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Brenders "Spitzel"-Vorwürfe: Ausbruch eines Gepiesackten

Ein Kommentar von

Mit seinem Vorwurf, es gebe ein ZDF-internes "Spitzelsystem", hat Nikolaus Brender nicht nur seinen Intendanten empört. Nun schreien alle: Skandal! Dabei sind nicht die Worte des scheidenden Chefredakteurs skandalös, sondern die Zustände beim ZDF.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Er weiß selbst, dass er zum Diplomat nicht taugt. Zur Großansicht
dpa

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Er weiß selbst, dass er zum Diplomat nicht taugt.

Er hat lange geschwiegen, er war lange loyal. Doch jetzt ist es aus dem von der Politik lange gepiesackten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender herausgebrochen, und er hat öffentlich gesagt, wie er manche Journalisten in seinem Sender und vor allem die strippenziehende Parteipolitiker im Hintergrund wirklich sieht: Als Spione und Einflüsterer die einen, als machtversessene Anstaltsherrscher die anderen.

Und er erntet Empörung. Von seinem Intendanten, von manchem Kommentator und - natürlich - von der CDU. Dabei geht es gar nicht um den Inhalt der Vorwürfe, sondern deren Form. Ein Mitglied des ZDF-Fernsehrats findet Brenders Vergleich mit Stasi-Spitzeln untragbar. Die Kritik sei maßlos, erregt sich Intendant Markus Schächter, von dem man in früheren medienpolitischen Auseinandersetzungen selten derartige Leidenschaft erlebt hat. Und ein Unionsmann droht gleich unverhohlen, die Pensionszahlungen Brenders zu kürzen. Das alles zeigt am Ende nur, wie sehr Politiker die öffentlich-rechtlichen Sender als ihre Beute betrachten, über die sie frei verfügen können.

Wie die Reflexe sitzen! Wer an das kleine, schmutzige Geheimnis des ZDF rührt, den ungeheuerlichen Einfluss der Politik und der Parteien, wird abgestraft. So schlimm wie die DDR, so klingt es bei manchen durch, sei das ZDF nun auch wieder nicht. Ja, was für ein Glück!

Brender hat ausdrücklich die große Mehrheit der Journalisten beim Sender von seiner bitteren Kritik ausgenommen. Aber statt sich mit den Vorwürfen in der Sache auseinanderzusetzen, wird am Stil herumgemäkelt. Geradezu höhnisch kommt nun der Intendant selbst um die Ecke: Brender habe ja selbst zehn Jahre Zeit gehabt, die von ihm beklagten Missstände abzustellen, sagt er. Ausgerechnet der Ober-Diplomat auf dem Mainzer Lerchenberg fordert mehr Mut. Schächter hat erst jüngst dafür gesorgt, dass das ZDF-Landesstudio in Düsseldorf mit einer Leiterin besetzt wurde, die als Merkel-Porträtistin und für ihre guten Drähte ins Kanzleramt bekannt ist. Und er hat schon vor der entscheidenden Sitzung seines unionsdominierten Verwaltungsrats zur Brender-Abwahl öffentlich gesagt, dass er gegen den Übergriff der Politik nicht klagen werde.

Der Skandal ist nicht Brenders Ausbruch, sondern was die Attackierten nun daraus machen. Der Skandal sind die Zustände beim ZDF. Das Proporzdenken, das Freund-Feind-Schema, die offenbar von manchen immer noch als karriereförderlich angesehene Nähe zur Politik. Und die Reflexe, mit denen versucht wird, eine nun wieder aufflammende Debatte im Keim zu ersticken, weil da ein von der Politik an den Rand der Demütigung gedrängter Chefredakteur in der Wortwahl bis ans Äußerste ging.

Brender weiß selbst, dass er zum Diplomat nicht taugt. Er ist sperrig, eigensinnig, schwierig. Genau das, was den Unionsleuten um Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch so wenig gefiel, dass sie ihn loswerden wollten. Aber er ist nicht der Täter, er ist der Kronzeuge.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ++
saul7 22.02.2010
Zitat von sysopMit seinem Vorwurf, es gebe ein ZDF-internes "Spitzelsystem", hat Nikolaus Brender nicht nur seinen Intendanten empört. Nun schreien alle: Skandal! Dabei sind nicht die Worte des scheidenden Chefredakteurs skandalös, sondern die Zustände im ZDF. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,679575,00.html
Brender hat nicht in ein Wespen-sondern in ein Hornissennest gestochen. Man darf gespannt auf weiter Einzelheiten sein!!!
2. Zdf
helmipeters 22.02.2010
Mich würde interessieren, ob Schächter von sich aus reagiert hat oder ob er von Koch, Beck und Konsorten dazu gedrängt wurde.
3. Schöner Schein
Brand-Redner 22.02.2010
Zitat von sysopMit seinem Vorwurf, es gebe ein ZDF-internes "Spitzelsystem", hat Nikolaus Brender nicht nur seinen Intendanten empört. Nun schreien alle: Skandal! Dabei sind nicht die Worte des scheidenden Chefredakteurs skandalös, sondern die Zustände im ZDF. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,679575,00.html
Freie, unabhängige und überparteiliche Medien - wie stolz das klingt. Mit solchen politischen Werbephrasen schmücken sich ja noch ganz andere, und auch wenn's schwer vorstellbar ist: Es soll immer noch kreuzbrave Zeitgenossen geben, die so einen "Schmarrn" glauben. Aber von Zeit zu Zeit bröckelt eben manchmal der Putz und dann wird hinter der Fassade sichtbar, dass auch die "Öffis" nichts anderes sind als ein Riesenkonzern der Meinungsbildung, mit dem sich nebenbei noch ganz gut verdienen lässt, Zwangsgebühren sei Dank!
4. Traurig, aber leider wahr.
8ruc3 22.02.2010
Zitat von saul7Brender hat nicht in ein Wespen-sondern in ein Hornissennest gestochen. Man darf gespannt auf weiter Einzelheiten sein!!!
Ich befürchte, wir bekommen keine weiteren Einzelheiten zu hören, weil der EInfluss derjenigen, die den Status Quo beibehalten wollen, zu groß ist. "Die Freiheit der Presse im Westen, wobei die viel besser ist als anderswo, ist letztlich die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu veröffentlichen." Traurig, aber leider wahr. (Das Zitat stammt - wenn ich mich nicht irre - von Peter Scholl-Latour)
5. Die Lösung wäre einfach ...
arac 22.02.2010
Die Lösung für das Problem "ZDF" ist leicht und augenscheinlich: Entweder völlige Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten oder die vollständige Entflechtung von Politik und Entscheidern innerhalb dieser Sender. Das "Problem" besteht eben "nur" darin, dass genau dies durch die politische Führung initiiert werden müsste - und dies würde eine politische Redlichkeit erfordern, die heutzutage allzu selten geworden ist.
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