Bundestagsdebatten im TV Besser als jede Seifenoper

Bundestagsdebatten statt Telenovelas und Spielshows im Hauptprogramm der Öffentlich-Rechtlichen TV-Sender? Braucht niemand. Obwohl: Dramatik gibt es eigentlich genug. Warum es sich durchaus lohnen könnte, die Griechenland-Debatte am Donnerstagmorgen in der ARD zu verfolgen.

Regierungsmitglieder Westerwelle, Merkel im Bundestag: "sehr hohe aktuelle Relevanz"
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Regierungsmitglieder Westerwelle, Merkel im Bundestag: "sehr hohe aktuelle Relevanz"

Von Reinhard Mohr


"Meine lieben Kolleginnen und Kollegen", hob Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede zum Auftakt der konstituierenden Sitzung des 17. Deutschen Bundestages am 28. Oktober 2009 an, "nach manchen schweren Debatten, Verhandlungen in der letzten Legislaturperiode möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass eine Übertragung der Konstituierung des Deutschen Bundestages im Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht stattfindet. Im Mittelpunkt des Vormittagsprogramms der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands steht heute morgen die TV-Komödie 'Schaumküsse'. Das Zweite Deutsche Fernsehen bringt statt einer Übertragung dieser Sitzung die 158. Folge der Serie 'Alisa - Folge deinem Herzen'. Gefolgt vom 36. Kapitel der Serie 'Bianca - Wege zum Glück'."

An dieser Stelle verzeichnete das Protokoll "Gelächter".

"Liebe Kolleginnen und Kollegen", fuhr Lammert fort, "ich folge auch meinem Herzen und nenne diese Programmentscheidung ganz vorsichtig, in wörtlichem Sinne bemerkenswert. Mir fehlt jedes Verständnis, dass ein gebührenpflichtiges Fernsehen, das dieses üppig dotierte Privileg allein seinem besonderen Informationsauftrag verdankt, auch an einem Tag wie heute mit einer souveränen Sturheit der Unterhaltung Vorrang vor der Information gibt."

Die Programmverantwortlichen von ARD und ZDF waren alles andere als amüsiert und verwiesen beinah empört auf ihren "Ereigniskanal" Phoenix, der nach wie vor stundenlange Live-Übertragungen liefere. Unzählige andere Sendungen garantierten zudem die umfassende Erfüllung der öffentlich-rechtlichen Informationspflicht. Am Donnerstag nun, um 9.30 Uhr, überträgt das Erste wieder einmal live und ausführlich eine Bundestagsdebatte. Thema: Die drohende Staatspleite Griechenlands und die mögliche Hilfe der Europäischen Union.

Nichts mit Lammert zu tun

"Das hat aber nichts mit der Kritik des Bundestagspräsidenten zu tun", betont man gegenüber SPIEGEL ONLINE im ARD-Hauptstadtstudio. "Wir halten die Kritik des Bundestagspräsidenten für zu pauschal. ZDF und ARD übertragen auf ihren Kanälen Bundestagsdebatten, wenn sie ihnen herausragende Bedeutung beimessen. Im Übrigen gibt der Ereignis- und Dokumentationskanal 'Phoenix' vielen Plenardebatten in Live-Übertragungen sehr viel Raum. Es kann also keine Rede davon sein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Pflicht an dieser Stelle nicht nachkommt", sagte ARD-Sprecher Maik Wittenbecher.

Die Kriterien für Live-Übertragungen im Ersten seien klar und eindeutig festgelegt: Nur Debatten mit einer "sehr hohen aktuellen Relevanz", etwa die jährliche Haushaltsdebatte, "Gesetzesentscheidungen von sehr hoher gesellschaftlicher Tragweite" (wie Gerhard Schröders "Agenda 2010") und ein "eventuell harter Schlagabtausch zwischen Regierungs- und Oppositionsfraktionen".

Für die Dauer der Live-Sendung sei jeweils ausschlaggebend, dass "VertreterInnen aller Fraktionen jeweils mindestens einen Redebeitrag gehalten haben, der in voller Länge zu übertragen ist". Die letzte Entscheidung freilich treffe der Programmdirektor im Einvernehmen mit den Chefredakteuren der ARD und des Hauptstadtstudios.

Im Fall der Griechenland-Debatte im Bundestag haben sie sich offenbar problemlos einigen können. Dass die schwer gebeutelten Hellenen kurz vor der Staatspleite stehen und damit den gesamten Euro-Raum in Mitleidenschaft ziehen, hat unzweifelhaft eine "sehr hohe aktuelle Relevanz". ARD-Mann Wittenbecher: "Die Griechenland-Krise ist seit Wochen das Topthema in Deutschland und berührt die Stabilität der gesamten Euro-Zone. Deshalb überträgt das Erste die Bundestagsdebatte darüber live."

