Social-TV-Experiment "Rundshow" im BR Wir twittern im Bademantel

Liebe Nerds, bitte hier hingucken: Ausgerechnet das betuliche Bayerische Fernsehen wagt ein Social-TV-Experiment. Am Montag startete vorerst für vier Wochen die tägliche "Rundshow". Eine nette Idee mit einigen Web-Promis - die aber in einem einzigen, großen Rauschen untergingen.

Von Anne Haeming

BR

Natürlich fing diese Sendung schon vor der Sendung an. Eigentlich lief sie schon seit Wochen. Auf Facebook und auf Twitter, bei YouTube, über die Redaktions-Webcam und im Livestream von den Redaktionssitzungen mit Piratenflaggen an der Wand. "Gleich geht's los" posteten die Macher auf Facebook, "Gleich geht's los", twitterten die Follower, "das vielleicht größte TV-Experiment des Jahres", bloggten Medienmenschen.

Und dann sah man am Montagabend um zehn vor elf Uhr im Internet zwei junge Männer in Frotteemänteln hinter einem Moderationstisch im Fernsehstudio, Smartphone und iPad vor sich auf dem Tisch. "Twittert doch mal, damit wir wissen, dass ihr uns seht", sagte der eine.

Das größte TV-Experiment? Na ja, nach dem Aus der Sendungen von Harald Schmidt und Thomas Gottschalk hat man seine Erwartungen heruntergeschraubt. Aber ja, diese Sendung ist ein erstaunliches Unterfangen. Gerade für den Bayerischen Rundfunk (BR), ach was, fürs gesamte Öffentlich-Rechtliche: Die "Rundshow" mit ihrem pixeligen Logo versucht, die starre Hierarchie zwischen Sender und passivem Zuschauer aufzubrechen - denn dank Social Media gibt es ja einen Rückkanal, die Zuschauer sollen partizipieren, Einfluss nehmen. "Social TV" ist das aktuelle Buzzword.

Humorniveau einer Abi-Klasse

Vier Wochen Zeit haben die Macher bekommen, jeden Tag senden sie, charmanterweise aus der hinteren Studiohälfte der "Rundschau"-Nachrichten des BR. Die treibende Kraft hinter der "Rundshow" ist der eine Typ im Bademantel: BR-Redakteur Richard Gutjahr, der im letzten Jahr mit allen Social Media-Mitteln vom Tahrir-Platz aus über den Arabischen Frühling berichtete und weltweit der erste war, dem ein iPad verkauft wurde. Kein Wunder also, dass er auf so eine Idee kommt. "Wir sind so etwas wie ein Startup im Fernsehen", sagte Co-Moderator Daniel Fiene, ein junger Radiomann und Medien-Blogger.

Sie machen, so ihr Claim, "Fernsehen zum Anfassen": über Facebook, Twitter, Google+ , YouTube, die eigene Homepage und natürlich die sendungseigene App, an der Gutjahr seit einem Jahr bastelt. Sie heißt "Die Macht", eine Hommage an die Fernbedienung. Mit einem Tippen auf "Daumen hoch" oder "Daumen runter" landen Yeah- oder Buh-Rufen im Studio, man kann Kommentare ins Studio tweeten, Videos oder Bilder schicken.

Die "Rundshow" ist auch nur Ausdruck eines Trends. Die Medienmacher haben kapiert, was die Nutzer schon länger wissen: Jede Jauch-Sendung, jeder Sonntagskrimi ist lustiger mit Blick auf den Twitterstream. Erst am Tag vor der "Rundshow"-Premiere sollte man beim Tatort also erstmals live nebenher online mitermitteln können - was aber grandios scheiterte, weil die SWR-Planer offenbar mit keinem Ansturm gerechnet hatten. Und auch das ZDF versuchte jüngst, solche Spielereien bei einer Krimiserie einzubinden. Spezielle Social-TV-Apps wie "Get Glue" oder das deutsche "Couchfunk" schießen aus dem Boden. Und nächste Woche gibt's sogar einen "Social TV"-Weltkongress in London.

