"Breaking Bad"-Blog Nur nach Hause, irgendwie

Es ist vollbracht: "Breaking Bad" ist vorbei, die letzte Episode gelaufen, das Schicksal Walter Whites hat sich erfüllt. Und alle, wirklich alle, haben bekommen, was sie verdient haben.

AMC

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+++Vorsicht, Spoiler! Lesen Sie diesen Text nur, wenn Sie Episode 16 der fünften Staffel bereits gesehen haben. Den Blog-Eintrag zu Folge 15 finden Sie hier+++

Es ist ja nicht so, dass die Zuschauer nicht vorgewarnt gewesen wären: Gleich in der ersten Szene dieser allerletzten Episode von "Breaking Bad" sitzt Walter White (Bryan Cranston) in einem zugeschneiten Auto, von draußen irrlichtert ein Blaulicht herein, es könnte also sein, dass gleich ein Polizist an die verschneite Scheibe klopft und Walt festnimmt. Er hält sich still und schickt ein Stoßgebet gen Himmel (oder gen Auto): "Bring mich einfach heim." Da fällt ihm auch schon der Autoschlüssel in den Schoß. Die letzte Fahrt kann beginnen.

Dieses "Just take me home" kann als Überschrift, alternativer Episodentitel gelten, eigentlich heißt sie "Felina", aber tatsächlich geht es nur um das, was Walters erster Satz verkündet: Wir müssen das Ding jetzt irgendwie heimbringen. Fünf Staffeln sind herum, Walt ist so richtig bad geworden, und jetzt ist Schluss.

Ein letzter Blick auf die Lieben

Tatsächlich ist es Vince Gilligan und seinen Autoren gelungen, in dieser finalen Episode alle noch offenen Fragen einigermaßen befriedigend zu beantworten: Walt erfüllt seine ursprüngliche Mission, die finanzielle Absicherung seiner Familie nach seinem Tod. Er kann einen letzten Blick auf seine Lieben werfen, und sein mehr oder weniger treues Eheweib Skyler wirft sogar so etwas wie einen liebevollen Blick zurück, während er ein letztes Mal dem Säugling Holly über den Kopf streichelt. Beantwortet ist auch die Frage, warum Walt sich immer tiefer in kriminelle Machenschaften verstrickt hat: Nicht etwa für die Familie, wie er im letzten Gespräch mit seiner Frau endlich, endlich zugibt, sondern für sich selbst: Er war gut darin. Er hat sich lebendig gefühlt. Der wilde Ritt in den Drogensumpf war seine ganz persönliche, alternative Krebstherapie, mehr noch: sein befreiender Ausbruch aus den allzu geordneten, allzu bescheidenen Verhältnissen eines braven Chemielehrers.

Auch das Schicksal des allzeit geknechteten Drogenhelfers Jesse Pinkman hat am Ende noch so etwas wie eine positive Wendung verpasst bekommen. Eine der stärksten Szenen dieser letzten Folge ist eine Traumsequenz. Wir sehen Jesse in einer Werkstatt, liebevoll vollendet er sein Werkstück, eine kleine Truhe aus Holz. Dann wechselt die Szene in die düstere Realität: Jesse, der eigentlich hochbegabte Handwerker, ist angekettet und dazu verdammt, für irre Nazis Drogen zu kochen. Was hätte nicht alles aus ihm werden können! Und vielleicht wird es ja noch: Am Ende sind die Superbösen tot und Jesse bekommt endlich seinen Willen: Walt möchte, dass Jesse sein Leben beendet. Aber Jesse ist endlich selbständig - und verweigert sich dem letzten Befehl seines, nun ja, Mentors. Mit Vollgas und irre lachend entkommt er der Hölle. Es bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen, ob er jemals sein Glück finden wird.

Welche MacGyver-Episode war das nochmal?

Womit wir bei den kleinen Plausibilitätsproblemen dieser finalen Episode wären - denn da bleibt so einiges der Phantasie der Zuschauer überlassen. Mal ganz abgesehen von der Frage, wie es der zu diesem Zeitpunkt ja schon von jedem Polizisten des Landes gesuchte Walter White geschafft hat, von seinem verschneiten Versteck in New Hampshire unbehelligt zurück nach New Mexico zu kommen - wann hat er unterwegs eigentlich Jesses Kumpel Badger und Skinny Pete eingesammelt, damit diese dann nächtens Laserpointer auf Gretchen und Elliot Schwartz richten konnten? Wie schafft er es, sich in die Behausung seiner mutmaßlich komplett überwachten Familie zu schmuggeln? Und welcher MacGyver-Episode genau hat Walt eigentlich die Bauanleitung für seine ferngesteuerte Kofferraum-Killermaschine entnommen? Woher wusste er, wie er sein Auto zu parken hat, damit er auch wirklich alle bösen Nazis erwischt?

