SPIEGEL ONLINE: Herr Cranston, werden Sie noch auf "Malcolm mittendrin" angesprochen?
Cranston: Das ist eine Generationenfrage. Einige Leute kennen mich von "Malcolm mittendrin", andere sogar noch von "Seinfeld" oder älteren Sachen.
SPIEGEL ONLINE: Kaum zu glauben, dass der lustig-überforderte Vater Hal in der Sitcom "Malcolm mittendrin" und Walter White, der todkranke Chemielehrer in "Breaking Bad", der zum Drogenproduzenten wird, von derselben Person gespielt werden. Wie fühlt sich dieser Kontrast für Sie an?
Cranston: Angenehm. Es fühlt sich nicht wie ein gewaltiger Wechsel an - wahrscheinlich, weil ich ihn bewusst vollzogen habe. Es ist ein großer Luxus, beides gemacht zu haben. Normalerweise, wenn man für etwas bekannt geworden ist - was ja schon ein großes Glück ist -, fällt es schwer, aus diesem Image auszubrechen. Aber ich war nach sieben Jahren "Malcolm mittendrin" nie versucht, etwas Ähnliches zu machen. Ich musste halt nur den richtigen Stoff finden.
SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie am Anfang der Serie, wie extrem es werden würde, wie weit es mit Walter White bergab gehen würde?
Cranston: Oh ja, ich wusste, wohin sich das entwickeln würde. Nicht den genauen Weg, aber das Ziel. Nein, die Entscheidung ist mir nicht schwer gefallen. Ich wollte auf jeden Fall eine neue Herausforderung annehmen.
SPIEGEL ONLINE: Walter White ist ein gelangweilter Durchschnittstyp, der plötzlich entdeckt, wozu er in extremen Situationen fähig ist. All die Abgründe, die er und das Publikum dabei entdecken - müssen Sie die als Schauspieler auch in sich selbst finden?
Cranston: Die Palette eines Schauspielers besteht aus persönlicher Erfahrung und Vorstellungsgabe. Was einem an persönlicher Erfahrung fehlt, muss man mit seiner Phantasie auffüllen. Ich glaube, jeder Mensch trägt eine Unzahl verschiedener Emotionen in sich. Viele davon müssen erst geweckt werden. Im Fall von Walter White war es sicher so: Bevor er die Möglichkeit hatte, an so viel Geld zu kommen, hatte er nicht dieses Anspruchsdenken, diese Gier, diese Skrupellosigkeit. Aber im Verlauf der Serie entdecken wir, dass das alles in ihm steckt. Es steckt in jedem von uns.
SPIEGEL ONLINE: Walters brave Frau Skyler macht eine ähnliche Wandlung durch. Ist das eine mögliche Botschaft der Serie?
Cranston: Das war tatsächlich eine gewollte Aussage. Walter White wollte Geld machen, um seine Familie finanziell abzusichern. Der Gedanke war altruistisch, aber um sein Ziel zu erreichen, musste er seine Seele verkaufen. In dem Moment verlor er das, was ihn bislang als Mensch ausgemacht hatte.
SPIEGEL ONLINE: "Breaking Bad" ist in diesem Sinne eine äußerst moralische Serie, weil sie in radikaler Konsequenz zeigt, wohin es führt, wenn man sich auf ein Geschäft wie das mit Drogen einlässt. Andererseits stürzt die Serie den Zuschauer in ein Dilemma: Wir sehen, dass Walter White das moralisch Falsche tut, aber wir drücken ihm die Daumen, dass er damit durchkommt.
Cranston: Vince Gilligan, der Autor, hat es geschafft, einen inneren Konflikt nicht nur in den Figuren zu erzeugen, sondern auch im Zuschauer. Plötzlich ertappt man sich dabei, zu hoffen, dass ein Mann Erfolg hat, der Drogen verkauft. Normalerweise weiß das Publikum: Diese Person mag ich, diese nicht. Wir aber lassen diese Grenzen verschwimmen. Walter White hat lange an seinem Dogma festgehalten, dass er das alles für seine Familie tut. Aber wir als Zuschauer wussten längst, dass er sich etwas vormacht. Er ist verführt worden: von Macht, Geld, Anerkennung, dem Gefühl, wichtig zu sein. Das ist wie ein Aphrodisiakum. Jetzt haben wir Walter White entblößt, und ich bin bereit, all die dunklen Seiten, seine Hybris und sein Ego zu zeigen - all das, was nicht attraktiv ist, aber ehrlich.
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