In der ersten "Rundshow"-Folge ist das alles aber noch nicht wirklich aufgegangen. Es sieht nach Atari-Commodore-Teletext aus und hört sich an, als wäre die erste rauschfreie Live-Schalte im Fernsehen noch Jahrzehnte entfernt. Zum Sendungsthema "Empört Euch (oder lasst es bleiben)" hatte man europäische Protestbewegte zugeschaltet, eine Protest-Soziologin und noch die Protest-Galionsfigur, den 94-jährigen Stéphane Hessel, am Nachmittag in Paris schnell für ein paar "Empört Euch"-Sätze vor eine Skype-Kamera gezerrt. Dazwischen Erklär-Clips über die App, eine mit großem Tamtam angekündigte Doku-Soap der Webvideo-Preisträger Y-Titty über öffentlich-rechtliches Fernsehen ("Die Anstalt") mit dem Humorniveau einer Abi-Klasse und im Hintergrund eine Putzfrau mit Kopftuch und schwarz-rot-goldenem Staubwedel.

Das große Rauschen

Auf das meiste, was all diese Menschen zu sagen hatten, konnte man sich nicht konzentrieren. Es sauste vorbei - das Medienrauschen der digitalen Gerätekanäle aus Smartphone-App, Twitterstream, Fernsehgerät und vielleicht noch Laptop war lauter. Man kam vor lauter Social Media gar nicht zum Fernsehen. Und Talkshows, in denen aneinander vorbeigeredet wird, die Moderatoren nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, mit Schalten und Zuschauerbriefen, kennen wir schließlich. Die ARD sendet davon mitunter fünf pro Woche.

Dabei war die Themenwahl nicht verkehrt: Die Occupy-Bewegung hat vor exakt einem Jahr mit ihren Protesten finanzkrisengeschüttelte Menschen weltweit überzeugt, dass Rage von unten etwas bewirken könnte, die Piratenpartei auf ihrem Dauerhoch hat mit ihren Liquid-Democracy-Diskussionen die anderen Parteien angesteckt und twittern, wenn sie in Talkshows sitzen. "Die Medien, so wie wir sie heute kennen, haben den gesellschaftlichen Diskurs im Keim erstickt", schrieb Gutjahr in der Testphase im Herbst, "Partizipation wird in ritualisierter Form allenfalls vorgegaukelt".

Nur: Mehr war's in Sendung Nummer eins eigentlich auch nicht - nur eben in Social Media-Gestalt. Die vielen parallelen Live-Schalten kamen über Google+ und Skype zustande, die Zuschauerstimmen trudelten über sparsam eingeblendete Tweets ein, die im Studio keiner beachtete, über ein paar unmotivierte Yeah-Rufe via App und einem kurzen Blick auf das Abstimmungsergebnis einer Umfrage.

Ja, die erste "Rundshow" war zu vollgepackt. Aber das gehört zur Testphase. Und wenn dann irgendwer den per Webcam zugeschalteten Leuten noch klarmacht: Setzt eure verdammten Kopfhörer auf! Nicht essen, nicht tippen, man versteht kein Wort!, dann könnten die Inhalte tatsächlich in den Vordergrund rücken - und die lustige Technikspielerei wäre nur mehr Mittel zum Zweck. Dann könnte die "Rundshow" sogar Zuschauer anlocken, die keinen eigenen Twitter-Account haben und "irgendwas mit Medien" machen.

Ein sicheres Zeichen für Erfolg gab's trotzdem: Kaum eine Viertelstunde nach Sendebeginn war der Begriff "Rundshow" bei Twitter in Deutschland schon auf Platz eins der Trendliste.


