Christian Ulmen über seine Web-Strategie "Das alte Modell wird immer zäher"

Christian Ulmen, bekannt als Schauspieler, produziert Fernseh-Sendungen speziell fürs Netz. Im Gespräch berichtet er von veränderten Sehgewohnheiten, neuen Finanzierungsmodellen und wie es ist, mit den Eltern auf Facebook befreundet zu sein.

DPA

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Ulmen, es vergeht zurzeit kaum eine Woche, in der man nicht von neuen Projekten von Christian Ulmen liest: Gerade haben Sie in Weimar einen neuen Tatort abgedreht, es läuft die neue Webserie "Mann/Frau" an, die Sie für das Bayerische Fernsehen gemacht haben, gleichzeitig wird bekannt, dass Sie für ein neues Format Benjamin von Stuckrad-Barre Prominente besuchen lassen. Sind Sie mittlerweile ein Ein-Mann-Medienunternehmen?

Ulmen: Das sieht nur so aus. Auch andere Produktionsfirmen haben drei, vier Projekte parallel laufen. In meinem Fall wird gern miterzählt, wer das produziert hat - weil ein Schauspieler hinter der Kamera für manche ein Faszinosum ist, einer seltenen Tierart gleich.

SPIEGEL ONLINE: Was ein großer Marketing-Vorteil ist: Wir würden uns wahrscheinlich kaum über "Mann/Frau" unterhalten, wenn es eine x-beliebige Internet-Clip-Serie wäre. Sind Sie persönlich überhaupt in die Produktion involviert?

Ulmen: Mein Job war, zu lancieren und den Rahmen aufzuziehen. Ich mag es selbst auch, wenn mir Aufgaben übertragen werden, die ich in Eigenverantwortung lösen kann, ohne dass dabei ständig jemand meine Arbeit kontrolliert - und so habe ich das hier auch gemacht. Es war die Grundidee der Autoren-Geschwister Jana und Johann Buchholz - und die haben das Ding gerockt. Ohne mich am Set. Die Idee ist, dass in drei Minuten dein eigener Alltag, dein eigenes Leben Revue passieren. Dass du für drei Minuten mit den eigenen Unzulänglichkeiten, den eigenen Peinlichkeiten konfrontiert wirst und das Gefühl hast: Ich bin nicht allein.

SPIEGEL ONLINE: Die Serie läuft nicht nur auf einer Webseite des BR, sondern auch noch im Fernsehen.

Ulmen: Ja, aber das ist egal. Die Serie ist fürs Netz gemacht, da gehört sie hin, da wirkt sie. Die Fernseh-Ausstrahlung hat mit irgendwelchen öffentlich-rechtlichen Regularien zu tun, ist andererseits aber eine schöne Möglichkeit, die Leute abzuholen, die tatsächlich noch immer lineares Fernsehen konsumieren.

SPIEGEL ONLINE: Eine etwas absurde Konstruktion.

Ulmen: Was viel stärker wiegt, ist die Tatsache, dass der Bayerische Rundfunk zu uns kommt und sagt, wir wollen etwas im Netz machen, wir müssen uns da bewegen. Ich habe Annette Siebenbürger vom BR mehrere Konzepte vorgeschlagen, und sie haben sich für dieses entschieden - was übrigens auch für den Sender spricht. Denn sie haben sich das einzige Konzept ausgesucht, das nicht mit dem Thema Internet umgeht, sondern losgelöst vom Online-Kontext funktioniert. Viele öffentlich-rechtliche Versuche, etwas online zu machen, sehen ja so aus: Wir lesen Twitter-Nachrichten vor, oder man kann chatten.

SPIEGEL ONLINE: Frühere Produktionen von Ulmen.tv liefen vor oder während der TV-Ausstrahlung auch auf Ihrer Webseite. "Mann/Frau" haben Sie komplett dem Bayerischen Fernsehen verkauft. Warum?

Ulmen: Das alte Modell wird immer zäher umzusetzen, weil kein Sender sich mehr darauf einlässt, von uns nur eine TV-Lizenz zu erwerben. Die wissen mittlerweile alle, dass sie ihr Zeug auch prima online zweitverwerten können. Früher haben alle gesagt, ist doch Wurst, was Ihr da online macht. Für die Sender war unsere Online-Auswertung so egal als hätten wir darum gebeten, das Format vorab auf dem Rudolstädter Rummel im Bierzelt zeigen zu dürfen. Aber bei "Who wants to fuck my Girlfriend" waren die Abrufe im Netz erstmals fast zahlreicher als die Zuschauer vorm Fernseher. Und es kann sein, dass sich das bedingt hat: Wer es im Netz schon gesehen hat, der guckt es eben nicht mehr auf Tele 5. Das fällt bei einem kleinen Sender echt ins Gewicht. Und darum machen die Sender keine Erstausstrahlung im Netz mehr mit, zumindest nicht, wenn die Rechte daran uns gehören - und wir müssen uns nach neuen Finanzierungsformen umsehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche können das sein?