Nein, wir wollen jetzt nicht mehr zuviel fragen - "Breaking Bad" ist heimgebracht, irgendwie, und es ist schon in Ordnung so. 62 Episoden haben wir alles mitgemacht, auch die unwahrscheinlichsten Wendungen goutiert, und uns darüber nicht geärgert, sondern erfreut an den großartigen Ideen der Autoren und den Leistungen des Ensembles. Wir haben Menschen missioniert, damit sie "Breaking Bad" anschauen und sind allen auf die Nerven gefallen, die es nicht sehen wollten. "Guess I got what I deserved", singen Badfinger, während Walter White stirbt, im Drogenlabor, dem Ort, wo er am liebsten war. Er hat bekommen, was er verdient hat. Und die Zuschauer? Ebenso.


Die letzte Hälfte der fünften Staffel von "Breaking Bad" lief sonntags in den USA auf AMC. In Deutschland war die finale Episode am Dienstag im Pay-TV auf dem Sender AXN zu sehen, am Mittwoch ist sie auch im deutschen iTunes-Store erhältlich. Die gesamte Staffel wird später auch noch auf Arte gezeigt.

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
cincinna 02.10.2013
1. Sicher, dass
Walter verstorben ist? Ja, er hatte die Schussverletzung, aber er hätte auch nur ohnmächtig sein können (um dann von den Cops ins Krankenhaus gebracht zu werden). Genau wird nicht klar, ob er wirklich tot war.
HeltahSkeltah 02.10.2013
2. Traumsequenz
Bei der als Traumsequenz dargestellten Szene handelt es sich um eine Begebenheit aus Jesses Vergangenheit. In einer der vorherigen Staffeln begab sich Jesse in eine Therapiegruppe und erzählte dort wie er diese Kiste selbst herstellte und wie stolz ihn dies machte. Zum Schluss gab er zu, diese dann für eine Unze Gras verkauft zu haben. Hier die entsprechende Szene: Jesse's Wooden Box - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=IZos-LQV8zg)
yast2000 02.10.2013
3. Wir haben uns noch den Text des letzten Songs verdient:
Zitat von sysopAMCEs ist vollbracht: "Breaking Bad" ist vorbei, die letzte Episode gelaufen, das Schicksal Walter Whites hat sich erfüllt. Und alle, wirklich alle, haben bekommen, was sie verdient haben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/breaking-bad-blog-zur-folge-16-der-fuenften-staffel-a-925341.html
Guess I got what I deserved kept you waiting there too long my love all that time without a word didn't know you'd think that I'd forget or I'd regret the special love I had for you my baby blue All the days became so long did you really think I'd do you wrong Dixie, when I let you go thought you'd realize that I would know I would show the special love I have for you my baby blue
rucksacksepp 02.10.2013
4.
Und dass Walt Lydia mit Ricin vergiftet hat ist nicht erwähnenswert? Auch wenn das Ende etwas sehr unglaubwürdig wirkte (das erwähnte Maschinengewehr im Kofferraum wurde ja schon erwähnt, meiner Meinung hätte Walt auch nicht so viele Eventualitäten offen gelassen. Was zum Beispiel wenn die Nazibande in den Kofferraum geguckt hätte, was wenn er seine Fernbedienung nicht bekommen hätte, was wenn er woanders Parken hätte müssen...), war es trotzdem ein gelungenes Finale für eine ausgezeichnete Serie. Ich bin ja mal auf Better Call Saul gespannt.
ceeboks 02.10.2013
5. weissensee
war schon richtig gespannt auf die zweite staffel nachdem mir die erste vor ein paar jahren richtig gut gefallen hatte. aber inzwischen gab's 'breaking bad' zu sehen. und wenn man sich an diese qualität der drehbücher, regie, filmischem handwerk, musik, schauspielerischer leistung gewöhnt hat, merkt man, dass da welten zwischen 'weissensee' und 'bb' liegen. echt verblüffend wie unnatürlich die dialoge, einfallslos die musik und hölzern die darsteller wirken wenn man beide serien miteinander vergleicht. dass die produktionen hier so schlecht sind, hätt ich nicht vermutet (obwohl....von tatorten ist man ja schon einiges gewöhnt). naja, vielleicht geht's ja nur mir so.....
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