Das große rhetorische Rad

Aber es ist dennoch unverkennbar: Jede Zeit hat ihre eigene Ordnung der Dinge, und gerade das Fernsehen bringt sie auf den Punkt. So lief etwa gestern, am 23. März 2010, bereits am Vormittag das volle Hartz-IV-Programm: 11 Uhr "Richterin Barbara Salesch. Das Strafgericht", anschließend "Richter Alexander Hold. Gerichtsshow" auf Sat.1. ProSieben zeigte "Cable Guy - die Nervensäge", und in der ARD hieß es um 10.25 "Um Himmels Willen". Danach ging es "In aller Freundschaft" weiter. Das ZDF erfreute die Dauerfernsehgucker derweil mit der Serie "Hanna - Folge Deinem Herzen".

Nur die Älteren werden sich daran erinnern können, dass vor 30, 40 Jahren die Leidenschaften noch ein bisschen anders verteilt waren. Und sie klangen auch anders. "Was Sie hier vorbereiten, das ist nichts anderes als der Ausverkauf deutscher Interessen!" "Pfui! Schämen Sie sich!" "Sie haben's gerade nötig!" "Das ist der Untergang des Abendlandes!" "Hört, hört! So oder ähnlich tönte es aus dem Fernsehapparat.

Im Bildhintergrund thronte der deutsche Adler, und davor, am Rednerpult des Deutschen Bundestages zu Bonn am Rhein, polterte Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner, Rainer Barzel oder Hans-Jürgen Wischnewski, Willy Brandt oder Helmut Schmidt.

Stunden-, ja tagelang bis in den Abend übertrugen die beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF damals die großen Bundestagsdebatten über die Ostverträge und die Nato-Nachrüstung, über die Vorlage des neuesten Bundeshaushalts, den Terror der RAF und die deutsche Nazivergangenheit.

Oft genug wurde das ganz große rhetorische Rad gedreht, und immer wieder schien es um Sein oder Nichtsein der Republik zu gehen, um Demokratie oder Kommunismus, die Bedrohung durch die Sowjetunion und die atlantische Solidarität mit Amerika. "Der lange Weg nach Westen" der Bundesrepublik (Heinrich August Winkler) war mit vielen, auch schmerzhaften politischen Auseinandersetzungen gepflastert. Es gab Feindschaften und Zerwürfnisse, immer wieder aber auch gegenseitigen Respekt und Versöhnung.

Fasziniert sahen damals auch Jugendliche diesen Parlamentsdebatten zu, die zuweilen wirklich Sternstunden einer republikanischen Kultur waren - zugleich der denkbar beste Anschauungsunterricht zum Thema repräsentative Demokratie. Nicht zuletzt: Sie waren immer wieder auch sehr unterhaltsam, spannend und aufregend. Die Abstimmung über das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt am 27. April 1972 verfolgten Millionen Bundesbürger live am Bildschirm. Ganze Fabrikbelegschaften standen vor dem Fernseher und fieberten mit.

Plasberg statt Plenum

Heute wäre so etwas kaum mehr denkbar. Nicht nur, weil es keinen Willy Brandt mehr gibt und schon gar nicht die Hoffnungen, die sich mit ihm verbanden, sondern auch, weil die politische Auseinandersetzung weitgehend ins möglichst unterhaltsame Abendprogramm des Fernsehens abgewandert ist - und ins Internet, in Blogs und Foren, zu Twitter und Facebook.

Es ist schon ein wenig paradox: Ausgerechnet Anne Will, Frank Plasberg und Maybrit Illner, aber auch Maischberger, Beckmann, Lanz, Kerner & Co., die führenden Talkshows im deutschen Fernsehen, graben der politischen Live-Berichterstattung das Wasser ab. In den spätabendlichen Redeshows wird in verdichteter, inszenierter Form all das in Grund und Boden diskutiert, was traditionell Gegenstand der parlamentarischen Beratungen ist - von der Kopfpauschale bis zu Steuersenkungen, von Afghanistan bis Westerwelle, von Hartz IV bis zur Finanzkrise. Dem Informationsauftrag der öffentlich-rechtlichen Programme scheint also Genüge getan. Jedenfalls übertragen das Erste oder das ZDF wichtige Debatten im Bundestag nur noch selten.

Und wenn doch, dann wird an entscheidender Stelle schon mal unvermittelt abgebrochen. Der Grund: Das gut geölte, quotenfixierte Programmschema des Tages darf nicht leiden.

