Britische Kultserie "Skins": Zu kaputt, um wahr zu sein

Von

Wilder Sex, erbärmliche Eltern und Gastauftritte von Napalm Death: Die britische TV-Serie "Skins" zeigt eine Jugend zwischen Dauerrausch und Depression - und gehört zum Aufregendsten, was das Fernsehen zu bieten hat. Jetzt sind die ersten drei Staffeln endlich auf Deutsch erschienen.

Kultserie "Skins": Drei Generationen Wahnsinn Fotos
All3Media

Wenn eine Serie etwas veraltet aussieht, dann kann das auch für sie sprechen. Im Fall von "Skins" trifft dies unbedingt zu. Seit 2007 läuft die Serie auf dem britischen Digitalkanal E4 und fängt mit jeder Staffel so viel Zeitgeist ein, dass sie ein paar Jahre später schon etwas angestaubt erscheint.

Dass der Verleih Tellyvisions jetzt, vier Jahre nach Serienstart, die ersten drei Staffeln auf Deutsch herausbringt, ist etwas bedauerlich, weil sich so nicht ganz die stilistische Treffsicherheit der Serie erschließt. Noch bedauerlicher ist aber, dass sich bislang kein deutscher Free-TV-Sender gefunden hat, der "Skins" ausstrahlt oder sogar adaptiert. Eine bessere Serie über Jugendliche hat es nämlich in den vergangenen zehn Jahren nicht gegeben.

Mit einer Handy-Orgie fängt die erste Staffel an. Der 16-jährige Tony macht sich früh morgens auf den Weg durch seine Heimatstadt Bristol und telefoniert dabei den Freundeskreis ab. Ob beim Beine rasieren, Kater ausschlafen oder Klarinette üben: Die Freunde haben das Handy sofort am Ohr. Es sind der unbeholfene Sid, die attraktive Michelle, der religiöse Anwar, der schwule Maxxie, die strebsame Jal und das Party-Tier Chris. Was mit der zarten Cassie ist? Nicht erreichbar, weil noch wegen einer Essstörung in der Klinik. Und warum betreibt Tony den Aufwand mit dem Handy? Er plant die Entjungferung seines besten Freundes Sid.

Wie Pulver in Nasen verschwindet

Wildes Figurenensemble, temporeiches Erzählen, eine thematische und stilistische Bandbreite, die von fürchterlich ordinär bis hochsensibel reicht - vielleicht liegt es an der ungewöhnlichen Paarung, die sich "Skins" ausgedacht hat, dass die Serie so aufregend ist. 2006 suchte der schottische Drehbuchautor Bryan Elsley ("The Crow Road") nach einer Idee für eine neue Fernsehserie - und fand sie bei seinem Teenager-Sohn Jamie Brittan. Der hatte sich schon länger darüber geärgert, wie Jugendliche im britischen TV dargestellt wurden. Zusammen mit seinem Vater sollte er dies gründlich ändern.

Einerseits zeigt die Serie in schockierender Direktheit, wie sich das Verhältnis von Kindern und Eltern verändert hat. Mütter und Väter werden hier als die wirklich verantwortungslos Handelnden dargestellt - was angesichts des wilden Lifestyles ihrer Kinder ein niederschmetterndes Urteil ist. Aber so orientierungslos, wie die Erwachsenen hier durch ihr Leben stolpern, drängt sich der Eindruck auf, dass sie von der Auflösung traditioneller Familienstrukturen noch viel stärker betroffen sind als ihre Kinder.

Eine Szene aus Staffel fünf macht dies schmerzhaft deutlich. Darin läuft die Schulschönheit Mini frühmorgens durch leere Straßen nach Hause. Ihr Make-up ist von Schweiß und Tränen zerstört. Im Verlauf der Nacht hat sie sowohl ihren Freund als auch ihre beste Freundin verloren. Plötzlich ist am anderen Ende der Straße eine andere Frau zu sehen, die ebenfalls knappe Partykleidung trägt und barfuß über den Asphalt läuft - es ist Minis alleinerziehende Mutter. Schweigend gehen sie den restlichen Weg gemeinsam.