Ulmen: Ein Weg könnte sein, so etwas im Verbund mit Firmen herzustellen. Also zum Beispiel zu einer Bäckerei zu gehen und zu sagen: Wir haben hier eine super Idee, da kommt auch Euer Brötchen drin vor. Zahlt das doch, dann habt Ihr eine irre Kampagne und wir eine großartige Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Hat das lineare Fernsehen noch eine Zukunft?

Ulmen: Das ist kein Entweder-Oder. Man konsumiert doch permanent online und guckt trotzdem noch Fernsehen. Ich glaube, dass das parallel läuft - so, wie man ins Kino geht und sich trotzdem auch mal einen Film runterlädt. Das gilt immer noch als Zukunftsthema, aber wir sind doch längst da.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Publikum hat wohl sowieso eher nicht-lineare Sehgewohnheiten, guckt also eher im Internet.

Ulmen: Ja. Aber was man bei der Finanzierungsmöglichkeit über Product Placement nicht vergessen darf, sind die Online-Nutzer, die etwas gegen Werbung haben. Das habe ich erfahren, als ich Werbung zum Beispiel für McDonald's gemacht habe, da gab es durchaus Stimmen, die gesagt haben: Was ist denn mit dem los? Die haben Werbung oder meine Mitwirkung in einem Werbespot per se inbrünstig kritisiert. Da gibt es im Netz eine hohe Sensibilität, habe ich das Gefühl. Man muss den Usern offenbar gut erklären, dass man die Kohle für das ganze Zeug ja irgendwo herbekommen muss - und dass es auch gute Werbung gibt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Bezahlschranke ist für Sie keine Option?

Ulmen: Das haben schon ganz andere versucht und sind daran gescheitert. Das kostenlose Angebot ist einfach viel zu groß. Nein, lieber eine firmenfinanzierte, gute Produktion. Audi hat zur Emmy-Verleihung einen Clip gemacht mit den beiden "Breaking Bad"-Hauptdarstellern als Pfandverleiher. So etwas würde ich gerne als Serie machen. Im Kleinen, also wirklich im Mini-Ansatz gab es das mit der Kampagne für Rügenwalder, in der ich als Alexander von Eich auftrat (eine blasierte Kunstfigur Ulmens, Anm. der Red.). Das ist übrigens bemerkenswert: Im Fernsehen setzen sie auf so eine heile-Welt-Ästhetik mit grüner Wiese und Familie, und im Netz lassen sie Alexander von Eich auftreten und politisch unkorrekt für die Firma sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich im Netz mehr trauen, ist dem Publikum da mehr zuzumuten?

Ulmen: Rügenwalder hätte den von Eich meiner Meinung nach auch im Fernsehen zeigen können. Vielleicht glaubt man, dass ältere Leute fernsehen und die Jüngeren alle im Netz sind. Aber das stimmt ja nicht mehr, mittlerweile sind alle im Netz. Sogar meine beiden Eltern sind jetzt bei Facebook. Weiß aber auch nicht richtig, ob ich das gut finden soll.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit denen befreundet?

Ulmen: Ja, Du kannst da ja kaum auf "Anfrage löschen" klicken. Und dann gefällt denen immer alles, was man macht. Nur mittel-angenehm. Das Netz ist mittlerweile jedenfalls überall angekommen. Und man kann umgekehrt im Fernsehen fast alles machen, was man auch im Netz machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das Mediengeschäft scheint für Sie eine große Spielwiese zu sein. Haben Sie überhaupt jemals den Eindruck, arbeiten zu gehen?

Ulmen: Nie. Manchmal fragen mich Leute, was ich für Hobbys habe. Und ich denke mir: Hobbys? Das alles ist mein Hobby. Ich habe mal für ein halbes Jahr bei Karstadt Schuhe verkauft, das war Arbeit. Dieses Gefühl habe ich seither nie wieder gehabt.


"Mann/Frau" jetzt auf der Webpräsenz des BR und Freitags um 23.25 Uhr im Bayerischen Fernsehen.



