"Tatort" über Voyeurismus Der Spanner, dein Freund und Helfer

Zu Hause im Leben der anderen: Im Kieler "Tatort" schnüffelt und schleckt sich ein Psychopath durch die Wohnungen von jungen Frauen. Ein perfides Wechselspiel aus Nähe und Distanz, das dem Zuschauer arg zusetzt - und den Verkauf von Einwegzahnbürsten ankurbeln könnte.

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NDR

Gibt es einen intimeren Akt, als sich eine Zahnbürste zu teilen? Briefträger Kai Korthals (Lars Eidinger, "Was bleibt") hat keine Freunde, aber bei der Mundpflege ist er seinen Mitmenschen ganz nah. Der Sonderling treibt sich heimlich in den Wohnungen junger Frauen herum, schleckt an deren liegengebliebenen Frühstücksbrötchen, schnüffelt an ihren Turnschuhen und steckt sich genüsslich ihre Zahnbürsten in den Mund. Nach diesem "Tatort", so viel steht fest, wird die eine oder andere Zuschauerin zu Einwegbürsten wechseln.

Totale Nähe, größtmögliche Distanz: Der unauffällige Postbote Kai hat sich im Grunde den Traum eines jeden Voyeurs erfüllt. Als stiller ungebetener Gast geistert er durch fremde Wohnungen. Er schaut den jungen Frauen bei Ihrem Leben zu, aber die können ihn nicht sehen. Und falls Kai doch mal von einer entdeckt wird, dann tötet er sie. Mit einigen pflegt er aber auch friedliche Symbiosen. Etwa mit der heroinsüchtigen Prostituierten Roswitha (Peri Baumeister), die mit ihrem Sohn in einer Sozialbauwohnung haust. Setzt die sich einen Schuss und dämmert weg, dann kümmert sich der Eindringling ganz reizend um den vernachlässigten Kleinen.

Mama, Spanner, Kind: Diese bizarre Allianz ist in der "Der stille Gast" noch das, was einer Familie am nächsten kommt.

Ansonsten wurschtelt hier jeder für sich alleine rum: Kommissar Borowski (Axel Milberg) wärmt sich nachts in seiner klinisch sauberen Küche gefrorenen Spinat auf und ist genervt darüber, dass sein Chef (grandiose Memme: Thomas Kügel) bei ihm auftaucht. Der wurde von seiner Frau vor die Tür gesetzt, weil er sich eine Hure nachhause bestellt hatte und dann erwischt wurde. Auf die Frage Borowskis, weshalb er denn nicht in den Puff gegangen sei, antwortet der andere: "Nachher erkennt mich da noch jemand." Dann trinken die beiden selbstgebrannten Schnaps, ohne Freude daran zu haben.

Zuhause im Leben der anderen

Noch einsamer ergeht es Ermittlerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die auf einem Hof außerhalb von Kiel wohnt. Ein Partner kommt für sie schon deshalb nicht in Frage, weil sie vor der Welt verheimlichen will, dass sie unter Epilepsie leidet. So gesehen passt auch sie bestens ins Opfer-Schema des Postboten. Schon bald stattet ihr Kai Korthals einen Besuch ab und lutscht hingebungsvoll an angebissenen Laugenbrezeln und benutzten Zahnbürsten.

Drehbuchautor Sascha Arango hat zuvor schon einige der besseren Kieler "Tatort"-Folgen geschrieben, etwa die blutige Tiermedizinerin-Romanze "Borowski und die Frau am Fenster" vor einem Jahr. Arangos Hauptfiguren sind oft gestörte Persönlichkeiten - beschränkt in ihrer Weltwahrnehmung, aber monströs in ihren menschlichen Bedürfnissen. Sollen wir die nun liebhaben oder uns vor ihnen fürchten?

Regisseur Christian Alvart begibt sich ebenso gerne in die Parallelwelt von Psychopathen, allerdings gerät bei ihm die Handlung oft hinterm patent gesetzten Effekt ins Schlingern. Mit "Antikörper" hatte er 2005 einen Hochglanz-Thriller gedreht, der ihm als Ticket nach Hollywood diente, wo er einige Prestigeprojekte betreute. Nach Deutschland zurückgekehrt, wird er nun als Mann für großes Kino im Glotzenformat gehandelt. Momentan bereitet Alvart den ersten Hamburger "Tatort" mit Til Schweiger vor.

