Medienstrategien zur Bundestagswahl Kim Jong Merkel an der Autobahn

Deutsche Hintern, nordkoreanische Gigantomanie: Wir haben mal die Plakate der Parteien auf uns wirken lassen - und uns doch sehr gewundert.

Merkel-Plakat an der A9 bei Hermsdorf
DPA

Merkel-Plakat an der A9 bei Hermsdorf


CDU: Die meterhohe Merkel

Gediegenheit, Geborgenheit, Gemütlichkeit. Das ist der Generalbass konservativer Botschaften, auch im Wahlkampf. Alles ist gut so, wie es ist, war gestern gut und möge auch morgen noch gut bleiben. Was noch besser werden könnte, tja, darüber sollte man mal in aller Ruhe nachdenken. Dafür steht die CDU, dafür steht Angela Merkel. Wer "Weiter so!" sagt, braucht keine weiterführende "Erzählung".

Deshalb wird man das ultimative CDU-Wahlplakat nicht auf den Grünstreifen der Städte finden, nicht neben den Bushaltestellen der Dörfer. Sondern dort, wo Deutschland von sich selbst träumt, wo der Brummton seiner meditativen Versenkung niemals verstummt - auf der Autobahn. Zunächst ist da nur Landschaft, flach oder hügelig, bewirtschaftet oder bewaldet, versiegelt oder wild. Bald aber sickert auch hier die Politik ins Bewusstsein, Tropfen für Tropfen, dann da sind Windräder, Kernkraftwerke, Rußpartikel, Tempo 120, Güterfernverkehr, Benzinpreise, türkische Trucker, marode Brücken, Dienstwagen mit Y-Kennzeichen im Inneren. …

Und wenn man endlich randvoll ist mit Deutschland, da, wo bei Hermsdorf A4 und A9 sich kreuzen, geht hinter einer Kuppe plötzlich das kolossale Gesicht von Angela Merkel auf, eine gemütliche Epiphanie von nordkoreanischer Gigantomanie. Gediegen wie ein aufsteigender Heißluftballon wacht die Kanzlerin luftraumfüllend und konkurrenzlos über das Land und seine Probleme, mit gütiger Miene und dem meterhohen Hinweis "24.9.", sonst nichts. Für ein Deutschland, über dem wir gut und gerne schweben. Arno Frank


Christian Lindner auf FDP-Wahlplakat
imago/ Eibner

Christian Lindner auf FDP-Wahlplakat

FDP: Digitale Bedenkenlosigkeit

Christian Lindner ist Berufspolitiker. Er ist seit 20 Jahren in der FDP, seit 17 Jahren hat er in der Partei entweder Amt oder Mandat inne, seit vier Jahren ist er ihr Vorsitzender. Weil ein bestimmter Teil des Zeitgeists aber gerade massiv etwas gegen Berufspolitiker hat (Zitat Alice Weidel: "Schweine"), tut Lindner nun so, als wäre er nicht Berufspolitiker, sondern Start-up-Vollidiot.

Trägt Augenringe und Dreitagebart wie die Digitale-Boheme-Deppen, die ihre Nächte im Co-Working-Space verbringen, und lässt sich neben Slogans abbilden wie "Die Digitalisierung ändert alles. Wann ändert sich die Politik?", "Das Digitalste in der Schule dürfen nicht die Pausen sein" oder, mit Handy!, neben dem dümmlichsten Werbespruch dieses Wahlkampfs: "Digital first, Bedenken second".

Ein sprachlicher Auffahrunfall, klar, aber eben nur dümmlich, nicht dumm. Dahinter steckt nämlich eine Kernüberzeugung seiner FPD: dass dem digitalen Unternehmergeist - im Gegensatz zu analogen Menschen in Not - keine Hürden in den Weg gelegt werden dürften, dass er so ungehindert wie nur möglich fließen, fluten, unser Land überschwemmen darf. "Menschen first, Bedenken second": Unvorstellbar, dass sich Lindner neben so einem Slogan abbilden lassen würde. Oder doch? Tweeten Sie, Herr Lindner, gern ein Bild von sich vor dem neuen Plakat. Das würde nicht nur digitale Kompetenz beweisen, sondern etwas ganz Rares: Herz. Hannah Pilarczyk


