Bundesvision Song Contest Hallo, ihr süßen Phrasen!

Stefan Raab versemmelt Witze, Lena brabbelt über "süße Hasen", Co-Moderatorin Johanna Klum kennt nicht mal alle Bundesländer. Gut, dass Tim Bendzko, der Gewinner des Bundesvision Song Contest 2011, die Show mit seinem Siegertitel unfreiwillig auf den Punkt brachte.

Von Daniela Zinser

DPA

Es ist der Abend der gestörten Kommunikation. Ein Fest für Sprachwissenschaftler und jene, die es nicht werden sollten. Sich sanft von rechts nach links wiegend, singt Tim Bendzko mit reichlich Schmacht "Wenn Worte meine Sprache wären". Tock, tock, möchte man einwerfen, sie sind es schon. Aber so richtig stören will man auch nicht, läuft doch gerade alles so glatt.

Als würdiger Erbe von Xavier Naidoo erzählt der Berliner von den Worten, die einem nicht einfallen oder nicht raus wollen, vom Himmel auf Erden und von Sonnenstrahlen - und gewinnt am Donnerstagabend mit Abstand den siebten Bundesvision Song Contest auf ProSieben. Das tut nicht weh, ist nicht recht überraschend und nur insofern lästig, als man ständig grübelt, wie das denn dann so ist mit der Sprache und den Worten, während Bendzkos Radiohit "Nur noch kurz die Welt retten" im Hinterkopf brummt.

Das Problem mit den richtigen Worten haben an diesem Abend in der Kölner Lanxess-Arena auch Stefan Raab, der Erfinder der innerdeutschen Version des Eurovision Song Contest, und seine Co-Moderatorin Johanna Klum. Raab versenkt zwei, drei Witze, bleibt ansonsten stumm, guckt und malmt mit dem Kiefer und vergisst bei der Punktevergabe dann sogar seine eigenen Regeln, dass nämlich jedes Bundesland sehr wohl für sich selbst abstimmen kann, anders als beim großen Show-Bruder. Klum plappert derweil wahllos dahin, verwechselt Thüringen mit Niedersachsen und macht Frankfurt an der Oder zum Nachbarn Hessens.

Musikalisch gibt es viel Liebesschmerz-Pop, mal mit Elektro-Einschlag, mal mit reichlich Gitarre, ein bisschen Neues, einiges Bekanntes und zwei, drei Ausreißer. Wie Kraftklub aus Sachsen etwa, die mit auf den Körper gemalten Schuljungenoutfits und ihrem Lied "Ich will nicht nach Berlin" dem Hauptstadt-Hype abschwören und einem Leben für Projekte, Soja-Latte und Modedistinktion ("Meine Brille ist nicht Vintage, die ist retro") ebenso. Aus Berlin bekommen sie dafür immerhin zehn Punkte.

Reif für den ZDF-Fernsehgarten

Absolut tanzbar und hübsch leichtsinnig ist die Chansonfunknummer "Ganz Paris ist eine Disco" von Pierre Ferdinand et les Charmeurs aus dem Saarland, ebenso angenehm viel Tanzbein statt Denkerstirn gibt es auch bei Flo Mega aus Bremen, der mit seiner Soulnummer "Zurück", dem musikalisch wohl interessantesten Song des Abends, den zweiten Platz belegt. Das ist eine der zwei Überraschungen des Wettbewerbs, die überdies verhindert, dass es Bosse feat. Anna Loos noch weiter nach vorn als auf Platz drei schaffen. Ihr "Frankfurt Oder" ist reif für den ZDF-Fernsehgarten, wie sie in hochgekrempelten Jeans über die Bühne hüpfen, ist schon grausam sympathisch.

Im vergangenen Jahr musste sich Anna Loos, damals als Silly-Frontfrau, Unheilig geschlagen geben, die den Bundesvision Song Contest nach Nordrhein-Westfalen holten. Und ganz im gräflichen Stil kommt auch diesmal vieles bedeutungsschwer daher und hinterlässt die Frage: Was soll mir das denn nun eigentlich sagen? Andreas Bourani aus Bayern ist musikalisch gar nicht so weit weg von Tim Bendzko, stimmlich sogar weit vorn, und doch schafft es sein "Eisberg" nicht an die Spitze. Auch bei ihm geht es darum, dass man nicht sagt, was man denkt, zeigt, wer man ist, nur weil man "glänzen und scheinen" will.

Kommunikationsprobleme überall, auch in Brandenburg. "Hast du nicht gesagt, du liebst mich?", singt Doreen, Sido-Freundin und Ex-Sängerin von Nu Pagadi, in ihrem Lied "Wie konntest du nur?" als tätowierte Version von Yvonne Catterfeld. Dafür bekommt sie zu Recht nur zwölf Punkte, genauso viele wie Hessen. Das ist die zweite Überraschung des Abends. Da haben die Zuschauer wohl was nicht verstanden: Das sind doch Juli, die sind doch berühmt, die haben 2005 doch schon gewonnen, die muss man doch wählen! Doch der Sakralkitschsong "Du lügst so schön" bringt nur zwölf Punkte aus dem Heimatland, mehr nicht. Da helfen auch ein bühnenflutendes rotes Kleid und die als Bäume verkleideten Streicher nichts.

