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Bundesvision Song Contest 2014: Wurstigkeit und Werbeblöcke

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Bundesvision Song Contest 2014: Pop aus allen Bundesländern Fotos
Getty Images

Bei der zehnten Ausgabe von Stefan Raabs Bundesvision Song Contest offenbarte sich das ganze Elend der deutschen Popmusik.

Wie war das nochmal damals, vor zehn Jahren? Max Mutzke erklärte es irgendwann im Verlauf der vierstündigen Jubiläumsshow des Bundesvision Song Contests gerne: Als Stefan Raab und er, der Gewinner des TV-Castings "SSDSGPS" ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star") 2004 beim Eurovision Song Contest in Istanbul nur den achten Platz belegten, entstand aus Frust der Plan, den Sängerwettstreit auf nationaler Ebene zu veranstalten: Statt europäische Staaten, sollten die 16 Bundesländer mit regionalen Nachwuchs-Bands gegeneinander antreten.

Es war eine sehr gute, tollkühne Show-Idee wie sie in Deutschland nur Stefan Raab hat. Doch der zehnte Bundesvision Song Contest, den ProSieben am Samstagabend aus der Lokhalle in Göttingen übertrug, zeigte leider: Quotendruck und Ökonomie haben aus der einst trotzigen Absage an die Mauscheleien und Ödnisse des Euro-Grand-Prix ein ebensolches Testament der Langeweile und des Marktkalküls gemacht. Eine Farce, die kaum noch Unterhaltungswert hat.

War klar, wer gewinnen würde

Man muss nur den Anteil echter Nachwuchstalente betrachten: Die Indierock-Band Duerer aus Thüringen und der Balladenbarde Sebastian Hackel aus Sachsen waren die einzigen Künstler unter den 16, die noch keinen Plattenvertrag mit einem Majorlabel oder einer erfolgreichen Indie-Firma besitzen. Mit Abstrichen gehören zu dieser Minderheit auch die Brandenburger R&B-Sängerin Kitty Kat, die allerdings schon zum zweiten Mal versucht, eine Karriere zu starten, der am Ende ebenso glücklose Rockabilly-Rapper Sierra Kidd aus Niedersachsen und die vielleicht etwas zu abgebrüht auftretende, aber unbedingt sympathische HipHop-Crew Inglebirds aus dem Saarland.

Alle anderen Acts des Abends wurden von ihren Labels ins Feld geschickt, um wertvolle Bildschirmzeit zu sammeln, einige, Karikatur der Grundidee des Contests, waren sogar schon zum zweiten Mal dabei. Die meisten Künstler, sechs an der Zahl, konnte Sony Music und das zugehörige Label Four Music platzieren, allesamt weitgehend etabliert und charterprobt: Revolverheld, Marteria, Jupiter Jones, Miss Platnum, Ok Kid und Max Mutzke. Dazu kamen die frischen, von Universal unter Vertrag genommenen Nordlichter Tonbandgerät, der Warner-Veteran Maxim, der Radio-Darling Andreas Bourani (Universal) sowie der vom Cro-Label Chimperator gepushte R&B-Sänger Teesy.

Das Ergebnis des "Bundesvision Song Contest" 2014:

1. Platz: Revolverheld, Bremen (180 Punkte)

2. Platz: Jupiter Jones, Rheinland-Pfalz (124 Punkte)

3. Platz: Teesy, Sachsen-Anhalt (102 Punkte)

4. Platz: Marteria, Mecklenburg-Vorpommern (101 Punkte)

5. Platz: Tonbandgerät, Schleswig-Holstein (87 Punkte)

Das Problem: Je mehr Charts-Künstler teilnehmen, desto weniger Chancen hat der Nachwuchs. Vor zwei Jahren traten Superstar Xavier Naidoo und Rapper Kool Savas gemeinsam als XAVAS auf - und gewannen. Zuvor war es der populäre Graf von Unheilig, im vergangenen Jahr holte der erfolgreiche Popsänger Bosse den Sieg. Besonders infam: Damit die Fernsehzuschauer möglichst lange auf ihren Lieblingsact warten müssen, treten die größten Stars beim BuVISoCo zumeist ganz zum Schluss auf. Dieses Jahr waren es Revolverheld aus Bremen mit ihrem Popschlager "Lass uns gehen". Und damit war dann eigentlich auch schon klar, wer gewinnen würde.

So viel durchschaubare Quotenhuberei macht jedes Spannungsmoment zunichte. Die Einschaltquote war seit der ersten Show im Februar 2005 von 3,23 Millionen Zuschauern auf magere 1,29 Millionen im vergangenen Jahr geschrumpft. Zwar bekam Raab für seine Jubiläumsausgabe mal wieder den Samstagabend, dafür waren die Sparmaßnahmen deutlich erkennbar: Auf eine weibliche Co-Moderatorin verzichtete Alleinunterhalter Raab ebenso wie auf besonders aufwendige Bühneneffekte - und zu gewinnen gab es für die Anrufer, die für ihr Votum immerhin 50 Cent pro Anruf berappen mussten, lediglich einen mickrigen Kleinwagen, Wert: 15.000 Euro. Ein Witz im Vergleich zu dem Jaguar, den ProSieben den Gewinnspiel-Teilnehmern der weitaus erfolgreicheren Show "Schlag den Raab" gönnt.

Man wünscht sich fast die Ekelband herbei

Da nützte es auch nichts, dass Raab sich diesmal alle auftretenden Künstler zuvor an einem Wochenende ins Studio geladen hatte, um mit ihnen herumzublödeln und zu improvisieren, wie es der US-Talker Jimmy Fallon kongenial in seiner "Tonight Show" vormacht. Doch leider versteht es die Dampfwalze Raab nicht wie Fallon, sich zurückzunehmen und sich aufs Akzentuieren zu beschränken: Er muss eben doch immer wieder beweisen, dass er der Boss und der Bessere ist. Die Künstler, die ihren Gastgeber regionale Geschenke - Bier, Fischbrötchen oder Aal - mitbrachten, konnten einem fast leidtun, so wenig erfuhr man über sie, während Raab sich hampelnd, rasselnd und feixend produzierte.

