Wahl-Talk bei Sat.1 Speeddating mit Claus Strunz

Populismus und Dauererregung als Talktechnik: Claus Strunz versammelt bei Sat.1 die Parteispitzen der Opposition - und rückt ihnen geradezu körperlich auf die Pelle.

Sat.1-Moderator Claus Strunz (M.) mit Linke-Chefin Katja Kipping, Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und FDP-Chef Christian Lindner
SAT.1/ Richard Huebner

Sat.1-Moderator Claus Strunz (M.) mit Linke-Chefin Katja Kipping, Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und FDP-Chef Christian Lindner

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Haben sich da zwei gefunden, oder versucht der eine den anderen auf Abstand zu halten? So ganz einfach war die geballte Körperlichkeit, die sich dem Zuschauer am Mittwoch während des Wahl-Talks bei Sat.1 bot, nicht aufzuschlüsseln. Immer wieder hatte Moderator Claus Strunz den FDP-Chef Christian Lindner umgarnt, geneckt und für ihn die Zähne gebleckt; Posterboy der Liberalen hatte er ihn kokett genannt, Eitelkeit hatte er ihm unterstellt. Nun stand er da ganz dicht am Pult des Politikers und zupfte ihn immer wieder am Arm, rieb die Schulter an der des Gastes, während der ihn immer wieder davonstieß.

Politiker der vier größeren Oppositionsparteien waren ins Studio eingeladen worden, Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, Katja Kipping von der Linkspartei, Alice Weidel von der AfD und eben Lindner. Per Meinungsumfrage, so Strunz, seien in der Vorwoche die zehn Themen ermittelt worden, die die Deutschen am meisten interessierten. In 30-sekündigen Statements mussten die Politiker nun ihre Haltung zu diesen Themen darstellen, zwischendurch rückte Strunz ihnen auf die Pelle, indem er persönliche Vorlieben und Schwächen abfragte. Eine neue Form von Polit-Talk: Speeddating mit Anfassen.

Dieses etwas verschwitzte Vordringen in die (echten oder vermeintlichen) erogenen Zonen der Politik hatte sich bei Strunz schon seit einiger Zeit angedeutet. In einer Sendung der ARD-Talkerin Sandra Maischberger zum Thema Rechtspopulismus Ende letzten Jahres hatte Strunz erklärt: "Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie." Ob der Moderator vor der Sat.1-Sendung blaue Pillen eingeworfen hat, ist nicht bekannt, auf jeden Fall absolvierte er seine Sendung im höchstmöglichen Erregungszustand, um die von ihm unterstellte diskursive Dysfunktion der deutschen Mediendemokratie zu beheben.

Immer schön persönlich werden

Wie also funktioniert Populismus als Talktaktik? In Strunz' Moderationsmethode konnte man zwei grundsätzliche Strategien erkennen: 1. Den Angriff immer persönlich halten. 2. Die Schwachen gegeneinander ausspielen.

Bei der Frage "Wie lösen wir die Flüchtlingskrise?" etwa konfrontierte Strunz Katja Kipping mit ihrer privaten Wohnsituation: "Sie selber haben keine Flüchtlinge aufgenommen?" So, als ob über die Flüchtlingssituation anteilnehmend nur sprechen könnte, wer selber eine syrische Familie in seinem Wohnzimmer beherbergt. Und bei der Frage, wie hierzulande die innere Sicherheit gewährleistet werden kann, bellte Strunz Katrin Göring-Eckardt an: "Die Grünen können die Polizei nicht leiden."

Fronten bauen, ein wichtiges taktisches Element des Populismus. Strunz wandte es auch bei der Frage an, wie man gegen Altersarmut vorgehen könne. Da hatte er als Stichwortgeber einen Paketboten geladen, der 10-Stunden-Schichten schiebt, am Ende aber selbst nach 45 Arbeitsjahren nicht ausreichend versorgt sein wird. Erst fragte Strunz den Malocher suggestiv, ob der Staat den Nicht-Arbeitsuchenden zu viel Geld gäbe, so als ob für den Paketboten alles prima sei, wenn nur die blöden Hartz-IV-Empfänger weniger bekämen. Im Anschluss fragte er die AfD-Politikerin Weidel, ob nicht irgendwie auch die Flüchtlinge Schuld an der deutschen Altersarmut seien. Was die natürlich bejahte.

Populismus, impotent

Das war dann sogar dem aufgewühlten Paketboten zu viel, er weigerte sich, nachzuvollziehen, was die aktuelle Flüchtlingskrise mit der sich schon vor vielen Jahren angekündigten Rentenmisere zu tun haben soll: "Den Flüchtlingen mit die Schuld zu geben, ist nicht gut."

Was also wollen die einfachen Leute, die Strunz mit seiner Talkshow abseits des öffentlich-rechtlichen Debattenmainstreams zu vertreten glaubt? Populismus offensichtlich doch nicht.

Dabei war nicht alles am Strunz-Wahl-Talk verkehrt. Der dauererregte Viagra-Talk, die atemlose Speed-Debatte, sie hatten durchaus ein paar heiter-entlarvende Momente, zum Beispiel als Kipping vom Moderator mit dem angeblich guten Aussehen Lindners konfrontiert wurde und die Linke über den Liberalen sagte: "Sein Aussehen finde ich am wenigstens schlimm." Ein starker Augenblick, da hier in der Drei-Frauen-Ein-Mann-Politikerrunde sexistische Tendenzen im Talk-Betrieb, die sich sonst gegen Frauen richten, offensichtlich und besprochen wurden.

Meist aber glückten die Vorstöße ins Persönliche, ins Desavouierende, ins regelrecht Beleidigende nicht. Wie Alice Weidel am Ende vorgeführt wurde, tat schon weh. Die 2000 von Sat.1 befragten Deutschen wollten zum Großteil nichts mit ihr zu tun haben, wie hämisch Strunz verkündete. Weidel schluckte immer wieder, gelobte, hart an ihrer unzugänglichen Persönlichkeit zu arbeiten. Hier verkehrte sich Strunz' populistische Talktechnik in ihr Gegenteil. Wer hätte gedacht, dass das möglich ist: Auf einmal hatten wir Mitleid mit der AfD.



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