Mutmaßlich sogar ironisch

Völlig verdient dahinter mit acht Punkten auf dem letzten Platz landet das Elektroduo Muttersöhnchen aus Schleswig-Holstein. Mit "Essen geh'n" preisen die beiden in glitzernden Overalls bei skigymnastischen Verrenkungen die Wochenendvergnügungen "Essen, Trinken, Ficken". Das ist mutmaßlich sogar ironisch gemeint, macht die Nummer aber leider auch nicht besser. Dafür geben sogar die Schleswiger-Holsteiner nur drei Punkte her und schicken lieber zwölf nach Hamburg.

Von dort kommen die, die wirklich was zu sagen haben. Thees Uhlmann, Tomte-Sänger auf Solowegen, hätte für sein "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf" mehr als das Mittelfeld verdient. Die Musik stimmt, der Text ist nicht nur gefühlt tief. Und seine Anmoderation macht vor, wie man so ein Bundesland auch vorstellen kann. Die genormten Einspieler der Show - Berlin hat das Brandenburger Tor, Thüringen die Wurst, Baden-Württemberg die Maultasche - sind entsetzlich verschnarcht.

Was bleibt sonst von der vierstündigen Show? Lena, Raabs Eurovision-Song-Contest-Heldin, hat als Backstage-Moderatorin kommunikativ nicht mehr drauf als ständig "Geht es euch gut, ihr süßen Hasen?" zu fragen und alles wahnsinnig schön zu finden. Eltons Auftrag, in "den Zuschauern rumzuwühlen", bringt nichts zutage. Deutsche Privatradios quälen ihre Mitarbeiter, die die Punkte aus den einzelnen Bundesländern vorlesen müssen, mit T-Shirts in schlimmen Farben.

Die Leitung nach Sachsen funktioniert nicht, immer mal wieder bleibt für Sekunden der Ton weg, das Voting-System braucht sehr viel Erklärzeit, die Thüringer kreischen am lautesten und der Bundesvision Song Contest 2012 wird in Berlin stattfinden, das schon zum dritten Mal gewonnen hat. Wenn Worte meine Sprache wären, würde ich schon mal gen Hauptstadt rufen: mehr Mut, weniger Memmen.



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Seite 1
Linus Haagedam, 30.09.2011
1. Dem
Zitat von sysopStefan Raab versemmelt Witze,*Lena brabbelt über "süße Hasen", Co-Moderatorin*Johanna Klum kennt nicht mal alle Bundesländer. Gut, dass Tim Bendzko, der*Gewinner des Bundesvision Song Contest 2011, die Show mit seinem Siegertitel*unfreiwillig auf den Punkt brachte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,789142,00.html
..ist nicht hinzuzufügen. Ich habe es - leider (wegen Thees Uhlmann, der sehr gut war) - gesehen.
herrbombadil 30.09.2011
2. Allerdings
Oh ja! Es waren ein paar gute Titel dabei. Aber die Moderation (vor allem leider Lena) war unerträglich
potsdamerSoziologe 30.09.2011
3. Punktevergabe - ein Graus
Habe es auch mehrheitlich wegen dem Herrn Uhlmann gesehen. Als dann aber diese ätzende Punktevergabe begann, habe ich ausgeschaltet. Sehr nervig, wenn sich dort die Radiosender versuchen gegenseitig zu übertrumpfen und ihre Logos in die Kamera pressen und dabei in quietschenderweise die Punkte von irgendwelchen "witzigen" Menschen vorgetragen werden...
gambio 30.09.2011
4. Ähhh....
Zitat von sysopStefan Raab versemmelt Witze,*Lena brabbelt über "süße Hasen", Co-Moderatorin*Johanna Klum kennt nicht mal alle Bundesländer. Gut, dass Tim Bendzko, der*Gewinner des Bundesvision Song Contest 2011, die Show mit seinem Siegertitel*unfreiwillig auf den Punkt brachte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,789142,00.html
Und wer hat jetzt bei Raab den Grand Prix de la Eurovision 2011 gewonnen ? Schon wieder diese Lena oder doch Raab ?
sinta, 30.09.2011
5. .
Problem beim Contest von Raab seit drei, vier Jahren ist: man weiß schon vorher wer gewinnt. Ein Blick auf die Liste genügt. So nett ich 'die-Weltretter-Tralala-Nummer' ja auch finde, das Lieder von gestern Abend ist ganz schön schlimm. Schade, die Nummer aus Bremen war richtig gut, oder auch die Herren mit dem Bodypainting. Sei es drum, die Punktevergabe habe ich mir gar nicht mehr angeschaut, nachdem die Punktevergabe mit einer Werbeunterbrechung gleich zweimal erklärt wurde, hat es dann gereicht.
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