Erste deutsche Netflix-Serie "Dark" "Stranger Things" trifft German Angst

Fantasy, Thriller, Drama: "Dark", die erste Netflix-Serie aus Deutschland, will mit internationalen Vorbildern gleichziehen. Klappt ganz gut - wenn nur die abgeschmackten Achtziger-Verweise nicht wären.

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Ein einsames Haus im Forst, eine kryptische Botschaft und ein Suizid als initiales Schockmoment. So angemessen finster beginnt "Dark", die erste deutsche Serienproduktion von Netflix.

Fast scheint es, als wollten die Showrunner Baran bo Odar und Jantje Friese gleich am Anfang schon alle Erwartungen erfüllen, die in das Prestigeprojekt gesetzt werden. Seit ihrer Hacker-Eskapade "Who am I" gelten Odar und Friese als Hoffnungsträger, wenn es um smarte Genreunterhaltung mit einheimischem Einschlag geht. Eben die soll "Dark" in insgesamt zehn Episoden bieten, wovon die ersten drei im Vorfeld des Serienstarts am 1. Dezember zu sehen waren. Und obwohl wichtige Handlungselemente darin zwangsläufig noch im Dunklen liegen, zeichnen sich bereits Stärken und Schwächen der Erzählung ab.

Die Auftaktszene entpuppt sich als AlBtraum des jungen Jonas (Louis Hofmann), dessen Vater sich vor einigen Wochen aus unbekannten Gründen das Leben genommen hat. Zusammen mit seiner Mutter Hannah (Maja Schöne) wohnt Jonas in einem Waldstück nahe der Kleinstadt Winden. Die ländliche Gegend könnte beschaulich sein, wären da nicht das konstante Regenwetter, die dräuend zwischen den Baumreihen hervorragenden Kühltürme des lokalen Atomkraftwerks, sowie der beunruhigende Umstand, dass einer von Jonas' Mitschülern kürzlich spurlos verschwunden ist.

Globaler Gruselstandard

Das drückt nachvollziehbar auf die Stimmung einer Vielzahl von Protagonisten, die das kunstfertig in trüben Farben gezeichnete Winden bevölkern. Da wären etwa der fremdgehende Polizist (Oliver Masucci), seine resolute Kollegin (Karoline Eichhorn), die fürsorgliche Schuldirektorin (Jördis Triebel), Jonas' Freunde, diverse Kinder und Großeltern - und noch eine Handvoll mehr relevanter Figuren.

Im Kern sind es vier ortsansässige, mehr oder minder schicksalhaft miteinander verbundene Familien, aus denen sich das dramatische Personal in "Dark" rekrutiert. Wirklich alle einzuführen braucht Zeit, weshalb sich die Exposition auch fast komplett über die beiden ersten Episoden zieht.

Dass diese ausladende Vorstellungsrunde dennoch hinnehmbar ist, verdankt die Serie der herausragenden Besetzung. Sie hält das Interesse an den Figuren, allen voran Louis Hofmanns perfekt strauchelnder Teenager Jonas, trotz dramaturgischer Längen wach.

Dazwischen legen Odar und Friese in effektvollen Einschüben erste Fährten, die auf vergangene Schrecken deuten und kommendes Unheil ankünden: die Erinnerung an eine zurückliegende Familientragödie, die sich in der Gegenwart zu wiederholen droht. Rätselhafte Vorgänge im Atomkraftwerk, mithin die wohl konsensfähigste Kulisse für bundesrepublikanischen Horror. Und, als globaler Gruselstandard, eine dunkle Höhle im Wald, aus der unheimliche Geräusche an die Oberfläche dringen.

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Netflix-Serie "Dark": Mystery im Mischwald

"Stranger Things" trifft German Angst, wenn Odar und Friese so alle vermeintlich verlässlichen Knöpfe drücken, um ein genregeschultes Publikum zu binden. Laut Statistik entscheidet die dritte Episode einer Serie, ob Zuschauer abwandern oder zum Binge-Watching übergehen. Daher verwundert es auch nicht, dass "Dark" nach zwei Folgen das Tempo merklich anzieht und mit einem Erzählsprung in die Achtzigerjahre ein übernatürliches Moment in die Geschichte bringt.

Was das mit den nunmehr zwei verschwundenen Kindern zu tun hat, und warum der Song "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" von Nena auf einmal sehr sinister klingt, ließe sich nicht ohne Spoiler erläutern und soll daher hier nicht weiter ausgeführt werden.