Gewiss, die objektive Bedeutung von Plenumsdebatten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aus vielerlei Gründen verringert - Stichworte sind Europäisierung, Globalisierung und Virtualisierung der einst vorwiegend nationalen Politik. Auch die unglaubliche Beschleunigung der weltweiten Ereignisberichterstattung, das televisionär inszenierte Gipfelwesen von G8 bis G20, die Zunahme künstlich dramatisierter Showeffekte insgesamt lassen die gute alte Parlamentsdebatte ziemlich vorgestrig aussehen.

Und es stimmt ja: Der "Ereigniskanal" Phoenix sendet immer noch viele Debatten im Reichstag live, unterbrochen von Interviews, Kommentaren und Diskussionsrunden. Aber es bleibt dabei: Die politische Auseinandersetzung der zentralen deutschen Volksvertretung im Berliner Reichstag wird in den Massenmedien stiefmütterlich behandelt.

Das ist schon allein deshalb bedauerlich, weil die Probe aufs Exempel immer wieder tiefe Einblicke in die Wirklichkeit des politischen Geschehens gewährt. Wer statt der nach Sekunden zählenden Info-Häppchen in den Nachrichtensendungen einer Bundestagsdebatte mal in Echtzeit für ein oder zwei Stunden folgt, kann sich nur noch über all die teils grob, ja fahrlässig vereinfachenden grellbunten Nachrichtenballons wundern, die Tag für Tag in den Medienhimmel der Hauptstadt geschossen werden. Ein Reality-Check sozusagen, der das alltägliche Polit-Geschäft so darstellt, wie es wirklich ist - nämlich oftmals quälend öde, trocken und langwierig. Ob sich die beteiligten Politiker, darunter auch Norbert Lammert, tatsächlich öfter der Häppchen-Inszenierung berauben wollen, der sie einen Hauch von Dramatik verdanken, ist eine andere Frage.



insgesamt 14 Beiträge
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soh_, 24.03.2010
1. Volle Zustimmung
Vielen Dank Herr Mohr. Und wenn bei Prinz Charles ein Spaten umfällt, muss man telemigrieren weil Ard, Zdf und acht weitere Regionalsender GLEICHZEITIG seelmannesk, also grundstupid darüber berichten.
silenced 24.03.2010
2. <->
Ich hör mir die, wenn es zeitlich passt, im Radio an, DLF überträgt die ja. Sehr erheiternd und oftmals auch recht interessant an sich. Eventuell sollte man darüber nachdenken diese als Pflichtprogramm in der Schule als Unterrichtsmaterial zu zeigen, so 8./9. Klasse, Live und ungeschnitten natürlich.
Hubert Rudnick, 24.03.2010
3. Selbstdarstellung
Zitat von sysopBundestagsdebatten statt Telenovelas und Spielshows im Hauptprogramm der Öffentlich-Rechtlichen TV-Sender? Braucht niemand. Obwohl: Dramatik gibt es eigentlich genug. Warum es sich durchaus lohnen könnte, die Griechenland-Debatte am Donnerstagmorgen in der ARD zu verfolgen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,685509,00.html
------------------------------------------------------------ Unsere Abgeordneten haben es verlernt, oder erst gar nichts gelernt sich sachlich mit Argumenten auseinanderzusetzen, vielmehr findet nur eine Selbstdarstellung im Bundestag stattt. Der Bundestag ist zu einer Showbühne verkommen, aber halt, so etwas haben ja auch in der Vergangenheit schon immer mal einige Politiker gemacht. Es schadet dem Ansehen der Politik und ganz Deutschland. HR
Blindstrom 24.03.2010
4. Reichsaffenhaus
Wenn wundert es, wenn drittklassige Politiker von zweitklassigen Telenovelas überholt werden. Aber vielleicht gibt es ja noch einen Sendeplatz zwischen dem "Tigerenten-Club" und "Nashorn, Zebra & Co.". Arbeitstitel in Anlehnung an Wilhelm II.: "Neues aus dem Reichsaffenhaus".
Predo 24.03.2010
5. och naja.
Zitat von Hubert Rudnick------------------------------------------------------------ Unsere Abgeordneten haben es verlernt, oder erst gar nichts gelernt sich sachlich mit Argumenten auseinanderzusetzen, vielmehr findet nur eine Selbstdarstellung im Bundestag stattt. Der Bundestag ist zu einer Showbühne verkommen, aber halt, so etwas haben ja auch in der Vergangenheit schon immer mal einige Politiker gemacht. Es schadet dem Ansehen der Politik und ganz Deutschland. HR
manchmal gibt es ganz erhellende Einblicke. Etwa als nach der Kunduzaffäre Guttenberg ans Rednerpult getreten ist. Nur hier empfange ich Phoenix nicht. Leider. mit den ganzen Dokus die da laufen sowie der Berichterstattung einer meiner Lieblingssender.
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