Glatte Körper, haarige Poritzen

Andererseits zeigt "Skins" eine Jugend, wie sie nirgendwo zu finden ist. Das fängt beim ausufernden Alkohol- und Drogenkonsum an, den die Serie ausstellt. Nicht ganz zufällig ist "skins" im britischen Englisch auch ein Ausdruck für die Blättchen, die man zum Rollen von Joints braucht. Ohne einen Anflug von Skrupeln wird gezeigt, wie Pulver in Nasen und Pillen in Mündern verschwinden.

Darauf folgen ausschweifende Clubnächte oder exzessive Privatpartys, meistens eine Mischung aus beidem und immer zum heißesten musikalischen Scheiß, den es gerade gibt. Dreampop von Asobi Seksu schließt an Noise von Health an, ab und zu treten auch Bands in der Serie auf. Fast ein Jahr, bevor die britische Musikzeitschrift "NME" ihre Sängerin zur coolsten Person der Musikwelt wählte, traten die kanadischen Elektroclasher Crystal Castles schon bei "Skins" auf. In der letzten Staffel war sich sogar die Metal-Legende Napalm Death nicht zu schade für einen Gastauftritt.

Ähnlich idealisiert wie die Partynächte zeigt "Skins" auch die Körper seiner Hauptdarsteller. Immer wieder werden ihre schlanken Glieder und glatten Gesichter in Großaufnahme gezeigt, oft haben sie nur wenig an, und oft haben sie Sex. In den USA, wo eine originalgetreue Adaption im Januar anlief, wurde der Serie deshalb der Vorwurf gemacht, sie würde Kinderpornografie verbreiten.

Doch zum Aufgeilen taugt "Skins" nicht, denn im Gegenzug werden die Körper von Erwachsenen einer Lächerlichkeit preisgegeben, wie man es im TV noch nicht gesehen hat. Der mitleidige Blick, den der schöne Tony (Nicholas Hoult) auf seinen Vater (Harry Enfield) wirft, als der sich in Unterhosen über ein Waschbecken beugt und eine haarige Poritze entblößt, spricht Bände. Um die Erbärmlichkeit der Eltern zu unterstreichen, werden sie immer wieder von britischen Comedy-Stars gespielt. So treten neben Enfield unter anderem auch Bill Baley ("Spaced", "Black Books") und Peter Capaldi ("The Thick Of It", "In The Loop") als Väter auf.

Bei den jungen Hauptdarstellern überwiegen hingegen die Newcomer. Nicholas Hoult warf mit der Rolle des manipulativen Tony sein Image als Kinderstar aus "About A Boy" ab. Für Dev Patel ging es von der Darstellung des muslimischen Anwar, der statt Koran nur Koitus im Kopf hat, fast direkt über zum Oscar-Triumph "Slumdog Millionaire". Der Großteil der übrigen Darsteller wurde bei offenen Amateur-Castings in ganz Großbritannien gefunden - für die Serienmacher eine Rückversicherung, dass sie den Kontakt zu ihrem Zielpublikum nicht verlieren.

Überzeugt von einer lesbischen Liebe

Darüber hinaus braucht "Skins" mehr Nachwuchs als andere TV-Shows, denn auch formal riskiert man viel: Nach jeweils zwei Staffeln wird das Ensemble ausgetauscht - ganz egal, wie beliebt die Darsteller und ihre Geschichten sind. In der Serienwelt haben die Figuren dann ihr Abitur gemacht und sind auf dem Sprung auf die Uni. Für Serienschöpfer Brittan der Punkt, an dem Schluss ist. "Wenn Teenager-Shows in die Uni verlagert werden, werden sie automatisch kacke - siehe zum Beispiel 'Dawson's Creek' oder 'The OC'", sagte er im Interview mit der Website AfterEllen.

Für Fans der ersten Stunde sind die Wechsel im Cast nur schwer zu verdauen, denn jede Generation - so werden die jeweiligen Staffelbesetzungen genannt - hat ihre eigenen Helden und ihren speziellen Tonfall. In der ersten Generation überzeugte fast das komplette Ensemble. In der zweiten Generation standen schnell der stille Zwilling Emily (Kathryn Prescott) und die selbstbewusste Naomi (Lily Loveless) als Favoriten fest.