"Rundshow", montags bis donnerstags, ab 23.15 Uhr, BR

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insgesamt 9 Beiträge
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hoppla_h 15.05.2012
1. Von NULL auf 100! - Voll gegen die Wand.
'Irgendwie' haben die ARD/ZDF den Wechsel ins digitale Zeitalter verschnarcht: Opi Gottschalk und 'Social Media': "FLOPP!" ... Bei ZDF 'verzweifelte Experimente auf ZDF-Neo. ... Und gerade ARD-BR zündet die Granate "Rundshow". Netter Versuch, aber trotz, oder gerade wegen, des GEZ-Zwangsgebühren-Jagdscheins schüttelt man den Kopf: "ARD und ZDF? - Die können es nicht!" - Traurig.
andique 15.05.2012
2. Selbstreferenzielles Nischenfernsehen
Also es ist echt schon mutig vom BR sich da ran zu wagen. Allerdings finde ich ehrlich gesagt, dass damit ein Sendeplatz verschenkt wird. Diese Sendung ist eine reine Selbstbeweihräucherung und Selbstreferenzierung der ach so fortschrittlichen "Netzgemeinde". Keiner außerhalb der Early Adopter-Crowd wird sich für die Nerd-Späße und -Themen interessieren bzw. mit dem Medien-Crossover zurecht kommen. Und so wird es auch bleiben. Und damit wird diese Sendung zwangsläufig auch scheitern. Ich glaube die Bewegung vom Netz ins Fernsehen ist verkehrt herum gedacht. Sie müsste viel konsequenter genau entgegengesetzt gedacht werden: vom Fernsehen ins Netz.
langenscheidt 15.05.2012
3. Mutig und wegweisend...
... über den Alltagsklamotten einen Bademantel ziehen. Das wird in die Menschheitsgeschichte eingehen. Noch viel bewegender ist das Durchkauen der schon nichtssagenden "sozial networks" durch das Fernsehen. Das dummbrotige Volk über "social networks" die Welt verändern wollen, aber nicht wählen gehen. Man hofft, dass das Pseudo-Proletariat nicht vollends verdummt.
tüttel 15.05.2012
4. Nerdshow
Zitat von andiqueAlso es ist echt schon mutig vom BR sich da ran zu wagen. Allerdings finde ich ehrlich gesagt, dass damit ein Sendeplatz verschenkt wird. Diese Sendung ist eine reine Selbstbeweihräucherung und Selbstreferenzierung der ach so fortschrittlichen "Netzgemeinde". Keiner außerhalb der Early Adopter-Crowd wird sich für die Nerd-Späße und -Themen interessieren bzw. mit dem Medien-Crossover zurecht kommen. Und so wird es auch bleiben. Und damit wird diese Sendung zwangsläufig auch scheitern. Ich glaube die Bewegung vom Netz ins Fernsehen ist verkehrt herum gedacht. Sie müsste viel konsequenter genau entgegengesetzt gedacht werden: vom Fernsehen ins Netz.
In der Tat, das war weniger ein Beginn, das Fernsehen mit sozialen Netzwerken zu verbinden, sondern ein Volleinstieg bei voller Fahrt ihrer routinierten Nutzung. Kann es sicher auch geben für Leute, die darin bereits geübt sind, ist aber eher ungeeignet für die große Masse, die noch wenig Ahnung von sozialen Netzwerken hat. Wohl eine weitverbreitete Unart der Early Adopters, den eigenen Wissens- und Nutzungsstand als allgemein verbreitet vorauszusetzen. Es gibt im Fernsehen Shows über alles Mögliche, "Show der Naturwunder", jede Menge Wissensshows u.ä. - da wundert es, dass es sowas noch kaum für's Internet und die sozialen Netzwerke gibt. So könnte Leuten, die z.B. Twitter eher abgeneigt gegenüberstehen, näher gebracht werden, was man damit im Einzelnen so anfangen kann. Das Fernsehen vergibt sich an solcher breiterer Internet-Wissensvermittlung ohnehin viele Möglichkeiten der stärkeren Verbindung mit dem Internet. Weil es daran vermutlich garnicht besonders interessiert ist. Dabei droht das Fernsehen ja heute schon, vom Internet in der Nutzung überschwemmt zu werden - zügig mitschwimmen wäre besser.
DanMayor 15.05.2012
5. GIGA, GIGA real
1998 - 2006. Nur weniger charmant. Wer hat's erfunden?
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