die noch in der abstrusten Selbstversuchssendung auf ProSieben zu nachtschlafender Zeit die Illusion vermittelt, deutsches werbefinanziertes Fernsehen könnte mit Sinn behaftet sein. Oder Bauerfeind, die auf 3sat etwas andere Interviews mit Kulturschaffenden zu führen versucht. Oder Köppen, der durch das Bastler- und Spinner-Format "Yps Magazin" auf dem Alte-Jungs-Sender RTL Nitro führt, als wäre es, nun ja, eine richtig smarte Wissenschaftssendung.

Kicher, kicher, wieher, wieher

Hier sind vier junge Menschen, die sich bislang aufrecht durch die Spartenprogramme des deutschen Fernsehens gekämpft haben - um jetzt fürs RTL-Hauptprogramm einige Niveaugänge runterzuschalten. Da sitzen sie in der ersten Ausgabe von "Was wäre wenn", einer zaudernden und doch deutlichen Kopie des einstigen Sender-Hits "RTL Samstag Nacht", liefern gescriptete Gags ab und greifen in einer roboterhaft ausgeführten Choreografie immer wieder zum Telefon. Einmal wird - kicher, kicher - ein Telefonsexdienstleisterin mit einem Astro-Callcenter verbunden. Ein anderes Mal ruft Köppen - wieher, wieher - einen alten Kumpel an, um ihm zu beichten, dass er homosexuell geworden sei und sich in den anderen verliebt habe. Reinstes Klemmi-Fernsehen; am lautesten gackern die Moderatoren selbst.

In den Einspielern zwischendurch gibt Bauerfeind bei McDrive absurd verhaspelte Bestellungen auf ("Kentucky schreit ficken" lässt grüßen) und bekommt doch immer die gleichen Burger. Rajinski spielt eine russische TV-Reporterin, die durch angetäuschte Sprachprobleme ein reales Karnevalsprinzenpaar vorführt. Köppen gibt sich als Museumsführer aus und fordert Besucher auf, sich auf das "Vaginale" eines abstrakten Gemäldes einzulassen. Und Böhmermann klebt sich ein Hitlerbärtchen an, um Passanten auf der Straße zu provozieren. Erfolglos, muss man sagen.

Sagen wir mal so: Wahrscheinlich hätte es keiner dieser Einspieler in Böhmermanns eigene Show, das "Neo Magazin", geschafft. Zu gewollt die Improvisationen, zu platt die Pointen. Wenn sie denn überhaupt kommen. Ein bisschen wirkt es so, als sollten die Lümmelein eine Art Ausklangbecken für die Zuschauer des renovierten RTL-Donnerstags sein. Vorher läuft erst die neue Castingshow "Rising Star" an, darauf die Nackedei-Kuppelei "Adam und Eva". Die Remmidemmiklemmi-Show scheint den RTL-Programmgestaltern möglicherweise ein adäquater Abschluss.

Besonders unangenehm wird der einstudierte Nonsens, wenn er sich politisch gibt. Bei einem Einspieler schleichen sich die vier zum "Nazi-Bingo" bei Manfred Rouhs ein, dem Vorsitzenden der rechtsextremen "Bürgerbewegung pro Deutschland". Immer wenn Rouhs eine populistische Stanze aus dem Programm aufsagt, darf ein Kreuz gemacht werden. Doch ach, so richtig flott ist das nicht, der nachträgliche Schnitt muss nachhelfen, wo den satirischen Anklägern in der direkten Konfrontation der Atem ausgegangen ist.

Gerade für Böhmermann, den nonkonformen Situationskünstler, ist das eine Pleite. Unvergessen, wie er einmal in einer öden Talkrunde dem selbstgefällig aufgeblasenen SPD-Chef Sigmar Gabriel die Luft rausgelassen hat. Der aufklärerische Entlarvungsfaktor des bräsigen Braunen-Bashings bei RTL geht indes gegen null.


"Was wäre wenn?", Donnerstag, 23.20 Uhr, RTL

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18 Leserkommentare
5mark 28.08.2014
spon-facebook-10000015195 28.08.2014
sound67 28.08.2014
dunham 28.08.2014
tommyonafloat 28.08.2014
Walther Kempinski 28.08.2014
blauervogel 28.08.2014
harryholdenwagen 28.08.2014
chris__78 28.08.2014
Kaffee Wien 28.08.2014
h.hass 28.08.2014
ijf 29.08.2014
gustavsche 29.08.2014
wiederanders 29.08.2014
Tikkahahn 29.08.2014
maxderzweite 29.08.2014
simpli 30.08.2014
mangeder 01.09.2014

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