Claus Kleber als Elends-Reporter "Bloß nicht barmherziger Ritter spielen"

Darf ein Journalist Mitleid haben? Er muss! Meint Claus Kleber. Der "heute-journal"-Moderator hat für das ZDF eine zweiteilige Dokumentation gedreht und erklärt, wie man Journalismus und Empathie zusammenbringt.

ZDF

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet den Claus Kleber vom "heute-journal" von dem Claus Kleber, den wir in den Filmen sehen?

Kleber: Sie sehen mehr vom Menschen Claus Kleber. Ich dachte anfangs, dass das nicht geht. Dass es nicht einen Claus Kleber geben kann, der einigermaßen neutral das "heute-journal" moderiert, und einen anderen, der plötzlich wütend wird über das, was er erlebt. Da musste mich Angela Andersen, meine Co-Autorin und Regisseurin, fast zum Jagen tragen. Sie hat mich überzeugt: Wenn es um die Grundlage des Lebens geht, muss man auch mal raus aus der professionellen Schale. Sonst wird es unehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie sich überwinden, so viel von sich preiszugeben?

Kleber: Anfangs ja. Aber es ist natürlicher, wenn man sagt, was man spürt. Ich trage privat mein Herz eher auf der Zunge. Positiv wie negativ.

SPIEGEL ONLINE: Auch während des "heute journals"?

Kleber: Manchmal rutscht da was durch.

Zur Person
  • DPA
    Claus Kleber, 59, ist seit 2003 Moderator des ZDF-"heute-journals". Zuvor berichtete er für die ARD unter anderem 15 Jahre lang aus den USA. Kleber realisierte TV-Dokumentationen wie "Die Bombe" (2009) über atomare Bedrohungen oder "Spielball Erde. Machtkämpfe im Klimawandel" (2012).
SPIEGEL ONLINE: Wird der Film dann nicht zu emotional, um der Sache noch gerecht zu werden?

Kleber: Das ist tatsächlich eine Gefahr. Da hilft uns die Web-Doku, die parallel entstanden ist. Sie präsentiert beide Filme mit vertiefenden Artikeln, Grafiken, weiterführenden Links. So darf sich der Film auf das konzentrieren, was Fernsehen am besten kann: Emotionen und Interesse wecken - in diesem Fall mit Thorsten Thielows großartigen Bildern. Im Web geht es weiter und tiefer.

SPIEGEL ONLINE: In der Dokumentation "HUNGER!" erfährt der Zuschauer vom Schicksal des 16 Monate alten Mädchens Chaya, das völlig unterernährt ist und nichts mehr essen will. Wie sind sie mit dieser Situation umgegangen?

Kleber: Ganz ehrlich: Ich wusste vorher nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich wollte um Himmels Willen nicht rüberkommen wie ein Promi, der für einen Tag barmherziger Ritter spielt. Als ich dann neben der Pritsche des Kindes stand, war mir alles egal. Es ging erst einmal darum, der Familie zu helfen, ohne sie damit zu überfordern.

SPIEGEL ONLINE: Hat Chaya überlebt?

Kleber: Ja, zunächst, und doch am Ende nicht. Das war schlimm. Aber das soll der Film erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Nach einem Drehtag, an dem man so ein Elend sieht - mit welchem Gefühl geht man da ins Bett?

Kleber: Ich habe beobachtet, dass einen das erst richtig packt, wenn die Anspannung vom Dreh vorbei ist. Wir haben dann im Team bis in die Nacht geredet.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie auch mal abschalten?

Kleber: Anders hält man das nicht aus. Wir hatten ja auch viele schöne Erlebnisse. Wir zeigen große Bilder und heitere Szenen. Immer wieder haben uns Geschichten begeistert.

SPIEGEL ONLINE: In einem Dorf stellen die Menschen sehr erfolgreich Maniokmehl her, in einem anderen hat ein Großunternehmen den Menschen ihr Land weggenommen. Die glaubten, durch Ihren Film würde sich die Situation verbessern. War aber nicht so. Sind Lügen gerechtfertigt, um eine Geschichte zu erzählen?

Kleber: Lügen geht gar nicht. Aber ich habe gerade in diesem Dorf in Sierra Leone gespürt: die Menschen setzen Hoffnungen auf uns. Als ob ein Milliardenkonzern die Verträge neu verhandeln würde, bloß weil wir berichten. Das ist natürlich nicht so. Da habe ich mich nicht auf den Dorfplatz gestellt und verkündet, dass das nichts wird. Trotzdem fühlt man sich irgendwie - ich sage im Film: "schäbig" -, wenn man in diese erwartungsvollen Augen schaut und spürt: Die erhoffen sich mehr von dir als du leisten kannst.

SPIEGEL ONLINE: Darf man als Journalist Mitleid haben?