Bedachtsam exekutierte Stilelemente

Was sich aber konstatieren lässt, ist dass "Dark" ausgerechnet dann am wenigsten überzeugt, wenn die Erzählung auf metaphysische Gimmicks, extra-ominös auftretende Schattenspieler und sattsam bekannte Achtziger-Wiedererkennungseffekte vom Raider-Schokoriegel bis zum Golf Eins setzt. Allzu vertraut wirken diese zweifelsohne bedachtsam exekutierten Stilelemente, als dass dadurch noch echte Spannung entstehen könnte.

Stark sind dagegen die Passagen, in denen die Inszenierung den Figuren genügend Raum zur Entwicklung bietet. Die ersten Folgen skizzieren ein potenziell faszinierendes Beziehungsgeflecht, das Generationen durchzieht und in dem die Sünden der Eltern die Kinder heimsuchen.

Wenn "Dark" diesen vielversprechenden Ansatz weiterverfolgt, kann die Serie zwischen harschem Realismus und suggestiver Schauerromantik zu wirklicher Eigenständigkeit gelangen. Und dann erfüllt sich womöglich auch der Anspruch, internationalen Vorbildern auf Augenhöhe zu begegnen und zugleich eine unverwechselbare lokale Färbung durchzusetzen. Das wäre, im besten Sinne, schrecklich schön.


"Dark". Staffel 1 ab 1. Dezember bei Netflix.



insgesamt 7 Beiträge
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HorstOttokar 24.11.2017
1. Die ewigen 80er
Die ewigen 80er-Referenzen in der aktuellen Popkultur beginnen mir auch, auf den Keks zu gehen. Ja, ich bin auch ein Kind dieser Zeit. Ja, mich überkommen auch Nostalgie-Gefühle beim Anblick von Scout-Schulranzen und braunen Fanta-Flaschen. Aber dass alle immer nur auf diesen einen Trigger drücken, um die karrierebedingt schon finanzkräftige, aber medientechnisch nach wie vor expermentierfreudige Kernziel-Altersgruppe der Mittdreißiger bis Endvierziger an sich zu binden, das nervt langsam doch ein bisschen. (Und ja, ich weiß auch, dass ein Setting in den 80ern by Mystery-Geschichten den Vorteil hat, dass man sich nicht mit den erzähltechnischen Problemen herumschlagen muss, die ein überall verfügbares Telefonnetz und das Internet mit sich bringen. Aber liebe Drehbuchautoren, dann DENKT EUCH HALT WAS AUS. Der Film "Get out" hat es prima geschafft, Grusel mit Technologie des 21. Jahrhunderts vereinbar zu machen.)
cassandra.randra 24.11.2017
2. "Who am I"
...musste ich nach 20 Minuten ausmachen - das war unerträglich dilettantisch. Wenn das jetzt die Hoffnungsträger sind, dann.. naja.... Die 80er-Referenzen sind vermutl. symptomatisch für die Zielgruppe. Kann man machen, muss man nicht.
cfisch 26.11.2017
3.
Ich möchte endlich einmal einen medialen Beitrag sehen - sei es eine Serie, Film, Reihe oder was auch immer - bei welchem ich nicht das Gefühl habe, es bereits in der amerikanischen Version gesehen zu haben. Es ist unglaublich, wie einfallslos sich unsere heimischen Produzenten geben, wenn es um die Entwicklung neuer Film- und Fernsehproduktionen geht.
kai-ser210 26.11.2017
4. Abklatsch
Kann meinem Vorredner cfish nur zustimmen. Wenn man sich den Trailer zu Dark ansieht, hat man unweigerlich das Gefühl, einen deutschen Abklatsch von Stranger Things zu sehen. Und das liegt nicht nur am Look, sondern auch an der Storyline. Allerdings weiß man natürlich nicht, wohin die Reise geht ohne sich einen tiefergehenden Eindruck von der Serie zu verschaffen. So oder so bleibt aber ein bitterer Beigeschmack, dass die deutschen Produzenten keine eigenen Ideen haben.
frodosix 27.11.2017
5. Hoffen auf den Erfolg
Auch wenn es zutreffen sollte, wie manche hier mutmaßen, dass die Serie ein Abziehbild amerikanischer Serien ist, so wünsche ich mir doch, dass sie erfolgreich genug ist um in Zukunft auch anderen fiktionalen Stoffen aus Deutschland eine Chance zu geben. Vielleicht kommt dann auch in den Köpfen der TV-Sender Oberen an, dass es ein Publikum für Stoffe Jenseits von Herzschmerz und Heile Welt gibt und man sich nicht dafür entschuldigen muss, wenn der Tatort auch mal von den normalen Konventionen abweicht.
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