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14. November 2017, 18:59 Uhr

Französischer Serienhit "Call My Agent"

Sehen Sie hier die erste Folge im Stream

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Wer spielt hier wem was vor? Die französische Serie "Call My Agent" entspinnt ein herrliches Netz aus Intrigen in einer Künstleragentur, in der echte Filmstars ein und aus gehen. Sehen Sie hier die erste Folge in der Stream-Premiere!

So viele Lügen schon in den ersten vier Serienminuten! Nein, Cécile de France ist schon unterwegs zu dem exklusiven Fotoshooting und Interview, lügt ihr Agent der wartenden Reporterin vor - dabei sitzt die Schauspielerin gerade auf dem Rücken eines Pferdes weit außerhalb von Paris.

Nein, sie lernt nicht erst jetzt Reiten, lügt Cécile de France ihrem Agenten vor, als der sie endlich erreicht - dabei kann sie sich kaum auf dem Tier halten. Nein, das Angebot, dass Cécile im nächsten Tarantino das Cowgirl auf Rachefeldzug spielen darf, steht noch, lügt ihr schließlich ihr Agent vor - dabei hat er gerade eine SMS aus Los Angeles bekommen, dass Cécile aus Altersgründen doch nicht für die Rolle infrage kommt.

Mit dem Tempo einer Sitcom, aber den Fallstricken eines Dramas erzählt die Serie "Call My Agent" von der Pariser Künstleragentur ASK und ihren Klientinnen und Klienten. Jeder und jede flunkert hier, um am Ende besser dazustehen - sei es im Kampf um eine Rolle oder um einen Klienten, um Geld oder um Sex.

Triumphieren kann hier aber nur, wer das Spiel der anderen durchblickt, und dabei sind Schauspieler keinesfalls im Vorteil. Denn wenn sich jemand gern Illusionen über seine Karriere macht, dann sind es sie. Und wenn jemand von dieser Schwäche profitieren kann, dann sind es ihre Agenten. Im Original ist die Serie deshalb schön schnöde nach dem Schnitt benannt, den Agenten bei der erfolgreichen Vermittlung machen: "Dix Pour Cent" - zehn Prozent.

"Die schönste Serienüberraschung des Jahres"

Die wunderbare Balance aus Süffisanz und Empathie, die die Serie dabei bewahrt, hat sie schon in ihrer Heimat Frankreich zum Quoten- und Kritikerhit gemacht: "Die schönste Serienüberraschung des Jahres" lobte die Wochenzeitschrift "Les Inrocks", "ein Dutzend Charaktere, die wohlhabend, berührend, komplex und lustig sind", befand das TV-Magazin "Télérama".

Ein Jahr, nachdem "Call My Agent" den First-Look-Award beim Seriencamp in München für die beste internationale Serie ohne deutschen Sender gewonnen hat*, ist die Show nun endlich auch auf Deutsch verfügbar - die erste Folge können Sie hier umsonst im Stream anschauen. Ab Donnerstag ist die Serie auf dem Pay-TV-Angebot von Sony Channel verfügbar, am 29. Dezember erscheint die erste Staffel auch auf DVD.

Verstärkt wird der Reiz von "Call My Agent" dadurch, dass die Berühmtheiten, die ASK vertritt, sich selber spielen. In der ersten Staffel gehören dazu neben Cécile de France Nathalie Baye und Julie Gayet. In der zweiten Staffel, die im Frühjahr 2017 in Frankreich lief, sind Juliette Binoche, Christophe Lambert und Isabelle Adjani dabei.

In der Grundkonstellation erinnert das an "Extras" (Statisten), die BBC-Sitcom von Ricky Gervais, die an diversen Film- und TV-Sets spielte und Stars wie Kate Winslet oder Ben Stiller vorzuweisen hatte. "Extras" machte sich einen Spaß daraus, seine Stars satirisch überzogene Versionen ihrer Selbst spielen zu lassen - Stiller gab einen Comedian, der sich heillos an einem Drama über den bosnischen Bürgerkrieg verhob, Winslet eine Knallcharge, die sich für keinen Schmonzes zu schade war, solange ein Oscar winkte.

"Call My Agent" spielt sein Spiel mit dem Blick hinter die Kulissen ungleich subtiler, genauer und damit auch schmerzlicher. Beim Fotoshooting, zu dem Cécile de France nach ihrer missglückten Reitstunde mit zwei Stunden Verspätung erscheint, sieht sie umwerfend aus. Doch kaum hat der Fotograf die Kamera abgelegt, fängt die Assistentin am Laptop an, die Fältchen der 42-Jährigen zu retuschieren.

Als ihr dann auch noch die Rolle im neuen Tarantino abgesagt wird, weil sie als zu alt gilt, steht plötzlich der Gang zum Schönheitschirurgen als Option im Raum. Und weil dann auch noch ihr Agent drängelt (zehn Prozent...), wenigstens was in die Wangen spritzen zu lassen, scheinen ihr eigentlich keine Alternativen zu bleiben.

Zu gewagt für viele Stars

So viel Ehrlichkeit und Entblößung, was die Branche betrifft, bedeutete ein Risiko für die Serienmacher, denn die Suche nach Gaststars gestaltete sich überaus kompliziert. "Wir haben uns schon fragen müssen, ob wir den Dreh überhaupt umsetzen können, so viele Absagen haben wir bekommen", hat Regisseur Cédric Klapisch ("L'Auberge Espagnole") von den Vorbereitungen zur ersten Staffel erzählt.

"Insgesamt haben wir sicherlich rund 30 Absagen bekommen, nicht zuletzt von Sophie Marceau, Gérard Jugnot oder Laetitia Casta", so Klapisch. "Ich gebe niemanden die Schuld, man braucht schon einen gewissen Mut, um sich selbst auf dem Bildschirm zu spielen. In angelsächsischen Ländern lieben es die Schauspieler, mit ihrem öffentlichen Image zu spielen. In Frankreich ist es komplizierter, hier herrscht ein Snobismus der Ernsthaftigkeit."

Auch wenn die Serie einiges von ihren Gaststars an Uneitelkeit abverlangt, sind die wahren Intriganten und Schmierenkomödianten bei "Call My Agent" zum Schluss doch immer die Agenten. Sie manipulieren ihre Klienten, täuschen ihre Kollegen, wie gut sie bei den Vertragsverhandlungen vorankommen, und bestechen das Finanzamt mit Karten für die César-Verleihung. Fast würden sie ihren eigenen verführerischen Lügengebäuden verfallen - wenn sie nicht ständig die Kollegen im Auge behalten müssten, die ihnen beim kleinsten Fehler die Klienten abzuluchsen bereit sind.

Ausnahmslos berechnend ist das Personal von ASK, schauspielerisch glänzend angeführt von Camille Cottin, allerdings auch nicht. Jeder und jede muss für sich selbst klären, wie viel von ihren Überzeugungen und Loyalitäten auf der Strecke bleiben darf, wenn es ums Geschäft geht. Denn zehn Prozent - das ist selbst in diesem wohlparfümierten und gephotoshoppten Haifischbecken mitunter nicht alles.


*Offenlegung: Die Autorin war Mitglied der First-Look-Jury beim Seriencamp

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