Castingshow "Curvy Supermodel" Die volle Packung Körwichkeit

Mit "Curvy Supermodel" sucht RTL II das nächste erfolgreiche Plus-Size-Model. Klar, dass man auf dem Weg dorthin als Praline in Unterhose posieren muss.

RTL II/ Richard Hübner

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Wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo mehr Schwachsinn her. Das ist die schöne und schreckliche Gewissheit, die den Trash-TV-Freund auch durch tiefe Täler der Abgeschmacktheit geleitet. Gerade, als man dachte, die bedauernswerten Bauern der RTL-Farmer-Verkupplung hätten das Genre der extradoofen Personenbezeichnung nun endgültig zu Tode alliteriert, haut RTL II beim Auftakt von "Curvy Supermodel" einfach mal einen Quadruple-Quatschnamen raus. Neu in der Jury ist nämlich Catwalk-Choreograph Carlo Castro - nennen wir ihn CCCC und freuen wir uns, dass der Trullalala-Nachschub nie versiegt.

Zusammen mit Vorzeige-Kurvine Angelina Kirsch, Model Jana Ina Zarella und dem aus "Germany's Next Topmodel" bekannten Knurzerich und Model-Agenten Peyman Amin muss CCCC in der zweiten Staffel der Plus-Size-Castingshow zunächst einmal mit der ganz groben Verleseharke durch die Kandidatinnenmasse gehen.

Wie Furchen ziehende Pflüge-Gäule gehen die Modelanwärterinnen in langen Schlangen auf einer Pferderennbahn vor den Juroren auf und ab, bis alle 60 Tickets in die nächste Casting-Runde vergeben sind. Wer abgelehnt wird, darf noch ein paar würdezehrende Extra-Runden einlegen, und so strampelt sich die bereits zweimal abgewiesene 16-jährige Roksana auf den letzten Drücker aus ihrem durchsichtigen Body und ringt, jetzt nur in rosa Unterwäsche mit beträchtlichem Kimmenalarm, Jana Ina doch noch ein goldenes Zettelchen ab.

SPIEGEL TV: "Curvy Model Angelina Kirsch"

Kurvenbesessene Jury

Für manche klemmigen Prüderisten soll es ja ein wahres Befreiungserlebnis sein, wenn sie einfach mal laut "PenisPenisPENIS!" in die Welt schreien müssen - man würde die gesamte Jury gerne zu einer "dickdickDICK!"-Urschrei-Therapie zwangsverfrachten, so penetrant euphemisierend werden die Körper der Kandidatinnen als "curvy" umschrieben, als müsse man vor ihnen und der Welt taktvoll verheimlichen, dass sie ganz offensichtlich dicker sind als die meisten Models, die man sonst so im Fernsehen und auf Laufstegen sieht.

Die angeblich so selbstverständliche Tatsache, dass es auch Menschen und Konfektionsgrößen jenseits der 40 gibt, wird pseudo-rücksichtsvoll vertuschelnuschelt - "curvy" erscheint einem schon nach einer Viertelstunde wie das sprachliche Äquivalent zu den obskuren Zeltgewändern mit Teddybär-Applikation, in die sich dickere Menschen nach Ansicht vieler Übergrößen-Hersteller immer noch hüllen sollen. Warum aber nicht sagen, was man ohnehin sieht?

Zumal bei der Kleiderwahl im Kontrast zum "kurvig"-Wortmäntelchen ohnehin Wert darauf gelegt wird, dass möglichst viel dieser begaffenswert abweichenden Körper zu sehen ist. Wer auf der Pferderennbahn überzeugte, muss sich für den nächsten Auftritt vor der Jury in der "Curvy ist sexy"-Boutique - aua, aua Holzhammer - in höchst sonderbare Plauz-Präsentationsoutfits winden. "Uuuuhwooow!", sagt die Jury, als die erste in Unterwäsche mit Transparent-Tischdecke drüber aufmarschiert. "Eilai, eilai!", sagt CCCC, was soviel wie "I like" heißen soll, was wiederum eine Vokabel ist, die er schon in der ersten Unterrichtseinheit an der Jorge-Gonzales-Akademie für Hihihi-Castingshow-Sidekicks pauken musste.

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RTL-II-Show "Curvy Supermodel": Kurvenbesessenheit und viel Unsinn

Kandidatin Endurance patscht sich bei ihrem Abgang klatschend auf die großzügig freigelegten Gesäßschinken, die Jury gurrt wohlig. "Ich muss zugeben, ich verstehe jetzt curvy", sagt Peyman, was lustig ist, weil man selbst inzwischen vor allem "körwich!" versteht, wenn Jana Ina die zögerlich vor die Jury stacksende Fraktion zu mehr, naja, Körwichkeit anfeuert.