Beim aktuellen Kieler "Tatort" allerdings hätte man doch gerne auf den einen oder anderen visuellen Glanzpunkt verzichtet, um noch tiefer in die verquere Psyche des Täters einzusteigen - zumal der ja schon nach zehn Minuten vom Zuschauer überführt ist.

Als Home Invasion Thriller, in dem die Wohnungen der Frauen von einer dubiosen männlichen Macht besetzt werden, entfaltet der Krimi eine beachtliche Wirkung - der psychologische Feinschliff geht allerdings zusehends verloren. Trotzdem: Für die Verlorenheit der Figuren, für die ewige Wechselwirkung von Nähe und Distanz, der Opfer, Täter und Ermittler unterliegen, finden die Filmemacher ein paar starke Szenen.

Gegen Ende bricht im schleswig-holsteinischen Nirgendwo Borowskis rostbrauner VW Passat zusammen, der Kommissar holt seinen Revolver raus und feuert einen Gnadenschuss auf das rauchende Blechding. Man wird das Gefühl nicht los, er erschieße gerade seinen einzigen Freund.


"Tatort: Borowski und der stille Gast", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang J. 07.09.2012
1. Passiert das was?
Offensichtlich kann sich selbst der Tatort nicht dem Trend entziehen: Egal ob Frauentausch, Popstars, X-Faktor, Y-Faktor oder Z-Faktor; von Gerichts- bis zur Mietershow, allüberall wird zunächst und vor allem "empfunden". Gefühle explodieren, Emotionen kochen hoch, die Unterhaltungslautstärke pengelt sich auf durchschnittlich 100 Dbz ein und irgendwo dazwischen (abzüglich dem was die Werbung übrig lässt) findet man auch noch kleine Bröckchen von Handlung. Inzwischen bräuchte der Normalseher vermutlich 1/2 Stunde um festzustellen was da gerade gesendet wird; gäbe es nicht eine paar diskrete Hinweise am Bildschirmrand, der Rest versinkt notorisch im emotionalen Chaos. Wahrscheinlich wird der Trend weiter gehen: "Benjamin Blümchen dreht ab!" (Benjamin Blümchen vs. Schimpansengehege, ein Talkshow unter der Leitung von Carla Columna unter dem Titel: Warum werft Ihr Säue eigentlich die Banenschalen auf den Gehweg.) ..und zu den Nachrichten referiert der Moderator 20 Minuten über seine häusliche Situaton, dem Nachbarschaftsstreit und Probleme mit den Kindern, danach das Wetter. Wird hier in dieser Republik überhaupt noch irgendetwas GEMACHT? Oder bin ich der einzige?
flaschengeist00 07.09.2012
2. Deutschland kopiert mal wieder
Der Plot liest sich wie eine unverschämte Kopie des exzellenten spanischen Thrillers "Mientras Duermes". Fällt den Tatort-Autoren nun gar nichts mehr ein?
undso 07.09.2012
3. Geschichte Bekannt
Die Geschichte kenn ich aus mind. 3 Filmen (u.a. Mientras Duermes). Waren es nicht die "quasisteuer" bezahlten Tatortautoren, welche sich extrem gegen das "Raubmordkopieren" und für die Verwerter eingesetzt haben? .... Anzeigen bitte. Möge ein jeder seine eigene Medizin mal kosten
DocSommer 07.09.2012
4. Was sagt mir das jetzt alles?
Irgendwie ist das ein merkwürdiger Artikel. Ob der unterschwellige Verriss den Nerv der Zuschauer trifft, wird man erst nach der Ausstrahlung wissen. Im Vorfeld möchte der interessierte Zuschauer sicher nicht mit so viele Spoilern zugebombt werden oder nach dieser Lektüre das Gefühl haben, keine Erkenntnisse gewonnen zu haben. Im Schnitt haben mir die Kieler Fälle immer gut gefallen, ganz im Gegensatz zu den oftmals in den Himmel gelobten Folgen aus Münster,,,,
h.hass 08.09.2012
5.
Die Plot-Idee ist, wie schon von anderen erwähnt, schamlos geklaut. Und der Film selber dürfte mal wieder einer der wichtigtuerischen Pseudo-Hollywood-Tatorte sein, pseudo-spannend, pseudo-dramatisch, pseudeo-lustig, voll wiedergekauter Ideen und in pseudo-hipper Inszenierung. Ich schaue schon lange nicht mehr regelmäßig "Tatort", aber nahezu jedes Mal, wenn ich einen sehe, kann ich kaum glauben, wie uninteressant und dilletantisch das alles ist.
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