"Breaking Bad"-Blog: Seht Walters Werk... und verzweifelt!
Drogen, Tod und Familienstress: Die letzten Episoden von "Breaking Bad" haben begonnen. Lesen Sie in unserem Blog, wer stirbt, wer lebt - und wen Walter White jetzt am meisten fürchten muss.
+++Vorsicht, Spoiler! Lesen Sie diesen Text nur, wenn Sie Episode 14 der fünften Staffel bereits gesehen haben. Den Blog-Eintrag zu Folge 13 finden Sie hier+++
Was ist passiert?
"My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!"
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away."
Besser als mit diesen Zeilen aus einem Sonett von Percy Bysshe Shelley kann man die Ereignisse dieser alles erschütternden Folge nicht zusammenfassen. Kein Wunder, schließlich tragen Gedicht und Episode den gleichen Titel: "Ozymandias". Walter Whites gebrochenes, in Schmerz erstarrtes Gesicht, mit dem er nach Hanks Hinrichtung in den Wüstensand sinkt: Es ist das Antlitz des gefallenen, an seiner eigenen Hybris gescheiterten Königs aus Shelleys Poem. Alles ist verloren: Die Familie, deren Schutz Walt stets als Alibi und Grundmotivation diente, ist zerstört. Die Hoffnung, dass alles doch noch einmal in ein normales Familienleben münden könnte, die ganze Reise ins Herz der Finsternis einen Sinn hatte, zerbricht zusammen mit dem Herzen seines Sohns Walt Jr., als dieser von den Untaten seines Vaters erfährt.
Im Todeskampf winden sich Vater, Mutter und Sohn auf dem Wohnzimmerfußboden, und als Zuschauer hält man den Atem an, weil die Schneide des von Skyler gezückten Küchenmessers sogleich in jeden der Beteiligten dringen könnte. Wie zum Hohn schneidet sie dann lediglich in Walters Hand, die gleiche Hand, die er ein Jahr lang symbolisch über seine Familie gehalten hat. Dass er sich daraufhin die kleine Holly schnappt, sie im Akt der Verzweiflung kidnappt, ist nur folgerichtig: Sie ist die letzte Bastion der Unschuld. Mit ihr und dem grotesken Fass voller Geld, so Walters Illusion, könnte vielleicht doch noch ein Neubeginn möglich sein.
Erschreckend ist Walters augenscheinlich fortgeschrittene Schizophrenie: Bei aller Verzweiflung über den Verlust Hanks übernimmt immer wieder die Heisenberg-Persona das Regime. Einmal beim Showdown in der Wüste, als er Jesse kaltblütig beichtet, dass er damals tatenlos zugesehen hat, wie Jane an ihrer Überdosis starb - und damit das letzte Band zwischen ihm und seinem Partner zerschneidet. Und später, im Telefongespräch mit Skyler, als er sie im schneidenden Gangster-Duktus von jeglicher Mitwisserschaft reinwäscht. Der krasse Gegensatz zu dem früheren Telefonat, zu dem am Anfang der Episode zurückgeblendet wird, bringt die Tragödie, die diese Serie ist, auf den Punkt: Gelogen, bis die Balken biegen, hat Walter in beiden Gesprächen, doch binnen eines Jahres wurde aus dem versöhnlichen "Will do. Love you" das harsche "How dare you, you stupid bitch".
Eine Episode, die der Serie würdig ist?
Vielleicht eine der wichtigsten Folgen überhaupt! Man fragt sich, was nach diesem vorweg genommenen Showdown eigentlich noch kommen soll: Sicherlich die finale Abrechnung zwischen Walt und Jesse, aber das Grundnarrativ der Serie, die inhärente Fragestellung, wie weit man gehen kann, um für seine Familie zu sorgen, wurde in dieser Folge beantwortet: Walter ist zu weit gegangen. Selbst das Angebot, seine gesamte Beute zu opfern, konnte die von ihm herbeigerufenen Nazi-Schergen nicht abhalten, Hank zu töten. Skyler geht mit dem Messer auf ihn los, Walt Jr. will sogar die Polizei rufen (übrigens, der einzige, der je auf diese simple, gutbürgerliche Idee gekommen ist). Nichts bleibt ihm als eine Tonne voller Geld, die er - in einer der absurdesten Szenen der Serie, manisch durch die Wüste rollt. Überhaupt die Wüste: Einmal mehr dient sie hier als übergreifende Metapher für die seelischen Verheerungen in der Ödnis der amerikanischen Gesellschaft.
Wer stirbt?
Hank. Und Gomez, sein treuer Kollege. Und natürlich Walts (und unser aller) Hoffnung auf ein Happy End.
Wen muss Walter am meisten fürchten?
Jesse, der, wenn er sich denn aus Todds Versklavung befreien kann, vermutlich auf Rache sinnen wird. Und, im Lichte der aktuellen Ereignisse, vor allem sich selbst.
Der beste Moment:
Schwer, sich zu entscheiden. Denkwürdig sind Hanks letzte Worte: "I'm ASAC Schrader and you can go fuck yourself!". Das finale Telefongespräch zwischen Skyler und Walt jedoch stellt allein schauspielerisch alles in den Schatten, was bisher zu sehen war: Skylers aus der Verachtung hervordämmerndes Verständnis, dass Walt sie mit seiner Hasstirade retten will, andererseits Heisenberg-Walt, der seine nun perfektionierte Rolle noch einmal zur Parade führt, und gleichzeitig aber doch durchblicken lässt, dass bei allem, was gesagt wird, auch der enttäuschte, gekränkte, echte Walt mitschwingt.
Die letzte Hälfte der fünften Staffel von "Breaking Bad" läuft sonntags in den USA auf AMC. In Deutschland ist die aktuelle Episode dienstagabends im Pay-TV auf dem Sender AXN zu sehen, am Mittwoch ist sie auch im deutschen iTunes-Store erhältlich. Die gesamte Staffel wird später auch noch auf Arte gezeigt.
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Volker Hage:
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