Dann wiederum konnte man froh sein, dass es Raab mit seinen lustigen Verhaspelungen und Versprechern gab, denn er war das Einzige, was einem vom Einschlafen zwischen den zahlreichen Werbeblöcken abhielt. Da ProSieben (wie ARD und ZDF) dem TV-Publikum zur besten Sendezeit offenbar weder Lautstärke noch anspruchsvolle, sperrige Musik zumuten will, wurde bis auf wenige Ausnahmen (Tonbandgerät, Teesy) genau der weinerliche, wurstige, saft- und kraftlose Befindlichkeits-Schmonz geboten, der ohnehin schon alle Kanäle verstopft - mal mit Schlager, mal mit HipHop, mal zaghaft rockend, aber in der Hauptsache so künstlich mit Bedeutung aufgeblasen wie der am Ende zweitplatzierte Song "Plötzlich hält die Welt an" von Jupiter Jones. Da wünschte man sich fast eine gestandene Ekelband wie Pur herbei - die wollten einst wenigstens noch ins Abenteuer-, nicht ins Langeweileland.

"Ich hab alles versucht"

"Ich hab alles versucht, meine Energie ist verbraucht", mehr hol ich nicht aus mir raus", seufzte, irgendwie programmatisch, Maxim ins Mikro. Am schönsten aber brachten das ganze Elend wohl Revolverheld in ihrem Siegerlied auf den Punkt, unfreiwillig natürlich: "Hallo, hallo, bist du auch so gelangweilt", trällerte Sänger Johannes Strate, während er und seine Mitmusiker roboterhafte Bewegungen an langen, von der Decke hängenden Bändern machten - wie die Marionetten der auf Weichspülung programmierten Popindustrie, die sie sind.

Aber dann war da noch der Rapper Marteria, derzeit einer der beliebtesten und begehrtesten Popstars des Landes. Er hätte den Abend locker für sich entscheiden können, hätte er sich mit einem Hit wie "Kids" eingeschmeichelt. Aber der Lokalpatriot aus Mecklenburg-Vorpommern besann sich offenbar auf den Ur-Charakter der Show und widmete die seelenvolle Hymne "Mein Rostock" seiner Heimatstadt. Eindeutig der souveränste und berührendste Auftritt des Abends, aber dem Massenpublikum dann wohl doch zu regional: Er schaffte es nur auf Platz vier. Es macht den Künstler Marteria aus, dass er auf den Sieg pfiff, um seinem Bundesland ein Lied zu singen. Gäbe es ein bisschen mehr von diesem Geist, der Bundesvision Song Contest hätte vielleicht noch eine Zukunft.

P.S.: Max Mutzke, das alte Nachwuchstalent, schaffte es mit seiner lässigen Funk-Nummer "Charlotte" übrigens auf Rang sieben. Ein Platz besser als damals beim Grand Prix.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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1. Nachwuchs?
jeze 21.09.2014
Wer sagt eigentlich, dass es hier um Nachwuchs-Telente geht. Das war noch nie der Fall gewesen. Es geht um deutsche Musik. Dass auch fragwürdige Beiträge am Start sind ist der Tatsache geschuldet, dass die Qualität der popmusikalischen Beiträge eben nicht homogen über die Bundesländer verteilt ist, aber aus jedem jemand antreten muss. Das finde ich eigentlich mehr überdenkenswert. Wenn es in BaWü drei gute Acts gibt und in Sachsen nichts, dann sollten eben die drei auch gegeneinander antreten dürfen.
2. Marteria war 4. ....
Soletan 21.09.2014
... nur so am Rande angemerkt. Ansonsten trifft die Kritik schon gut ins Ziel. Ist denn nur noch Rap und gesäuselter Rap hierzulande zu haben? Nur noch standardbesetzte Gitarrenbands? Gab es die Neunziger nicht? Langweilt sich die Popmusik-Szene schon so dermaßen selbst? Offenbar
3. Danke!
arktika 21.09.2014
Das war ein ganz schlimmer Einheitsbrei, eben Radiomusik für den typischen Hörer, der dröge nette Musik liebt, die nicht stört. Allein die Texte! Phrasengedresche hoch 10. Letztes Jahr waren Adolar der einzige Lichtblick, dieses Jahr die Ingelbirds. Eher zufällig bin ich die beiden Jahre bei dieser Sendung hängen geblieben, ich hoffe das passiert mir nächstes Jahr nicht wieder. Schade, denn mit ein bisschen mehr Mut, eigentlich ja kein schlechtes Konzept (bis auf die Vorgabe, dass die Songs unbedingt auf deutsch sein müssen).
4. Genialer Kommentar
anjal7 21.09.2014
Der Autor hat es genau auf den Punkt getroffen. Die Musik langweilig, ohne Ecken und Kanten und alles ziemlich ähnlich. Dazu die Selbstbeweihräucherung von Raab war nicht zu ertragen. Der Mann sollte aufhören, sich so wichtig zu nehmen.
5. übertrieben
Multiple Choice 21.09.2014
Die Kritik finde ich übertrieben. Wir haben uns gut unterhalten.Klingt wie ein Kulturintellektueller, der mal wieder den Untergang des Abendlandes beschwört.Dass Newcomer auch bei Mittelfeldplätzen von dieser Veranstaltung profitieren, ist ein offenes Geheimnis. Und die Genrevielfalt war auch sehr gut.
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