Zum Tod von Christine Kaufmann Deutschlands geistreichster Wimpernschlag

Kinderstar der Nachkriegszeit, Schauspielerin in Hollywood, Talkshow-Rednerin: Egal, was Christine Kaufmann machte, sie entfaltete eine magische Anziehungskraft. Ein Nachruf.

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Diese Frau hat auf sympathische, sehr erfrischende Art einen an der Waffel - das war der Eindruck, den man von Christine Kaufmann haben konnte, wenn man sie vor allem durch ihre vielen Talkshow-Auftritte kannte. Ihr Augenaufschlag, ihr glasklarer Blick und das heitere Lächeln, mit denen sie in den vergangenen 25 Jahren ihre Ausführungen über Sex und Liebe, ihren Plan für das Leben nach dem Tod und ihre Ansichten zu gefühlt mindestens 300 anderen Themen verkündete, machten sie zu einer dauerstrahlenden und ein bisschen außerirdischen Erscheinung im deutschen Fernsehen.

Sie sagte nicht selten kluge Sätze, oft banale und manchmal bizarre. Aber der Inhalt ihrer Beiträge schien ihren Gesprächspartnern und den Zuschauerinnen und Zuschauern mitunter weniger wichtig zu sein als die Tatsache, dass sie überhaupt dabei war. Christine Kaufmann vermittelte auf lustig kapriziöse Weise allen Beteiligten das Gefühl, dass es gut war, sie anzusehen und ihr zuzuhören.

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Christine Kaufmann: Ihr Leben in Bildern

"Ihr kindlicher Liebreiz und ihr ergreifendes Spiel rühren an jedes Herz. Ob sie schweigt, ob sie weint, lacht oder singt, in jedem Augenblick werden sie das Rosen-Resli Christine Kaufmanns liebhaben", heißt es schwärmerisch im Trailer zu dem Film, der sie im Nachkriegsdeutschland berühmt machte. Da war sie neun Jahre alt und spielte für den Regisseur Harald Reinl die Titelrolle in der sensationell erfolgreichen Schnulze "Rosen-Resli".

Der Kinderstar

Christine Kaufmann wurde in Österreich als Tochter einer Französin und eines Deutschen geboren und wuchs in München auf; von ihrer Mutter, die als Maskenbildnerin arbeitete und den märchenhaft schönen Namen Geneviève Gavaert trug, wurde sie früh zum Ballettunterricht und zu Filmaufnahmen geschickt - und musste dank ihres Kinderstarruhms kaum je geregelt zur Schule gehen. Sie filmte in Italien (hinreißend in "Die letzten Tage von Pompeji") und in den USA, spielte mit 16 an der Seite von Kirk Douglas in "Stadt ohne Mitleid" und gewann einen Golden Globe. Und dann heiratete sie mit 18 Jahren den Schauspieler Tony Curtis, der damals 38 Jahre alt war. Mit ihm hatte sie zwei Töchter.

Das außergewöhnliche Talent, das die vor der Kamera meistens seltsam kühle und trotzdem herzerweichende Christine Kaufmann auszeichnete, geriet dann ein bisschen in Vergessenheit in all den Jahren, in denen sie als Heldin der Klatschpresse gefeiert wurde - und sich meistens auch gern feiern ließ. Sie war 22 Jahre alt, als sich Tony Curtis Ende 1967 von ihr scheiden ließ.

Mit 54 Jahren im "Playboy"

Sie war 27 Jahre alt, als Curtis die beiden bis dahin in Deutschland aufgewachsenen Töchter einfach in die USA mitnahm und für viele Jahre bei sich behielt. Sie war 29 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal für die Zeitschrift "Playboy" nackt fotografieren ließ, mit 54 tat sie es zum zweiten Mal. Die ungeheure Wirkung von Christine Kaufmanns Schönheit kann man vielleicht am eindrücklichsten auf den Bildern von den Dreharbeiten zu Peter Zadeks Film "Die wilden Fünfziger" aus dem Jahr 1983 sehen: Der Regisseur Zadek bestaunt da völlig verzückt die Darstellerin Kaufmann, die sich sparsam bekleidet auf einem Ledersofa räkelt.

Die besten Filme, in denen Christine Kaufmann mitgespielt hat, zeigten sie eher in Neben- als in Hauptrollen. An der Seite von Magdalena Montezuma trat sie 1972 in Werner Schroeters "Der Tod der Maria Malibran" auf, der auf der "Documenta" lief. In Rainer Werner Fassbinders "Lilli Marleen" von 1981 war nicht die Kaufmann, sondern Hanna Schygulla der Star, und in "Lola" war es Barbara Sukowa.

Die Regisseure Werner Schroeter und Peter Zadek holten Christine Kaufmann zum Theater, wo sie in den Achtzigerjahren in einigen großen Produktionen wie Zadeks Version von Marlowes "Der Jude von Malta" auftrat. Schroeter sagte einmal: "Für mich wäre die Arbeit mit Theaterschauspielern fast unmöglich gewesen ohne sogenannte Dilettanten wie Christine Kaufmann, die ich mitbrachte."