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shinobi42 11.09.2014
1. Lineares Fernsehen wird immer uninteressanter
Sei dem ich mir selbst ein Media-Center zusammengebastelt habe, haben sich meine Sehgewohnheiten drastisch geändert. Nachrichtensendungen schaue ich mir dann an, wenn es mir am besten passt. Und der Pausenknopf ist auch eine nette Funktion. Vor der Wettervorhersage ist für mich dann schon Sendeschluss. Genauso die Nutzung der Mediatheken vereinzelter Sender. Dagegen gibt es noch Möglichkeiten für lineare Konzepte, aber mit dem Aufkommen von Web Real Time Communication, das schon in der nächsten Browsergeneration wartet, wird sich die Interaktion stark vereinfachen. Vielleicht wird irgendwann die WebCam die Standard-Fernsehkamera werden und die Produktion im Studio eher die Ausnahme. Spielehersteller entwickeln beispielsweise Umgebungen für gemeinsam erlebbare Unterhaltung, in der zwar noch ein Handlungsfaden eingebaut ist, der aber parallel zur gemeinschaftlichen Nutzung steht (GTA V online wäre hier gar nicht mal der Anfang sondern schon ein interessanter Zwischenschritt). Das tumbe Zappen durch Senderkanäle hat bei mir schon ausgedient, was ich suche, finde ich anderswie schneller und besser.
kurosawa 11.09.2014
2. ach ja,
der ulmen. ist schon ne tolle nummer von dem sich andere tv 'kreativen' eine scheibe abschneiden können. gerne erinnere ich mich noch an 'mein neuer freund' mit dem uwe oder eben dem von eich der wunderbar den zeitgeist während der umsetzung der agenda2010 veranschaulicht hat. von eich beim vermitteln einer harz4 ("das sind ja gar keine richtigen menschen") familie und die (echten) reaktionen darauf. klasse. http://www.youtube.com/watch?v=cyrLBrcIRn0
stefan-göbelsmann 11.09.2014
3. „Web-Strategie
Keine Frage, Produktionen, bei denen Christian Ulmen vor oder hinter der Kamera mitwirkt, heben sich wohltuend vom gewohnten Einheitsbrei ab. Aber warum nennt der Interviewer Ulmens Firma „Ulmen.tv“? Und warum ist in der Überschrift von einer „Web-Strategie“ die Rede? Müsste es nicht heißen Ulmen-TV? Die Firma verfolgt doch ganz eindeutig keine „Web-“, sondern eine Fernsehstrategie. Und auf ihrer homepage nennt sie sich auch „ulmen tv“ (bzw. im dortigen Impressum „Ulmen Television GmbH“). Der Meister selbst gibt sich ja auch nur eingangs als Internet-Schwadroneur, der über Zuschauer redet, die „abgeholt“ werden müssten, weil sie „tatsächlich immer noch lineares Fernsehen konsumieren“. Um dann recht schnell zur Realität überzugehen. Produziert wird natürlich doch vorrangig fürs „lineare Fernsehen“, weil dort mehr Zuschauer erreicht werden, als im Netz (auch bei einem HalliGalli-Sender wie „Tele 5“). Und weil seine kleine Firma halbwegs anspruchsvolle, nicht-englischsprachige Produktionen anders nicht finanzieren kann. Nur normal, dass sich der „Bayerische Rundfunk“ unter mehreren Sendungs-Konzepten Ulmens für das entschieden hat, welches „losgelöst vom Online-Kontext“ funktioniert. Bei denen lautet die Devise eben auch: Produziert wird vorrangig fürs lineare Fernsehen. Diese Gesprächspassage macht klar: TV gleich mehr Zuschauer (und Geld von den Sendern), Internet gleich weniger Zuschauer (und kein Geld). Oder doch Geld, aber nicht für anspruchsvolle Produktionen, sondern nur für Werbefilmchen oder Product-Placement-Trash. Nach all diesen erhellenden Infos gleitet der Interviewer rätselhafterweise ins Irreale ab, in dem er erfindet: „Ihr Publikum hat wohl sowieso eher nicht-lineare Sehgewohnheiten, guckt also eher im Internet“ (als Aussagesatz, ohne Fragezeichen!). Ist es ihm unangenehm, in Wirklichkeit gar nicht mit einem coolen Internet-Typen zu reden, sondern nur mit einem gewöhnlichen Fernsehproduzenten? Man weiß es nicht. Ulmen jedenfalls produziert für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, für Privatsender und für Industriefirmen. Von irgendeiner Unabhängigkeit dank Internet kann hier keine Rede sein. Aber zumindest tanzt seine Firma auf mehreren Hochzeiten. Was den Öffentlich-Rechtlichen nicht bieder genug ist, kann sie den Privaten verkaufen. Immer noch besser, als der Weg, den die irische Rockband „U2“ eingeschlagen hat. Sie prostituiert sich neuerdings als Hauskappelle des IT-Konzerns „Apple“.
Criticz 11.09.2014
4. Tja, deswegen mögen wir Ulmen - für Sätze wie:
"Ich habe mal für ein halbes Jahr bei Karstadt Schuhe verkauft, das war Arbeit. Dieses Gefühl habe ich seither nie wieder gehabt." Stelle mir vor wenn so viel Aufrichtigkeit mal von "Schauspielerinnen" wir Furtwängler und Co käme.... Hoffe dass es ähnlich gut wird wie "mein neuer Freund", ein Highlight der TV-Geschichte.
Böses Auto 12.09.2014
5. Mann|Frau
Leider langweilig. Soll glaub ich irgendwie witzig sein, ist es aber nicht wirklich...
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