Sat.1-Movie über Wulff-Rücktritt Der Gefangene von Schloss Bellevue

Draußen die Journalisten, drinnen die Angst: Der Sat.1-Film "Der Rücktritt" zeichnet die 68 Tage vor der Amtsaufgabe von Christian Wulff nach. SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer schrieb am Drehbuch mit - und erklärt, weshalb man die Ereignisse nur als Eingeschlossenen-Drama erzählen kann.

SAT.1

68 Tage lagen zwischen dem Anruf, den Bundespräsident Christian Wulff auf der Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs hinterließ, und seinem erzwungenen Rücktritt am 17. Februar 2012. 68 Tage, in denen sich im Schloss Bellevue ein klassisches Eingeschlossenen-Drama entfaltete: Hier das Präsidentenpaar samt seiner Berater, die zunehmend verzweifelt versuchten, ihr Schicksal zu wenden - draußen, vor dem Zaun, die Medien, die alles daransetzten, die Eingeschlossenen nicht mehr ungeschoren davon kommen zu lassen.

Drama ist Filmstoff, und dieses Drama erst recht. So sahen es jedenfalls der Dokumentarfilmer Thomas Schadt und ich, als wir darüber sprachen, ob man aus der Affäre Wulff nicht einen Fernsehfilm machen sollte. Wer den Film sieht, wird feststellen, dass es uns nicht darum ging, im Nachhinein noch einmal recht zu behalten. Uns hat an der Geschichte interessiert, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten, wie sie auf Druck reagieren, welche Fehler sie machen - und wo sie vielleicht sogar über sich hinauswachsen.

Das sogenannte Dokudrama erlaubt gewisse Freiheiten, die ein journalistischer Artikel nicht bietet. Es lässt fiktionale Elemente im Rahmen des tatsächlichen Ablaufs von Ereignissen zu. Unser Anspruch war, den Abläufen im Schloss so nahe wie möglich zu kommen.

Was passiert auf Schloss Bellevue?

Damit war klar, dass vor der Arbeit an dem Drehbuch eine ausführliche Recherche stehen musste. Die Vorwürfe, die zum Rücktritt von Christian Wulff geführt haben, sind hinlänglich bekannt. Weniger bekannt war, was sich in den Wochen, die schließlich zum Verzicht auf das Amt führten, unter den Beteiligten im Schloss Bellevue abgespielt hat. Genau dies wollten wir in "Der Rücktritt" versuchen zu rekonstruieren.

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Christian Wulff: Ende einer kurzen Amtszeit
Die Detailtreue beginnt mit Kleinigkeiten. Siezt der Pressesprecher den Bundespräsidenten, obwohl sie sich seit Jahren kennen, oder bleibt er beim Vornamen? (Er duzte ihn, wenn sie zu zweit waren, und ging zur offiziellen Anrede über, sobald der Kreis größer wurde.) Wo steht der Bundespräsident, wenn im Bundespräsidialamt ein Staatsgast vorfährt: am Beginn oder am Fuße der Treppe, die ins Schloss führt? Hat Wulff seine Mitarbeiter jemals angeherrscht (nein, hat er nicht), und stimmt es, dass er zum Ende der Affäre so viel an Gewicht verloren hatte, dass der Schneider die Hosen enger machen musste? (Ja, er musste; es waren acht Kilo.)

Auch wenn der Zuschauer nicht beurteilen kann, ob das Gezeigte authentisch ist, setzt die Genauigkeit in den Details einen Ton, der ihm ein Gefühl vermittelt, ob er der Darstellung trauen kann.

So ist es auch mit den Dialogen. Ein Aktenmensch wie der Amtschef Lothar Hagebölling spricht ganz anders als ein Mann wie der Pressesprecher Olaf Glaeseker, der aus dem Journalismus kommt. Natürlich ist nicht jeder Dialog wörtlich zu belegen, niemand hat schließlich ein Tonband mitlaufen lassen, wenn im Schloss Bellevue über einen Ausweg beraten wurde. Aber für jede Szene, die im Film zu sehen ist, sollte am Ende der Recherche mindestens ein Beteiligter stehen, der den von uns geschilderten Ablauf im Wesentlichen bestätigen konnte.

Wir haben länger diskutiert, wie man damit umgehen soll, dass es in der Affäre schwerfällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Normalerweise hat ein Film einen Helden oder zumindest eine zentrale Person, mit der der Zuschauer Sympathie empfindet und von der er wünscht, dass sie am Ende obsiegt. Doch wer sollte das hier sein? Christian Wulff? Die Reporter, die ihn schließlich zu Fall brachten? Seine Frau Bettina? Wir haben uns dafür entschieden, auf jede Parteinahme und damit auf moralische Bewertung zu verzichten. Diese Ambivalenz kann man als Mangel sehen - oder im Gegenteil als Vorteil.

Es ist eine große Stärke von Kai Wiesinger, der den Bundespräsidenten spielt, dass er an keiner Stelle versucht, Wulff nachzuahmen. Deshalb braucht man vielleicht ein wenig länger, in ihm den gestürzten Präsidenten zu sehen. Aber dafür ist die Wirkung ungleich größer, weil er den Charakter herausarbeitet, statt sich an Äußerlichkeiten wie einer Imitation des Gangs oder der Sprechweise aufzuhalten. Wiesinger zeigt einen Mann, der zu lange braucht, um zu begreifen, in welcher Gefahr er schwebt - und dann, als er es versteht, die falschen Schlüsse zieht. Ich denke, dass er dem echten Christian Wulff in seiner Darstellung damit sehr nahekommt.