Wahlplakat von Die Linke
imago/ Revierfoto

Wahlplakat von Die Linke

Die Linke: Mal was Konstruktives

"Ihr seid immer nur dagegen, macht doch mal bessere Vorschläge" - diesem Mantra, das Kindern von Eltern ebenso entgegenschallt wie Oppositionsparteien aus dem Regierungslager, bemüht sich Die Linke mit ihren reinen Textplakaten für die Bundestagswahl entschieden etwas entgegenzusetzen. Und zwar nicht weniger als eine Idealwelt: keine Spur vom Klein-Klein um "Musterfeststellungsklage" oder "Kooperationsverbot". Hier geht es ums ganz Große: "Nähe", "Respekt", "Frieden" - dann auch "Kinder" (das klassische "Bild"-Herz ums Schlagwort leicht eingedellt und blasslila eingefärbt), "Zuhause" (illustriert mit einem Schlüsselschild, auf dem man eher die Beschriftung "Gartenhaus" erwarten würde), "Mensch" (allerdings trotz typografischer Ähnlichkeit nicht auf die Inkusions-"Aktion Mensch" anspielend, sondern gegen Fremdenfeindlichkeit gerichtet).

Ein grammatischer Bruch kommt schließlich bei zwei letzten Motiven ins Spiel: "Verdient" (auf Rechenheftkaros für sichere Jobs) und schließlich, als Bling-Bling-Goldkettchen, "Gerecht" (ja, ja, da geht es um Steuern für Millionäre). Soll diese Abkehr vom Substantiv vielleicht gerade die Bedeutung der beiden Themen betonen - vielleicht entfernt brechtisch gedacht, Verfremdungseffekt und so?

Immerhin in den Personenplakaten findet die Linke zu großer Klarheit (manche sagen allerdings auch bieder dazu): Die Porträts der Spitzenkandidaten und Parteivorsitzenden sind sehr klassisch fotografiert, mit geraden Blicken, leichtem Lächeln und unprätentiösem Licht. Man würde ihnen glatt Vorschläge zutrauen - bessere oder schlechtere. Felix Bayer


AfD-Wahlplakat
imago/ Müller-Stauffenberg

AfD-Wahlplakat

AfD: Fremdenfeindlichkeit mit Wellnessfaktor

Ah, die Genießer von der AfD! Versuchen den germanischen Stammwähler auf ihren Plakaten mit Wein, Weib und Schweinchen zu gewinnen, alles aus deutschen Landen, klar. Ein süßes Ferkel schnuppert sich durch saftige Wiesen zum nächsten Schlachthof ("Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche."), zwei Hinterteile wackeln über einen Strand ("Burkas? Wir steh'n auf Bikinis."), drei Dirndl-Mädchen schwenken Weingläser ("Burka? Ich steh' mehr auf Burgunder"). Und dann zeigt da noch eine Schwangere im wohligen "Brigitte"-Style ihren Bauch ("Neue Deutsche? Machen wir selber.")

Islamophobie auf die lukullische Tour, Fremdenfeindlichkeit mit Wellnessfaktor: Die AfD gibt ihrer Panikmache für die Plakataktion unter dem Motto "Deutschland, trau dich!" einen Gute-Laune-Anstrich. Ausgedacht hat sich die Kampagne der Romancier und PR-Berater Thor Kunkel, der zuvor in Büchern wie "Endstufe" eine Verbindung zwischen Pornografie und Nationalsozialismus herzustellen versuchte.

Nicht allen in der AfD-Führung gefällt Kunkels säftelnder Patriotismus. Dabei vereinigt die Aktion zwei für die Partei wichtige Strömungen: Den ganz Alten vom extrem nationalistischen Rand, die noch in NS-Lebensborn- und Trachtensexfantasien schwelgen, bietet sie "völkische" Fetischträume. Den jüngeren rechten Mainstream erinnerte er daran, was man auf dem deutschen Außenposten Mallorca so liebt: deutsche Ärsche, Schnitzel, Vollrausch. Christian Buß


SPD-Plakat mit Klaus Mindrup in Berlin-Prenzlauer Berg zur Wahl 2013
imago

SPD-Plakat mit Klaus Mindrup in Berlin-Prenzlauer Berg zur Wahl 2013

SPD: Big Brother auf Augenhöhe

Hatten Sie schon Besuch von Ihrem Wahlkreis-Kandidaten? Neulich sah ich im Fernsehen, wie Tim Renner, einst Berliner Kulturstaatssekretär, jetzt für die SPD in Charlottenburg unterwegs, bei einer Bürgerin klingelte. Wahlkampf von Tür zu Tür halt, Hände schütteln und das Schulz-Mantra in die Köpfe hämmern: gerechte Löhne, bessere Schulen, sichere Renten, europäischer Zusammenhalt, kennt man ja. Renner, Wuschelkopf, Turnschuhe, knittrig-glänzender "Miami Vice"-Anzug, hatte aber noch nicht mal Zeit, "Guten Abend" zu sagen, so schnell hatte die Frau ihre Türe wieder zugeknallt. Offenbar hatte sie gerade keine Zeit für Gerechtigkeit. So wird das nichts mit der Wählernähe.

