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31. Juli 2018, 05:51 Uhr

Stephen-King-Serie "Castle Rock"

Das Böseste aus einer Welt

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"It" trifft "Carrie" trifft "Stand By Me": Eine neue Hulu-Serie verbindet Figuren, Darsteller und Geschichten aus Werken von Stephen King. Ist das mehr als ein großer Zitatreigen?

"Castle Rock" heißt die Kleinstadt, die Hulus neuer Stephen-King-Anthologie-Serie ihren Titel gibt - und Fans von Kings umfassendem Werk (dazu zählen fast 60 Romane und 200 Kurzgeschichten) nichts Gutes verheißt: In dem trostlosen Ort im amerikanischen Nordosten brachte in "Cujo" ein tollwütiger Bernhardiner mehrere Menschen zur Strecke, hier betrieb in "Needful Things" der Teufel persönlich einen Antiquitätenladen und machten sich die Jungs aus "Stand By Me" auf die Suche nach einer Kinderleiche.

Die erste Staffel der zehnteiligen Serie ist mit so zahlreichen Versatzstücken aus Kings Oeuvre versehen, dass der "Hollywood Reporter" begleitend Woche für Woche eine Liste sogenannter Easter Eggs, also mehr oder weniger versteckter Verweise, veröffentlicht.

Produzent J.J. Abrams, ein ausgewiesener King-Fan, der bereits bei der Adaption von Kings Zeitreise-Thriller um die Kennedy-Ermordung, "11.22.63" Pate stand, konzipiert die Show so ähnlich, wie Noah Hawley das mit seiner Coen-Brothers-Hommage "Fargo" getan hat - als Reihe abgeschlossener Miniserien, die allesamt in mit der Originalvorlage verwandten, aber nicht identischen Welten spielen. In diesem Fall in amerikanischen Kleinstädten am Rande des Verfalls, die zur Bühne von Geschichten um Schuld und Sühne werden; Gemeinden, deren unheilvolle Schicksale von übernatürlichen Kräften gelenkt zu sein scheinen.

Eingekerkert und vergessen

Trotz so viel erzählerischem Überbau lebt "Castle Rock", ganz im Sinne Kings, vor allem von seinen Figuren. Da ist Dale Lacy (Terry O'Quinn), der Direktor des örtlichen Privatknasts - genau, das Shawshank Penitentiary aus "Die Verurteilten" -, der am Tag vor seiner Pensionierung grausigen Suizid begeht. Da ist der Sheriff im Ruhestand - richtig, Alan Pangborn (Scott Glenn) - der sich um die demente Weiße Ruth Deaver (Sissy Spacek, die mit der King-Adaption "Carrie" berühmt wurde) kümmert und ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt.

Da ist Ruths schwarzer Adoptivsohn Henry Deaver (André Holland), der als Kind nach dem Unfalltod seines Vaters elf Tage lang vermisst war, der dem New-England-Kleinstadtmief nach Texas entfloh und dem bei seiner Rückkehr ins "blütenweiße Maine", wie eine Serienfigur Stephen Kings Heimatstaat beschreibt, kaum verhohlener Rassismus entgegenschlägt. Da ist der mysteriöse, hohläugige Mann (Bill Skarsgård, der in der enorm erfolgreichen King-Neuverfilmung "It" die Hauptfigur spielte), den man nach Laceys Suizid eingekerkert in einem verlassenen Trakt des Knasts fand und dessen bislang einzige Worte "Henry Deaver" waren.

Und da ist Molly Strand (Melanie Lynskey), Henrys Nachbarin aus der Kindheit, die sich zur Beruhigung Opiate einwirft und manchem als Soziopathin erscheint. Lauter Leute in der Klemme also, wie sie Kings Albtraumlandschaften bevölkern, in denen sich das Böse oft wie ein Fluch einnistet.

Kings Achillesferse

Die Autoren Sam Shaw und Dustin Thomason ("Manhattan") entwerfen diese Charaktere mit großer Sorgfalt und Geduld, und sie tun gut daran - Figurenzeichnung immerhin ist Stephen Kings große Stärke. "Wenn ich einen Plot sehe, massakriere ich ihn sofort", sagte er einmal. "Bei mir dreht sich alles um die Situation, daraus entwickeln sich die Figuren und Ereignisse."

In den ersten drei Serien-Episoden von "Castle Rock" erscheint eine Welt in entsättigten Farben, die an allen Ecken bröckelt und deren Bewohner von ganz persönlichen Dämonen gepeinigt sind. Die Auftaktepisode hantiert bisweilen mit dem Holzhammer, und der nervenzehrende Score ist, wiewohl wirkungsvoll, manchmal zu dominant. Aber wie in Kings besten Werken entspinnt sich auch in "Castle Rock" eine Gruselgeschichte, in der Sünden wie Machtgier, Rassismus und Bigotterie dem Horror ein beunruhigendes Willkommen bereiten.

Stephen King, der hier als ausführender Produzent und Berater tätig ist, ist ausgewiesener Popkulturfan, der "das Fernsehen schon liebte, bevor es angesagt war", wie er gern betont. Sieben Jahre lang schrieb er eine Kolumne für "Entertainment Weekly" und veröffentlichte den vielbeachteten Leitfaden "On Writing".

Als seine schriftstellerische Achillesferse erwies sich, dass er als Plot-Verächter vielfach nicht zu einem befriedigenden Ende fand - man denke nur an die verkorkste "Auflösung" des bis dahin fesselnden Kleinstadt-Politithrillers "Under The Dome", die es als vorletzte King-Adaption ins Fernsehen schaffte. An einem gekonnten Schluss wird sich letztlich auch "Castle Rock" messen lassen müssen. Denn eine bloße Aneinanderreihung von Easter Eggs kann auf Dauer nicht befriedigen.


"Castle Rock" läuft bei dem US-Streaming-Portal Hulu, in Deutschland ist die Serie noch nicht zu sehen.

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