Kleber: Natürlich, ein Journalist muss doch kein Unmensch sein. Aber das Mitleid ist nicht die treibende Kraft des Reporters. Wir sind keine Aktivisten. Das bringt man aber auch gut übereinander. Ich nehme die Menschen nach dem Dreh in den Arm, wir setzen uns zusammen, legen die Füße hoch und reden über das Leben.

SPIEGEL ONLINE: Worum ging es Ihnen konkret?

Kleber: Ich war frustriert über die Situation. Der Planet gibt genug her, um jeden versorgen zu können. Aber wir finden uns damit ab, dass jedes Jahr Hunderte Millionen Menschen sterben.

SPIEGEL ONLINE: Was kann der Einzelne tun, um gegen den Hunger auf der Welt vorzugehen?

Kleber: Spenden, natürlich. Es gibt viele sehr gute Organisationen. Aber das ist nicht alles. Ich bin eine fleischfressende Pflanze, ich habe zu lange in Amerika gelebt, um auf ein gutes Steak zu verzichten. Aber ich esse sehr viel weniger Fleisch, seit ich aus der Nähe gesehen habe, was moderne Fleischproduktion bedeutet und gelernt habe, dass man für ein Kilo Steak 15.000 Liter Wasser braucht. Ein Wahnsinn, wenn das Fleisch aus fernen, trockenen Ländern kommt. Dieses alltägliche Einkaufen von Fleisch muss nicht sein. Ich schau' jetzt in der Speisekarte zuerst auf die Nicht-Fleisch-Gerichte. Früher war das andersrum.

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie das letzte Mal Hunger?

Kleber: Um Himmels willen: Das darf ich überhaupt nicht vergleichen. Mein Hunger bedeutet, ich habe meinen Tag falsch eingeteilt. Der Hunger, den ich als Mensch in Deutschland kenne, ist etwas völlig anderes als der Hunger, um den es in diesem Film geht, wo die Existenz in Gefahr ist. Oder wo sich für Menschen hier in Europa das ganze Leben plötzlich darum drehen muss, Essen für die Kinder und für sich zu beschaffen oder zu erbetteln. Das ist ein völlig anderer Hunger als der von Claus Kleber, der nicht rechtzeitig in die Kantine gegangen ist.

Das Interview führte Kristin Haug


"HUNGER!", Mittwoch, 5. November, 23.15 Uhr, ZDF
"DURST!", Dienstag, 11. November, 20.15 Uhr Uhr, ZDF
Mehr Informationen finden Sie auf der
Website zum Film.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
constantinb@hotmail.com 05.11.2014
1.
Um wieder die Tränenindustrie auf Kosten der Deutschen in Gang zu setzen?
airfresh 05.11.2014
2. Kleine Schritte
Auf die großen Lösungen braucht man nicht warten. Es gibt diverse Möglichkeiten, auch von DE aus direkt zu helfen. Meine Lieblingsvariante ist die Mikrokredit-Plattform Zidisha, die es einem ermöglicht, direkt und komplett bankenfrei in Projekte afrikanischer und asiatischer Kleinunternehmer zu investieren (ich hoffe, "Werbung" für NGOs ist okay hier). Da ist viel nachhaltiges dabei mit einer positiven Wirkung auf die Unternehmer, ihre Angestellten und Familien. Das Geld wird zu über 90% zurückgezahlt und kann reinvestiert werden. Sowas ist in meinen Augen wirkungsvoller als jede Einmalspende... Alle Großprojekte und Gießkannen haben so hohe Streuverluste und Nebenkosten, dass man oft an der Effektivität zweifeln darf.
roxxor 05.11.2014
3. ...
poverty-porn (danke SpOn für diesen Begriff!) vom aller feinsten!
vonwoderwestwindweht 05.11.2014
4. *+*
In der Sache wäre es wahrscheinlich zielführender gewesen, eine Sendung über die Korruption in den entsprechenden Ländern zu machen, aber das kommt emotional wahrscheinlich nicht so gut rüber wie Kinderköpfe zu streicheln. Noch schlimmer finde ich allerdings, wenn Schauspieler sich dazu bemüßigt fühlen, ab und zu nach Afrika zu fliegen, um da eine Runde Kinderköpfe zu streicheln - und allein der Flug so viel kostet wie die Ernährung und Bildung der Kinder eines ganzen Dorfes über Jahre hinweg kosten würde.
brehn 05.11.2014
5. schlimm
Schlimm schlimm wenn wieder auf Einzelschicksalen herumgeritten wird um die Quote zu steigern. Fleischhauer hats schon richtig benannt: poverty Porn. Hauptsache es werden emotionen gezeigt und ausgelöst. Hat zwar alles mit Journalismus recht wenig zu tun, aber was solls, Kleber ja ebensowenig....
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