Kultur

Anzeige

Dritte Staffel von "Curvy Supermodel"

Muss mehr so bäm sein

Sag niemals dick: Auch in der neuen Staffel von "Curvy Supermodel" darf nicht ausgesprochen werden, was sichtbar ist. Immerhin sitzt jetzt ein sortiererfahrenes Häschen in der Jury.

Von

Freitag, 27.07.2018   09:41 Uhr

Anzeige

Falls es - was man nicht hoffen will, aber leider auch nicht ganz ausschließen kann - in der Hölle eine eigene Abteilung für passionierte Trash-TV-Zuschauer geben sollte, in der sie mit ganz besonders gemeinen Qualen für ihre Gafflust und Schundvöllerei bestraft werden: Die Bäm-Päm-Orgel wäre eine der am meisten gefürchteten Piesackstationen - neben der Alliterationspeitsche und einer kleinen Kammer, in der man bis in alle Ewigkeit auf die Auflösung einer niemals endenden Heidi-Klum-Spannungssprechpause warten muss.

Wer in die Bäm-Päm-Orgel eingespannt wird, verliert alle Fähigkeiten zur normalen Kommunikation und kann sich nur noch mit Begeisterungslauten aus dem Hochtourigkeitswortschatz von Motsi Mabuse und Detlef D. Soost verständlich machen. Jana Ina Zarella muss etwas sehr Böses getan haben, denn sie bekam ihre Bäm-Päm-Orgelbehandlung augenscheinlich schon zu Lebzeiten verpasst. "Du kamst hier raus: Bäm-bäm! Hüfte, Hüfte, pämpäm-bäm!", lobt das Jurymitglied und gibt einer anderen, weniger pämmigen Kandidatin hilfreiche Tipps, woran es bei ihr noch hapert: "Es muss mehr so bäm sein."

Anzeige

"Über das Schicksal der Frauen bestimmen vier Profimodels", heißt es im Vorspann der neuen Staffel von "Curvy Supermodel", und auch wenn man ganz kurz Angst hat, wird hier dann doch niemand erschossen, sondern weiterhin nur beurteilt und in brauchbar und unbrauchbar sortiert. Traditionell wird in diesem Format das Wort "curvy" so oft verwendet, dass einem irgendwann so schwindelig davon ist, als säße man wirklich in einer vielkurvigen Achterbahn. Das Wort "dick" wird dafür so penetrant vermieden, dass man wirklich glauben muss, das sei etwas sehr, sehr Schlimmes, Bemantelungsbedürftiges. Und man pflegt hier gerne die hohe Kunst der schonenden Abwertung, des unpersönlichen Persönlichwerdens: "Es hat nichts mit dir zu tun, aber du bist nicht so eine Schönheit, dass ich sage, woah, jetzt bin ich geflasht", bescheidet Zarella einer Kandidatin.

Perfide Neuerung in dieser Staffel: Die Kandidatinnen dürfen selbst entscheiden, ob sie sich für ihren ersten Lauf vor der Jury in der "Red Carpet Boutique" einkleiden oder doch gleich einen Bikini wählen, um die eh unvermeidliche Bauchspeckbeschau zügig hinter sich zu bringen. Natürlich eine Falle, denn ob die Frauen sich trauen, gleich mal die Plauze herzuzeigen, sage viel über ihren "Status der Selbstliebe" aus, sagt Juryvorsitzende und Plus-Size-Erfolgsmodel Angelina Kirsch - nicht etwa über den Willen, die Würde zu wahren, das darf man nicht verwechseln.

Anzeige

Putzfrau Ines wählt trotzdem ein Kleid. Würde sie hier gewinnen, wäre das schon "eine Aschenputtel-Karriere", träumelt sie, vergisst dabei freilich die aufwendige Taubendressur, die dafür zwingend zusätzlich nötig wäre. "Ich habe total viele Fragen an dich, aber die erste ist: Darf ich dich umarmen?", schwappt Catwalk-Coach Oliver Tienken gleich mal über sie hinweg, vergisst dann leider nach erfolgter Begrabbelung sämtliche andere Fragen, auf die man doch schon so gespannt war.

Dann ist es höchste Zeit für erste Lügen. "Du bist Beyoncé!", quietscht Kirsch, die mittlerweile komplett durchgeorgelte Zarella sieht Hüftwackelage "à la Naomi Campbell, bämbäm!", und spätestens da lässt man also wieder die Hoffnung fahren, diese nach allgemeiner Meinung nicht normgeformten Körper würden dieses Mal einfach nur für sich stehen können, als das, was sie sind, ohne sich ständig mit dem normschönen Bezugssystem vergleichen lassen zu müssen. Wäre das wirklich so schwer?