Wie sich zwischen ihnen eine vielschichtige Liebesgeschichte entspinnt, gehört zum sensibelsten und berührendsten der gesamten Serie - und wurde auch in der lesbischen community sehr gefeiert. Dass diese Themen nicht soap-mäßig aufgeblasen werden, liegt auch an der besonderen Erzählstruktur. "Skins" verzichtet auf größere Bögen und konzentriert sich in jeder Folge auf eine einzelne Figur und ihre Nöte. Wie geht Jal mit ihrem nachlässigen Vater um? Kriegt der manische Cook seine Gewaltexzesse in den Griff? Was machen die Psychopharmaka mit dem skurrilen JJ? Pro Staffel erhält jeder aus dem Ensemble seine eigene Episode, was in der Summe ein viel nuancenreicheres Porträt einer Gruppe bringt, als es eine durchgängig erzählte Geschichte liefern könnte.

Gemeinsam einsam: Es ist eine melancholische Grundstimmung, die die Serie durchzieht. Besonders die vierte Staffel - bislang noch nicht auf Deutsch erhältlich - wendete sich zum Düsteren und ließ eine der Hauptfiguren sogar gewaltsam umkommen. Staffel fünf mit der mittlerweile dritten Generation versucht nun den freundlicher gestimmten Reboot. Noch ist die "Skin"-Fangemeinde nicht von den Neuen überzeugt. Zu harmlos und langweilig seien sie im Vergleich zu ihren krawalligen Vorgängern - und tatsächlich sticht in diesem Durchgang keine Figur wirklich heraus. Eine Staffel haben die Macher noch, um dieser Generation etwas mehr Profil zu verleihen.

Vielleicht ist jetzt doch die beste Zeit, um bei "Skins" ganz von vorn anzufangen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. läuft schon seit Jahren auf Deutsch....
xees-s 13.04.2011
Dass erst jetzt die Deutsche Fassung kommt stimmt nicht! Auf Fox Channel unter Sky/Premiere bzw. Kabeldigital empfangbar, läuft bereits die 3. Wiederholung der Staffel. Hat SPON mal wieder schlecht abgeschrieben?
2. Berge von Haaren
timewalk 13.04.2011
Zitat von sysopWilder Sex,*erbärmliche Eltern und Gastauftritte von Napalm Death: Die britische TV-Serie "Skins"*zeigt*eine*Jugend*zwischen Dauerrausch und Depression - und gehört zum Aufregendsten, was das Fernsehen zu bieten hat. Jetzt sind die ersten drei Staffeln endlich auf Deutsch erschienen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,755708,00.html
Ist es nicht eine Klasse Chance englisch zu lernen? Gerade wenn das Thema so spannend ist? Ich für meinen Teil habe erst durch das schauen von englischsprachigen Filmen, richtig die Sprache gelernt. Wer dann nach Jahren mal wieder eine Synchronisation schaut, dem streuben sich die Haare zu Bergen.
3. zzz
taiga, 13.04.2011
Zitat von sysopWilder Sex,*erbärmliche Eltern und Gastauftritte von Napalm Death: Die britische TV-Serie "Skins"*zeigt*eine*Jugend*zwischen Dauerrausch und Depression - und gehört zum Aufregendsten, was das Fernsehen zu bieten hat. Jetzt sind die ersten drei Staffeln endlich auf Deutsch erschienen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,755708,00.html
Trügt mich der erste Eindruck oder wird hier der Jugendwahn auf die Spitze getrieben? Je höher man aufsteigt, umso tiefer geht es bergab... Könnte es sein, dass diese hippen Youngsters in 30 Jahren noch viel älter aussehen als ihre im Film als Wracks porträtierten Eltern?
4. ...
Schinkenfisch 13.04.2011
Skins links liegen lassen, Misfits schauen :)
5. Skins :belanglos bedeutungslos uninteressant
orwell84 13.04.2011
http://www.myvideo.de/watch/5630821/Knorkator_Alter_Mann WIR sind sowiso ein Volk von Greisen
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 40 Kommentare