RTL2-Show "Curvy Supermodel" Bloß nicht schwabbeln!

"Curvy Supermodel" feiert den weiblichen Körper - solange dieser nicht allzu sehr ausufert. Immerhin zeigt das Model-Castingformat ungewohnten Respekt: Die Kandidatinnen werden gesiezt.

RTL II

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Drei schmale Worte reichen, und die angekündigte "Körperrevolution" ist erst einmal abgeblasen. "Schöne schlanke Beine!", lobt Modelagenturist Ted Linow eine Kandidatin beim Auftakt von "Curvy Supermodel". Spätestens da ist klar: Auch in der RTL2-Castingshow für Plus-Size-Models, die sich in der Stunde zuvor so angestrengt als "anders" gerierte, dürfen Frauen nicht ausufern, es darf nichts überschwappen, die sogenannten Kurven sollen nur kontrolliert wogen, möglichst in Sanduhrform natürlich. Und bitte: Um Himmels willen kein Schwabbel!

Der weibliche Körper darf hier zwar ein bisschen mehr sein als bei der ewigen Richtmarke "Germany's Next Topmodel", nur gebändigt muss er bitteschön dann doch wieder bleiben. Keine Chance für Sina-Laureen, die ihren Größe-42-Körper selbst heiter und selbstbewusst "Pudding" nennt, oder für die Vietnamesin Phuong-Lin, die sagt: "Mein Body ist sehr provokant."

"Es muss alles fest sein", bescheidet Jurymitglied Linow, und dann ist das Ach-so-andere-Format doch wieder nur eine Modelsuchsendung wie jede andere, nur dass man den Kandidatinnen hier großzügigerweise ein paar Zentimeter im Hosenbund rausgelassen hat.

"Wie lange sind Sie schon curvy?"

An sich ist die Sendung natürlich eine gute Idee: Andere, in den Medien sonst seltener vertretene Frauenformen zeigen, und zwar nicht aus Gafflust, sondern um ganz selbstverständlich einen stetig wachsenden Markt und Bedarf an Größergrößen-Models abzubilden. Natürlich wäre es ideal, wenn diese Körperformen nicht nur im Getto einer eigenen Sendung gezeigt werden dürften - bei "America's Next Top Model" etwa traten in den vergangenen Staffeln ganz selbstverständlich immer mal wieder einzelne Plus-Sizelerinnen neben den Klassisch-Maßigen an.

Und natürlich ist es auch ein bisschen albern, penetrant darauf herumzuschwindeln, man suche hier "das erste Plussize-Top-Todel", denn selbstverständlich gibt es davon längst reichlich, mindestens international jedenfalls, und mit Angelina Kirsch sitzt auch ein sehr erfolgreiches deutsches Größer-Model in der Jury, neben Modelagent Ted Linow, Tänzerin Motsi Mabuse und Skurril-Impresario Harald Glööckler, der buttrige Gegenentwurf zur Eislutschbonbon-Modelmacherin Heidi Klum.

Glööckler siezt die Kandidatinnen, das ist höflich und putzig. "Wie lange sind Sie schon curvy?", fragt er wie ein besonders verständnisvoller Arzt mit schablonisiertem Airbrushbart. "Für mich ist jede Frau eine Prinzessin", proklamiert er, mit dieser schmiegsamen Aussprache, weich wie Kartoffelbrei: "Meine Aufgabe als Schuror: Zu zeigen, wie man eine Marke aus sich macht."

Aggressives Selbstbewusstsein

Es ist schade und dumm, dass "Curvy Supermodel", die scheinbar so offene, vorurteilsfreie, frauenfreundliche Sendung, seine Protagonistinnen zuerst gegen dünnere Kolleginnen giften und ätzen lässt, als beträfe Bodyshaming nur dicke Frauen, als sei eine Körperform eben doch besser als die andere. "Endlich sieht man mal nicht diese superschlanken Skelette" jubiliert eine Kandidatinnenmutter. Und eine Plus-Model-Anwärterin pampt: "Ich hab keinen Bock, so dünn zu sein wie diese ekelhaften Hungerhaken bei anderen Casting-Shows."

Neben den aggressiv Selbstbewussten gibt es allerdings auch reichlich die verhuschte Verhüllerin, die sich zum Casting im Bikini lieber in Wallekaftane hüllen und dem Format einen bedauerlichen Therapie-Touch geben. Als sei es eben doch nicht selbstverständlich und ganz normal, sich schön zu finden, auch wenn man nicht in Größe 40 passt. "Bis auf mein Gesicht ist eigentlich alles an meinem Körper eine Baustelle", sagt Samira, Größe 42. Und Michi, Größe 44, bekam von ihrem Freund zu hören, als sie zum Finalcasting eingeladen wurde, dann gehöre sie jetzt eben zu "den 40 Schönsten der Nicht-Schönen".