Und warum muss Kirsch "das härteste Umstyling, das es bei 'Curvy Supermodel' je gegeben hat" ankündigen, als müsse sie mit Generalin Klum, drüben bei den Dünnen, in Konkurrenz um die unbarmherzigst geführte Frisierknute treten? Warum muss die Jury beim dramatischen Höhepunkt der Recall-Aussortierung ausgerechnet zwischen den beiden Kandidatinnen entscheiden, die vorher von ihren überwundenen Essstörungen erzählt hatten - kann ein idealer Castingshow-Cast immer nur eine frech Gelockte, ein "besonderes Gesicht" und eine Ex-Magersüchtige gebrauchen?

Aber gut, dafür lernt man bei "Curvy Supermodel" auch viel über die typischen Besonderheiten bestimmter Landsfrauschaften, was nützlich ist für ein möglichst klischeebeladenes Leben. Yolanda erzählt, sie sei oftmals faul, das sei eben das "jamaikanische Blut" ihres Vaters. Für das internationale Flair gibt es im Teilnehmerfeld auch eine Halbfranzösin, die zwar alleine schon wegen ihres für Modelverhältnisse methusalemischen Alters von 31 Jahren komplett chancenlos ist, im Einspieler daheim in Paris aber so schön "Kommen Sie rein-öh" säuselt und Käseplatte serviert. Kandidatin Vera ist in der Schweiz geboren, aber in Tschechien aufgewachsen.

Zarella: "Tschechien, die haben gute Mädels."

Kralitschka: "Auch Männer, ich bin auch Tscheche."

Zarella: "Du bist Tscheche?"

Kralitschka: "Kra-litsch-ka!"

Kralitschka ist tatsächlich Jan Kralitschka, vormals "Der Bachelor", laut Pressemitteilung "gelernter Jurist", der sich als Unterhosenträger in Discounter-Blättchen und Parship-Werbegesicht als Modelsachverständiger qualifiziert. Eigentlich hätte für den Jurybeisitz aber auch die Tatsache gereicht, dass sein Nachname auf Deutsch "kleiner Hase" bedeutet, wie er geschamig erklärt.

"Wow, tolle Frau", schnuffelt das Häschen also bei fast jeder Kandidatin, und das wirkt natürlich so sehr glaubwürdig, dass es ja echt voll komisch ist, dass bei seiner eigenen Aussortiersendung damals beim "Bachelor" sämtliche Frauen so normdünn waren, wenn er sich jetzt doch, wie von Angelina Kirsch herbeigekräht, alle fünf Minuten in eine "Curvy"-Kandidatin verliebt. Wenn er nicht glaubwürdig ist, ist er immerhin eloquent. Kandidatin Larissa ist Feuerwehrfrau, was Kralitschka zu der Tatü-Tata-Äußerung "Wenn's brennt, bist du Blaulicht und mit dem Schlauch?" treibt. Später wird er einer Kandidatin noch attestieren, sie habe ein tolles Gesicht, "von der Anordnung her", was ein bisschen so klingt, als habe sie Picasso in seiner surrealistischen Phase gemalt.

Selbstbestimmung? Nee

Beim Recall ist dann Schluss mit der vorgegaukelten Selbstbestimmung, wo kämen wir denn auch hin, wenn ein Castinghühnchen selbst entscheiden dürfte, mit wie viel Nacktheit es sich bei seinen ersten Schritten vor der Kamera wohlfühlt? Wer bei seinem ersten Auftritt lieber Kleid statt Bikini wählte, muss also jetzt zwangsweise doch noch den Bauch herzeigen. Wer freiwillig lüftete, wird jetzt zur Strafe als "Society Lady" ausstaffiert und muss einen Hut tragen, der angeblich an Ascot erinnert, tatsächlich aber wie die elaborierte, schilfgeklöppelte Tarnung eines semiprofessionellen Rohrdommelbeobachters anmutet.

Eine dritte Gruppe muss mit Luftballons posieren, was gar nicht so einfach ist, wie Jan Kralitschka erklärt: "Die Schnüre dürfen sich nicht verheddern, und die Schnüre dürfen nicht vor dem Gesicht sein." Was er verschweigt: Die Schnüre dürfen sich auch nicht im Eifer des Gefechts um den Hals einer Konkurrentin schlingen, und an den Schnüren dürfen nicht versehentlich dicke Dackel festgebunden sein, weil die Ballons nämlich sonst nicht fliegen können. Ups, sorry: curvy Dackel, natürlich.

Video: Attraktiv und mollig - Curvy Model Angelina Kirsch

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH