Schöner fernsehen

"Chicas Walk Academy" mit Jorge Highheels mit Senf

VOX

Von


"Schnellschnellschnell, Highheelhighheel!" Wer dieses Mantra befolgt, kann sich die Stöckelpaukerei an der "Chicas Walk Academy" sparen. In seiner VOX-Dokuserie zwingt Laufsteg-Feixer Jorge Gonzalez Frauen zu hohen Hacken - und Busenschüttlern.

Wie überraschend viele Lebenslagen lässt sich das Jorge-Dilemma am besten mit einem Wurstvergleich erklären: Auch wenn ein gewöhnlicher Knacker durch die Beigabe von etwas Senf durchaus an Schmackofatz gewinnt, werden deswegen die wenigstens Menschen in der Folge gleich ein ganzes Eimerchen Senf solo auslöffeln wollen. Heißt: So unterhaltsam Jorge Gonzalez sich als radebrechender Laufstegtrainer, Jurymitglied und generelles Senf-Element durch Sendungen wie "Germany's Next Topmodel" und "Let's dance" kleckst, so rasch wird man seiner in gleichen Teilen rätselhaften wie simplen Lebensweisheiten überdrüssig, wenn er eine Sendung allein bestreitet - wurstlos.

Die interessantesten Minuten verstreichen dabei gleich zu Beginn, als über den bisherigen Werdegang des in Kuba geborenen Jorge Alexis Gonzalez Madrigal Varona Vila berichtet wird - so flüchtig allerdings, als krame man nur eben mal raschelnd in einem Schuhkarton. Gerne würde man da mehr wissen: Wie kam es, dass der studierte Radioökologe beschloss, sich als bügelhaariger Stöckelgriener zu verdingen? Was heißt es genau, wenn er sich als "Businessmann" bezeichnet? Oder, vielleicht wenigstens das: Wo bekommt er eigentlich immer diese Schuhe her, auf denen er wie ein exaltierter Paarhufer daherparadiert?

Aber nein, dazu nicht mehr, stattdessen beginnt direkt der Chica-Overkill. Die Chicas in Kuba nämlich würden auf der Straße immer gerne die Hüfte bewegen, um den Chicos Signale zu senden, so der Atomnuklearwissenschaftler. Diese hohe Kommunikationskunst wolle seine Academy nun auch den bislang eher stockiggängigen deutschen Chicas beibringen. Kein Satz kommt ohne das C-Wort aus, die von ihm als Aufwärmübung eingesetzten Busenschüttler nennt Jorge "Bubu-Baba-Chaka-Chica-Chica", und bald schon summsen einem davon derart die Ohren, dass man sofort an die Existenz des Landes Chicaslowakei glaubt, in dem Jorge acht Jahre lebte - und wo er eine "schöne Romanz" mit einem Eishockey-Spieler hatte.

"Wir trainieren, bis der Spiegel platzt"

Das fügt sich, denn die ersten Elevinnen der Chicas Walk Academy sind ausgerechnet die "Ice Girls", die begleitende Tanzgruppe der Eishockey-Mannschaft Hamburg Freezers. Deren Bubu-Baba-Bemühungen verfingen bislang beim Publikum leider gar nicht, weswegen Jorge nun zum Nachbessern anreist, assistiert vom rätselhaften Sportwissenschaftler Alberto.

"Wir werden trainieren, bis der Spiegel platzt", juchzt Jorge, lässt die Mädchen mit Schiffschaukel-Hüfte über einen improvisierten Laufsteg pendeln, schnallt ihnen Hackenschuhe unter, klemmt ihnen einen Stock in den Rücken und übt Schauspieler-Grundgesichter: "Sexy! Jetzt traurig! Und jetzt wieder lachen!" Dazu kloppt der Academy-Leiter Kalendersprüche ("So, wie du gehst, gehst du auch durchs Leben!") und liefert Lehrsätze über den Absatzmarkt ("Sind die Highheels zu klein, werdet ihr Schmerzen haben. Sind sie zu groß, werdet ihr wie Pferde laufen.").

Um ihren "inneren Glam" zu finden, sollen die Schülerinnen sich als abschließende Übung schließlich ungefähr so fortbewegen, als seien sie der beträchtlich angetrunkene rosarote Panther, der dringend aufs Klo muss. Dann ist der Notabschluss in der Chicas Walk Academy geschafft, die geschätzt 17-jährigen Mädchen genießen ihre "wiederentdeckte Weiblichkeit", wie der Off-Sprecher schwiemelt, und sind reif dafür, beim entscheidenden Spiel ihrer Mannschaft mit aberwitzigen Absätzen auf der Hallentribüne zu tanzen. "Die Gefahr, dass man sich mit 15-Zentimeter-Absätzen aufs Maul legt, ist natürlich hoch", räsoniert eine Academy-Absolventin noch, "Highheels bringen Glück", sagt ihr Lehrer. Und dann kommt auf dem anderen Fernsehkanal glücklicherweise wieder Fußball.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



Diskutieren Sie mit!
13 Leserkommentare
gradausdenker 25.06.2014
dipl-inge 25.06.2014
zeitdiebin 25.06.2014
Remy9999 25.06.2014
michaelarock 25.06.2014
nurmalso2011 25.06.2014
mactor2 25.06.2014
Monique de Wolkenstein 25.06.2014
utisaxo 07.07.2014
utisaxo 07.07.2014
gott.liebende 08.07.2014
Sandy Dietrich 11.07.2014
hinschauen 23.09.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.