Auf ein genauso altmodisches, aber wirksameres Konzept setzt die SPD im Ostteil der Stadt, wo die Bürger jahrzehntelang angesichts von Invasionen der Privatsphäre härter im Nehmen sind als die Alt-68er-Wessis. Klaus Mindrup, SPD-Kandidat für Pankow und Prenzlauer Berg, hat bei mir jedenfalls noch nicht an der Tür geklingelt. Braucht er auch nicht, denn er begegnet mir jeden Abend auf Augenhöhe.

Ich wohne im ersten Stock, sodass Mindrup, silberhaarig und akkurat bebrillt, mich von seinem Spähposten an der Straßenlaterne direkt anlächelt, wenn ich auf dem Sofa sitze. Selbst wenn mich im Fernsehen also gerade Merkel, Lindner oder Schlimmere von der roten Botschaft ablenken wollen, muss ich den Blick nur kurz nach links (!) wenden, schon sehe ich Genosse Big Brother: sehr fein und irgendwie perfide lächelnd, weil er da draußen klebt und weiß, an welche sublim vermittelte Botschaft ich gerade wieder unwillkürlich denken musste: Löhne! Bildung! Rente! Europa! Gerechtigkeit für Martin! Und das alles nur mit einem einzigen, ollen Plakat! Andreas Borcholte


Wahlplakat von "Die Partei" mit Nico Semsrott
imago/ Stefan Zeitz

Wahlplakat von "Die Partei" mit Nico Semsrott

"Die Partei": Mit Demotivation geht alles besser

"Die Partei" macht es sich einfach: Ihr reicht es, den demotivierten Nico Semsrott auf ein Plakat zu kleben ("Weil ich mir egal bin") und ihn genau das Gegenteil von dem ausstrahlen zu lassen, was Politiker sonst so auf Plakaten vermitteln wollen - Elan, Engagement, Energie. Und schon hat man einen Gag, der funktioniert, nicht weil er so gut ist, sondern weil er easy zu verstehen ist.

Wahlplakate, auch die anderer Parteien, sind eigentlich Memes, nur dass "Die Partei" halt weiß, wie ein gutes Mem funktioniert. Das Geheimnis ist es, gemeinsames Wissen zu schaffen, in on the joke zu sein und alle anderen für Deppen zu halten. Das motiviert, das mobilisiert. Im Falle von "Die Partei" geht es um das gemeinsame Wissen, dass politische Inszenierung bullshit ist. Oder freundlicher ausgedrückt: dass politische Inszenierung halt Inszenierung ist, dass sie nichts zu tun hat mit dem wahren Stand der geführten Debatten oder herrschenden Probleme.

Und dabei kommt man sich umso schlauer vor, weil die anderen Parteien mit ihren Slogans und Plakaten wirken, als wüssten die Leser und Betrachter dieser Slogans und Plakate nicht, dass es sich um eine Inszenierung handelt, die mit der politischen Realität wenig zu tun hat (Martin Schulz: "Ich werde Kanzler"). Wenn Wahlkampf Wrestling wäre, dann täten CDU, SPD, FDP und Grüne immer noch so, als wäre alles echt, während das Publikum schon lange über den Show-Aspekt des ganzen Bescheid weiß. Und "die Partei" profitiert mit ihren Meta-Gags von der Unbeholfenheit der "ernsten Parteien". Das ist einerseits schon witzig, andererseits halt genau der Mechanismus, auf den jeder plumpe Populist setzt, wenn er was erreichen will. Franceso Giammarco


Pinkifiziertes Grünen-Plakat
imago/ Rüdiger Wölk

Pinkifiziertes Grünen-Plakat

Grüne: Lillifee lässt grüßen

Oha, es gibt eine neue politische Farbe im Plakatwald zur Bundestagswahl. Pink. Und zwar von den Grünen. Für Freunde von Farbtheorien: Der CMYK-Fachbegriff dafür heißt Magenta, das liegt auf den runden Farbmodellen ziemlich genau gegenüber von Grün. Auch ideologisch übrigens war Pink lange das Gegenteil von Grün, es war die absolute Bäh-Farbe. Eine Farbe, die kleine Mädchen sowie Frauen auf keinen Fall anziehen durften, weil es hieß, dass sie damit in konservative Rollenmodelle gezwungen würden. Die Farbe, die die Welt von Barbie und Lillifee koloriert und langfristig womöglich Essstörungen provoziert. Pinkifizierung heißt das in der Gender-Theorie.

