Schöner fernsehen

"Christopher Posch Spezial" auf RTL Der Paragrafenbär

RTL

Eigentlich müsste Christopher Posch bei seiner Arbeit ein Cape tragen. Eine Maske wäre auch nicht schlecht. Jedenfalls präsentiert sich der Anwalt aus Kassel als sachlicher Superheld, der "den Menschen" zu ihrem Recht verhilft.

Seine Mandanten sind allesamt unverschuldet in die Bredouille geraten, aus der Posch ihnen dann quotenwirksam hinaushilft. Und RTL präsentiert nun "die besten Fälle". So recht mag nicht einleuchten, was genau diesen Superlativ rechtfertigt. Weder ist das Präsentierte sonderlich unterhaltsam, noch überführt Posch psychopathische Serienkiller.

Eher geht es um Fälle wie jenen der drei deutschen BWL-Studentinnen in Istanbul, die gegen Vorkasse von 1350 Euro übers Internet eine vollverschimmelte Wohnung angemietet haben. Was man auch als eine Lektion in Betriebswirtschaftslehre werten könnte, von Posch sogar als "Geschäftsmodell" erkannt und gegeißelt wird, allein: "Ich habe überhaupt nix in der Hand!"

Schnell ist der Flug nach Istanbul gebucht, das in einer ersten Einstellung mit dem üblichen Filter halbherzig orientalisiert wird, im Folgenden aber wirkt wie Berlin-Neukölln im Winter. Mit spitzen Fingern zupft er an verschmutzten Matratzen, die Kamera erkundet den Pilzbefall im Badezimmer. Die Kakerlaken, von denen auch die Rede war, scheinen entwischt zu sein. Posch findet: "In dem ganzen Haus stinkt es ganz erbärmlich".

Anders als seine offenbar komplett hilflosen Mandantinnen findet Posch im Internet problemlos die Adresse des Vermieters heraus und auch, dass der Gesuchte bereits wegen einer anderen Sache vor Gericht erscheinen muss, wo Posch ihm aufzulauern gedenkt. Was nicht klappt, weshalb Posch dem Betrüger eine Falle stellt und selbst eine Wohnung anmietet. Was aber auch nicht klappt. Es klappt eigentlich überhaupt nichts. Deshalb wechselt Posch flugs die Rolle, wandelt sich vom Anwalt zum Weihnachtsmann und schenkt den drei Studentinnen einen Gutschein für eine Rundreise. Ausgestellt von einem Veranstalter, dessen Name und Logo lange genug im Bild ist, damit sich der Zuschauer beides gut merken kann.

Goliath von der Stadtverwaltung

Der zweite, nicht minder spektakuläre Fall setzt eher auf Niedlichkeit als auf exotische Schauwerte mit zwielichtigen Osmanen. Ein Achtjähriger wünscht sich eine Lernhilfe für drei Jahre, deren Kosten sich auf rund 21.000 Euro belaufen sollen. Aber die Stadt "nutzt jede Gelegenheit", sich vor den Kosten zu drücken, weil "die Paragrafen unklar sind".

Immer diese Paragrafen! Jetzt muss die Stadtverwaltung von Dülmen verklagt werden. Posch fragt, lässig eine Hand in der Anzugtasche und während sein kleiner Mandant dahinter über den Spielplatz tobt: "Wer nicht lesen und schreiben kann, welche Chancen will der denn später haben im Leben?" Zeitlupe auf den spielenden David, der niemals Fernsehanwalt werden kann, wenn Posch ihm jetzt nicht hilft gegen den Goliath von der Stadtverwaltung.

Deren Vertreter stellen sich sogar vor die RTL-Kamera und begründen dreist ihre Einwände, bevor sie sich gegenseitig in ihre Mäntel helfen - wieder in Zeitlupe. Dramatisierung mit der Brechstange, die im Schneideraum bereitliegt. Am Ende lenkt die Stadtverwaltung ein und zahlt. Mama und Papa sind happy, der Sohn hat dem Anwalt ein Bild gemalt. Und als Posch im schwarzen BMW davongleitet, winkt ihm die glückliche Familie in Zeitlupe hinterher.

Ähnlich verhält es sich auch im dritten Fall, der von Posch und seiner Redaktion nicht erst mühevoll mediatisiert werden muss, weil die Zeitungen seinerzeit voll waren damit. In Kassel wurde ein Teenager zum Opfer eines brutalen Überfalls und ist seitdem psychisch und physisch angeschlagen. "Sie glauben überhaupt nicht, was auf deutschen Schulhöfen passiert!", sagt Posch mit ernstem Blick in die Kamera, und man ist versucht zu erwidern: "Doch, schon, man liest ja täglich dies und das…", aber da ist Posch schon unterwegs, um den Schläger zu Hause zu besuchen, bevor dieser, später, vor Gericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird: "Mit seiner Hilfe wurde aus der verschüchterten Miene eines jungen Mannes endlich wieder ein befreites Lächeln", heißt es aus dem Off.

Posch spielt seine Doppelrolle als Anwalt und eben Fernsehanwalt recht solide. Ein blonder Paragrafenbär, der unverdrossen Sätze absondert wie "Und dann werden wir doch mal sehen, wer zuletzt lacht" oder "Auf hoher See und vor Gericht" und so weiter. Die Sendung gehorcht den Regeln des seichten Genres. Aktuelle Popmusik wirkt aus dem Hintergrund als Brandbeschleuniger für die zuvor bereits nach Kräften geschürten Emotionen. Gerichtstermine oder "Vorfälle" werden entweder mit einer konspirativ auf Hüfthöhe hängenden Kamera mitgefilmt oder auf dem Niveau einer Seifenoper nachgespielt. Dann wird das Wort "Rekonstruktion" eingeblendet, das sich allerdings auch auf die komplette Sendung anwenden ließe.

Posch wirkt zwar weniger eitel und ungesund als sein Kollege Peter Zwegat, der "Schuldnerberater aus Berlin". Aber er ist als Anwalt legitimiert, tritt als Anwalt auf, redet wie ein Anwalt und sitzt mit Robe im Gerichtssaal. Ein Anwalt aber organisiert weder Gutscheine, noch reist er aufs Geratewohl an den Bosporus. Die schiere Anwesenheit eines Filmteams und die Redaktion von RTL im Rücken verleihen ihm tatsächlich gewisse Superkräfte. Der Mann arbeitet mit sozialen Spezialeffekten. Weshalb er, als Agent des Guten, seine Mandanten offenbar auch nie mit Rechnungen behelligen muss.



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31 Leserkommentare
dschiemeildotkomm 10.07.2014
Tim P.Tou 10.07.2014
verwunderndedebatten 10.07.2014
roflem 10.07.2014
TTeubner 10.07.2014
hsfan 10.07.2014
-seltsam- 10.07.2014
hansepapa 10.07.2014
chris__78 10.07.2014
PeterLublewski 10.07.2014
kleinruh 10.07.2014
mischpot 10.07.2014
Leser161 10.07.2014
Mans Heiser 10.07.2014
realewelt 10.07.2014
thetruetoday 10.07.2014
Libaga 10.07.2014
Nachteuie 10.07.2014
Hans58 10.07.2014
adressno2 10.07.2014
zoso67 10.07.2014
patrick69 10.07.2014
dani7830 10.07.2014
Mans Heiser 10.07.2014
e.pudles 10.07.2014
Steep 10.07.2014
jayram 10.07.2014
Hans58 10.07.2014
genugistgenug 10.07.2014
PauleHH 10.07.2014
SethSteiner 10.07.2014

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