Olga mit Zahnspange

Das klingt nicht unbedingt schmeichelhaft, aber es beschreibt ganz gut das begeisterte Befremden, das einen beschlich, wenn man der Schauspielerin Kaufmann bei der Arbeit zusah. In ihrer berühmtesten Fernsehrolle spielte sie in Helmut Dietls Serie "Monaco Franze" die nicht mehr junge Angestellte Olga, die eine Zahnspange trägt und mit ihrer Chefin, der Antiquitätenhändlerin Annette von Soettingen (Ruth-Maria Kubitschek), Freud und Leid und in einer besonderen wirtschaftlichen und kulinarischen Notlage sogar den gewürfelten Leberkäse teilt. Eine wunderbar versponnene, verstrahlte Frauenexistenz.

Spätestens nach dem Erfolg in Helmut Dietls Serie begann Christine Kaufmann sich nach und nach von der hauptberuflichen Schauspielerei zu verabschieden. Sie erfand sich als Kunstfigur und Kosmetikunternehmerin und Über-jeden-Kokolores-Rednerin im Talkshowgewerbe neu. "Ich habe mir den Schauspielerberuf ja nicht ausgesucht, wie andere Menschen ihren Beruf wählen", hat sie einmal gesagt. "Ich bin als Kind zum Film gekommen, und es hat mir Spaß gemacht. Ich hatte Erfolg, stolperte von einem Film zum nächsten, bekam jede Menge Angebote, und das Publikum liebte mich offensichtlich. Ich kam gar nicht zum Nachdenken."

Als es ihr mit der Schauspielerei genug wurde, hat Christine Kaufmann dieses Nachdenken öffentlich an vielen Talkshowtafeln zelebriert. Ob sie schwieg, weinte, lachte oder sang, sie rührte an fast jedes Herz.



insgesamt 10 Beiträge
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Claus_Hangzhou 28.03.2017
1. Nach dem Tod
Ob Himmel oder Hölle, es wäre schön mit solchen Menschen zusammen sein zu können.
widower+2 28.03.2017
2. Skurril
Ich fand Christine Kaufmann vor allem etwas skurril. Sie war zweifellos wunderschön und ein guter Mensch, aber auch eine - meiner Meinung nach - sehr limitierte Schauspielerin. Irgendwie war sie völlig unabhängig von der Rolle, die sie spielen sollte, immer "nur" Christine Kaufmann.
skeptikerin007 28.03.2017
3. Doch Schauspielerin
In Monaco Franze zeigte sie ihr können. Wenn ich die heutige Konsumware Schauspieler betrachte, dann sind diese schönen Frauen, wie Christine Kaufmann oder Romy Schneider (die auch keine Ausbildung hatte, nicht einmal Ballett) haushoch überlegen. Vielleicht ist das Leben mit ihnen gnädig, wir müssten nicht ihr Zerfall erleben.
p.u. baer 28.03.2017
4. Schon wieder Leukämie.
Ach, es ist so furchtbar, diese fiese Leukämie, die so schnell und heimtückisch zuschlägt. Nach Roger Willemsen, Guido Westerwelle nun auch Christiane Kaufmann. Und ganz persönlich verlor ich in kurzer Zeit bereits zwei Freunde wegen dieser Krankheit. Großartige Menschen starben noch viel jünger als Christine Kaufmann. Ich hoffe SPO akzeptiert diesen Aufruf: Bitte spenden SIe für den Kampf gegen diese Krankheit: z.B. bei: https://www.carreras-stiftung.de/ihre-hilfe/spenden.html https://www.dkms.de/de/geld-spenden oder mal in der Suchmaschine Ihres Vertrauens nachsehen. Ich denke an die Angehörigen von Christine Kaufmann und wünsche Ihnen viel Kraft.
widower+2 28.03.2017
5. Sehr gut!
Zitat von p.u. baerAch, es ist so furchtbar, diese fiese Leukämie, die so schnell und heimtückisch zuschlägt. Nach Roger Willemsen, Guido Westerwelle nun auch Christiane Kaufmann. Und ganz persönlich verlor ich in kurzer Zeit bereits zwei Freunde wegen dieser Krankheit. Großartige Menschen starben noch viel jünger als Christine Kaufmann. Ich hoffe SPO akzeptiert diesen Aufruf: Bitte spenden SIe für den Kampf gegen diese Krankheit: z.B. bei: https://www.carreras-stiftung.de/ihre-hilfe/spenden.html https://www.dkms.de/de/geld-spenden oder mal in der Suchmaschine Ihres Vertrauens nachsehen. Ich denke an die Angehörigen von Christine Kaufmann und wünsche Ihnen viel Kraft.
Deshalb auch nochmal im Vollzitat. Zusätzlich zu Geldspenden kann man aber auch noch einen Beitrag leisten, indem man sich typisieren lässt, um als Knochenmarkspender in Frage zu kommen. Das ist ebenso wichtig. Meine erste große Liebe starb mit 18 an Leukämie. Damals waren die therapeutischen Möglichkeiten noch sehr eingeschränkt. Wenn sich heute die meisten Menschen typisieren ließen, würde die Todesrate erheblich sinken.
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