Und jetzt: Mehr Pink als Grün auf den grünen Plakaten. Ziemlich sicher dürfte die pinkifizierte Kampagne das kleine Mädchen in der erwachsenen Wählerin wecken (keine schlechte Idee, denn 60 Prozent der Grünen-Wähler sind Frauen): süßer Eisbär in lustigem Pink, Wohlfühl-Sonnenblümchen statt des Grünen-Logos. Der korrekte, aber aus historischen Gründen umständliche Name der Partei ist gar nicht mehr zu lesen, dafür nur noch "Darum Grün".

Darüber dann die mit Ängsten spielenden Slogans, möglichst negativ, möglichst kryptisch formuliert, sodass ihre unbequemen Botschaften nur langsam rüberkommen: "Schluss mit Kohle oder Schluss mit Klima" sagt der Magenta-Bär, "Ohne Umwelt ist alles nichts" steht über einem pinken Erdball. Schwer zu sagen, was da jetzt hängenbleiben soll - Weltuntergangsstimmung oder "Pretty in Pink"? Jedem Journalisten wäre das als Text-Bild-Schere um die Ohren geflogen. Carola Padtberg



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Seite 1
arte-seher 13.09.2017
1. Verlogenheit
Wie verlogen die Politik ist, sieht man an den Wahlplakaten der CDU mit unserer Kanzlerin. Statt das aktuelle Gesicht der gealterten Kanzlerin so wie sie halt z.Z. aussieht zu plakatieren, wird ein jüngeres Photo abgebildet, oder eins mit Photoshop geschöntes.
egoneiermann 13.09.2017
2.
Das von der FDP gibt es hier nicht, schade er zeigt doch besser als Schulranzen, was die Partei wirklich will: Vorfahrt für Selbstständige und kleinere Unternehmen ohne Rücksicht auf die Gesellschaft. Ansonsten sind die Sprüche der FDP ja wirklich belanglos, ich denke, man setzt da ganz auf das Aussehen von Mr. FDP.
Fritz Cat 13.09.2017
3. Digitale Bedenkenlosigkeit
Der FDP digitale Bedenkenlosigkeit vorzuwerfen zeugt davon, dass der Autor zukunftsblind ist. Hier in SPON erscheint am gleichen Tag der Artikel "Gefangen in der Wagenburg", in der alt eingesessene Konzerne wie BMW, Daimler, VW und Co. versuchen, sich in dem Thema autonomes Fahren in der Zukunft gegen digitale Konzerne wie Apple, Google, Intel und andere amerikanische Konzerne zu wappnen. Der Autor kommt mir vor wie ein Mensch in der Zeit, als noch Pferdekutschen gefahren sind und vor den stinkenden Benzin getriebenen Fahrzeugen gewarnt hat. Der Markt hat die Entwicklung vorangetrieben. Herr Linder hat in meinem Augen Recht mit seiner Botschaft. Wenn sich Deutschland dem Geschäft mit der Digitalisierung verschließt, werden eben einfach andere das Geschäft machen. Dort, wo Geschäfte gemacht werden, entstehen dann auch die zukünftigen Arbeitsplätze. So einfach ist das. Ich bin selbst schon über 60 Jahre alt, würde mich aber dem Geschäft mit der Digitalisierung nicht verschließen.
GyrosPita 13.09.2017
4.
Zitat von arte-seherWie verlogen die Politik ist, sieht man an den Wahlplakaten der CDU mit unserer Kanzlerin. Statt das aktuelle Gesicht der gealterten Kanzlerin so wie sie halt z.Z. aussieht zu plakatieren, wird ein jüngeres Photo abgebildet, oder eins mit Photoshop geschöntes.
Klar, wenn Sie sich irgendwo bewerben schicken Sie ja auch ein Foto von sich wo Sie gerade nach durchzechter Nacht aufgewacht sind, mit Augenringen wie Saturn und unrasiert, beleuchtet von einer Neonröhre so das Sie noch dreimal schlimmer aussehen. Und für ne Kontaktanzeige lassen Sie sich im Jogginganzug mit Ketchupflecken auf dem Feinripp-Unterhemd ablichten. Man wundert sich wirklich immer wieder in welcher Welt mancher Forist offenbar lebt...
i.dietz 13.09.2017
5. Auf der Straße zu unserem Wohngebiet
sind sämtliche Laternenpfosten mit übergroßen Portraits mit nichtssagenden Unter- , Über- oder Querschriften bespickt; das ganze erinnert mich mehr an einer neuen Single-Börse als an Wahlk(r)ampf!
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