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paul.oberste-frielinghaus 24.02.2014
1. Bin ich ja mal gespannt!
Hoffentlich mal Bildungsfernsehn für die Deutschen.
Msc 24.02.2014
2. optional
Bin ja gespannt ob Sat1 die 1-Million-Marke deutlich knackt. Ich persönlich werde jedenfalls nicht beitragen. Mitleid habe ich zwar keines, aber Quatsch über sein eigenes Leben im Fernsehen zu sehen... muss ein komisches Gefühl sein. Ich hoffe, die Voyeure kommen hier voll auf ihre Kosten.
Palmstroem 24.02.2014
3. Das böse Spiel der Medien
Zitat von sysopSAT.1Draußen die Journalisten, drinnen die Angst: Der Sat.1-Film "Der Rücktritt" zeichnet die 68 Tage vor der Amtsaufgabe von Christian Wulff nach. SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer schrieb am Drehbuch mit - und erklärt, weshalb man die Ereignisse nur als Eingeschlossenen-Drama erzählen kann. http://www.spiegel.de/kultur/tv/jan-fleischhauer-ueber-das-sat-1-movie-ueber-wulff-ruecktritt-a-955250.html
Christian Wulff´s Fehler war der Glaube, es ginge den Medien um die Wahrheit - dabei ging es BILD & Co. nur um seinen Sturz. "Als er am 4. Januar 2012 im berühmt gewordenen Fernsehinterview volle Transparenz im Internet was die Beantwortung von mehr als 400 Fragen durch seine Anwälte verspricht, dann jedoch nicht zuletzt aus Datenschutzgründen zunächst nur eine Zusammenfassung erscheint, wird ihm dies abermals als »Salamitaktik« ausgelegt. Was die Medien bis zuletzt verschweigen: Die »FAZ«, an vorderster Stelle der Wulff-Kritik, verweigerte die Veröffentlichungen der Fragen und Antworten, die sie betrafen. »Frankfurter Rundschau«, »Berliner Zeitung« und andere Zeitungen der DuMont-Firmengruppe schränkten ihre Zustimmungserklärung ein, »Stern« und »Spiegel« »nahmen einzelne Fragen heraus«. Etliche derer, die »volle Transparenz« einforderten, schraubten hinter den Kulissen am Gegenteil." (Götschenberg - Der böse Wulff)
mamasliebling 24.02.2014
4. In meinen Augen der überflüssigste Film des Jahres
Wegen mir braucht es solche Filme nicht. Hier will der Schreiber suggestieren, er würde keinen Einfluss nehmen und keine Meinung vertreten. Das ist gar nicht möglich. Ich schau ihn auf jeden Fall nicht an. Vorallem gefällt mir nicht, wie Wulff in letzter Zeit immer wieder als Opfer der Journalisten dargestellt wird. Hätte er von Anfang an, also sprich als der Landtag in befragte ob er Gelder bekommen hat, gleich die Karten offen auf den Tisch gelegt, alles wäre klar gewesen. Nee ich bin froh, dass wir von ihm als Bundespräsidenten befreit sind. Wenn man sich heute den Herrn Gauck anschaut, wie gut er das Land repräsentiert, fragt man sich schon warum Angela M. aus B. je auf des Pferd Wulff gesetzt hat
humble_opinion 24.02.2014
5. Überfordert
Zu den Vergünstigungen, eventuellen Vorteilsnahmen usw. kann man stehen, wie man will, das Geflecht ist schwer zu durchschauen und zu bewerten - rechtlich wie moralisch. Für mich hat sich Herr Wulff in dem Moment für das Amt des BP diskreditiert, als er tatsächlich beim BILD-Chef anruft und auf dem AB etwas von 'Krieg' faselt. Mein Empfinden ist, dass durch den 'Gang durch die Institutionen' vermehrt nur noch ein bestimmter Menschentypus in hohe und höchste Ämter gelangt. Und das durch wohl alle Parteien gleich: karriereorientiert, teflonbeschichtet, clever und ohne wirklichen moralischen Kompass. Wenn es dann einmal wirklich hart kommt und wichtig wird, fehlt es diesen Leuten aber an dem, was dann so wichtig wäre: Klugheit, Überzeugung, Haltung. Wenige Beispiele genügen, das zu dokumentieren: Kanzlerin Merkel kapiert nicht, dass auch sie maßgeblich verantwortlich ist (sein müsste), wenn deutsche Unternehmen und Privatmenschen millionfach ausspioniert werden. Ex-Minister Friedrich versteht nicht, dass auch für ihn als Innenminister die Gesetze gelten und gerade er es sein müsste, das deutlich und klar zu machen. Und Ex-BP Wulff scheint in diesen '68 Tagen' nicht im Ansatz zu kapieren, was und vor allem warum er es falsch macht. Ich bin der Letzte, der Menschliches nicht versteht oder verzeihen kann. Nur: ich mache mir auch ernste Sorgen, was dem Staat und den Menschen passieren kann, wenn es wirklich mal hart auf hart kommt, und wir dann solche Leute (um das Wort 'Pfeifen' zu vermeiden) als wichtigste Entscheider haben. Allein die Vorstellung, dass ein HP Friedrich beispielsweise in einer Angelegenheit wie der Entführung Schleyers zur RAF-Zeit das Sagen und die Entscheidungsgewalt gehabt hätte, treibt mir noch im Nachhinein den Schweiß auf die Stirn.
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