Abgesehen von der Kurvenbesessenheit der Jury wird auch bei dieser Supermodel-Suche vor allem viel Unsinn geredet. "Du hast dieses Multikulturelle im Gesicht", salbadert Peyman, "aber wir suchen längere Beine und eine andere Form des Körpers." Und haut dann doch eine brandneue, unerwartete Modelagentenweisheit raus, bei der das ganze Zuschauersofa daheim atemlos aufjapst: "Es ist wichtig, dass ein Model eine besondere Ausstrahlung hat."

Zwei wahnwitzige Ideen der Produktion

So gesehen müsste Roksanas Bruder James, ein herrliches, fremdartig schimmerndes Glanzwesen im Pelz, das die Kandidatin als "Manager" zum Casting begleitet und Highlighter wie Tagescreme zu verspachteln scheint, sofort ungeachtet irgendwelchen Gewichtstamtams sofort zum Gewinner dieser Sendung erklärt werden.

Leider geht es trotzdem weiter, und Roksana muss vor der Juryentscheidung ein bisschen weinen, woraufhin sie erst zwischen Angelina und Jana Ina in ein beängstigendes Tröste-Sandwich gezwängt und dann doch in die nächste Runde geschickt wird. "Juhu", sagt Roksana (twerkend ab).

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So weit, so langweilig. Zwei besonders lustige Einfälle hatte die Produktion dann doch noch. Nummer eins: Sarah Lombardi of all people soll den nervösen Kandidatinnen vor deren Auftritt in ihrer Eigenschaft als "Castingshowexpertin" zur Seite stehen. "Man kann ihnen eigentlich nicht mehr raten, als noch mal in sich zu gehen..." hebt die gerade aus dem Trennungsschlammschlacht-Becken Gekrabbelte an, und man ist sicher, gleich sagt sie: "... und die Beine in die Hand zu nehmen und davonzurennen", aber dann geht der Satz doch mit "... und an sich zu glauben" weiter.

Zweite wahnwitzige Idee: Die Kandidatinnen sollen sich "als sexy Pralinen in einer Pralinenschachtel präsentieren", und bestimmt ist es nur ein ganz blöder Zufall, dass Melina ausgerechnet mit den einzigen drei Mädchen in einer Shootinggruppe ist, mit denen sie sich nicht versteht, sondern "mehr so ne Uuuuh-Basis" hat. Während sie sich also nach Pralinenart in einer kindersandkastenartigen Schachtel räkeln, fallen zickige, aber auch wahre Worte: "Wir sitzen alle scheiße, das sieht aus wie Wurstsalat" und: "Des is doch wie Scheiß-Wrestling."

"Schieb den Po, die Hüfte raus - da wo es weh tut, wird es gut", sagt Jana Ina Zarella hilfreich. Daran, dass dieses Mantra auch für die restliche Staffel "Curvy Supermodel" gelten wird, darf man getrost zweifeln.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 18.07.2017
1. Das Format...
...war höchstens 5 Minuten ertragbar. Immerhin hat man Frau Lombardi (was auch immer die dort zu suchen hatte) mit der Moderation dieser "Show" eine Einnahmequelle verschafft. Ob die dicken, dort gezeigten Damen, nun eine Änderung des allgemeinen Geschmacks herbeiführen, ist doch eher fraglich. Die meisten dort vertretenen Damen verwechseln "curvy" mit "fett"....und das ist weder sexz noch unterhaltsam.
St.Baphomet 18.07.2017
2. Ach,
bis zur überraschenden Entdeckung dieses Artikels dachte ich RTL 2 wäre längst eingestellt worden. Wer bezahlt denn für sowas?
Paul G. 18.07.2017
3. Alle Jahre wieder
gibt es Artikel in denen Frauen mit mehr Gewicht " gefeiert" werden. Vor 25 Jahren als Leserbriefe noch per Post in den Redaktionen eingingen habe ich einem Magazin sinngemäß geschrieben: vielen Dank für Ihren Artikel. Vor 2 Jahren haben Sie geschrieben dass der Trend zu mehr Weiblichkeit geht. Hat sich nicht durchgesetzt. Was mache ich mit meiner Frau? Die Redakteurin hat mit wutentbrannt geschrieben. Egal ob wir es Vollweib, echte Frauen oder .....nennen. Dick bleibt dick. Und obwohl alle paar Wochen etwas anderes behauptet wird, der angebliche Trend hat sich nie durchgesetzt und selbst die sogenannten Curvymodels sind ja in der Regel nicht wirklich dick.
Ge-spiegelt 18.07.2017
4. Erfrischender Artikel, danke!
Erspart einem das Anschauen. Immerhin normaler als die professionellen Hunger Models, leider oft ZU normal.
Eternal Afflict 18.07.2017
5. Wenn solche Sendungen
dazu führen, daß 13-jährige 180cm Körpergröße bei 50kg Gewicht nicht mehr für Idealmaß halten ist alles gut. Der Rest ist Geschmackssache.
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