Dramaturgisch gesehen ist der Zweck dieser Zauderinnen klar. Sie bieten wunderbares Material für eine über die geplanten fünf Folgen erzählte Erweckungsgeschichte, wenn man sie wie leckeres Krustentier erst aus ihrem Panzer pulen muss. Leider ist es aber kontraproduktiv, Meinungen und Vorurteile, die man doch angeblich widerlegen will, zuerst noch einmal so richtig überzeugt vorführen zu lassen. Immerhin beginnt die Jury umgehend mit den Restaurationsarbeiten am taumelnden Ego: "Ganz toll, ganz toll, richtig schön! Eine tolle Figur! Und erst die Augen!"

Fast so brachial wie Klum

Dabei bleibt die Auftaktfolge in ihrer Struktur sehr Genre-konventionell, die Kandidatinnen machen ein Foto mit Selbstauslöser und laufen in Bademode vor der Jury. Wer danach noch nicht aussortiert wurde, darf zum Gruppenposing mit einem Männermodel, extra dünn sind die ausgesuchten Knaben. "Da musst du das Kreuz biegen, bis es kracht, und die Kiste hoch zum Mond", leitet Ted Linow an, und das klingt dann doch fast so brachial wie Modelzüchterin Klum.

Auch in der Besetzungsstrategie schielt die Curvy-Variante auf die etablierte Blaupause, etwa mit der 17-jährigen Aurelie in der Rolle des Prollettchens, das auch in jeder "GNTM"-Staffel zu finden ist. "Ich hätte gerne was, wo Push-up drin ist, damit meine Titten nicht so hängen", bescheidet sie bei der Bikini-Selektion, "ich bin so aufgeregt, dass ich mir in die Hose pissen könnte."

Zehn Kandidatinnen dürfen am Ende in die unvermeidliche Modelvilla ziehen, und wundersamerweise ist bei dieser Auswahl dann doch keine Frau über Konfektionsgröße 44 dabei. Auch Kandidatin Polina, die bei 179 Zentimeter Körpergröße 38/40 trägt, ist dabei, obwohl die Jury zuvor diskutiert hatte, ob sie eigentlich überhaupt unter die Kategorie "curvy" fiele. "Ich finde die einfach heiß und geil", sprach der Agent und gab ein "dickes, fettes Ja", Glööckler lavierte sich mit "sie ist eher Babycurvy" aus der Konsequenz.

Hat man die Größergrößen also doch nur für den Glotzspaß eingeladen und in Bikinis vorgeführt, damit Trottel Tweets wie "Sehr amüsant, wie irgendwelche Wale unter #curvysupermodel versuchen, ihre Mitmenschen zur Kopulation mit Dicken zu zwingen" raushauen dürfen? Einer geschassten Kandidatin wird immerhin gesagt, sie könne nächstes Jahr wiederkommen - wenn sie abgenommen hat und nichts mehr schwabbelt.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
gutes_essen 06.10.2016
1. Boah
Größe 38/40...definitiv nicht Plussize, wenn man bedenkt, dass die Models mind. 1,75m groß sein sollen. Ich habs zwar nicht gesehen, aber die Zusammenfassung liest sich eher nicht so wie ich es vermutet habe. Keine Glorifizierung des Übergewichts- das finde ich positiv. Aber auf der anderen Seite... lese ich auch, dass viele der Kandidatinnen Probleme mit sich haben und ihren Frust auf schlankere ablassen (möglicherweise kommt mir das nur so vor).
rdexter 06.10.2016
2.
Es soll jeder das Recht haben, das Gewicht zu haben, welches er/sie möchte und ihm/ihr gefällt. Genau muss es natürlich auch mein Recht sein, dass es mir nicht gefällt. Mir gefallen die Damen nicht, aber ich schaue mir die Sendung dann einfach nicht an, so einfach kann es sein.
irene_vaplus 06.10.2016
3. Dolor im Dorsalen
Eiskunstlaufroyal Prins Harry G. in full Fummel weiß als Markenmacher natürlich, dass für die Hebefiguren, wenn überhaupt, dann lediglich Baby-Curvys als Prinsessin in Frage kommen. Ja, das leuchtet ein. Man will ja nicht dolor im Dorsalen.
Phil2302 06.10.2016
4.
Was ich immer am bemerkensten finde ist die Tatsache, wie stark diese Frauen dann gegen dünne Frauen hetzen. Das zeigt schon, wie viel Frust dahinter steckt. Es wird ja auch immer dagegen gehetzt, dass z.B. Schaufensterpuppen so dünn sind, da doch die deutsche Durschnittsfrau mittlerweile 40 (?) oder so trägt. Tja, das zeigt aber, dass Mode immer noch dann am besten verkauft wird, wenn sie den Menschen beim Blick auf die Schaufensterpuppe am besten gefällt - und das scheint ja irgendwie immer noch bei kleiner Kleidungsgröße der Fall zu sein, unabhängig davon, was der Durchschnitt in Deutschland ist.
pizzerino 06.10.2016
5.
Schade (oder entlarvend) dass es auch hier nicht ohne trashtalk geht. Normalisierung bringt höflichen Applaus, Provokation bringt Quote.
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